{"id":90673,"date":"2021-06-22T07:26:00","date_gmt":"2021-06-22T05:26:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=90673"},"modified":"2021-06-18T12:28:29","modified_gmt":"2021-06-18T10:28:29","slug":"alte-textilien-aus-pilzen-entdeckt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/alte-textilien-aus-pilzen-entdeckt\/","title":{"rendered":"Alte Textilien aus Pilzen entdeckt"},"content":{"rendered":"\n\n\n<p>F\u00fcr Unternehmen, die aus organischen Stoffen Gebrauchsprodukte herstellen, er\u00f6ffnet sich eine neue Perspektive: Aus Pilzen lassen sich n\u00e4mlich robuste, nachhaltige Alternativen zu Plastik und Leder fertigen. Eine j\u00fcngst gemachte Entdeckung legt nun \u00fcberdies nahe, dass die Ureinwohner des amerikanischen Kontinents bereits vor mindestens einem Jahrhundert Pilztextilien produzierten. Ein Forscherteam um Robert Blanchette von der University of Minnesota ver\u00f6ffentlichte in der Fachzeitschrift <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/00275514.2020.1858686?journalCode=umyc20\" target=\"_blank\">\u00bbMycologia\u00ab<\/a> zwei Wandtaschen, die eine Frau der indigenen Tlingit in Alaska 1903 aus Pilzen hergestellt hatte. Bei den beiden Taschen handelt es sich um ungef\u00e4hr handgro\u00dfe Beh\u00e4lter, in denen sich an der Wand aufgeh\u00e4ngt allerlei Haushaltsgegenst\u00e4nde aufbewahren lie\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Nachrichten \u00fcber Pilztextilien sind auch aus Europa \u00fcberliefert, aber \u00bbsoweit ich wei\u00df, ist dies die erste dokumentierte Nutzung des Materials in Nordamerika\u00ab, sagt Nancy Turner, Ethnobotanikerin an der kanadischen University of Victoria, die nicht an der Studie beteiligt&nbsp;war.<\/p>\n\n\n\n<p>Koautorin Deborah Tear Haynes stie\u00df auf die Artefakte, als sie die Sammlungsdokumentation am Hood Museum of Art des Dartmouth College in Hanover (New Hampshire) beaufsichtigte. Der urspr\u00fcngliche Besitzer der Taschen hatte diese mit folgender Notiz beschriftet: \u00bbEin Paar Pilztaschen. Hochzeitsgeschenk von indianischen Nachbarn.\u00ab Haynes war neugierig ob der Richtigkeit dieser Angabe. Jahrelang tauschte sie sich immer wieder mit Experten aus, doch keiner hatte je von Pilztextilien geh\u00f6rt. Zudem stie\u00dfen ihre Anfragen auf wenig Interesse. \u00bbIch lie\u00df aber nicht locker, weil ich unbedingt herausfinden wollte, woraus diese Dinge gemacht waren\u00ab, sagt&nbsp;sie.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Myzel ist z\u00e4h wie Leder<\/h3>\n\n\n\n<p>Haynes untersuchte daher die Taschen im Elektronenrastermikroskop. In den Aufnahmen lie\u00dfen sich Myzelien erkennen&nbsp;\u2013 also die verschlungenen, fadenf\u00f6rmigen Zellen eines Pilzes, die beispielsweise Erde oder Holz durchdringen und dicke Matten ausbilden k\u00f6nnen. Derartige Strukturen sind robust, geschmeidig und haltbar. \u00bbMan kann sie nicht mit den H\u00e4nden zerrei\u00dfen, sie sind wie Leder\u00ab, sagt Robert Blanchette.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Forstpathologe verglich das Myzel mit den Beschreibungen heutiger Pilzarten und stellte fest: Die Taschen wurden aus dem Agarikon-Pilz hergestellt <em>(Laricifomes officinalis)<\/em>. Dabei handelt es sich um eine Art aus dem Reich der Fungi, die B\u00e4ume bef\u00e4llt und zerst\u00f6rt. Allerdings gibt es den Agarikon zunehmend seltener, da er zusammen mit den alten W\u00e4ldern im Westen der USA verschwindet. \u00bbDieser Pilz war f\u00fcr die Ureinwohner von gro\u00dfer Bedeutung. Er wurde entlang der gesamten pazifischen Nordwestk\u00fcste f\u00fcr medizinische und spirituelle Zwecke genutzt\u00ab, sagt Blanchette. Wie aus der medizinischen Anthropologie bekannt, verwendete das Volk der Spokan im US-Bundesstaat Washington Matten aus Agarikon, um damit Kinderwiegen auszulegen und Windelausschlag zu unterbinden. Zudem gibt es Berichte von Holzf\u00e4llern aus dem 20.&nbsp;Jahrhundert, dass sie mit dem Pilz Wunden versorgten. Die alten Griechen verwendeten ihn vermutlich zur Behandlung von Tuberkulose. Neuere Studien deuten darauf hin, dass Agarikon-Extrakte antibakterielle und antivirale Eigenschaften haben. In Tierversuchen lie\u00df sich zeigen, dass <em>Laricifomes officinalis<\/em> <a href=\"https:\/\/www.frontiersin.org\/articles\/10.3389\/fphar.2020.01202\/full\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">wom\u00f6glich bei der Behandlung bestimmter Krebsarten wirksam sein k\u00f6nnte<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbEs gibt wahrscheinlich noch mehr Belege f\u00fcr die Verwendung dieses Materials&nbsp;\u2013 wom\u00f6glich in weiteren Museen und Sammlungen\u00ab, sagt Turner. Derzeit produziert kein Biotextil-Unternehmen Stoffe aus Agarikon-Myzel. Blanchette zufolge lie\u00dfe sich die seltene Spezies aber im Labor kultivieren und so zu einer rentablen Textilalternative f\u00f6rdern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr Unternehmen, die aus organischen Stoffen Gebrauchsprodukte herstellen, er\u00f6ffnet sich eine neue Perspektive: Aus Pilzen lassen sich n\u00e4mlich robuste, nachhaltige Alternativen zu Plastik und Leder fertigen. Eine j\u00fcngst gemachte Entdeckung legt nun \u00fcberdies nahe, dass die Ureinwohner des amerikanischen Kontinents bereits vor mindestens einem Jahrhundert Pilztextilien produzierten. 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