{"id":9110,"date":"2006-06-12T00:00:00","date_gmt":"2006-06-11T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bio-based.eu\/news\/index.php?startid=20060612-07n"},"modified":"2006-06-12T00:00:00","modified_gmt":"2006-06-11T22:00:00","slug":"deutschlands-roggen-zukunft-kornkraftwerk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/deutschlands-roggen-zukunft-kornkraftwerk\/","title":{"rendered":"Deutschlands Roggen-Zukunft: Kornkraftwerk?"},"content":{"rendered":"<p><b>Brandenburg ist der gr\u00f6\u00dfte Roggenproduzent Deutschlands. Im vergangenen Jahr wurden hier mehr als 765.000 Tonnen Roggen geerntet. Doch die Beliebtheit des Getreides ist gesunken. Sauerteigbrot aus Roggen wird l\u00e4ngst nicht mehr so oft gegessen, wie helles Weizenbrot. Was also tun mit dem \u00dcberschuss an Roggen? Dar\u00fcber diskutierten Experten auf dem &#8220;<a href=\"http:\/\/idw-online.de\/pages\/de\/news161605\" >Treffpunkt WissensWerte<\/a> in der Industrie und Handelskammer Potsdam.<\/b> <\/p>\n<p>&#8220;Was haben ein dunkles Br\u00f6tchen, Benzin und diese D\u00e4mmplatte gemeinsam?&#8221;, fragt Thomas Prinzler, Moderator der Podiumsrunde die knapp 100 Zuh\u00f6rer. &#8220;Auch wenn es im ersten Moment nicht so wirkt, in allen Dreien steckt Roggen.&#8221; <\/p>\n<p>Deutschland ist hinter Russland und Polen der drittgr\u00f6\u00dfte Roggenproduzent der Welt. 2004 wurden bei uns 3.809.000 Tonnen Roggen angebaut. Gr\u00f6\u00dfter Produzent ist Brandenburg, kl\u00e4rt Prinzler auf, auch wenn Anbaufl\u00e4che und Ertrag in den letzten Jahren gesunken sind. 2004 wurden hier 1,3 Millionen Tonnen Roggen geerntet. Im vergangenen Jahr war es mit 765.000 Tonnen nur noch knapp die H\u00e4lfte. <\/p>\n<p>Der Grund f\u00fcr den drastischen R\u00fcckgang war der Wegfall der Roggenaufk\u00e4ufe durch die Europ\u00e4ische Union, sagt Udo Folgart. Der Agraringenieur ist Pr\u00e4sident des <a href=\"http:\/\/www.lbv-brandenburg.de\/\" >Landesbauernverbandes Brandenburg<\/a> und einer der drei Experten der Podiumsdiskussion.<\/p>\n<p>&#8220;Bis vor zwei Jahren wurde in Deutschland deutlich mehr Roggen als ben\u00f6tigt angebaut und als Vorrat eingelagert. Im Jahr 2004 ist die EU-F\u00f6rderung daf\u00fcr abgeschafft worden. Das Getreide durfte nicht mehr eingelagert werden. Pl\u00f6tzlich war Roggen auf dem Markt im \u00dcberhang da&#8221;, so Folgart. Folge: die Bauern verkleinerten die Anbaufl\u00e4che f\u00fcr Roggen.<\/p>\n<p><b>Roggen ist wie geschaffen f\u00fcr M\u00e4rkischen Sand<\/b><\/p>\n<p>Dabei ist Roggen die Getreideart Brandenburgs, so Folgart. &#8220;Roggen stellt geringe Anspr\u00fcche an Boden, an das Wasserangebot und an die Temperatur. Damit ist der Roggen pr\u00e4destiniert f\u00fcr den M\u00e4rkischen Sand. Wir haben viel getestet, wie wir die Fruchtfolgen auf den \u00c4ckern gestalten k\u00f6nnen, aber kein Produkt hatte solch ein Ertragspotenzial wie der Roggen.&#8221; <\/p>\n<p>Der Ertrag stimmt zwar, nur der Absatz nicht. Nicht mehr. Von den Bauern wird Roggen nicht mehr so h\u00e4ufig als Futtermittel eingesetzt und auch der Verzehr von Roggenbrot und -br\u00f6tchen ist in den letzten 40 Jahren stark zur\u00fcckgegangen. Nur noch 16 Prozent aller Brot- und Br\u00f6tchensorten bestehen heute aus Roggenmehl. <\/p>\n<p>Dabei schmeckt Roggenbrot aromatischer, macht l\u00e4nger satt, ist ges\u00fcnder und h\u00e4lt sich l\u00e4nger frisch, sagt Peter Kretschmer. Der Lebensmitteltechnologe, bekannt als Erfinder der Tempo-Linsen, arbeitet am <a href=\"http:\/\/www.igv-gmbh.de\/\" >Institut f\u00fcr Getreideverarbeitung<\/a> in Bergholz Regbr\u00fccke. Dort