{"id":8560,"date":"2005-11-11T00:00:00","date_gmt":"2005-11-10T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bio-based.eu\/news\/index.php?startid=20051111-06n"},"modified":"2005-11-11T00:00:00","modified_gmt":"2005-11-10T22:00:00","slug":"unbestellte-aecker-sind-bei-teurem-rohoel-ein-anachronismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/unbestellte-aecker-sind-bei-teurem-rohoel-ein-anachronismus\/","title":{"rendered":"Unbestellte \u00c4cker sind bei teurem Roh\u00f6l ein Anachronismus"},"content":{"rendered":"<p><b>Die Europ\u00e4ische Union erstickt an ihren Agrarsubventionen, weil und obwohl sie seit Jahrzehnten \u00dcbersch\u00fcsse produziert. Biokraftstoffe bieten einen Ausweg aus dem unsinnigen Subventionssystem, meint Claus Sauter nachfolgend. Der Unternehmer und Betreiber von Produktionsanlagen f\u00fcr pflanzliche Kraftstoffe st\u00f6\u00dft jedoch auf vielerlei Vorbehalte und &#8211; gerade beim Bioethanol &#8211; auf un\u00fcberwindbare b\u00fcrokratische H\u00fcrden.<\/b><\/p>\n<p>Was hat Br\u00fcssel nicht alles unternommen, um die Agrar\u00fcbersch\u00fcsse in den Griff zu bekommen. Die EU-Kommission versucht seit Jahrzehnten den Markt zu regulieren und ihn in die Balance zu bringen: Fl\u00e4chenpr\u00e4mien, Stilllegungsprogramme oder die \u00dcbernahme der Getreide-, Trockenmilch-, Fleisch- und Alkohol\u00fcbersch\u00fcsse zu garantierten Mindestpreisen. Ohne Erfolg.<\/p>\n<p>St\u00e4ndig lagern in Deutschland mehrere Millionen Tonnen Getreide in staatlichen Interventionslagern, die Monat f\u00fcr Monat Millionen Euro verschlingen. Mit Exporterstattungen wird dieses Getreide schlie\u00dflich soweit herunter subventioniert, bis es auf dem Weltmarkt wettbewerbsf\u00e4hig ist.<\/p>\n<p>Knapp die H\u00e4lfte des EU-Haushaltes flie\u00dft in derartige Marktregulierung, und je gr\u00f6\u00dfer das Marktungleichgewicht zwischen Bedarf und Erzeugung im jeweiligen EU-Mitgliedsstaat ist, desto h\u00f6her die Subventionen. Genau das ist der Kern der aktuell wieder aufkeimenden Streitigkeiten innerhalb der EU. Frankreich profitiert am st\u00e4rksten vom Status quo und versucht Subventionsk\u00fcrzungen um jeden Preis zu verhindern.<\/p>\n<p><b>Europa produziert zu viel Agrarprodukte f\u00fcr den Nahrungsmittelbereich. Ein Luxusproblem, f\u00fcr das es ein perfektes Ventil gibt: Biokraftstoffe.<\/b><\/p>\n<p>Beim richtigen Einsatz pflanzlicher Kraftstoffe geht die L\u00f6sung des \u00dcberschussproblems mit positiven Klimaeffekten und zunehmender Unabh\u00e4ngigkeit von mineralischem Roh\u00f6l einher.<\/p>\n<p>Stilllegungsfl\u00e4chen, die f\u00fcr den Nahrungsmittelanbau nicht mehr ben\u00f6tigt werden, sind brachliegende Ressourcen. Sie sind nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df bei Roh\u00f6lpreisen von 60 $ je Barrel (158,99 l) und mehr. Was spricht dagegen diese Fl\u00e4chen f\u00fcr den Anbau von Energiepflanzen zu nutzen? Wieso sollten wir die Getreide\u00fcbersch\u00fcsse nicht zu Kraftstoffen verarbeiten?<\/p>\n<p>Genau diese Fragen haben sich Unternehmer Anfang 1990 gestellt. Seit 1994 befassen sie sich deshalb mit Biodiesel, seit 2001 auch mit Bioethanol. Unter dem Motto &#8220;agriculture for industry&#8221; verfolgen wir das Ziel, gro\u00dfvolumige industrielle Absatzkan\u00e4le f\u00fcr die landwirtschaftliche \u00dcberproduktion zu schaffen. W\u00e4hrend das beim Biodiesel inzwischen gut l\u00e4uft, bleibt Bioethanol ein Sorgenkind.<\/p>\n<p>Bioethanol wird mittlerweile in EU-Staaten und vor allem in Nord- und S\u00fcdamerika in erheblichen Mengen dem Benzin beigemischt. Dagegen kommt die Beimischung hierzulande nicht richtig voran.