{"id":97630,"date":"2021-09-27T07:26:00","date_gmt":"2021-09-27T05:26:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=97630"},"modified":"2021-09-22T13:15:38","modified_gmt":"2021-09-22T11:15:38","slug":"getreidespelzen-statt-styropor-verpackungen-mit-gutem-gewissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/getreidespelzen-statt-styropor-verpackungen-mit-gutem-gewissen\/","title":{"rendered":"Getreidespelzen statt Styropor: Verpackungen mit gutem Gewissen"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n\n\n<p>Styroporverpackungen sind sehr praktisch, werden aber aus Erd\u00f6l hergestellt und sind auch sonst wenig umweltfreundlich. Als Einweg-Beh\u00e4lter sind sie deshalb seit dem 3. Juli 2021 verboten, aber auch f\u00fcr andere Anwendungen sind dringend Alternativen gefragt. Das Stuttgarter Start-up PROSERVATION hat ein \u00f6kologisches Verpackungsmaterial aus Getreidespelzen entwickelt, das Styropor gleichwertig ersetzen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Styropor \u2013 auch \u201eExpandiertes Polystyrol\u201d (EPS) oder airpop genannt \u2013 hat viele gute Eigenschaften: es ist leicht, aber dennoch stabil und sto\u00dffest, preisg\u00fcnstig und w\u00e4rmed\u00e4mmend bzw. k\u00e4lteisolierend sowie feuchtigkeitsbest\u00e4ndig. Verst\u00e4ndlich also, dass sch\u00fctzenswerte G\u00fcter gerne damit verpackt werden \u2013 allerdings mit fatalen Auswirkungen auf unsere Umwelt. Nicht nur, dass es zur Herstellung von einem Kilogramm Styropor fast drei Liter Erd\u00f6l braucht. Auch der Produktionsvorgang an sich ist energieintensiv und die Entsorgung problematisch: Das Material ist nicht abbaubar, landet es in der Natur, dauert es Jahrhunderte bis es zu Mikroplastik zersetzt wird, wodurch es immer noch ein \u00f6kologischer Problemfall ist. Zudem ist es seit dem Verpackungsgesetz von 2019 als nicht recyclingf\u00e4hig eingestuft.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.biooekonomie-bw.de\/application\/files\/7816\/2763\/4876\/Proservation_Bild_1.jpg\" alt=\"Das Team mit schwarzen Kleidern auf wei\u00dfen Hockern vor einer wei\u00dfen Wand.\"\/><figcaption>Das Gr\u00fcnderteam von PROSERVATION: Sophia Scherer, Lisa Antonie Scherer, Henning Tschunt und Nils Bachmann (von li. nach re.).&nbsp;\u00a9&nbsp;PROSERVATION<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>H\u00f6chste Zeit also, um sich nach Alternativen umzusehen. Deshalb sind neuartige Verpackungsl\u00f6sungen auch ein immer wichtiger werdendes Thema im Studiengang&nbsp;<em>Packaging Development Management<\/em>&nbsp;an der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart. Hier wurde die ehemalige Masterstudentin Lisa Antonie Scherer im Rahmen eines Studienprojekts vor die Aufgabe gestellt, mit Cellulose-Sch\u00e4umen zu experimentieren, um polsternde Lufteinschl\u00fcsse f\u00fcr Verpackungszwecke zu generieren. Dabei stellte sie sich die Frage, welche organischen Materialien von Natur aus derartige Hohlr\u00e4ume aufweisen \u2013 und ob es nicht kl\u00fcger w\u00e4re, diese zu verwenden. Ihr fiel spontan der eigene Vater ein, der schon lange jede Nacht auf einem Spelzpolsterkissen verbringt, und sie begann, mit einem Material aus Getreidespelzen zu experimentieren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"621561\"><strong>Spelzverpackungen nutzen nat\u00fcrliche Reststoffe<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Als Spelzen werden die trockenen Deckbl\u00e4tter von Gr\u00e4sern \u2013 besonders von Getreide &#8211; bezeichnet, die die Bl\u00fcten sch\u00fctzen und nach dem Dreschen als bislang weitestgehend ungenutzte Reststoffe anfallen. Im Rahmen ihrer Experimente entwickelte die damalige Studentin einen Prototyp eines Verpackungsmaterials aus Spelzen, der das Interesse von Prof. Dr. Michael Herrenbauer weckte, der die Arbeit an der HdM betreut hat. Die damaligen Anstrengungen Scherers haben sich mehr als gelohnt: Heute kann die junge Verpackungstechnikerin nicht nur ihren Masterabschluss vorweisen, sondern sie hat ihre innovative Idee bereits f\u00fcr ein europaweites Patent angemeldet \u2013 und eine Unternehmensgr\u00fcndung ist in Planung.