{"id":90028,"date":"2021-04-22T07:43:56","date_gmt":"2021-04-22T05:43:56","guid":{"rendered":"https:\/\/news.bio-based.eu\/?p=87328"},"modified":"2021-06-18T19:41:06","modified_gmt":"2021-06-18T17:41:06","slug":"den-acker-doppelt-nutzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/den-acker-doppelt-nutzen\/","title":{"rendered":"Den Acker doppelt nutzen"},"content":{"rendered":"<p>Agriphotovoltaik schl\u00e4gt zwei Fliegen mit einer Klappe: Oben erzeugt die Photovoltaikanlage sauberen Strom und darunter gedeiht Gem\u00fcse oder Getreide. Pilotprojekte zeigen, dass hier ein riesiges Potenzial schlummert. Doch die Rahmenbedingungen in Deutschland stehen dem Einsatz im Wege.<\/p>\n<p>Eigentlich war das von der Politik so nicht vorgesehen: Als Manfred Guggenmos Mitte der 2000er Jahre Photovoltaikmodule auf die Kranschienen eines fr\u00fcheren Lagers montierte, merkte der Elektromeister und T\u00fcftler schnell, dass Pflanzen besonders gut im Schatten der Anlage wuchsen.<\/p>\n<p>Seither nutzt Guggenmos die Fl\u00e4che in Warmisried im Unterallg\u00e4u f\u00fcr den Anbau von Gem\u00fcse und Getreide. Kartoffeln, Weizen und Lauch hat er schon geerntet.<\/p>\n<p>Trotz der guten Erfahrungen des Elektrikers steckt hierzulande die Agro- oder Agriphotovoltaik noch in den Kinderschuhen. Dabei gibt es durchaus schon erste erfolgversprechende Ergebnisse aus Forschungsprojekten. Unl\u00e4ngst hat das Fraunhofer-Institut f\u00fcr Solare Energiesysteme (ISE) einen Leitfaden vorgelegt, in dem grundlegendes Wissen zur Technik zusammengetragen ist.<\/p>\n<p>Deutlichster Vorteil der Idee: Wird Ackerbau mit der Erzeugung von Solarstrom kombiniert, steigt die Effizienz der genutzten Fl\u00e4che. Schon im ersten Jahr nach der Installation einer Photovoltaikanlage konnte ein Projektkonsortium unter Leitung des Fraunhofer ISE nachweisen, dass die Landnutzungseffizienz auf 160 Prozent gestiegen war.<\/p>\n<p>Weil Ackerfl\u00e4chen durch die zunehmende Bebauung f\u00fcr neue Siedlungen und Stra\u00dfen immer knapper werden, versch\u00e4rft sich die Fl\u00e4chenkonkurrenz. Steigende Preise f\u00fcr Ackerboden sind die Folge. Die Agri-Photovoltaik k\u00f6nnte diese Konkurrenz entsch\u00e4rfen, weil Fl\u00e4chen doppelt genutzt werden.<\/p>\n<p>Dem Einsatz verschiedener Kulturpflanzen scheinen kaum Grenzen gesetzt zu sein: Beeren, Obst, Gem\u00fcse, Wein, Getreide oder Feldfutter wie Klee oder Luzerne lassen sich gut mit der Agri-PV kombinieren. Vor allem schattentolerante Pflanzen sind offensichtlich besonders geeignet.<br \/>\nIn trockenen Sommern steigt der Ertrag<\/p>\n<p>Auf einem Testfeld eines Demeterhofs im baden-w\u00fcrttembergischen Heggelbach wurden 2017 die Module \u00fcber den landwirtschaftlichen Fl\u00e4chen als eine Art Dach angebracht. Die Module k\u00f6nnen aber auch vertikal zwischen den Pflanzen installiert werden oder als sogenannte nachgef\u00fchrte Anlage, wie man es von Freifl\u00e4chen-Solaranlagen kennt. Noch gibt es kein Standard-System, das \u00fcberall eingesetzt werden kann.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst wenig \u00fcberraschend: Die Ertr\u00e4ge unter den Photovoltaikmodulen waren niedriger als auf der benachbarten Referenzfl\u00e4che ohne Solaranlage \u2013 bis zu 19 Prozent. Die Hoffnung der Landwirte, 80 Prozent der Ernte zu halten, wurde aber erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Doch schon im darauffolgenden Jahr war das anders: Im Hitze- und Trockensommer 2018 gab es bei Sellerie, Winterweizen und Kartoffeln ein Plus \u2013 die Fl\u00e4chen mit Photovoltaik erzielten h\u00f6here Ertr\u00e4ge als die Vergleichsfl\u00e4chen ohne PV.