{"id":83813,"date":"2021-01-15T07:32:10","date_gmt":"2021-01-15T06:32:10","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=83813"},"modified":"2021-01-12T14:31:28","modified_gmt":"2021-01-12T13:31:28","slug":"rezension-biooekonomie-weltformel-oder-brandbeschleuniger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/rezension-biooekonomie-weltformel-oder-brandbeschleuniger\/","title":{"rendered":"Rezension \u201eBio\u00f6konomie. Weltformel oder Brandbeschleuniger?\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Das dritte Heft der Zeitschrift \u201epolitische \u00f6kologie\u201c im Jahr 2020 bietet sowohl Kritik an der Bio\u00f6konomie als auch verschiedene Ans\u00e4tze, wie Bio\u00f6konomie tats\u00e4chlich nachhaltig zum Klimaschutz beitragen kann. Das Heft bietet zahlreiche informative Beitr\u00e4ge, leider sind tiefere Vorkenntnisse des Themas Voraussetzung f\u00fcr den Lesegenuss.<\/p>\n<p>\u201eBio\u00f6konomie. Weltformel oder Brandbeschleuniger?\u201c lautet der Titel der Ausgabe der Zeitschrift \u201epolitische \u00f6kologie 03 \u2013 2020\u201c, die oekom e.V. \u2013 Verein f\u00fcr \u00f6kologische Kommunikation &#8211; gemeinsam mit dem Bundesumweltamt Anfang Oktober 2020 ver\u00f6ffentlicht hat. Wie der Titel schon vermuten l\u00e4sst, wird hier die Bio\u00f6konomie kritisch unter die Lupe genommen. Nach einer kurzen Einf\u00fchrung zum Thema setzen sich zahlreiche Experten unter anderem aus den Natur-, Sozial- und Politikwissenschaften mit der Fragestellung auseinander, wie die Bio\u00f6konomie den Klimawandel beeinflussen kann. Das Heft ist dabei in verschiedene Kategorien wie \u201eHoffnungsschimmer\u201c und \u201eGelegenheitsfenster\u201c unterteilt, die dem Leser leider nur eine Ahnung \u00fcber den Inhalt der zugeordneten Beitr\u00e4ge geben.<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie muss nachhaltiger werden!<\/p>\n<p>Die Experten beleuchten dabei die Problemstellen von verschiedenen Richtungen. Dabei werden einige Kritikpunkte mehrfach aufgef\u00fchrt: 1. Die Landfl\u00e4che, auf der biobasierte Rohstoffe produziert werden k\u00f6nnen, ist begrenzt. Wie kann also die weltweite Ern\u00e4hrungssicherheit erreicht werden und gleichzeitig der Anbau biobasierter Ressourcen f\u00fcr die industrielle Nutzung intensiviert werden? 2. In einer Bio\u00f6konomie k\u00f6nnen fossile Rohstoffe nicht 1:1 durch biobasierte Ressourcen ersetzt werden, da der daf\u00fcr ben\u00f6tige Ressourcenbedarf zu hoch w\u00e4re. Ein ungehindertes Wirtschaftswachstum auf Basis biobasierter Ressourcen kann daher nicht die L\u00f6sung sein. 3. Soziale, ethische und \u00f6kologische Folgen werden zu wenig ber\u00fccksichtigt, wie zum Beispiel Vertreibung von Kleinbauern und Entwaldung sowie der damit einhergehende Biodiversit\u00e4tsverlust.<\/p>\n<p>Besonders hervorgehoben und veranschaulicht wird dies in den Beitr\u00e4gen von Seite 52 bis 76. So wird dargelegt, dass zum Beispiel Brasilien und Argentinien durch einen intensiven Zuckerrohr- bzw. Sojaanbau einen massiven Raubbau am Regenwald betreiben und ihre bio\u00f6konomische Bilanz \u201esch\u00f6n\u201c rechnen, indem sie ausschlie\u00dflich den Carbon-Footprint f\u00fcr eine Bewertung betrachten. Dabei werden jedoch die Folgen f\u00fcr Mensch und Natur au\u00dfer Acht gelassen. 4. Der Bedarf deutscher B\u00fcrger an Fl\u00e4che f\u00fcr Nahrungs- und Futtermittel sowie Biomasse f\u00fcr energetische und stoffliche Nutzung \u00fcbersteigt bei weitem die nationalen M\u00f6glichkeiten zur Fl\u00e4chennutzung. 5. Der Bundesregierung sowie der Europ\u00e4ischen Union wird vorgeworfen, mit ihren Bio\u00f6konomiestrategien nur Wissenschaft und Wirtschaft miteinzubeziehen und den B\u00fcrger au\u00dfen vorzulassen.<\/p>\n<p>Wie kann eine nachhaltige Bio\u00f6konomie aussehen?