
Die deutsche Kunststoff- und Recyclingindustrie befindet sich in einer besorgniserregenden Lage. Die Märkte für Kunststoffrezyklate und Neuware sind durch wesentlich günstigere Importe und mangelnde Planungssicherheit wirtschaftlich kaum noch tragfähig. Absatz und Auftragseingang sind seit 2021 um gut 20 Prozent eingebrochen. Hohe Energie-, Rohstoff- und Bürokratiekosten belasten zudem die heimische Produktion, die zunehmend durch wesentlich günstigere Importe unter Druck gerät. Viele Anlagen sind seit drei Jahren nicht mehr rentabel ausgelastet. Geopolitische und regulatorische Unsicherheiten nehmen zu.
Die Folgen sind drastisch: Unternehmen schließen Anlagen und Betriebe oder verschieben Investitionen. Teilweise werden bereits heute Aktivitäten ins Ausland verlagert. Klar ist: Ein einmal verlorenes industrielles Fundament lässt sich kaum wieder zurückgewinnen.
Transformationsbooster für die Kreislaufwirtschaft
Die Bundesregierung hat bereits erste wichtige Schritte unternommen, um Energiekosten zu senken, Bürokratie zu entschlacken und mit dem „Investitionsbooster“ 2025 die steuerlichen Rahmenbedingungen zu verbessern. Diese Maßnahmen sind richtige Schritte, reichen jedoch nicht aus, um die strukturellen Standortnachteile auszugleichen, Abwanderungen und Werkschließungen zu stoppen und die erforderliche Transformation zu einem klimaneutralen und zirkulären Wirtschaftsstandort Deutschland zu stärken.
Es bedarf daher zusätzlicher Maßnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland und flankierend einen „Transformationsbooster“ für die Kreislaufwirtschaft: Erstens müssen verlässliche Absatzmärkte für kreislauffähige Produkte geschaffen werden. Zweitens braucht es eine gezielte Unterstützung von Investitionen in innovative und nachhaltige Technologien für die qualitative Transformation (Produkte, Geschäfts- und Produktionsmodelle) der Industrie und in die Forschung und Entwicklung neuer Verfahren, etwa beim mechanischen und chemischen Recycling.
Ressourceneffizienz, Rohstoffsicherung und Klimaschutz bieten auch am Standort Deutschland große Chancen für Wertschöpfung, zukunftssichere und sozialpartnerschaftlich geprägte Arbeitsplätze und Resilienz. Diese Beiträge zur Standortattraktivität Deutschlands müssen politisch flankiert und gefördert werden.
Das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität mit 100 Mrd. EUR im Klima- und Transformationsfonds ist ein wichtiger Hebel. Teile dieser Mittel müssen gezielt in den Aufbau einer umfassenden Kreislaufwirtschafts- und Forschungsinfrastruktur fließen und alle R-Strategien entlang der Wertschöpfungskette systematisch stärken. Dazu braucht es die Integration in politische und gesetzliche Regelwerke, ein Level-Playing-Field für kreislauffähige
Produkte sowie eine gezielte Unterstützung des Transfers über die Pilot- und Demonstrationsphase.
Investitionsschwerpunkte für den Transformationsbooster
1. Plattform für Kreislaufwirtschaft
- Aufbau und dauerhafte Verstetigung der in der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) angekündigten Plattform – zur Vernetzung aller Akteure für die Transformation und Innovationsförderung in der Industrie.
2. Abfallmanagement und Recyclinginfrastruktur
- Weiterentwicklung etablierter Sammel-, Sortier- und Recyclingverfahren, um Rezyklat-Kapazitäten zu erhöhen.
- Qualitative Transformation: Investitionen in Infrastrukturen, Abfallvermeidung, Wiederverwendung, Mehrweg und Reparatur fördern.
- Technologieentwicklung zur Erschließung bislang kaum nutzbarer Abfallströme (z.B. komplexe Verpackungen, Bauabfälle, Medizintechnik, Automobilkunststoffe).