<\/p>\n\n\n\n<p>Gemeinsam mit Schwester Sophia Scherer (B. Eng. Verpackungstechnik), den beiden Freunden Nils Bachmann (M. Sc. Wirtschaftsinformatik) und Henning Tschunt (MBA Nachhaltige Unternehmensf\u00fchrung) sowie Fachbereichsleiter Herrenbauer als Mentor steht Lisa Antonie Scherer kurz vor der Gr\u00fcndung des eigenen Unternehmens, unterst\u00fctzt durch ein staatlich gef\u00f6rdertes EXIST-Programm. PROSERVATION hei\u00dft das Start-up, ein Kunstwort, das den proaktiv-optimistischen Ansatz der Gr\u00fcnder mit der Bewahrung unserer nat\u00fcrlichen Lebensgrundlage kombiniert.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"621563\"><strong>Dinkel, Reis &amp; Co: Alles, was Hohlr\u00e4ume hat, kommt infrage<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.biooekonomie-bw.de\/application\/files\/4016\/3223\/0199\/Proservation_Bild_2.jpg\" alt=\"Vier H\u00e4nde halten je einen anderen Prototyp aus Spelzen: eine Flaschenverpackung, ein Kantenschutz und einen gr\u00fcnen und hellbraunen Block aus dem Naturmaterial.\" width=\"428\" height=\"300\"\/><figcaption>F\u00fcr das neuartige Verpackungsmaterial kann eine Vielzahl an Spelzen genutzt und je nach Anwendung in verschiedenartige Formen gebracht werden.&nbsp;\u00a9&nbsp;PROSERVATION<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>F\u00fcr das neuartige Material, das das Herzst\u00fcck des Unternehmens bildet, k\u00f6nnen Spelzen aller Art verwendet werden. \u201eMomentan kommen bei uns haupts\u00e4chlich Dinkelspelzen zum Einsatz, weil wir diese ohne lange Wege aus der Region beziehen k\u00f6nnen\u201c, erkl\u00e4rt Tschunt, der bei sich bei PROSERVATION um die Unternehmensstrategie k\u00fcmmert. \u201eWir haben aber noch viele weitere Spelzarten im Test, zum Beispiel experimentieren wir gerade mit Reis und Buchweizen. Grunds\u00e4tzlich kommen aber alle Spelzen in Frage, deren Hohlr\u00e4ume nach dem Dreschen bzw. Entspelzen weitgehend erhalten bleiben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem simplen und energiearmen Herstellungsprozess, der aktuell mit dem Ziel einer industriellen Skalierung optimiert wird, lassen sich individuelle Polsterteile in Form bringen. \u201eMan kann dabei verschiedene H\u00e4rtegrade erreichen, von knautschig bis sehr hart, sogar noch h\u00e4rter als Styropor. Die zur Formgebung notwendigen Negativformen f\u00fcr erste Prototypen werden vom Team selbst konstruiert und aktuell mit 3D-Druckern an der HdM realisiert. \u201eMomentan arbeitet unser Team noch mit einer recht provisorischen Pilotanlage, allerdings soll das Verfahren zeitnah in einen industriellen Herstellungsprozess \u00fcbersetzt werden\u201c, berichtet der Gr\u00fcnder.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"621565\"><strong>Versandverpackung f\u00fcr Glasgef\u00e4\u00dfe und Kantenschutz als erste Produkte<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.biooekonomie-bw.de\/application\/files\/9916\/2763\/4878\/Proservation_Bild_3.jpg\" alt=\"Ein Lautsprecher, der in Schutzecken aus Dinkelspelzen steht.