<\/p>\n<p>Die meisten Autoren \u00fcben jedoch nicht nur Kritik, sondern bieten auch L\u00f6sungen. Dass Kreislaufwirtschaft und Bio\u00f6konomie Hand in Hand gehen k\u00f6nnen, erl\u00e4utert Prof. Dr. Magnus Fr\u00f6hlich von der Technischen Universit\u00e4t M\u00fcnchen (Seite 90). Ferner steht ein anderes Konsumverhalten zu einem geringeren Rohstoff- und Energieverbrauch (Suffizienz) im Fokus der Akteure (suffizienzorientierte Bio\u00f6konomie). Und nat\u00fcrlich werden auch die Kaskadennutzung sowie die Agrar\u00f6kologie als L\u00f6sungen pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Besonders interessante Handlungsoptionen bietet der Beitrag von Franziska Wolff, Dr. Zoritza Kiresiewa und Martin M\u00f6ller von \u00d6ko-Institut e.V. \u201eWo ein Wille ist, ist auch ein Weg\u201c. Der klar strukturierte Aufsatz f\u00fchrt M\u00f6glichkeiten auf, um eine tats\u00e4chlich nachhaltige Bio\u00f6konomie zu etablieren. Dazu geh\u00f6ren der gesellschaftliche Dialog, die Rolle der Bio\u00f6konomie zu konkretisieren, konkrete Nachhaltigkeitsziele zu definieren und diese durch regelm\u00e4\u00dfigen Monitorings auch zu pr\u00fcfen. Ferner soll es ein Land- und Fl\u00e4chennutzungsmanagement geben, branchenspezifische Roadmaps entwickelt und das Bewusstsein f\u00fcr mehr Verzicht im Bereich Konsum und Ern\u00e4hrung gest\u00e4rkt werden. Auch Dr. Christine R\u00f6sch und Dr. Dirk Scheer vom Institut f\u00fcr Technologiefolgenabsch\u00e4tzung und Systemanalyse (ITAS) am Karlsruher Institut f\u00fcr Technologie (KIT) sehen die kritische Ressource Ackerfl\u00e4che und fordern einen nachhaltigeren Konsum. Ferne setzen sie einen Fokus darauf, die nachhaltige Ressourceneffizienz durch Innovationen zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p>Neben den als \u201eImpulse\u201c aufgef\u00fchrten kurzen Projektbeschreibungen endet das Heft mit dem sogenannten \u201eSpektrum Nachhaltigkeit\u201c. Hier werden verschiedene Fachbeitr\u00e4ge zum Thema Nachhaltigkeit ver\u00f6ffentlicht, die nicht zwingend Bezug auf das Schwerpunktthema Bio\u00f6konomie nehmen m\u00fcssen. Dem Leser wird so ein Blick \u00fcber den Tellerrand erm\u00f6glicht, der sowohl technische Bereiche (Wasserstoffstrategie) als auch geisteswissenschaftliche Aspekte (politische F\u00fchrung in der Debatte um den Green Deal) beinhaltet.<\/p>\n<p>Kritik ohne L\u00f6sungen<\/p>\n<p>Leider gibt es auch Autoren, die nur das aktuelle Vorgehen von Politik und Wirtschaft verteufeln, ohne Anregungen f\u00fcr ein zuk\u00fcnftiges Vorgehen zu liefern. Damit bleibt der Leser nur ratlos zur\u00fcck. Auch weist Anke Oxenfarth im Editorial bereits darauf hin, dass die politisch Verantwortlichen bisher keine Rahmenbedingungen \u201ef\u00fcr eine Kultur des Weniger und des Unterlassens\u201c schaffen w\u00fcrden. Jedoch wird auch in diesem Heft lediglich darauf hingewiesen, dass der Verbraucher st\u00e4rker mit einbezogen werden soll. L\u00f6sungen, wie dies geschehen kann, gibt es nur auf sehr abstraktem Wege, wie etwa der Vorschlag von Dr. Steffi Ober (Zivilgesellschaftliche Plattform Forschungswende) und Vivienne Huwe (Naturschutzbund Deutschland, NABU) \u201eneue R\u00e4ume und Schnittstellen zwischen Zivilgesellschaft und Wissenschaft\u201c zu schaffen. Diesbez\u00fcglich bleiben einige Fragen offen.<\/p>\n<p>Lesenswerte Anregungen f\u00fcr eine nachhaltige Bio\u00f6konomie<\/p>\n<p>Doch was nimmt der Leser aus dem Heft mit? Kann die im Titel gestellt Frage beantwortet werden? Am Ende bleibt die Bio\u00f6konomie mit einem bitteren Beigeschmack zur\u00fcck. Bio\u00f6konomie an sich ist weder Brandbeschleuniger noch Weltenformel, denn es kommt auf die Umsetzung dieser Wirtschaftsidee an, wie die zahlreichen Autoren des Heftes ausf\u00fchren. Bio\u00f6konomie wird einen Beitrag zum Klimaschutz leisten m\u00fcssen. Welcher dies sein kann und in welcher Form, daf\u00fcr k\u00f6nnen sich Interessierte mit Vorkenntnissen und Entscheidungstr\u00e4ger aus Politik und Wirtschaft in diesem Heft Anregungen holen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das dritte Heft der Zeitschrift \u201epolitische \u00f6kologie\u201c im Jahr 2020 bietet sowohl Kritik an der Bio\u00f6konomie als auch verschiedene Ans\u00e4tze, wie Bio\u00f6konomie tats\u00e4chlich nachhaltig zum Klimaschutz beitragen kann. Das Heft bietet zahlreiche informative Beitr\u00e4ge, leider sind tiefere Vorkenntnisse des Themas Voraussetzung f\u00fcr den Lesegenuss. \u201eBio\u00f6konomie. 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