<br \/>\nAgriphotovoltaik weltweit<\/p>\n<p>2020 waren weltweit Agriphotovoltaik-Anlagen mit einer Kapazit\u00e4t von 2.800 Megawatt installiert, der Gro\u00dfteil davon in China. Dort gibt es wie auch in Japan, Frankreich, den USA und S\u00fcdkorea ein staatliches F\u00f6rderprogramm f\u00fcr Agri-PV.<\/p>\n<p>Der Schattenwurf der Solarpaneele kam den Pflanzen zugute, die Sonneneinstrahlung war geringer und in der Folge auch die Bodentemperatur. Unter den Modulen trocknete der Boden weniger schnell aus.<\/p>\n<p>Zudem beeinflussen Solarmodule auf dem Acker die r\u00e4umliche Verteilung von Niederschl\u00e4gen. Damit Regenwasser, das von der Kante eines Solarmoduls f\u00e4llt, die jungen Pflanzen nicht zerst\u00f6rt, werden h\u00e4ufig Regenrinnen angebracht. Vor allem f\u00fcr sehr trockene Regionen k\u00f6nnte die Regenwassergewinnung \u00fcber die Module interessant sein.<br \/>\nGesetze in Deutschland verhindern den Durchbruch<\/p>\n<p>Allerdings fehlt noch eine breite Datengrundlage f\u00fcr die Agri-PV. In Deutschland wurden neben dem Pilotprojekt in Heggelbach zwei weitere Agriphotovoltaikanlagen zu Forschungszwecken in Betrieb genommen. Doch die Daten einer hoch aufgest\u00e4nderten Agri-PV-Anlage lassen sich kaum auf andere Systeme \u00fcbertragen. Hier braucht es weitergehende Analysen.<\/p>\n<p>Das Potenzial der Technik ist aber enorm. Rechnerisch k\u00f6nnten hierzulande Anlagen mit einer Spitzenleistung von 1,7 Millionen Megawatt installiert werden, sch\u00e4tzt das ISE. Es m\u00fcsste also gar nicht die gesamte Landwirtschaftsfl\u00e4che mit Solaranlagen ausger\u00fcstet werden. Schon vier Prozent der deutschen Ackerfl\u00e4chen w\u00fcrden gen\u00fcgen, um bilanziell die f\u00fcr den deutschen Strombedarf insgesamt n\u00f6tigen rund 500.000 Megawatt zu erreichen.<\/p>\n<p>Technisch ist die Machbarkeit der Technologie belegt und auch wirtschaftlich scheint die Agri-PV erfolgversprechend. Doch die gesetzlichen Rahmenbedingungen verhindern hierzulande den gro\u00dfen Durchbruch des Stroms vom Acker.<\/p>\n<p>So kennen die Vorgaben in Deutschland keine gemeinsame Fl\u00e4chennutzung von Photovoltaik und Landwirtschaft. Durch den Bau einer solchen Anlage entfallen f\u00fcr diese Fl\u00e4chen Agrarsubventionen. Aber auch eine Einspeiseverg\u00fctung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz gibt es daf\u00fcr nicht.<\/p>\n<p>Immerhin hat die Bundesregierung Agriphotovoltaik-Projekte mit der j\u00fcngsten EEG-Novelle erstmals in die Ausschreibungen aufgenommen. Allerdings ist f\u00fcrs n\u00e4chste Jahr nur eine einmalige Ausschreibung \u00fcber 50 Megawatt vorgesehen, dabei muss die Agri-PV mit Solarstromanlagen \u00fcber Parkpl\u00e4tzen und mit schwimmenden Photovoltaik-Anlagen konkurrieren. Gro\u00dfe Fortschritte sind so kaum zu erwarten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Agriphotovoltaik schl\u00e4gt zwei Fliegen mit einer Klappe: Oben erzeugt die Photovoltaikanlage sauberen Strom und darunter gedeiht Gem\u00fcse oder Getreide. Pilotprojekte zeigen, dass hier ein riesiges Potenzial schlummert. Doch die Rahmenbedingungen in Deutschland stehen dem Einsatz im Wege. 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