- Nutzung digitaler und KI-basierter Sortiertechnologien.
- Aufbau und Skalierung moderner Recyclingverfahren – von mechanischen über lösemittelbasierte hin zu chemischen Aufbereitungsverfahren.
- Einführung erweiterter Abschreibungsmodelle für Investitionen.
3. Forschung, Innovation und Standardisierung
- Design-Entwicklung kreislauffähiger Produkte und Materialien
- Etablierung sektoraler Reallabore zur Nutzung nicht-fossiler Kohlenstoffquellen für die verschiedenen zirkulären Pfade (Recycling, Biomasse, CCU). Dabei Berücksichtigung der Anforderungen der Industrie hinsichtlich Förderung und Projektgestaltung: Möglichkeit der Anpassung regulativer Rahmenbedingungen ex ante bzw. in der Projektphase.
- Unterstützung beim Transfer von Technologien bis zur Marktreife durch Förderung von Projekten mit höheren Technologiereifegraden.
- Proaktive Gestaltung europäischer Standards als unverzichtbarer Bestandteil eines resilienten Industriestandorts.
Ein flankierender politischer Rahmen
Die Wirksamkeit der getätigten Investitionen lässt sich durch einen flankierenden politischen Rahmen, der Investoren einen klaren Business Case aufzeigt, entschieden hebeln. Das Eckpunktepapier zur Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie bietet Chancen, weitere Maßnahmen zu etablieren.
- Unterstützung verbindlicher Quoten für den Rezyklateinsatz auf europäischer Ebene.
- Rechtliche Klarheit über das Level-Playing-Field von mechanisch und chemisch recycelten Rohstoffen.
- Überarbeitung der Ökomodulierung von Lizenzentgelten (§26 VerpackDG) als gezielter finanzieller Anreiz für kreislauffähige Verpackungen – zur Förderung der Recyclingfähigkeit von Verpackungen und des Rezyklateinsatzes.
- Verankerung von Rezyklaten und zu definierenden kreislauffähigen sowie klimafreundlichen Produkten in der öffentlichen Beschaffung.
- Prüfung von Maßnahmen zur besseren Sortierung und stofflichen Verwertung gemischter Haushalts- und Gewerbeabfällen.
- Weiterführung von Klimaschutzverträgen über das 2. Gebotsverfahren hinaus. Die Förderung von Zukunftstechnologien sollte nicht nur auf Klimaschutztechnologien, sondern auch auf Lösungen für die Kreislaufwirtschaft einzahlen.
- Stärkung des Vollzugs, um sicherzustellen, dass importierte Produkte deutschem und europäischem Recht entsprechen.
Über diese Maßnahmen hinaus gilt es zudem, die Vergünstigungen im Rahmen des Industriestrompreises oder anderer Entlastungsprogramme auch für Recycler zugänglich zu machen, indem die Einstufung der relevanten Wirtschaftszweigklassen erweitert wird.
Appell an die Bundesregierung
Die deutsche Kunststoff- und Recyclingindustrie steht an einem Wendepunkt. Ohne schnelle und entschlossene politische Signale – einer Stärkung zirkulärer Absatzmärkte sowie der strukturellen Unterstützung der Transformation – steht eine Erosion industrieller Wertschöpfung und Arbeitsplätze bevor. Jetzt ist der Moment, kraftvolle Impulse zu setzen, Investitionen in die klimaneutrale Kreislaufwirtschaft auszulösen und den Transformationsprozess zu beschleunigen.
Deutschland braucht die Kreislaufwirtschaft. Diese braucht wiederum industrielle Substanz, Innovationskraft und entschlossenen Klimaschutz. Der Transformationsbooster Kreislaufwirtschaft ist überfällig.
Source
VCI, Pressemitteilung, 2026-04-23.
Supplier
BDEW - Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V.
bvse-Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung e.V.
GKV – Gesamtverband Kunststoffverarbeitende Industrie e.V.
Plastics Europe
VCI – Verband der Chemischen Industrie e.V.
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