hat er ein neues Mehlbehandlungsverfahren entwickelt. <\/p>\n<p>Mit &#8220;Rogginello\u00e2&#8221;, einem behandelten Roggenmehl, ist es m\u00f6glich, Backwaren aus Roggen ohne den Einsatz von Sauerteig herzustellen. Dadurch k\u00f6nnen jetzt Brot und Kuchen hergestellt werden, die man bisher wegen des Sauerteiggeschmacks nur aus Weizen produzieren konnte. <\/p>\n<p>Wie gut Muffins oder Ciabatta schmecken, davon konnten sich die Zuh\u00f6rer im Anschluss der Podiumsdiskussion bei einer Verkostung \u00fcberzeugen. Dar\u00fcber hinaus erforscht Kretschmer wie man Roggen au\u00dfer als Lebensmittel noch verwenden kann. <\/p>\n<p><b>Roggenpflanzplatten verhindern Bodenerosion<\/b><\/p>\n<p>Dabei machen sich Kretschmer und seine Kollegen die Sch\u00e4umbarkeit des Roggens zu Nutze. &#8220;Bei diesem Prozess wird der Roggen zuerst gemahlen, dann mit Wasser, Kalk und Mineralstoffen versetzt. Daraus wird ein Schaum gemacht&#8221;, erkl\u00e4rt Kretschmer. &#8220;In diesem Zustand lassen sich gut andere Materialien untermischen. Holzfasern wie Kokos oder Fichte zum Beispiel. Daraus entsteht dann ein Teigband. In dieses werden kleine L\u00f6cher gestanzt und Vertiefungen gedr\u00fcckt. Dann wird dieses Band in einem speziellen Verfahren aufgeschlossen und getrocknet.&#8221; <\/p>\n<p>Die so genannten Roggenfaserplatten sind nicht nur \u00e4u\u00dferst robust, sondern auch in der Lage 15 Liter Wasser pro Quadratmeter aufzunehmen. Genutzt werden die Platten vor allem an schr\u00e4gen Fl\u00e4chen, um die Wasser- und Winderosion zu verhindern. &#8220;Dazu werden die Platten in den Boden eingebracht und anschlie\u00dfend in die Vertiefungen Gr\u00e4sersamen gepflanzt. Diese durchwurzeln die Platten und verankern sie damit fest im Boden&#8221;, so Kretschmer. Eine weitere Erosion des Bodens wird damit verhindert. Es funktioniert, sagt der Forscher. In Brandenburger Erde, aber auch in extremen Lagen wie auf der Zugspitze, in Tunesien, Taiwan oder Zypern.<\/p>\n<p><b>Handygeh\u00e4use oder H\u00fcftgelenke aus Roggen?<\/b><\/p>\n<p>Aus Roggen scheint sich fast alles herstellen zu lassen. Handygeh\u00e4use oder H\u00fcftgelenke aus Roggen mag f\u00fcr manch einen abwegig klingen, nicht aber f\u00fcr Dr. Joachim Venus. Er ist Bioverfahrenstechniker am <a href=\"http:\/\/www.atb-potsdam.de\/\" >Institut f\u00fcr Agrartechnik Bornim<\/a>. Venus interessiert vor allem der hohe St\u00e4rkegehalt des Roggens, immerhin 60 Prozent. Aus dieser St\u00e4rke lassen sich in einem mehrstufigen Verfahren Kunststoffe herstellen. &#8220;Dazu muss der Roggen zuerst geschrotet und mit Wasser versetzt werden. Anschlie\u00dfend kommen Bakterien hinzu, die den st\u00e4rkehaltigen Schrotbrei letztendlich zu Milchs\u00e4ure umwandeln&#8221;, sagt Venus. <\/p>\n<p>Milchs\u00e4ure ist Ausgangsmaterial f\u00fcr Kunststoffe. &#8220;In entsprechend hoher Konzentration, unter Druck, hohen Temperaturen und durch chemische Katalysatoren entsteht aus der fl\u00fcssigen Milchs\u00e4ure ein Kunststoff&#8221;, erkl\u00e4rt Venus. Ziel des Verfahrens ist es, dass traditionelle Rohstoffe zur Kunststoffgewinnung das Erd\u00f6l ersetzen. Der Vorrat daran wird allm\u00e4hlich knapp. <\/p>\n<p>Nicht so der Roggen. Ein weiterer Vorteil der auf St\u00e4rke basierenden Kunststoffe: Da sie aus nat\u00fcrlichen Rohstoffen hergestellt wurden, sind sie biologisch abbaubar. Wie schnell das passiert, l\u00e4sst sich durch Zugabe anderer Stoffe beeinflussen. <\/p>\n<p><b>OP-F\u00e4den aus Roggen, die sich von selbst aufl\u00f6sen<\/b><\/p>\n<p>Ein wichtiger Markt: Die Verpackungsindustrie. Handygeh\u00e4use oder