Chemisches Recycling wird häufig vor allem als Technologiefrage diskutiert. Ob ein Verfahren den Übergang vom Pilot- oder Demonstrationsmaßstab in den industriellen Betrieb schafft, hängt jedoch ebenso von den Standortbedingungen ab. Chemieparks können hierfür wichtige Voraussetzungen bündeln, indem sie geeignete Stoffströme in ausreichender Menge und Qualität, Flächen, bezahlbare grüne Energie und Prozessmedien, Logistik- und Entsorgungsstrukturen, Genehmigungskompetenz sowie verlässliche Absatzwege für die erzeugten Produkte bereitstellen. Diese räumliche und infrastrukturelle Bündelung kann die industrielle Skalierung von Recyclingverfahren erleichtern.
Die europäische Chemieindustrie steht vor der Herausforderung, ihre Treibhausgasemissionen zu reduzieren und zugleich fossilen Kohlenstoff als Rohstoff schrittweise durch erneuerbare Kohlenstoffquellen zu ersetzen. Neben Biomasse und der Nutzung von CO₂ spielt Recycling dabei eine zentrale Rolle. Zwischen technologischer Machbarkeit und industrieller Umsetzung besteht derzeit jedoch eine erhebliche Skalierungslücke. Verfahren wie Pyrolyse, Solvolyse oder Depolymerisation benötigen definierte Einsatzstoffe, stabile Mengenströme, geeignete Sortier- und Aufbereitungsprozesse, eine verlässliche Versorgung mit bezahlbarer grüner Energie und Prozessmedien sowie Abnehmer für die erzeugten Produkte. Chemische Recyclingverfahren ersetzen dabei keinesfalls das mechanische Recycling, sondern ergänzen es dort, wo komplexe, gemischte oder verunreinigte Stoffströme eine hochwertige mechanische Verwertung nicht erlauben.
Industrielle Infrastruktur als Skalierungsfaktor
Für Betreiber von Recyclinganlagen ist die Standortwahl daher ein zentraler Bestandteil der Skalierungsstrategie und beginnt lange vor dem Anlagenbau. Je nach Verfahren sind Dampf, Strom, Wasser, technische Gase, Abwasserbehandlung, Analytik, Instandhaltung, Logistik und eine belastbare Sicherheitsorganisation erforderlich. Hinzu kommen Erfahrung mit industriellen Genehmigungsverfahren und die Möglichkeit, neue Anlagen in bestehende Versorgungs-, Entsorgungs- und Verbundstrukturen einzubinden.
Chemieparks können diese Infrastrukturen und Dienstleistungen für mehrere Anlagenbetreiber bereitstellen, den Bedarf an eigenen Nebenanlagen reduzieren und die Integration neuer Recyclingkapazitäten erleichtern. Besonders relevant ist dies beim industriellen Scale-up, bei dem neben dem eigentlichen Recyclingprozess auch Versorgung, Lagerung, Stoffstromlogistik, Nebenströme und Produktabnahme dauerhaft abzusichern sind.
Der von YNCORIS betriebene Chemiepark Knapsack in Hürth zeigt, wie solche Standortfaktoren zusammenwirken können. Er liegt in einer Region mit einer hohen Dichte an Unternehmen aus Chemie, Kunststoffverarbeitung und Entsorgungswirtschaft und ist über Straße, Schiene und Rhein an regionale und internationale Warenströme angebunden. Die petrochemischen Anlagen in Wesseling liegen rund zehn Kilometer entfernt. Perspektivisch sind zudem ein Anschluss an das Wasserstoffkernnetz und eine CO₂-Infrastruktur vorgesehen.