<\/p>\n<p>J\u00fcngst erkl\u00e4rte Dr. Klaus Picard, Pr\u00e4sident des Mineral\u00f6lwirtschaftsverbandes (MWV), eine fl\u00e4chendeckende Zumischung von Bioethanol werde es in Deutschland nicht geben. Es bleibt zu fragen: Warum blo\u00df?<\/p>\n<p>Die Mineral\u00f6lindustrie f\u00fchrt Dampfdruckanomalien bei der Zumischung von Ethanol zu Ottokraftstoff ins Feld, Probleme mit Wasser in ihren Systemen, den grunds\u00e4tzlich r\u00fcckl\u00e4ufigen Markt f\u00fcr Ottokraftstoff und Einschr\u00e4nkungen bei der Transportlogistik. Ohne diese Probleme n\u00e4her bewerten zu wollen, muss die Frage erlaubt sein, wie Mineral\u00f6lkonzerne andernorts, wo sie die Zumischung praktizieren, mit diesen Problemen umgehen?<\/p>\n<p>Bleibt es bei der Abwehrhaltung der Mineral\u00f6lwirtschaft, dann wird Bioethanol scheitern. Mittlerweile sind in Deutschland ca. 350 Mio. \u20ac in den Bau drei neuer Bioethanolanlagen investiert worden, die j\u00e4hrlich etwa 1,7 Mio. t Getreide zu rund 500.000 t Bioethanol verarbeiten k\u00f6nnten. Aber sie k\u00f6nnen ihren Betrieb nicht aufnehmen, solange die Zumischung zu Ottokraftstoff nicht gel\u00f6st ist. Ohne Direktzumischung wird es keine Ethanolproduktion in Deutschland geben.<\/p>\n<p><b>Branntweinsteuer des Fiskus macht Bioethanolerzeuger kaputt<\/b><\/p>\n<p>Und noch ein Schuh dr\u00fcckt gewaltig. Unverg\u00e4llter Bioethanol unterliegt dem Branntweinmonopol: die Branntweinsteuer betr\u00e4gt 13,03 \u20ac\/l. Als Kraftstoff kostet Bioethanol ca. 0,50 \u20ac\/l. Die Steuer entspricht also dem 26fachen Warenwert. Das Branntweinmonopolgesetz schreibt zur Sicherstellung der Branntweinsteuer zudem den Brennereien eine Sicherheitsleistung vor. Minimal sind das ein Zweiundsiebzigstel der Jahresproduktion mal Branntweinsteuer. <\/p>\n<p>F\u00fcr unsere Anlage in Schwedt, Brandenburg, mit 200.000 m<sup>3<\/sup> Alkohol Jahresproduktion bedeutet dies, dass wir im Minimum 36,2 Mio. \u20ac als Sicherheitsleistung zu zahlen h\u00e4tten. F\u00fcr Mittelst\u00e4ndler schier ein Riesenproblem. Aber das ist Gesetz und daran gibt es augenblicklich nichts zu r\u00fctteln.<\/p>\n<p>Der Bundesfinanzminister ist aufgefordert, industrielle Bioethanolanlagen zur Kraftstoffproduktion z\u00fcgig von den gigantischen Sicherheitsleistungen zu befreien. Ansonsten gehen die betroffenen mittelst\u00e4ndischen Unternehmen kaputt und damit auch die dortigen Arbeitspl\u00e4tze.<\/p>\n<p>Die sehr positiven politischen Signale in Deutschland und auf EU-Ebene zum Einsatz von Biokraftstoffen und wegen der weltweit guten Erfahrungen beim Einsatz von Bioethanol waren die genannten Probleme nicht zu erwarten. Es muss sich in den n\u00e4chsten Monaten zeigen, welcher Ausweg aus diesen Dilemmas gefunden werden kann. Die Politik spielt eine entscheidende Rolle bei der weiteren Ausgestaltung bzw. Entwicklung der Biokraftstoffproduktion in Deutschland.<\/p>\n<p>Das Klimaschutzpotenzial spielt in den Diskussionen um Biokraftstoffe eine wichtige Rolle. H\u00e4ufig wird dabei angef\u00fchrt, brasilianisches Ethanol schone das Klima &#8220;billiger&#8221;, weil es rund ein Drittel billiger produziert wird als europ\u00e4isches. Wenn es allein darum geht, den Kohlendioxidaussto\u00df zu reduzieren, dann ist es nat\u00fcrlich richtig. Tatsache ist aber auch, dass in S\u00fcdamerika sowohl unter anderen klimatischen Verh\u00e4ltnissen als auch Umweltbedingungen produziert wird als in Europa.