{"id":93668,"date":"2021-08-11T07:32:00","date_gmt":"2021-08-11T05:32:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=93668"},"modified":"2021-08-06T11:48:15","modified_gmt":"2021-08-06T09:48:15","slug":"schwedens-umgang-mit-waldgebieten-land-der-ubernutzten-walder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/schwedens-umgang-mit-waldgebieten-land-der-ubernutzten-walder\/","title":{"rendered":"Schwedens Umgang mit Waldgebieten: Land der \u00fcbernutzten W\u00e4lder"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n\n\n<p>F\u00fcr zwei ihrer freit\u00e4glichen Schulstreiks meldete sich Greta Thunberg zuletzt aus den W\u00e4ldern Schwedisch-Lapplands. Fotos auf ihrem Twitter-Account zeigen sie mit ihrem \u201eSkolstrejk f\u00f6r Klimatet\u201c-Schild auf einem Kahlschlag und zusammen mit anderen DemonstrantIn\u00adnen. Sie protestieren gegen die Waldpolitik des schwedischen Staats. Schweden \u201eeliminiert nicht nur W\u00e4lder und Kohlenstoffsenken\u201c twitterte Thunberg. \u201eSondern auch Geschichte, Zukunft und Traditionen der Samen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><a rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/taz.de\/Waldrodung-in-Schweden\/!5466894\/\">Vor allem das staatliche Forstunternehmen Sveaskog, der gr\u00f6\u00dfte Waldeigent\u00fcmer des Landes<\/a>, holzt derzeit in Nordschweden auch wertvolle Altw\u00e4lder ab. Seit dem Fr\u00fchjahr gibt es anhaltende Proteste dagegen. Die AktivistInnen versuchen, die Rodungen zu stoppen, indem sie Zufahrten blockieren, Plattformen in den Baumkronen bauen und sich an Forstmaschinen festketten.<\/p>\n\n\n\n<p>Abgesehen von den Folgen der Entwaldung f\u00fcr Klima und Umwelt geht es ihnen auch darum, die&nbsp;<a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/taz.de\/Bauprojekt-bedroht-indigene-Kultur\/!5700355\/\" rel=\"noreferrer noopener\">Existenzgrundlage der samischen Urbev\u00f6lkerung<\/a>&nbsp;zu retten. Von einem \u201eTiefstpunkt\u201c f\u00fcr Schwedens Waldpolitik spricht Dima Litvinov von Greenpeace: \u201eSchweden hat nur noch sehr wenig alten, wirklichen Wald und die W\u00e4lder, die Sveaskog f\u00e4llen will, geh\u00f6ren zu den letzten Naturw\u00e4ldern Schwedens.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Regierung in Stockholm hat sich ehrgeizige Klimaziele gesetzt: Schweden soll \u201eweltweit erster fossilfreier Wohlfahrtsstaat\u201c werden und seinen Klimagasaussto\u00df bis sp\u00e4testens 2045 auf null reduzieren. Wie passen die verst\u00e4rkten Waldrodungen dazu? Die Kahlschl\u00e4ge, die \u201enicht nur f\u00fcr die Biodiversit\u00e4t katastrophal sind, sondern zu einer Zeit, in der wir jede m\u00f6gliche Kohlenstoffsenke maximieren m\u00fcssen, auch f\u00fcr das Klima\u201c, wie Thunberg der rot-gr\u00fcnen Koalition zu Recht vorwirft.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem Rechentrick: Schweden produziert derzeit etwa so viel CO<sub>2<\/sub>&nbsp;mit dem Verbrennen von Biomasse wie mit dem Einsatz fossiler Brennstoffe. Um die Klimaziele zu erreichen, soll der Anteil von Biotreibstoffen, die aus Holz gewonnen werden, k\u00fcnftig weiter kr\u00e4ftig anwachsen. Denn in der offiziellen Statistik wird deren Klimagasaussto\u00df mit null ausgewiesen: Das CO<sub>2<\/sub>&nbsp;werde ja von neu wachsenden B\u00e4umen wieder absorbiert. Die Verbrennung sei also \u201eklimaneutral\u201c.