{"id":9280,"date":"2006-07-07T00:00:00","date_gmt":"2006-07-06T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bio-based.eu\/news\/index.php?startid=20060706-11n"},"modified":"2006-07-07T00:00:00","modified_gmt":"2006-07-06T22:00:00","slug":"die-preisentwicklung-bei-technischen-naturfasern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/die-preisentwicklung-bei-technischen-naturfasern\/","title":{"rendered":"Die Preisentwicklung bei technischen Naturfasern"},"content":{"rendered":"<p><b>Technische Naturfasern stehen in vielen Anwendungen in direkter Konkurrenz zu Erd\u00f6lprodukten. In Zeiten des billigen Erd\u00f6ls war dies ein wirtschaftliches Problem f\u00fcr die Naturfasernutzung. Doch seit 2004 ist Erd\u00f6l wieder ein Hochpreisrohstoff und die Naturfasern zeigen sich infolgedessen gegen\u00fcber der synthetischen Konkurrenz weltweit als eine Materialgruppe im Aufwind.<\/b> <\/p>\n<p>Wer \u00fcber die Substitution von Kunststoffen durch Naturfaserprodukte nachdenkt, hat ein gro\u00dfes Interesse an der Naturfaser-Preisentwicklung. Dieser \u00dcberblick stellt die j\u00fcngere Vergangenheit und die Preisbildungsursachen bei den Naturfasern Flachs, Hanf, Jute und Sisal vor.<\/p>\n<p><b>Comeback der Naturfasern<\/b><\/p>\n<p>Seit den 1980er Jahren erleben die Naturfasern ein Comeback in Deutschland und anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Jahrzehntelang wurden Naturfasern weltweit zunehmend durch synthetische Fasern verdr\u00e4ngt. In Deutschland war die Produktion von Naturfasern jahrelang weitgehend eingestellt, doch wurde seit den 1980er Jahren zun\u00e4chst (begleitet von staatlicher F\u00f6rderung) die Flachswirtschaft wieder aufgebaut. <\/p>\n<p>Nach dem Ende der Hanfanbau-Verbote in Deutschland konnte aber 1996 auch die Hanfwirtschaft in Deutschland wieder belebt werden. Im Gegensatz zur traditionellen Langfaserverarbeitung wurden die neuen Flachs- und Hanfverarbeitungen als moderne Gesamtfaserlinien realisiert, die die gesamte Faser als Kurzfaser gewinnen.<\/p>\n<p>Die Hanffaser profitierte dabei von den Forschungsergebnissen, die urspr\u00fcnglich f\u00fcr die Flachsfaser gewonnen wurden. Mit der Verwendung von Naturfasern als verst\u00e4rkende Fasern in Kunststoffen (vorwiegend in sog. Formpressteilen f\u00fcr die Automobilindustrie) fand sich eine hinreichende Nische, die sich nach zwischenzeitlicher \u00dcberhitzung des Naturfaserangebotes als solide Basis f\u00fcr die Hanfwirtschaft erweisen sollte.<\/p>\n<p>Inzwischen werden heimische Hanffasern auch erfolgreich als nat\u00fcrlicher D\u00e4mmstoff eingesetzt und Ingenieure arbeiten an der Perfektionierung von Spritzgie\u00df-Granulaten mit Naturfaserverst\u00e4rkung. Durch die Tauglichkeit f\u00fcr das Spritzgie\u00dfverfahren er\u00f6ffnet sich f\u00fcr Naturfaserkunststoffe inzwischen ein gro\u00dfer neuer Anwendungsbereich.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren hat sich der Hanf in Deutschland gegen\u00fcber dem Flachs als Faserpflanze durchgesetzt, weil sein Deckungsbeitrag \u2013 in der Gesamtfaserlinie &#8211; f\u00fcr die Landwirte und Faseraufschlussbetriebe sp\u00fcrbar besser ist.