H\u00fcftgelenke aus Roggen sind vielleicht noch Zukunftsphantasien, aber bereits jetzt werden Pflanzt\u00f6pfe und Pflanzfolien aus Roggen eingesetzt, die sich in der Erde selbst\u00e4ndig abbauen. <\/p>\n<p>&#8220;Oder denken sie an den medizinischen Bereich. Dort werden Wunden bereits mit F\u00e4den aus st\u00e4rkehaltigen Fasern vern\u00e4ht, die durch k\u00f6rpereigene Enzyme oder Mikroorganismen abgebaut werden. Man stellt die Eigenschaften dieses Kunststofffadens dann so ein, dass er sich nach acht, zehn, zw\u00f6lf Wochen, je nachdem wie lange er seine Funktion erf\u00fcllen muss, der Faden im K\u00f6rper verbleibt und sich danach von selbst aufl\u00f6st.&#8221;<\/p>\n<p>Doch die Roggenst\u00e4rke l\u00e4sst sich nicht nur zu Kunstfasern umwandeln, sondern auch zu Alkohol. Den meisten in Form von Korn oder Wodka bekannt, im Fachjargon Bioethanol genannt. Der l\u00e4sst sich wiederum als Treibstoff oder Treibstoffzusatz verwenden. <\/p>\n<p>In Schwedt, auf dem Gel\u00e4nde der PCK-Raffinerie, ist vor zwei Jahren eine der gr\u00f6\u00dften Bioethanolanlagen Deutschlands entstanden. Im Prinzip ist sie nichts anderes als eine \u00fcberdimensionale Schnapsbrennerei. Der Roggen wird gemahlen, und mit Wasser vermischt. Die entstandene Maische wird anschlie\u00dfend vergoren und zu Alkohol destilliert. Damit k\u00f6nnen Autos schon heute fahren. In Brasilien, dem gr\u00f6\u00dften Hersteller von Bioethanol in der Welt, fahren bisher die meisten Ethanolautos.<\/p>\n<p>Und der Roggen ist noch vielseitiger. Unter anderem als Baumaterial zur W\u00e4rme- und Schallisolierung, zur Erzeugung von Biogas oder als Rohstoff f\u00fcr Biomasseverfeuerungen. Er bietet noch mehr Verwendungsm\u00f6glichkeiten, da ist sich Peter Kretschmer sicher: &#8220;Der Roggen hat uns l\u00e4ngst noch nicht all seine Geheimnisse preis gegeben.&#8221;<\/p>\n<p><b>Podium<\/b><\/p>\n<ul>\n<li>Dipl.-Ing. agr. Udo Folgart, Pr\u00e4sident des Landesbauernverbandes Brandenburg e.V. <\/li>\n<li>Dipl.-Ing. Peter Kretschmer, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Biotechnologie, IGV Institut f\u00fcr Getreideverarbeitung GmbH, Bergholz Rehbr\u00fccke<\/li>\n<li>Dr.-Ing. Joachim Venus, Abteilung Bioverfahrenstechnik, Institut f\u00fcr Agrartechnik Bornim e.V. (ATB)\n<p><b>Moderation<\/b><br \/>Thomas Prinzler, Wissenschaftsredaktion rbb Inforadio<\/p>\n<p>Der Treffpunkt WissensWerte ist eine Veranstaltung der TSB Technologiestiftung Berlin, rbb Inforadio und der Technologie Stiftung Brandenburg in Kooperation mit dem Brandenburger Ern\u00e4hrungsnetzwerk BEN.<\/p>\n<p>Die Veranstaltung wurde aufgezeichnet und am 11.6.2006, um 9.22 Uhr im Programm von rbb Inforadio 93,1 gesendet. <\/p>\n<p><b>Weitere Informationen:<\/b> <a href=\"http:\/\/www.technologiestiftung-berlin.de\/index.php\/news\/2368.html\" >http:\/\/www.technologiestiftung-berlin.de\/index.php\/news\/2368.html<\/a> <\/p>\n<p>(Vgl. Meldungen vom <a href=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/roggen-heute-brot-morgen-kleidung-und-farbe\/\" >2006-05-30<\/a>, <a href=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/nova-berblick-energie-pflanzen-ausgabe-32005\/\" >2005-09-30<\/a> und <a href=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/roggen-aus-der-uckermark-begruent-dubais-wueste\/\" >2002-03-02<\/a>.)<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Brandenburg ist der gr&ouml;&szlig;te Roggenproduzent Deutschlands. Im vergangenen Jahr wurden hier mehr als 765.000 Tonnen Roggen geerntet. Doch die Beliebtheit des Getreides ist gesunken. 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