{"id":88277,"date":"2021-05-18T07:42:38","date_gmt":"2021-05-18T05:42:38","guid":{"rendered":"https:\/\/news.bio-based.eu\/?p=88277"},"modified":"2021-06-18T19:29:02","modified_gmt":"2021-06-18T17:29:02","slug":"holzarchitektur-gegen-die-klimakrise-worauf-wir-bauen-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/holzarchitektur-gegen-die-klimakrise-worauf-wir-bauen-koennen\/","title":{"rendered":"Holzarchitektur gegen die Klimakrise: Worauf wir bauen k\u00f6nnen"},"content":{"rendered":"<p>Auf den ersten Blick steht da einfach ein Hochhaus. Ein Kasten eben, obendrauf eine Balkenkonstruktion, die mehrere Dachterrassen umrahmt. Ein bisschen fehl am Platz sieht der Mj\u00f8st\u00e5rnet vielleicht aus, \u00fcbersetzt \u201eTurm des Mj\u00f8sa-Sees\u201c. Er steht im 10.000-Seelen-Ort Brumunddal im S\u00fcdosten Norwegens, um ihn herum reihen sich Einfamilienh\u00e4user aneinander. Und B\u00e4ume. In der Region gibt es Forstwirtschaft.<\/p>\n<p>Und so ist es erst der zweite Blick, der offenbart, warum der Mj\u00f8st\u00e5rnet doch an seinen Standort passt. Der 18-st\u00f6ckige Gigant ist aus Holz gebaut. Mit seinen 85 Metern ist er sogar das h\u00f6chste Holzhaus der Welt, auch wenn es in mehreren L\u00e4ndern mittlerweile Pl\u00e4ne gibt, den Rekord zu brechen.<\/p>\n<p>Das Bauen mit Holz ist nicht neu, aber etwas aus der Mode gekommen. Eine Gruppe um den renommierten Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber plant das gro\u00dfe Comeback \u2013 f\u00fcr den Klimaschutz. Die rund 20 Personen, darunter auch der Chef des Umweltbundesamts Dirk Messner und die Architektin Annette Hillebrandt, haben ein Unternehmen gegr\u00fcndet, das sie in Anlehnung an die revolution\u00e4re Designbewegung des Architekten Walter Gropius \u201eBauhaus der Erde\u201c nennen.<\/p>\n<p>Um falsche Bescheidenheit bem\u00fcht sich die Gruppe gar nicht erst. \u201eWir sehen uns als Speerspitze einer globalen Bewegung\u201c, sagt Schellnhuber. \u201eWir glauben, dass wir hier eine Welle ansto\u00dfen, die die gebaute Umwelt ver\u00e4ndern wird.\u201c<\/p>\n<p>Der Elefant im Klimaraum<br \/>\nN\u00f6tig w\u00e4re es durchaus. Etwa 40 Prozent der globalen CO2-Emissionen haben in irgendeiner Weise mit dem Bauen, Betreiben oder Abrei\u00dfen von Geb\u00e4uden zu tun. Da w\u00e4ren das Heizen und das K\u00fchlen w\u00e4hrend der Nutzung, die Abrissbirne \u2013 aber eben auch die Unmengen von Energie, die im Zuge der Herstellung von Stahl, Beton oder Glas n\u00f6tig sind. \u201eDas ist bisher als Elefant im Klimaraum, wie ich das gerne nenne, \u00fcbersehen worden\u201c, meint Schellnhuber.<\/p>\n<p>Das Bauwesen ist beispielsweise auch der einzige Sektor, in dem Deutschland sein selbst gesetztes Klimaziel f\u00fcr das vergangene Jahr nicht geschafft hat. Bundesbauminister Horst Seehofer (CSU) muss deshalb dem Klimaschutzgesetz zufolge ein Sofortprogramm zum Gegensteuern vorlegen.