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mehr Holzverbrennung ist schlecht f\u00fcrs Klima<\/h3>\n\n\n\n<p>Das gilt allerdings allenfalls f\u00fcr einen Zeitraum von einigen Jahrzehnten \u2013 wenn das Klima mitspielt und die neu gepflanzten B\u00e4ume nicht unterwegs vertrocknen oder beim n\u00e4chsten Waldbrand abfackeln. Dummerweise h\u00e4lt sich das CO<sub>2<\/sub>&nbsp;aus aktueller Biomasseverbrennung n\u00e4mlich nicht an die Theorie von der Klimaneutralit\u00e4t, sondern heizt die Erdatmosph\u00e4re zun\u00e4chst einmal weiter auf. Mehr Holz aus den W\u00e4ldern zu holen und damit deren Funktion als Klimagassenken zu vermindern, sei deshalb genau der falsche Weg, die akute Klimakrise zu l\u00f6sen, sagt Bengt-Gunnar Jonsson, Biologieprofessor an der Mittelschwedischen Universit\u00e4t: Im Gegenteil m\u00fcsse mehr Wald stehen bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch die kurzfristigen \u00f6konomischen Interessen von Forstwirtschaft und holzverarbeitender Industrie wiegen in Schweden immer noch schwer. Deshalb verbittet sich Schweden auch jede Einmischung Br\u00fcssels in die eigene Waldpolitik. Die Mitte Juli pr\u00e4sentierte Waldstrategie der EU-Kommission lehnte Stockholm umgehend ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Herman Sundqvist, der Generaldirektor der staatlichen Forstbeh\u00f6rde Skogsstyrelsen, warnte vor \u201eextrem gro\u00dfen Konsequenzen f\u00fcr die Forstwirtschaft\u201c, wenn man beispielsweise auf Kahlschl\u00e4ge und den Einsatz schwerer Forstmaschinen verzichten oder bei Rodungen auf die Brutzeit der V\u00f6gel R\u00fccksicht nehmen m\u00fcsse, wie die EU fordert. \u201eEs w\u00e4re schlimm, wenn man uns hindern wollte, den Wald f\u00fcr Bioenergie zu nutzen\u201c, sagte auch der sozialdemokratische EU-Minister Hans Dahlgren.<\/p>\n\n\n\n<p>Schwedens W\u00e4lder sollen f\u00fcr alles liefern: Holz f\u00fcr W\u00e4rme- und Treibstoffproduktion. Holz als Baustoff, der im Hausbau zunehmend Beton und Stahl ersetzen soll. Und auf Holzbasis sollen Produkte beruhen, die bislang aus Plastik und Baumwolle gefertigt werden. Wie der Wald das schaffen und zus\u00e4tzlich noch seine Funktion als Kohlendioxidspeicher bewahren kann? Gar nicht, denn der Wald reiche nun einmal nicht f\u00fcr alles, sagt Tomas Lundmark, Professor f\u00fcr Waldwirtschaft an Schwedens Landwirtschaftsuniversit\u00e4t SLU in Uppsala: \u201eDie Erwartungen an den Wald sind schlicht und ergreifend unrealistisch.\u201c Derzeit werde das Tempo bei den Rodungen r\u00fccksichtslos hochgefahren, um den wachsenden Bedarf zu decken.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Abrodung nimmt zu<\/h3>\n\n\n\n<p>94 Millionen Kubikmeter Holzrohware wurden 2019 in Schweden abgeholzt \u2013 die vorl\u00e4ufigen Zahlen f\u00fcr 2020 liegen etwa auf gleichem Niveau. Das ist die dritth\u00f6chste Menge, seit 1942 mit der entsprechenden Statistik begonnen wurde, und der h\u00f6chste Wert seit 2007. Diese Menge konnte nur erreicht werden, weil immer j\u00fcngere W\u00e4lder gerodet werden und die Fl\u00e4che der gesch\u00fctzten W\u00e4lder stetig schrumpft.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch nie hat es in Schweden so wenig Altw\u00e4lder gegeben wie heute. Gleichzeitig verarmt die biologische Vielfalt mehr und mehr. Allein die Zahl der vom Aussterben bedrohten Arten, die von Waldumgebung abh\u00e4ngig sind, ist in Schweden seit 2015 um 13 Prozent gestiegen, zeigt ein Report des WWF aus dem vergangenen Jahr.