{"id":90033,"date":"2021-04-22T08:55:20","date_gmt":"2021-04-22T06:55:20","guid":{"rendered":"https:\/\/news.bio-based.eu\/?p=87376"},"modified":"2021-09-09T19:32:07","modified_gmt":"2021-09-09T17:32:07","slug":"bei-welchen-kunststoffprodukten-ist-der-biologische-abbau-eine-sinnvolle-end-of-life-option","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/bei-welchen-kunststoffprodukten-ist-der-biologische-abbau-eine-sinnvolle-end-of-life-option\/","title":{"rendered":"Bei welchen Kunststoffprodukten ist der biologische Abbau eine sinnvolle End-of-Life-Option?"},"content":{"rendered":"<p>In der EU gelangen mehrere Millionen Tonnen Kunststoffe in die Umwelt. In die Natur, in Gew\u00e4sser, in den Kompoststrom \u2013 jedes Jahr, ungehindert. Einmal dort gelandet, ist eine R\u00fcckf\u00fchrung in den Recyclingstrom oft nahezu unm\u00f6glich: zu kleinteilig, unauffindbar, zu aufwendig. Aber es gibt auch Kunststoffprodukte, die selbst bei korrekter Anwendung in der Natur, in Gew\u00e4ssern oder im Kompost landen, die es erst gar nicht ins Recycling schaffen. Und mit vielen davon haben wir tagt\u00e4glich zutun. Man denke an Kosmetikprodukte, Teebeutel, Kaugummi oder Aufkleber auf Obst und Gem\u00fcse.<\/p>\n<p>W\u00e4re hier der Einsatz von biologisch abbaubaren Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen eine sinnvolle Option? Kritiker bezweifeln, dassder biologische Abbau \u00fcberhaupt Nutzen bringt und setzen auf umfassende Reduzierung, Sammlung und Recycling von Kunststoffprodukten. Sie bef\u00fcrchten zudem, dass biologisch abbaubare Produkte VerbraucherInnen dazu verleiten k\u00f6nnten, die Produkte in der Umwelt zu entsorgen.<\/p>\n<p><span style=\"color: #ff6600;\">Bildmaterial und PDF-Dateien in Deutsch und Englisch sind hier verf\u00fcgbar:\u00a0<a style=\"color: #ff6600;\" href=\"http:\/\/nova-institute.eu\/press\/?id=256\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.nova-institute.eu\/press\/?id=256<\/a><\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-85509\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2021\/06\/BioSinn.png\" alt=\"BioSinn\" width=\"150\" height=\"40\" \/>Im Projekt \u201eBioSinn \u2013 Steckbriefe sinnvoller biologisch abbaubarer Produkte\u201c, welches durch das Bundesministerium f\u00fcr Ern\u00e4hrung und Landwirtschaft gef\u00f6rdert wurde (F\u00f6rderkennzeichen 2219NR197), wurde von Expertinnen und Experten des nova-Instituts aus H\u00fcrth bei K\u00f6ln untersucht, ob es Anwendungen und Produkte gibt, f\u00fcr die der biologische Abbau eine sinnvolle oder sogar die beste End-of-Life-Option darstellt. Dabei waren die Auswahlkriterien, dass das Einsammeln der Produkte (oder ihrer \u00dcberbleibsel), die Abtrennung der Produkte von sonstigem organischen Abfall oder ein stoffliches Recycling nicht m\u00f6glich, \u00f6konomisch nicht realisierbar ist bzw. in der Praxis nicht stattfindet. Weitere Kriterien waren, dass durch die Verwendung biologisch abbaubarer Materialien der Eintrag von Mikroplastik in die Umwelt vermieden werden kann oder dass durch die Verwendung biologisch abbaubarer Materialien indirekte positive Effekte, wie z. B. ein relevanter Sekund\u00e4rnutzen, erzielt werden kann.<\/p>\n<p>Expertinnen und Experten des nova-Instituts konnten zusammen mit dem Projektpartner Institut f\u00fcr Kunststofftechnik der Universit\u00e4t Stuttgart und einem Projekt-Beirat aus Vertretern der Industrie, Wissenschaft und Politik in mehreren Workshops auf dieser Basis 25 Anwendungen identifizieren, f\u00fcr die die biologische Abbaubarkeit eine gute oder sogar die beste End-of-Life-Option darstellt. Diese wurden von allen Seiten beleuchtet: in welchen Umgebungen verbleiben die Produkte genau? Gibt es bereits geeignete biologisch abbaubare Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen f\u00fcr diese speziellen Anforderungen? Wie sehen die marktwirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen aus?