<\/p>\n<p>Die schlechte Klimabilanz des Sektors im vergangenen Jahr hatte zwar auch mit Corona zu tun, weil viele Menschen oft zu Hause waren und mehr geheizt haben. Der deutsche Expertenrat f\u00fcr Klimafragen, der gem\u00e4\u00df dem Klimaschutzgesetz die Entwicklung der deutschen Emissionen analysiert, warnte aber k\u00fcrzlich: Auch ohne Sondereffekte wie die Pandemiefolgen ist es in den kommenden Jahren zu erwarten, dass Deutschland seine eigenen CO2-Grenzwerte f\u00fcr das Bauwesen nicht einh\u00e4lt \u2013 wenn sich nichts \u00e4ndert.<\/p>\n<p>Das gilt jetzt erst recht, schlie\u00dflich hat die Bundesregierung k\u00fcrzlich die Anhebung ihrer Klimaziele verk\u00fcndet. Es gibt also Einiges zu tun bis zur Klimaneutralit\u00e4t, die die Bundesregierung f\u00fcr das Jahr 2045 festschreiben will. Klimaneutral zu sein bedeutet, h\u00f6chstens noch in einem Tempo Treibhausgase auszusto\u00dfen, dass sogenannte CO2-Senken wie B\u00e4ume, Moore und m\u00f6glicherweise auch Technologien sie vollst\u00e4ndig wieder aus der Atmosph\u00e4re herausziehen.<\/p>\n<p>Wohnen in der CO2-Senke<br \/>\nDer Clou beim Bauen mit Holz: Es hilft an beiden dieser Enden des Klimaschutzes. Es ist mit weniger Energieaufwand verbunden als die Nutzung von Stahl und Beton, senkt hier also die Emissionen. Es bindet aber auch Kohlenstoff in den Geb\u00e4uden \u2013 man wohnt also k\u00fcnftig in der CO2-Senke. \u201eDas ist ein ganz wichtiger Punkt\u201c, meint Schellnhuber. \u201eDer Schl\u00fcsselsektor bei dem allen ist: das Bauwesen.\u201c<\/p>\n<p>Es gibt auch Skepsis, zum Beispiel von Torsten Welle, dem wissenschaftlichen Leiter der Berliner Naturwald-Akademie. Er findet das Projekt \u201enicht ganz ungef\u00e4hrlich f\u00fcr den Wald\u201c. Nat\u00fcrlich sei die Verwendung von Holz eine gute Methode, um Kohlenstoff zu binden, aber nur dann, \u201ewenn es sehr langfristig eingesetzt wird, mindestens \u00fcber 100 Jahre\u201c, sagt Welle. Nur dann bilde das Bauholz einen Speicher zus\u00e4tzlich zu den nachwachsenden B\u00e4umen. \u201eDie enormen Mengen an Beton und Stahl, die international verbaut werden, k\u00f6nnen wir sowieso nur zu Bruchteilen mit Holz ersetzen\u201c, gibt er zu bedenken.<\/p>\n<p>Sinnvoller f\u00fcr den Klimaschutz sei daher generell die Reduktion von Emissionen und die Suche nach Technologien, um mineralische Baustoffe und Metalle klimaneutral herzustellen \u2013 etwa mit Wasserstoff als Reduktionsmittel in der Stahlproduktion und erneuerbaren Energien. Zudem sei ein Umdenken beim Bauen n\u00f6tig: \u201eWir d\u00fcrfen nicht Geb\u00e4ude leichtfertig abrei\u00dfen und neu bauen, wie das h\u00e4ufig geschieht, sondern m\u00fcssen sie so lange wie m\u00f6glich nutzen und erhalten.\u201c<\/p>\n<p>Es gelte die Regel: \u201eDer bestehende Wald ist der beste Speicher f\u00fcr Kohlendioxid\u201c, sagt Welle. Au\u00dferdem entst\u00fcnden bei einer verst\u00e4rkten Nutzung von Bauholz Zielkonflikte zwischen dem Klima- und dem Artenschutz oder den Funktionen des Waldes als Wasserspeicher und K\u00fchlanlage der Landschaft. Der Geograph f\u00fcrchtet bei einer stark steigenden Nachfrage nach Holz eine \u201eGoldgr\u00e4berstimmung\u201c bei den Waldbesitzern, die zu einer \u00dcbernutzung