<\/p>\n<p><b>Jute- und Sisalexportpreise interagieren mit dem Erd\u00f6lpreis<\/b><\/p>\n<p>Aus Indien und Bangladesch wird davon berichtet, dass Jute &#8211; die nach der Baumwolle zweitwichtigste Naturfaser weltweit &#8211; gro\u00dfe Preissteigerungen wegen der starken Nachfrage erlebt. Jutetextilien f\u00fcr Verpackungszwecke &#8211; die Hauptanwendung f\u00fcr Jutefasern &#8211; haben enorm an Konkurrenzf\u00e4higkeit gegen\u00fcber Polypropylentextilien gewonnen, und China bet\u00e4tigt sich auch auf dem Naturfasermarkt als gro\u00dfer Nettoimporteur von Rohstoffen. So importiert China in zunehmendem Ma\u00dfe auch Sisalfasern aus Brasilien und Tansania, z.B. f\u00fcr das Polieren von Metalloberfl\u00e4chen.<\/p>\n<p><img SRC=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-content\/uploads\/news-images\/20060706-11\/Kuchen2.gif\" align=\"left\" style=\"margin-right:10px;\" BORDER=\"0\" ALT=\"Kuchen2.gif\"\/><br style=\"clear:left;\"\/><br \/><b>Preisentwicklung bei Flachs- und Hanffasern<\/b><\/p>\n<p>Weitgehend unangetastet von solchen Preisentwicklungen sind hingegen die Preise f\u00fcr Flachs- und Hanffasern solcher Qualit\u00e4t, wie sie f\u00fcr Vliese und Filze und somit letztendlich f\u00fcr die Produktion von Formpress-Teilen f\u00fcr die Automobilindustrie gebraucht werden. Diese gro\u00dffl\u00e4chigen Teile werden als stabile versteckte Formgeber im Automobilinnenraum &#8211; beispielsweise f\u00fcr die T\u00fcrinnenverkleidung &#8211; typischerweise mit 50% Gewichtsanteil Naturfasern hergestellt. <\/p>\n<p>Dabei kommen Flachs, Hanf, Jute, Kenaf und Sisal in mehreren tausend Tonnen j\u00e4hrlich in Deutschland zum Einsatz. Genaue und aktuelle Zahlen wird das <a href=\"http:\/\/www.nova-institut.de\/nr\" >nova-Institut<\/a> hierzu nach Abschluss der diesj\u00e4hrigen Marktstudie im Sp\u00e4therbst ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>Es gibt zwei Ursachen f\u00fcr die Preisstabilit\u00e4t der Hanffaser; einerseits k\u00f6nnen die Produzenten aufgrund der Kosten nicht g\u00fcnstiger anbieten, andererseits k\u00f6nnen sie nicht einseitig h\u00f6here Preise durchsetzen, weil sich die Bastfasern (Flachs, Hanf, Jute, Kenaf) gut untereinander substituieren lassen. <\/p>\n<p>In der Vergangenheit ging hierbei ein Preisdruck nach unten von Flachs und Jute aus. Anders als die Hanfkurzfaser ist die Flachskurzfaser ein wirtschaftlich wenig bedeutendes Nebenprodukt der Flachslangfaserproduktion. Die Hanfkurzfaser hingegen macht etwa die H\u00e4lfte der Wertsch\u00f6pfung eines Hanfaufschlussbetriebes aus, neben den holzartigen Sch\u00e4ben f\u00fcr Tiereinstreu und die Bauwirtschaft.<\/p>\n<p><b>Der Einfluss chinesischer Nachfrage auf den Flachsfaserpreis<\/b><\/p>\n<p>Die Flachskurzfaseranbieter k\u00f6nnen somit grunds\u00e4tzlich viel freier auf dem Markt agieren als die Hanffaseranbieter &#8211; was ihnen jedoch aktuell nicht viel mehr Freiheiten bietet. Denn der Flachsfaserabsatz, insbesondere der Langfasern, hat seit Jahren die Volksrepublik China im Fokus (ca. 60 bis 80% der EU-Flachslangfaserproduktion wird nach China exportiert).