<\/p>\n\n\n\n<p>Die bisherigen Schutzmechanismen haben sich als v\u00f6llig unzureichend erwiesen. Versch\u00e4rfen will die Regierung sie aber nicht. Wie man in Schweden ja sowieso immer gern eher auf Empfehlungen statt auf Zwang und Verbote setzt, gilt auch in dem seit 1993 geltenden Forstwirtschaftsgesetz f\u00fcr Waldbesitzer grunds\u00e4tzlich das Prinzip \u201eFreiheit mit Verantwortung\u201c. Weite Interpretationsspielr\u00e4ume und fehlende Sanktionen haben dazu gef\u00fchrt, dass sich die Waldkonzerne bei ihrer Waldbewirtschaftung nur ausnahmsweise von der R\u00fccksicht auf Umwelt und biologische Vielfalt bremsen lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>37 Prozent aller Abholzungen seien gesetzeswidrig, beklagte schon 2011 ein Untersuchungsbericht. Konsequenzen habe das nicht, weil die Vorschriften so konstruiert seien, dass kein Gericht eine Strafe aussprechen k\u00f6nne. Forstsiegel wie FSC und PEFC h\u00e4tten sich sowieso als zahnlos erwiesen. Aus \u201eFreiheit mit Verantwortung\u201c sei in der Realit\u00e4t \u201eFreiheit ohne Verantwortung\u201c geworden. Zehn Jahre sp\u00e4ter ist das Urteil eher noch vernichtender.<\/p>\n\n\n\n<p>Von einer \u201etotalen Havarie\u201c spricht der Waldbiologe Sebastian Kirppu: \u201eDie schwedische Forstwirtschaft ist aus \u00f6kologischer Sicht weder umweltfreundlich noch nachhaltig, und sie ist es nie gewesen.\u201c WWF-Waldexperte Peter Roberntz kritisiert: \u201eSo wie in Schweden die Forstwirtschaft historisch und aktuell betrieben wird, geht es in die falsche Richtung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Markt wird es nicht l\u00f6sen<\/h3>\n\n\n\n<p>Skogsstyrelsen geht davon aus, dass das Potenzial der schwedischen W\u00e4lder nahezu ausgesch\u00f6pft ist. Bis 2050 lasse sich die Holzernte nur noch minimal \u00fcber das jetzige Niveau hinaus, n\u00e4mlich allenfalls auf 102 Millionen Kubikmeter j\u00e4hrlich steigern. Aber auch das nur f\u00fcr den Fall eines f\u00fcr das Waldwachstum positiven Klimaeffekts. Allein f\u00fcr den wachsenden Bedarf an Bioenergie rechnet man aber mit einer um 80 Millionen Kubikmeter h\u00f6heren Nachfrage an Holzrohware: Also etwa 175 Millionen Kubikmeter. Und dabei sind k\u00fcnftige Nutzungen, f\u00fcr die man auch noch gerne auf den Wald z\u00e4hlen m\u00f6chte, noch gar nicht mit eingerechnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine im letzten Herbst ver\u00f6ffentlichte Studie der SLU warnt davor, die Zukunft des Waldes weiterhin der Verantwortung der sogenannten Marktkr\u00e4fte zu \u00fcberlassen. \u201eDie Abholzung schutzw\u00fcrdiger W\u00e4lder im gro\u00dfen Stil zu erlauben, w\u00e4re eine katastrophale Ma\u00dfnahme, die s\u00e4mtliche Artenschutz- und Klimaschutzziele untergr\u00e4bt\u201c, sagt Angelika Krumm, Papierexpertin von Robin Wood. \u201eEine Regierungspolitik, die nur die Profite der Holzwirtschaft bedient, verspielt unsere Zukunft.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ebenso wie in den drei vorangegangenen Jahren f\u00fchrt Schweden auch 2021 den \u201eKlimaschutz-Index\u201c von Germanwatch, dem New Climate Institute und dem Climate Action Network an, auf den es Deutschland in diesem Jahr nur auf Rang 19 geschafft hat. Zu Recht? \u201eZu behaupten, dass Schweden mit seinen derzeit unterdimensionierten Klimazielen und einer unzureichenden Politik die F\u00fchrung bei der Gestaltung einer klimaneutralen nachhaltigen Wohlfahrtsgesellschaft \u00fcbernehmen k\u00f6nnte, ist schlichtweg irref\u00fchrend\u201c, lautet das Fazit einer aktuellen Analyse von Energiexpertin \u00c5sa Sohlman und Siv Ericsdotter vom Stockholm Resilience Centre.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr zwei ihrer freit\u00e4glichen Schulstreiks meldete sich Greta Thunberg zuletzt aus den W\u00e4ldern Schwedisch-Lapplands. Fotos auf ihrem Twitter-Account zeigen sie mit ihrem \u201eSkolstrejk f\u00f6r Klimatet\u201c-Schild auf einem Kahlschlag und zusammen mit anderen DemonstrantIn\u00adnen. Sie protestieren gegen die Waldpolitik des schwedischen Staats. 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