des Waldes f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Artenreiche Prim\u00e4rw\u00e4lder sch\u00fctzen<br \/>\nDiesen Einwand gegen Holz als Baustoff kennt man auch beim Bauhaus der Erde. \u201eAuf der Basis nachhaltiger Forstwirtschaft k\u00f6nnen organische Materialien produziert und im Baubereich genutzt werden\u201c, hei\u00dft es dort. Artenreiche Prim\u00e4rw\u00e4lder m\u00fcssten aber konsequent gesch\u00fctzt und von der Verwertung ausgenommen werden.<\/p>\n<p>Von einer Goldgr\u00e4berstimmung sind die Waldbesitzer in Deutschland sowieso weit entfernt. J\u00fcngst rief der Pr\u00e4sident des Deutschen Forstwirtschaftsrates, Georg Schirmbeck, sie gar zum \u201eS\u00e4gestreik\u201c auf, weil durch die hohe Nachfrage auf dem Weltmarkt die H\u00e4ndler zwar wieder gute Holzpreise erzielten, bei den Waldbesitzern aber nichts ankam. \u201eMit unserem Rohstoff werden Riesengewinne eingefahren, aber die Waldbauern profitieren kein St\u00fcck davon\u201c, wetterte Schirmbeck. \u201eWir werden regelrecht abgezockt von den wenigen Holzhandelskonzernen, die den Markt dominieren.\u201c<\/p>\n<p>In den Regionen, die w\u00e4hrend der vergangenen Jahre von D\u00fcrre, Unwettern und Insektenbefall betroffen waren, suchen die Waldbesitzer schon l\u00e4nger nach neuen Einkommensquellen. Sie brauchen Geld, um die Wiederaufforstung der zusammengebrochenen Best\u00e4nde zu finanzieren. Die Bundesministerien f\u00fcr Landwirtschaft und Umwelt sind derzeit damit beauftragt, Kriterien daf\u00fcr zu entwickeln, wie die Waldbesitzer f\u00fcr die \u00d6kosystemdienstleistungen \u2013 also etwa als Kohlendioxidspeicher und Reservoir f\u00fcr Biodiversit\u00e4t \u2013 ihres Eigentums bezahlt werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Der FSC, also die Siegelorganisation f\u00fcr nachhaltige Forstwirtschaft, will die F\u00f6rderung von \u00d6kosystemleistungen an ein bestimmtes Waldmanagement koppeln, das etwa den Wildbestand oder den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln umfasst. Ein Forst m\u00fcsste mindestens zehn \u00f6kologisch besonders wertvolle Biotopb\u00e4ume pro Hektar enthalten und nur 20 Prozent nicht heimische Baumarten, um f\u00f6rderf\u00e4hig zu sein, fordert der FSC. Durch eine j\u00e4hrliche Pr\u00fcfung m\u00fcsse sichergestellt werden, dass die Regeln auch eingehalten werden.<\/p>\n<p>Egal, ob als Produzent von Bauholz, Lebensraum f\u00fcr bedrohte Arten oder Senke f\u00fcr Kohlendioxid \u2013 die Anspr\u00fcche an den geschw\u00e4chten Wald von heute werden weiter zunehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf den ersten Blick steht da einfach ein Hochhaus. Ein Kasten eben, obendrauf eine Balkenkonstruktion, die mehrere Dachterrassen umrahmt. Ein bisschen fehl am Platz sieht der Mj\u00f8st\u00e5rnet vielleicht aus, \u00fcbersetzt \u201eTurm des Mj\u00f8sa-Sees\u201c. Er steht im 10.000-Seelen-Ort Brumunddal im S\u00fcdosten Norwegens, um ihn herum reihen sich Einfamilienh\u00e4user aneinander. Und B\u00e4ume. 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