{"id":91942,"date":"2021-07-06T07:32:00","date_gmt":"2021-07-06T05:32:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=91942"},"modified":"2021-07-01T12:34:40","modified_gmt":"2021-07-01T10:34:40","slug":"desertec-3-0-kann-afrika-billigen-oko-wasserstoff-liefern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/desertec-3-0-kann-afrika-billigen-oko-wasserstoff-liefern\/","title":{"rendered":"Desertec 3.0: Kann Afrika billigen \u00d6ko-Wasserstoff liefern?"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n\n\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/apps-cloud.n-tv.de\/img\/22650039-1624893329000\/16-9\/750\/214363099.jpg\" alt=\"214363099.jpg\"\/><figcaption>Der Traum vom gr\u00fcnen \u00d6kostrom aus Afrika lebt nach Desertec weiter: Hier der riesige Solarkraft-Komplex bei Ouarzazate in Marokko, der damals noch im Aufbau war. Deutschland hatte sich an der Finanzierung des Projekts beteiligt.(Foto: picture alliance\/dpa)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Solarstrom aus der W\u00fcste Afrikas war schon einmal ein gro\u00dfes Versprechen. Aus dem Projekt Desertec, das Europa durch \u00dcberland- und Seekabel mit gr\u00fcner Elektrizit\u00e4t versorgen wollte, ist nichts geworden. Nun r\u00fcckt Afrika in der Nationalen Wasserstoffstrategie wieder prominent in den Vordergrund. Es winken Milliarden aus der Bundeskasse. Und siehe da: Schon bewirbt Desertec 3.0 in einer neuen Allianz Nordafrika und Mittelost als nat\u00fcrlichen Partner: Die Region habe &#8220;das Potenzial, zum Powerhouse f\u00fcr gr\u00fcnen Wasserstoff zu werden&#8221; &#8211; erst regional, &#8220;aber auch f\u00fcr die Weltm\u00e4rkte&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/mediathek\/videos\/wirtschaft\/Desertec-wird-aufgeloest-article13777841.html\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/apps-cloud.n-tv.de\/img\/13777481-1413279438000\/16-9\/1136\/3le50049.jpg\" alt=\"Der gro\u00dfe Wurf gelingt nicht.\"\/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/mediathek\/videos\/wirtschaft\/Desertec-wird-aufgeloest-article13777841.html\">Gro\u00dfe Hoffnungen, tiefer Fall:\u00a0Desertec wird aufgel\u00f6st<\/a><\/h3>\n\n\n\n<p>Im W\u00fcstenstaat Mauretanien suchen Projektentwickler zugleich Investoren: Am westlichen Rand der Sahara soll auf 8500 Quadratkilometern Fl\u00e4che AMAN entstehen, eine 40 Milliarden Dollar schwere Wind- und Solarfarm mit 30 Gigawatt Leistung und Elektrolyseanlagen. Damit will eines der \u00e4rmsten L\u00e4nder der Welt gr\u00fcnen Wasserstoff sowie Derivate wie Ammoniak und Methanol &#8220;den globalen Exportm\u00e4rkten zur Verf\u00fcgung&#8221; stellen. Auch im Kongo warb der Afrika-Beauftragte der Bundeskanzlerin, G\u00fcnter Nooke, daf\u00fcr, eine Erweiterung des Inga-Staudamms zu nutzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Afrika ist reicher an Sonne und Wind als Deutschland &#8211; und befl\u00fcgelt die Fantasie von Energieunternehmen und Politikern. Um in Zukunft den Bedarf zu decken, den die Nationale Wasserstoffstrategie f\u00fcr gr\u00fcnen Wasserstoff umrei\u00dft, setzt die Bundesregierung auf strategische Kooperationen &#8211; neben Australien auch mit Afrika. Importe in gro\u00dfem Ma\u00dfstab werden angestrebt, im Rahmen eines &#8220;H2-Global-Konzepts&#8221;, das Produktionskonsortien im Ausland unterst\u00fctzt und mit heimischen Abnehmern zusammenbringt. Aus dem Strategiebudget sind 2 von 9 Milliarden Euro f\u00fcr solche internationale Partnerschaften vorgesehen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Preis- und Mengenvorteil Afrika<\/h3>\n\n\n\n<p>Wie hoch genau der Importbedarf an Wasserstoff sein wird, ist ungewiss. Von 85 Prozent ist die Rede. Das Forschungsministerium betont die Abh\u00e4ngigkeit von Importen. Deutschland sei auf Einfuhren angewiesen, hei\u00dft es da. Das Max-Planck-Institut wird mit einer Bedarfsprognose von rund 45 Millionen Tonnen im Jahr 2050 zitiert &#8211; einer Energiemenge von 1500 Terawattstunden (TWh). Diese werde allein in Westafrika um das Hundertfache \u00fcbertroffen, wo j\u00e4hrlich maximal 165.000 TWh gr\u00fcner Wasserstoff gewonnen werden k\u00f6nne. Und das zu einem Preis von unschlagbaren 2,50 Euro pro Kilogramm &#8211; wo Studien die Kosten in Deutschland sogar 2050 noch bei rund 3,80 Euro s\u00e4hen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die frohen Aussichten auf billige Importe werden in einem j\u00fcngst von Forschungsministerin Anja Karliczek vorgestellten &#8220;H2-Potenzial-Atlas&#8221; Westafrika gesch\u00fcrt. Der interaktive&nbsp;<a href=\"https:\/\/ecowas.h2atlas.