<\/p>\n<p>In den Diskussionen sollten nicht \u00c4pfel mit Birnen verglichen werden. Bei dieser Argumentation m\u00fcssten wir konsequenterweise auch alle unsere Nahrungsmittel vom Weltmarkt beziehen, denn diese werden dort auch billiger produziert als bei uns. Damit k\u00e4men wir aber bei der Nahrungsmittelversorgung in die gleiche Abh\u00e4ngigkeit, die wir im Energiesektor schon haben. Man kann das Eine tun ohne das Andere zu lassen. Wir sollten vorhandene Ressourcen an nachwachsenden Rohstoffen und landwirtschaftlichen Fl\u00e4chen in Mitteleuropa weiterhin sinnvoll nutzen.<\/p>\n<p>Obwohl sie teurer sind als Billigimporte, macht hier erzeugter Biokraftstoff volkswirtschaftlich Sinn. Denn die Nutzung der Getreide\u00fcbersch\u00fcsse kommt die EU langfristig weit billiger als das bisherige Interventionspreissystem. Der neue Absatzmarkt f\u00fcr die Bauern kann den EU-Haushalt dauerhaft von Agrarsubventionen entlasten. Vor diesem Hintergrund sehen wir die Befreiung pflanzlicher Kraftstoffe von der Mineral\u00f6lsteuer \u00fcberhaupt nicht als Subventionierung &#8211; im Gegenteil. Biokraftstoff ist keine neue Subventionierung, sondern ein Ansatz vorhandene Subventionierungssysteme zu beseitigen und dazu beizutragen, dass der Agrarsektor wieder \u00fcber Angebot und Nachfrage zu fairen Preisen findet.<\/p>\n<p>Die faire Preisfindung f\u00fcr landwirtschaftliche Erzeugnisse wird aber von der EU und den USA auf dem Weltmarkt durch ihre Exportsubventionen verhindert. Vor jeder neuen Ernte verh\u00f6kern sie ihre \u00dcbersch\u00fcsse um jeden Preis am Weltmarkt &#8211; und f\u00fchren damit nicht zuletzt ihre Entwicklungshilfe f\u00fcr Agrarstaaten der Dritten Welt ad absurdum.<\/p>\n<p>Biokraftstoffe k\u00f6nnten Druck aus dem Markt nehmen. Denn mit jedem Dollar, den der \u00d6lpreis steigt, wird die Verwendung pflanzlicher Energietr\u00e4ger interessanter. Unsere Vorfahren haben Rohstoffe aus dem Boden genommen und verbrannt. Darin sind wir ihnen gefolgt. Doch heute bietet sich uns die Chance, neue Wege zu gehen. Ich bin der Meinung, die Energiegesellschaft des 21. Jahrhunderts sollte endlich damit anfangen &#8211; weltweit.<\/p>\n<p><b>Der 3. Internationale Fachkongress f\u00fcr Biokraftstoffe &#8220;Kraftstoffe der Zukunft 2005&#8221; findet am 14.\/15. November in Berlin statt. Veranstalter sind der Bundesverband BioEnergie und die Union zur F\u00f6rderung von Oel- und Proteinpflanzen. Infos im Internet: <a href=\"http:\/\/www.bioenergie.de\/\" >www.bioenergie.de<\/a>.<\/b><\/p>\n<p><b>Claus Sauter<\/b><br \/>hat sich in 15 Jahren im Bereich Bioenergie einen Namen gemacht. Der??Diplomkaufmann (39) re\u00fcssierte mit den Unternehmen der Sauter Gruppe, Obenhausen bei Ulm, und seiner Beteiligung an der Swiss BioEnergy AG, St. Gallen, u.a. beim Bau und Betrieb gro\u00dftechnischer chemischer Anlagen zur Produktion biogener Kraftstoffe und dem Handel mit Biodiesel und Bioethanol. <\/p>\n<p>Seit 2000 baute er in Sachsen-Anhalt und in Brandenburg vier Gro\u00dfanlagen. Begonnen hat es f\u00fcr Sauter 1990 mit der \u00dcbernahme der v\u00e4terlichen Firma, der Alois Sauter Landesproduktengro\u00dfhandlung GmbH &#038; Co, mit zehn Mitarbeitern. Heute arbeiten rund 400 Besch\u00e4ftigte in seinen Firmen, die 2004 insgesamt einen Umsatz von 350 Mio. \u20ac erwirtschafteten.<\/p>\n<p>(Vgl. Meldungen vom <a href=\"http:\/\/%2020051027-06\/\" >2005-10-27<\/a> und <a href=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/zoerbig-steht-still-schwierigkeiten-bei-bioethanol\/\" >2005-06-29<\/a>.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Die Europ&auml;ische Union erstickt an ihren Agrarsubventionen, weil und obwohl sie seit Jahrzehnten &Uuml;bersch&uuml;sse produziert. 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