<\/p>\n<p><img SRC=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-content\/uploads\/news-images\/20060706-11\/Flachshandel2.gif\" align=\"left\" style=\"margin-right:10px;\" BORDER=\"0\" ALT=\"Flachshandel2.gif\"\/><br style=\"clear:left;\"\/><br \/>Die nach China exportierten Fasern werden dort zu Garnen versponnen, zu Textilien verwoben und konfektioniert. Die entsprechende Industrie ist in Europa inzwischen fast vollst\u00e4ndig verschwunden, so dass der Flachsabsatz mittlerweile stark vom Export nach China abh\u00e4ngt. Dies machte sich letztes Jahr bereits unangenehm bemerkbar, als die chinesischen Importe &#8211; wie es hie\u00df aufgrund ausreichender Lagerbest\u00e4nde &#8211; zu gering waren, um die sehr guten europ\u00e4ische Flachsernte zu absorbieren und sich in Europa ein Preis dr\u00fcckendes Faser\u00fcberangebot ergab. Dieses betraf auch die Flachskurzfaser, welche leicht an Wert verlor. <\/p>\n<p>Im N-Fibre-PriceBase-Index l\u00e4sst sich dieser kleine Effekt nicht ablesen, da die dargestellten Minimum\/Maximum-Rahmen nicht betroffen waren. Der auf Wunsch der Informanten nicht dargestellte Durchschnitt der Preise sank jedoch leicht.<br style=\"clear:left;\"\/><br \/><img SRC=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-content\/uploads\/news-images\/20060706-11\/06-06_NFPB.gif\" align=\"left\" style=\"margin-right:10px;\" BORDER=\"0\" ALT=\"06-06_NFPB.gif\"\/><br style=\"clear:left;\"\/><br \/>Zudem ist der Flachskurzfasermarkt zweigeteilt zwischen gro\u00dfen &#8211; auf Preisstabilit\u00e4t und lange Vertr\u00e4ge bedachten &#8211; Gro\u00dfh\u00e4ndlern mit zusammen dem gr\u00f6\u00dften Marktanteil und den eher opportunistisch ihre Abnehmer suchenden Kleinanbietern. Letztere haben stark schwankende Preise, obwohl der gr\u00f6\u00dfte Teil des Flachskurzfaserhandels stabil ist.<\/p>\n<p>Inzwischen sollen die chinesischen Importeure wieder aktiv sein &#8211; ein Hinweis darauf, dass es sich bei der Kaufzur\u00fcckhaltung wom\u00f6glich nur um ein taktisches Verhalten zur Preissenkung handelte.<\/p>\n<p><b>Das Erd\u00f6lpreishoch als zweischneidiger Einflussfaktor f\u00fcr den Naturfasermarkt<\/b><\/p>\n<p>Die Stabilit\u00e4t der Naturfaserpreise in Europa steht im starken Kontrast zur dramatischen Entwicklung des Erd\u00f6lpreises, welche bei Standard-Thermoplasten wie Polypropylen zu starken Preissteigerungen seit Mitte 2004 gef\u00fchrt hat. Zweifellos ist die relative Stabilit\u00e4t der Naturfaserpreise ein Plus f\u00fcr die Naturfasern. Die europ\u00e4ischen Vliesleger stehen mit ihren Naturfaser-Kunststoff-Vliesen dennoch unter hohem Druck. <\/p>\n<p>Die Automobilindustrie akzeptiert praktisch keine Preissteigerungen bei diesen Vliesen trotz der gestiegenen Preise f\u00fcr die Kunstfasern bzw. Harze. Dieser Druck betrifft jedoch viele Anbieter von fr\u00fchen Zwischenprodukten; selbst gro\u00dfe Kunststoffkonzerne k\u00f6nnen die &#8211; aufgrund des gestiegenen \u00d6lpreises eigentlich angebrachten &#8211; Preissteigerungen f\u00fcr ihre Kunststoffe nicht durchsetzen. Ebenso dramatisch sind die