\" width=\"397\" height=\"240\"\/><figcaption>Schutzecken f\u00fcr den Kantenschutz aus Spelzen.&nbsp;\u00a9&nbsp;PROSERVATION<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Erste konkrete Produkte aus dem neuartigen Material sind schon in Arbeit. \u201eUnser Material zeigt seine Vorteile insbesondere im direkten Vergleich mit EPS. Was als Zielmarkt f\u00fcr uns relevant ist, sind in erster Linie Haushaltsger\u00e4te (wei\u00dfe Ware), die hier in Deutschland verpackt werden\u201c, sagt Tschunt. \u201eAllerdings muss hierf\u00fcr noch einiges gekl\u00e4rt werden, deshalb haben wir uns nach einem \u00dcberbr\u00fcckungsmarkt umgesehen. Und sind zun\u00e4chst auf den Versand von Weinflaschen gesto\u00dfen \u2013 hochaktuell in der Coronapandemie. Besonders zu biologisch angebautem Wein aus der Region w\u00fcrde unsere nachhaltige Verpackung nat\u00fcrlich gut passen. Aber die meisten Winzer, mit denen wir gesprochen haben, haben schon akzeptable L\u00f6sungen aus Pappe und sehen momentan nicht unbedingt die Notwendigkeit, diese zu ersetzen. Wir verfolgen dies aber weiter und haben schon Prototypen f\u00fcr 2er- und 6er-Versandkartons entwickelt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr Weinflaschen noch nicht konkret wird, gilt jedoch nicht f\u00fcr die Verpackung anderer Glasbeh\u00e4ltnisse: \u201eManchmal entwickeln sich die Dinge doch anders als urspr\u00fcnglich geplant\u201c, meint Tschunt. \u201e\u00dcber den Kontakt zu dem Start-up Reco-E, das Metallpulver aus Elektroschrott recycelt und dieses in Glasgef\u00e4\u00dfen verschickt, entwickeln wir derzeit unser erstes Pilotprodukt und wollen uns dann auch weiter auf L\u00f6sungen f\u00fcr den Versand von Glasbeh\u00e4ltnissen konzentrieren. Ein zweiter Schwerpunkt sollen dar\u00fcber hinaus simple Schutzecken f\u00fcr den Kantenschutz sein, die sich sehr gut aus dem neuartigen Material fertigen lassen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\" id=\"621567\"><strong>Zukunftsvision: M\u00f6glichst viel Styropor durch Spelzverpackungen ersetzen<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Nachhaltige Konkurrenzprodukte, die ebenfalls den \u201eEndgegner Styropor\u201c anvisieren, wie Tschunt den Marktf\u00fchrer nennt, gibt es schon. Etwa cellulosebasierte L\u00f6sungen, Materialien aus Pilz-Mycelien oder aus Stroh. \u201eAber noch kein vergleichbares Material mit Eigenschaften wie Styropor oder unserer Spelzverpackung\u201c, sagt er. \u201eUnd was den Preis angeht, so rechnen wir damit, unsere Verpackung zuk\u00fcnftig nicht wesentlich teurer als Styropor anbieten zu k\u00f6nnen. N\u00e4mlich sobald unsere Produktionsmenge gr\u00f6\u00dfer wird und EPS durch politische Steuerung teurer, denn die Spelzen sind Reststoffe und damit sehr, sehr g\u00fcnstig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Derzeit befinden sich die Produkte des zu gr\u00fcndenden Unternehmens noch in einem sehr fr\u00fchen Stadium. Die R\u00e4umlichkeiten wurden von der HdM zur Verf\u00fcgung gestellt: drei kleine Container, in denen sich Pilotanlage plus B\u00fcroecken befinden. Bis zum Ende der EXIST-F\u00f6rderphase Anfang 2022 steht das Gr\u00fcnderteam noch vor einem gro\u00dfen Berg Arbeit. Die sich auszahlen soll, denn wenn alles so l\u00e4uft wie geplant, kann man in den n\u00e4chsten Jahren zunehmend zur Einsparung von Plastik durch Ersatz von Styroporverpackungen beitragen \u2013 davon sind sie \u00fcberzeugt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Styroporverpackungen sind sehr praktisch, werden aber aus Erd\u00f6l hergestellt und sind auch sonst wenig umweltfreundlich. 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