„Für die Skalierung neuer Recyclingtechnologien reicht es nicht, nur auf den einzelnen Prozess zu schauen“, sagt Sebastian Trunk, Projektmanager Standortentwicklung bei YNCORIS. „Wir müssen die gesamte Kette vom verfügbaren Abfallstrom über die Aufbereitung und Versorgung der Anlage bis zum Abnehmer des erzeugten Rohstoffs betrachten. Ein Chemiepark kann die dafür benötigten Partner und Infrastrukturen an einem Standort zusammenbringen.“
Vom Einzelprojekt zum Recyclingverbund
Mehrere Projekte in Knapsack zeigen, wie unterschiedliche Recyclingpfade an einem Standort zusammenkommen können. Seit 2021 verarbeitet die Palurec-Anlage Kunststoff-Aluminium-Gemische aus gebrauchten Getränkekartons und trennt daraus unter anderem LDPE, HDPE und Aluminium. Die Anlage verfügt über eine Kapazität von 18.000 Tonnen pro Jahr.
LyondellBasell plant im Werksteil Hürth-Süd ein integriertes Recycling- und Weiterverarbeitungszentrum. Dort sollen gemischte Kunststoffabfälle sortiert und zu Einsatzstoffen für mechanische sowie weiterführende Recyclingverfahren aufbereitet werden. In Wesseling ist mit MoReTec zudem eine katalytische Pyrolyse vorgesehen, deren Produkte als Feedstock für bestehende Steamcracker zur Herstellung neuer Kunststoffe eingesetzt werden sollen.
matterr plant in Hürth eine semi-industrielle Depolymerisationsanlage mit einer Jahreskapazität von rund 10.000 Tonnen. Sie soll komplexe PET-Abfälle wie Mischgewebe und mehrschichtige Verpackungen in chemische Ausgangsstoffe zerlegen, die nach der Aufreinigung wieder in der Polyesterproduktion eingesetzt werden können.
Für die Recyclingbranche sind vor allem die Schnittstellen zwischen diesen Prozessschritten relevant. Unterschiedliche Eingangsstoffe erfordern unterschiedliche Sortier-, Aufbereitungs- und Recyclingpfade. Wo mehrere Verfahren, Versorgungsstrukturen und industrielle Abnehmer zusammenkommen, können Stoffströme gezielter geeigneten Verwertungswegen zugeführt und Zwischenprodukte in bestehende Wertschöpfungsketten integriert werden.
Ein solcher Verbund entsteht nicht automatisch. Wirtschaftlichkeit, Energiebedarf, Produktqualität und ökologische Wirkung müssen für jedes Verfahren und jeden Stoffstrom belastbar bewertet werden. Hinzu kommen verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen, Investitionssicherheit und Kooperationen entlang der Recycling-Wertschöpfungskette. Wiederverwendung und hochwertiges mechanisches Recycling sollten dort Vorrang haben, wo sie technische und ökologische Vorteile bieten. Chemische Verfahren können das Portfolio für Fraktionen erweitern, die mechanisch nicht hochwertig verwertet werden können und andernfalls überwiegend energetisch genutzt würden.

Recyclinginfrastruktur in Knapsack vor Ort erleben
Für den Chemiepark Knapsack liegt die Entwicklungsperspektive daher weniger in einzelnen Recyclingprojekten als in ihrer Vernetzung zu einem effektiven Recycling- und Rohstoffverbund. Im Rahmen der Advanced Recycling Conference 2026, die am 17. und 18. November in Köln und online stattfindet, lädt YNCORIS angemeldete Konferenzteilnehmende exklusiv zu einer Tour durch den Chemiepark Knapsack ein. Die Tour bietet Einblicke in Standortinfrastruktur und Recyclingaktivitäten und ist ausschließlich registrierten Teilnehmende der Konferenz zugänglich.
Weitere Informationen: https://advanced-recycling.eu
Autor: Sebastian Trunk

Sebastian Trunk ist als Projektmanager in der Standortentwicklung von YNCORIS zentraler Ansprechpartner für die Weiterentwicklung und Vermarktung von Freiflächen im Chemiepark Knapsack. Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit liegt auf Ansiedlungen und Kooperationsmodellen im Umfeld von Kreislaufwirtschaft und nachhaltiger Chemieproduktion. Er ist mittlerweile seit sechs Jahren am Standort Knapsack und hat nach seinem Studium der Energietechnik an der RWTH Aachen zunächst im Bereich der Energie- und Medienversorgung Projekte geleitet und arbeitet nun in der Standortentwicklung für den Chemiepark Knapsack.
Source
nova-Institut, original text, 2026-10-15.
Supplier
Chemiepark Knapsack
LyondellBasell Industries
matterr
nova-Institut GmbH
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen (RWTH)
YNCORIS
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