<\/p>\n<figure id=\"attachment_87472\" aria-describedby=\"caption-attachment-87472\" style=\"width: 582px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87472\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2021\/06\/21-04-22_Uebersicht_Marktvolumina_in_der_EU.jpg\" alt=\"Graphik: \u00dcbersicht der Marktvolumina von projektrelevanten Produkten wie Flockungshilfsmittel und Feuchtt\u00fcchern in der EU\" width=\"582\" height=\"327\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-87472\" class=\"wp-caption-text\">Projekt BioSinn: \u00dcbersicht der Marktvolumina von projektrelevanten Produkten in der EU<\/figcaption><\/figure>\n<p>Neben den Produkten, die von Endkonsumenten benutzt werden, wurden auch unbekanntere bzw. unscheinbare Anwendungen aufgedeckt, die einen gro\u00dfen Kunststoffeintrag in die Umwelt verursachen. Die Borsten der meisten st\u00e4dtischen Kehrmaschinen bestehen z. B. aus Kunststoff, der sich abnutzt und unwiederbringlich in der Umgebung verbleibt. Landwirtschaftliche Anwendungen wie Saatgutbeschichtung oder Flockungshilfsmittel, die im Kl\u00e4rschlamm enthalten sind, bestehen oft aus nicht biologisch abbaubaren Polymeren und werden systematisch in die B\u00f6den eingetragen. Oder Produkte in der Fischerei, die im Meer verloren gehen. Auch die Kompoststr\u00f6me k\u00f6nnen durch Kunststoffe verunreinigt werden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_87474\" aria-describedby=\"caption-attachment-87474\" style=\"width: 582px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-87474\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2021\/06\/21-04-22-Uebersicht_Marktvolumina_in_Deutschland.jpg\" alt=\"Graphik BioSinn: \u00dcbersicht der Marktvolumina von projektrelevanten Produkten in Deutschland\" width=\"582\" height=\"327\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-87474\" class=\"wp-caption-text\">BioSinn: \u00dcbersicht der Marktvolumina von projektrelevanten Produkten in Deutschland<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Ergebnis des Projektes ist eine Brosch\u00fcre f\u00fcr Entscheidungstr\u00e4ger aus Industrie und Politik aber auch f\u00fcr die breite \u00d6ffentlichkeit, mit 25 Produktsteckbriefen und umfangreicher Hintergrundinformation zum Thema biologischer Abbau. F\u00fcr jedes Produkt wird erkl\u00e4rt, inwiefern der biologische Abbau eine sinnvolle und machbare Option ist und welche technischen Substitutionsm\u00f6glichkeiten es f\u00fcr einen nachhaltigeren Materialeinsatz gibt. Zudem wurden politische Rahmenbedingungen und Regularien beleuchtet und produktspezifisch ausgewertet. Erstmalig wurden auch die Marktvolumina f\u00fcr Deutschland und die EU erhoben und abgesch\u00e4tzt. Das Gesamtvolumen der 25 Anwendungen liegt in Deutschland bei rund 170.000 Tonnen und in der Europ\u00e4ischen Union sogar bei etwa 1 Million Tonnen (siehe Grafik), von denen der gr\u00f6\u00dfte Anteil in die Umwelt gelangt. Hier w\u00fcrde der Einsatz biologisch abbaubarer Materialien erhebliche Umweltvorteile bringen.<\/p>\n<p>Ein Projektziel war, Potenziale f\u00fcr biologisch abbaubare Kunststoffe aufzuzeigen, die bisher oft \u00fcbersehen wurden. Die \u00f6ffentliche Debatte dreht sich zu gro\u00dfen Teilen um Verpackungen, diese k\u00f6nnen und sollten jedoch in aller Regel eingesammelt und recycelt werden. BioSinn konzentrierte sich daher gerade auf solche Anwendungen, bei denen die Sammlung in der Praxis nicht oder kaum m\u00f6glich ist. So liegt das Volumen bei Anwendungen in der Landwirtschaft durch Flockungshilfsmittel im Kl\u00e4rschlamm, Saatgutbeschichtung, Tr\u00e4gerpolymere f\u00fcr Pestizide und Mulchfolien besonders hoch.