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Atlas des Forschungszentrums J\u00fclich<\/a>&nbsp;flaggt vielversprechende &#8220;Hotspots&#8221; f\u00fcr Solar- und Windstrom aus, die mithilfe von Elektrolyseanlagen aus Wasser \u00d6ko-Wasserstoff gewinnen sollen. Die Region, so schw\u00e4rmte die Ministerin, k\u00f6nne zum &#8220;klimafreundlichen Powerhouse der Welt werden&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Atlas f\u00fcr S\u00fcdafrika soll folgen. Schon zuvor hat die Bundesregierung Allianzen mit Tunesien und Marokko geschmiedet. Tunis sagte die KfW-Entwicklungsbank 25 Millionen Euro f\u00fcr eine Probeanlage zu. Mit Rabat fiel vor einem Jahr der Startschuss zum Bau einer &#8220;gro\u00dftechnischen Referenzanlage&#8221; in Afrika. Berlin sieht in der Energiepolitik zehn Jahre nach der gescheiterten Arabellion auch ein willkommenes Feld, Jobs f\u00fcr die unterbesch\u00e4ftigte junge Bev\u00f6lkerung zu schaffen &#8211; und nebenbei Gesch\u00e4fte f\u00fcr deutsche Unternehmen anzubahnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem aber ist die Transportfrage ungekl\u00e4rt, was Verfechter einer gezielteren Wasserstoffstrategie wie Rainer Baake, Direktor des Thinktanks Stiftung Klimaneutralit\u00e4t, skeptisch stimmt. &#8220;Ich w\u00fcrde auf absehbare Zeit nicht dazu raten, f\u00fcr Europas Energiewende auf gr\u00fcnen Wasserstoff aus Afrika zu setzen&#8221;, warnt der ehemalige Umwelt- und Energiestaatssekret\u00e4r. Die Verwendung von gr\u00fcnem Wasserstoff aus anderen Regionen sei finanziell nur darstellbar, wenn man ihn in Pipelines transportiert, das ginge allenfalls langfristig aus Marokko.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Schiffstransporte m\u00fcsste der gasf\u00f6rmige Wasserstoff auf minus 250 Grad gek\u00fchlt werden, um ihn zu verfl\u00fcssigen, was wiederum diese Alternative sehr energieintensiv und teuer macht. &#8220;Die Vorteile, die Afrika bei den Produktionskosten zu bieten h\u00e4tte &#8211; durch hohe Sonneneinstrahlung und gro\u00dfe windreiche Fl\u00e4chen &#8211; werden durch die Umwandlungs- und Transportkosten zunichtegemacht&#8221;, so Baake, der f\u00fcr einen Fokus auf L\u00f6sungen pl\u00e4diert, die schnell zu realisieren sind.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Dritten Wasserstoff-Hype nicht in den Sand setzen<\/h3>\n\n\n\n<p>&#8220;Das geht in Deutschland und in der unmittelbaren Nachbarschaft besser&#8221;, mahnt Baake. So etwa mit Offshore-Windkraft in den Au\u00dfenwirtschaftszonen von Deutschland, D\u00e4nemark oder den Niederlanden und einem schnellen Startnetz f\u00fcr den Transport von Wasserstoff zu den Unternehmen. Statt F\u00f6rdermittel zielgerichtet f\u00fcr gro\u00dfe Mengen vor allem f\u00fcr die Stahl- und Chemieindustrie, aber auch f\u00fcr gr\u00fcne Fernw\u00e4rme und den Ferntransport einzusetzen, &#8220;verdampfen die Milliarden derzeit fein sauber aufgeteilt zwischen den Ministerien in einer Vielzahl von Projekten&#8221;.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/mediathek\/videos\/wirtschaft\/Wunsiedel-zeigt-Deutschland-wie-Energiewende-geht-article22488530.html\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/apps-cloud.n-tv.de\/img\/22489225-1618421145000\/16-9\/1136\/Wunsiedel-Energiewende.jpg\" alt=\"Wunsiedel_Energiewende.JPG\"\/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>So sind Zweifel durchaus berechtigt, ob Milliarden-Gelder f\u00fcr internationale Partnerschaften gut angelegt sind. H\u00f6chstens f\u00fcr eine bessere Stromversorgung des Nachbarkontinents, der Vorrang haben sollte, meint auch Baake. &#8220;Afrika ist der Kontinent mit dem gr\u00f6\u00dften Nachholbedarf bei der Elektrifizierung. Die Zahl der Menschen, die weltweit keinen Zugang zu Elektrizit\u00e4t haben, fiel 2017 zum ersten Mal in der Geschichte unter eine Milliarde &#8211; von denen leben 60 Prozent in Afrika.&#8221; Au\u00dferdem d\u00fcrfte eine Wasserstoffproduktion f\u00fcr Europa den in vielen Regionen herrschenden Wassermangel nicht noch versch\u00e4rfen.