{"id":86799,"date":"2021-04-06T07:41:20","date_gmt":"2021-04-06T05:41:20","guid":{"rendered":"https:\/\/news.bio-based.eu\/?p=86799"},"modified":"2021-06-18T19:48:31","modified_gmt":"2021-06-18T17:48:31","slug":"deutschlands-725-milliarden-euro-schatz-ist-in-gefahr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/deutschlands-725-milliarden-euro-schatz-ist-in-gefahr\/","title":{"rendered":"Deutschlands 725-Milliarden-Euro-Schatz ist in Gefahr"},"content":{"rendered":"<p>Sechs Milliarden Euro seien so allein durch die aktuellen Waldsch\u00e4den verloren gegangen, so eine Studie. Und das war erst der Anfang.<\/p>\n<p>Waldsterben, ein Thema der Achtziger? Wer das glaubt, muss heute nur in den Wald der Kindheit zur\u00fcckfahren. In das Heimatdorf im Westerwald \u2013 wo der alte gr\u00fcne Fichtenforst sich in eine braune Brachfl\u00e4che voller Baumst\u00fcmpfe verwandelt hat. Oder in den Nationalpark Harz, den Kiefernwald in Brandenburg oder im Hunsr\u00fcck: Kahle Baumgerippe ragen vielerorts in den Himmel, wo jahrzehntelang eine gr\u00fcne Walddecke war.<\/p>\n<p>Noch nie sind in Deutschland so schnell so viele B\u00e4ume abgestorben wie 2020, konstatiert auch der aktuelle Waldbericht der Bundesregierung. Der Wald ist in seinem schlechtesten Zustand seit Beginn der Erhebungen 1984. Drei D\u00fcrrejahre in Folge, der massive Borkenk\u00e4ferbefall, St\u00fcrme und Waldbr\u00e4nde haben nicht nur zum Absterben vor allem der Fichten gef\u00fchrt \u2013 auch die Laubb\u00e4ume leiden. Vier von f\u00fcnf B\u00e4umen haben lichte Kronen, darunter auch 80 Prozent der Eichen und 89 Prozent der Buchen.<\/p>\n<p>Rund 250.000 Hektar Wald \u2013 vor allem Fichtenforste \u2013 sind komplett abgestorben und m\u00fcssen wieder aufgeforstet werden. Damit geht es nicht nur dem deutschen Wald schlecht, auch die private und kommunale Forstwirtschaft leidet. Tats\u00e4chlich ist der Wald auch ein enormer Wirtschaftsfaktor. Pro Jahr werden in Deutschland, einem der waldreichsten Land der EU, rund 70 Millionen Kubikmeter Holz geschlagen. Das Gesch\u00e4ft mit dem Holz bringt laut Th\u00fcnen-Institut j\u00e4hrlich rund 8,5 Milliarden Euro in Deutschland ein.<\/p>\n<p>Preis f\u00fcr Fichtenholz ist um 35 Prozent eingebrochen<\/p>\n<p>Das aktuelle Waldsterben bringt derzeit auch Tausende Kommunen in Deutschland in Bedr\u00e4ngnis. Denn: Auf etwa einem Drittel der Staatsfl\u00e4che stehen B\u00e4ume, der Staat ist ein wichtiger Eigent\u00fcmer. Doch was lange eine stabile Einkommensquelle war, entpuppt sich nun als ein existenzielles Problem: Der Preis f\u00fcr Fichtenholz, einst die Basis der deutschen Forstindustrie, ist seit 2018 um 35 Prozent eingebrochen. Es ist so viel schadhaftes Fichtenholz am Markt, dass sich daf\u00fcr oft keine Abnehmer mehr finden.<\/p>\n<p>\u00bbAktuell ist die Rendite vieler deutscher Forstbetriebe sogar negativ. Dies liegt an den hohen Kosten der Waldschadensbeseitigung und den niedrigen Holzpreisen\u00ab, sagt Georg Kappen, Mitautor einer Studie zum globalen Wert der W\u00e4lder der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG). Mit anderen Worten: Das gesamte, auf Holzeinschlag basierende Gesch\u00e4ftsmodell, steht infrage.<\/p>\n<p>Kappen pl\u00e4diert daher f\u00fcr eine Neubewertung des Waldes. Vor dem Hintergrund des Waldsterbens sowie der Klima- und \u00d6kokrise des Planeten haben er und Kollegen in dieser Studie errechnet, wie viel der Wald global wirklich wert ist \u2013 und wie stark er aktuell an Wert verliert.