Auswirkungen auf die Vliesleger. So haben Procotex (Naturfaservliesproduktion in Belgien) und Funder (Holzfaservliesproduktionslinie in \u00d6sterreich) vor ein einigen Monaten Produktionslinien geschlossen. <\/p>\n<p>Die Entwicklung hin zu weniger Anbietern st\u00e4rkt zwar auf den ersten Blick die Verhandlungsposition der verbliebenen Anbieter, macht jedoch das Produkt &#8220;Naturfaservlies&#8221; vielleicht auch weniger attraktiv. Denn die Automobilzulieferer wollen wom\u00f6glich eine Abh\u00e4ngigkeit von wenigen Zulieferern angesichts langj\u00e4hriger Lieferverpflichtungen gegen\u00fcber ihren eigenen Kunden meiden.<\/p>\n<p><b>Stark gestiegene Naturfaserpreise in Asien, aber nicht in Europa?<\/b><\/p>\n<p>Die Jutefaserexportpreise S\u00fcdasiens &#8211; mit Indien und Bangladesch als Hauptproduzenten &#8211; sind zwar in 2004\/2005 stark gestiegen, doch hatte dies bislang wenig Einfluss auf die Naturfaserpreise in Europa. Zum Beispiel sch\u00fctzten lang laufende Liefervertr\u00e4ge die europ\u00e4ischen Vliesleger vor den Spitzenpreisen im Sommer 2005. Erst bei den Verhandlungen der letzten Monate schien ein Preisanstieg bei Jutefasern von moderaten 5 bis 10% gegen\u00fcber 2004 durchgesetzt worden zu sein.<\/p>\n<p>Anders als noch Anfang 2005 hat die Nachfrage nach Jute und Kenaf aufgrund der Preisentwicklung nachgelassen und die Nachfrage nach Flachs- und Hanfkurzfasern ist merklich gestiegen. Naturfasern aus europ\u00e4ischer Produktion gewinnen aktuell an Wettbewerbsf\u00e4higkeit gegen\u00fcber den genannten &#8220;exotischen&#8221; Naturfasern.<\/p>\n<p><b>Fazit<\/b><\/p>\n<p>Insgesamt hat die europ\u00e4ische Industrie mit den heimischen Naturfasern Flachs und Hanf sehr preisstabile Rohstoffe zur Verf\u00fcgung, f\u00fcr die laufend neue Anwendungen entwickelt werden. Diese Preisstabilit\u00e4t hat dabei viel komplexere Ursachen als den geringen direkten Einsatz von Erd\u00f6lprodukten in der Produktion. <\/p>\n<p>Interessant ist, dass europ\u00e4ische Naturfasern aktuell nicht nur gegen\u00fcber Erd\u00f6lprodukten relativ preiswerter werden, sondern auch gegen\u00fcber exotischen Fasern wie Jute oder Sisal.<\/p>\n<p><img SRC=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-content\/uploads\/news-images\/20060706-11\/Preise2.gif\" align=\"left\" style=\"margin-right:10px;\" BORDER=\"0\" ALT=\"Preise2.gif\"\/><br style=\"clear:left;\"\/><br \/>Dies wird vielen mit der Naturfaser bereits vertrauten Industrieunternehmen w\u00e4hrend der \u00dcberpr\u00fcfung ihrer Rohstoffbasis zunehmend bewusst. Eine solche \u00dcberpr\u00fcfung mit m\u00f6glicher anschlie\u00dfender Neuorientierung f\u00fchren z.Z. viele deutsche Gro\u00dfunternehmen durch. Denn viele Entscheidungstr\u00e4ger glauben nicht mehr an Erd\u00f6l als billigen Rohstoff der Zukunft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Technische Naturfasern stehen in vielen Anwendungen in direkter Konkurrenz zu Erd&ouml;lprodukten. In Zeiten des billigen Erd&ouml;ls war dies ein wirtschaftliches Problem f&uuml;r die Naturfasernutzung. 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