<br \/>\nF\u00fcr 24 der 25 Anwendungen konnten biologisch abbaubare Substitute f\u00fcr die derzeit verwendeten Materialien gefunden werden. Nur bei einer Anwendung ist das nicht gelungen, beim Schmutzradierer. Hier gibt es bislang keine nachhaltige Alternative mit denselben Eigenschaften. Wer Mikroplastik vermeiden will, muss auf dieses Produkt verzichten.<\/p>\n<p>Oft sind die alternativen Produkte teurer, aber vor allem meist am Markt wenig bekannt oder schlecht verf\u00fcgbar. Oft fehlt den Anwendern und Verbrauchern auch das Bewusstsein um die Problematik und Alternativen. So ist VerbraucherInnen meist nicht bewusst, dass konventionelles Kaugummi aus Plastik besteht oder dass Feuchtt\u00fccher einen hohen Kunststoffanteil haben, um ihre Festigkeit zu bekommen. In beiden F\u00e4llen bleiben Kunststoffe in der Umwelt, die nicht biologisch abgebaut werden. Die aktuelle Gesetzgebung und bestehende Standards stellen oft noch Hindernisse f\u00fcr die st\u00e4rkere Markteinf\u00fchrung biologisch abbaubarer Produkte in entsprechenden Anwendungen dar, es fehlen die politischen Leitplanken. Dabei k\u00f6nnten in vielen F\u00e4llen spezifische politische Ma\u00dfnahmen eine erhebliche Wirkung erzielen und M\u00e4rkte f\u00fcr Alternativen \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Michael Carus, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des nova-Instituts, fasst die Ergebnisse des Projektes BioSinn zusammen: <em>\u201eAm Anfang des Projektes stand eine Frage: K\u00f6nnte es Anwendungen geben, bei denen der biologische Abbau die beste End-of-Life-Option darstellt, weil z. B. ein Einsammeln und Recyceln nicht praktizierbar ist? Im Projekt konnten 25 solche Anwendungen gefunden und analysiert werden. Es hat \u00fcberrascht, dass diese Anwendungen in der Europ\u00e4ischen Union ein Gesamtvolumen von 1 Million Tonnen aufweisen \u2013 und das meiste davon gelangt heute noch in Form nicht biologisch abbaubare Makro- und Mikroplastik in die Umwelt. Hier k\u00f6nnte durch biologisch abbaubare Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen erheblich Umweltentlastungen erzielt werden. Wir hoffen, dass unser umfassender Bericht mit 25 Steckbriefen sowohl das Bewusstsein f\u00fcr die Problematik und die Substitutionsm\u00f6glichkeiten deutlich erh\u00f6ht, als auch entsprechende politische Ma\u00dfnahmen anregen wird.<\/em>\u201c<\/p>\n<p>Ende April, nach eineinhalb Jahren Projektlaufzeit, einem Workshop in K\u00f6ln sowie zwei Online-Workshops endet das Projekt mit zwei Online-Abschlusskonferenzen, auf denen die Ergebnisse vorgestellt werden. Aufgrund des gro\u00dfen internationalen Interesses werden die Konferenz sowie auch der Abschlussbericht sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch angeboten. Der vollst\u00e4ndige Bericht ist frei verf\u00fcgbar unter: <a href=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/publications\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.renewable-carbon.eu\/publications\/<\/a><\/p>\n<p>Abschlusskonferenz BioSinn (Deutsch): 28.04.2021<br \/>\nAbschlusskonferenz BioSinn (Englisch): 30.04.2021<\/p>\n<p>Eine Anmeldung ist m\u00f6glich \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.nova-institute.eu\/biosinn\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.nova-institute.eu\/biosinn<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>*Editorische Fu\u00dfnote vom 23. April 2021:<\/p>\n<p>In einer ersten Version der Pressemitteilung waren 140.000 t f\u00fcr Deutschland angegeben, das ist nicht richtig, es sind etwa 170.000 t.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der EU gelangen mehrere Millionen Tonnen Kunststoffe in die Umwelt. In die Natur, in Gew\u00e4sser, in den Kompoststrom \u2013 jedes Jahr, ungehindert. 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