<\/p>\n<p>Dabei hat Kappen nicht nur die Holzproduktionsleistung, sondern auch alle weiteren messbaren \u00d6kosystemleistungen des Waldes mit einberechnet. \u00bbDer Wald liefert als Wertbeitrag viel mehr als das Holz: Er bindet CO\u2082 aus der Atmosph\u00e4re, filtert Luft, speichert Wasser, ist Naherholungsgebiet. Und er liefert einen aktiven Beitrag zu Biodiversit\u00e4t und damit zur Stabilit\u00e4t vieler \u00d6kosysteme. Das sollte in zuk\u00fcnftigen Verg\u00fctungsmodellen honoriert werden\u00ab, sagt Kappen.<\/p>\n<p>Der deutsche Wald ist rund 725 Milliarden Euro wert<\/p>\n<p>Den umfassenden BCG-Berechnungen zufolge kommt der deutsche Wald damit auf einen Wert von rund 725 Milliarden Euro. F\u00fcr die Kalkulation wurden alle bezifferbaren \u00f6kologischen Faktoren des Waldes \u2013 vor allem die Klimaregulation als CO2-Speicher \u2013 sowie seine sozialen und kommerziellen Werte einberechnet.<\/p>\n<p>Auch die aktuellen Waldsch\u00e4den \u2013 rund zwei Prozent der deutschen Waldfl\u00e4che \u2013 hat BCG entsprechend errechnet: Sie liegen bei rund sechs Milliarden Euro. Und damit nur bei rund der H\u00e4lfte des Wertverlusts der gesch\u00e4digten Fl\u00e4che, weil auch abgestorbenes Holz CO\u2082 speichert und teils verwertet werden kann, so die Berechnung.<\/p>\n<p>Doch das k\u00f6nnte nur der Anfang sein. Laut BCG-Berechnungen k\u00f6nnte der Fl\u00e4chenschaden bis 2050 durch Trockenheit und Sch\u00e4dlinge wie den Borkenk\u00e4fer auf zehn Prozent des deutschen Waldes anwachsen. Der Wert des Waldes w\u00fcrde dadurch um 25 Milliarden Euro sinken.<\/p>\n<p>Die Politik hat den Ernst der Lage erkannt \u2013 theoretisch jedenfalls. Um den deutschen Wald zu retten, wurden seit 2019 von Bund und L\u00e4ndern sowie aus dem Konjunkturpaket insgesamt 1,5 Milliarden Euro zur Verf\u00fcgung gestellt \u2013 so viel wie nie zuvor. Mit dem Geld soll privaten und kommunalen Waldeigent\u00fcmern geholfen werden, die Sch\u00e4den im Wald zu beseitigen, diesen wieder aufzuforsten und an den Klimawandel anzupassen.<\/p>\n<p>Der Wald wird vor allem vom Totholz befreit<\/p>\n<p>Guckt man sich allerdings an, wohin das Geld geflossen ist, wird klar: Der \u00f6kologische Nutzen ist begrenzt. \u00bbBisher liegt der Fokus der Waldbesitzer vor allem auf der Bew\u00e4ltigung der Waldsch\u00e4den, daf\u00fcr wurde mehr Geld beantragt als vorgesehen war\u00ab, sagt eine Sprecherin des Bundeslandwirtschaftsministeriums (BMEL) auf Anfrage. Mit anderen Worten: Mit dem Geld wurde bislang vor allem Totholz aus den W\u00e4ldern ger\u00e4umt, erst in diesem Jahr erwartet das BMEL vermehrt Antr\u00e4ge zur Wiederaufforstung.<\/p>\n<p>Der zweite gro\u00dfe Batzen \u2013 rund 500 Millionen Euro aus dem Konjunkturpaket \u2013 geht in die sogenannte Bundeswaldpr\u00e4mie. Das Ministerium will damit eine \u00bbschnelle und unb\u00fcrokratische Hilfe f\u00fcr den Kommunal- und Privatwald\u00ab bieten. Bereits 4000 Kommunen h\u00e4tten hier einen Antrag gestellt, pro Hektar Waldbesitz bekommen sie je nach Nachhaltigkeitszertifizierung PEFC oder FSC 100 bis 120 Euro. Das BMEL will damit angeschlagenen Kommunen helfen und zugleich den \u00f6kologischen Waldumbau vorantreiben. \u00bbDas funktioniert \u2013 bereits jetzt ist die zertifizierte Fl\u00e4che aufgrund der Pr\u00e4mie um 550.000 Hektar angestiegen\u00ab, sagt die Sprecherin. Dies sei die doppelte Fl\u00e4che des Saarlands.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sechs Milliarden Euro seien so allein durch die aktuellen Waldsch\u00e4den verloren gegangen, so eine Studie. Und das war erst der Anfang. Waldsterben, ein Thema der Achtziger? Wer das glaubt, muss heute nur in den Wald der Kindheit zur\u00fcckfahren. 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