<\/p>\n\n\n\n<p>An die heimische Adresse gewandt warnt der Energieexperte, Deutschland erlebe derzeit den dritten Wasserstoff-Hype und sollte sich keinen weiteren Flop leisten. &#8220;Wir d\u00fcrfen unsere Pl\u00e4ne zur Erreichung der Klimaziele nicht auf Sand bauen.&#8221; Und auch Baake erinnert an Desertec: &#8220;Von dem Projekt ist nichts \u00fcbrig geblieben au\u00dfer entt\u00e4uschte Hoffnungen. Die Bef\u00fcrworter missbrauchten das Projekt als Argument, um den Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland zu bremsen.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Marokko ist nach S\u00fcdafrika der zweitwichtigste deutsche Investitionsstandort. Allerdings musste gerade dorthin eine Wirtschaftsdelegation abgesagt werden, die sich \u00fcber Projekte der Wasserstoffallianz informieren wollte. Denn das K\u00f6nigreich hat wegen eines Streits um die europ\u00e4ische Anerkennung seiner Gebietsanspr\u00fcche auf die Westsahara kurzerhand die Beziehungen mit Deutschland zun\u00e4chst auf Eis gelegt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Schw\u00e4chen ersichtlich<\/h3>\n\n\n\n<p>Schon diese diplomatische Krise legt eine der Schw\u00e4chen der Importstrategie f\u00fcr klimaneutralen Wasserstoff offen. Um die politische Stabilit\u00e4t steht es in einigen der 15 potenziellen Partner in der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS nicht zum Besten. So hat in Mali gerade zum zweiten Mal binnen eines Jahres das Milit\u00e4r geputscht. Islamisten sch\u00fcren auch bei den Sahel-Nachbarn Burkina Faso und Niger Gewalt, ebenso im Norden Nigerias.<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst die Elfenbeink\u00fcste erlebte in der Vergangenheit immer wieder politisch unruhige Zeiten. Dort f\u00f6rdert Berlin bereits den Aufbau einer Infrastruktur f\u00fcr erneuerbare Energien (EE) &#8211; allerdings gegen erhebliche Widerst\u00e4nde von Eliten, die in fossilen Brennstoffen investiert haben. Was der H2-Atlas verschweigt: Zum einen haben in der Region kaum mehr als vier von zehn Haushalten \u00fcberhaupt Zugang zu Strom. Zum anderen steckt saubere Energie noch in den Kinderschuhen \u2013 und w\u00e4chst wenn, dann haupts\u00e4chlich dezentral, also in kleinen &#8220;Off-Grid&#8221;-L\u00f6sungen abseits nationaler Netze.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis 2030 strebt die Regionalgemeinschaft ECREEE einen Anteil von 20 Prozent an erneuerbaren Energien (neben Wasserkraft) an. In Burkina Faso er\u00f6ffnete vor Kurzem die erste Fabrik Westafrikas f\u00fcr Solarpaneele, dort sollen drei Solarkraftwerke entstehen. Senegal nahm 2020 die erste Windkraftfarm in Betrieb. Die 16 Turbinen geh\u00f6ren mit 180 Metern zu den h\u00f6chsten der Welt, liefern aber nur 50 MW. Einzelprojekte gibt es viele. H\u00e4ufig sind sie ohne gesicherte Abnahmen am Markt aber nicht finanzierbar. Darauf weist auch Charlotte Hussy von der Entwicklungsagentur GIZ hin. Als weitere &#8220;wichtige Voraussetzungen&#8221; nennt sie einen bereits betr\u00e4chtlichen Anteil erneuerbarer Energie und einen regulierten gr\u00fcnen Strommarkt &#8211; den es so noch nicht gibt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Transportfrage ungekl\u00e4rt<\/h3>\n\n\n\n<p>Immerhin wird auch in dem Atlas einger\u00e4umt, dass trotz der Kostenvorteile der Bedarf an S\u00fc\u00dfwasser f\u00fcr die H2-Produktion das Potenzial um 80 Prozent reduziert. Vereinfacht gesagt: Wo es reichlich Sonne (im Norden) und Wind (im S\u00fcden) gibt, fehlt oft das Wasser. Weshalb etwa der Naturschutzbund NABU gro\u00dfe Zweifel an der Nachhaltigkeit der Strategie \u00e4u\u00dfert. Zwar will H2-Global durch Pilotprojekte aufzeigen, &#8220;wie die Produktion von gr\u00fcnem Wasserstoff, sein Export und sein Vertrieb wirtschaftlich effizient realisierbar sind&#8221;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Solarstrom aus der W\u00fcste Afrikas war schon einmal ein gro\u00dfes Versprechen. Aus dem Projekt Desertec, das Europa durch \u00dcberland- und Seekabel mit gr\u00fcner Elektrizit\u00e4t versorgen wollte, ist nichts geworden. Nun r\u00fcckt Afrika in der Nationalen Wasserstoffstrategie wieder prominent in den Vordergrund. Es winken Milliarden aus der Bundeskasse. 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