{"id":83806,"date":"2021-01-15T07:26:59","date_gmt":"2021-01-15T06:26:59","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=83806"},"modified":"2021-01-12T13:45:54","modified_gmt":"2021-01-12T12:45:54","slug":"warum-bio-kunststoffe-derzeit-niemand-wirklich-braucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/warum-bio-kunststoffe-derzeit-niemand-wirklich-braucht\/","title":{"rendered":"Warum Bio-Kunststoffe derzeit niemand wirklich braucht"},"content":{"rendered":"<p>Biologisch abbaubare Kunststoffe sollen der Flut an Plastikmengen etwas entgegensetzen. Gerade kompostierbare Verpackungen, von denen nur Wasser, etwas Biomasse und CO2 \u00fcbrigbleiben, scheinen vielversprechend. Die Abfall-Bilanz ist aber ern\u00fcchternd.<br \/>\nMeist sind die Verpackungen in einem Braunton gehalten, die Aufschrift ist gr\u00fcn und irgendwo prangt in gro\u00dfen Lettern: &#8220;Biologisch abbaubar!&#8221; Dabei ist das nur ein \u00dcberbegriff und bedeutet nichts anderes, als dass das eingesetzte Material beispielsweise von Mikroorganismen oder Enzymen zersetzt werden kann.<\/p>\n<p>Unter welchen Bedingungen das passiert und wie lange es dauert, bis eine solche Verpackung verrottet, ist damit aber noch lange nicht klar. Gesch\u00fctzt ist das &#8220;Bio&#8221; im Bio-Kunststoff n\u00e4mlich nicht. Somit sind biologisch abbaubare Materialien auch nicht selbstverst\u00e4ndlich kompostierbar.<\/p>\n<p>Kompostierbare Verpackungen d\u00fcrfen nicht in die Biotonne<br \/>\nWir Verbraucher lieben Verpackungen und finden diese, gerade im Bereich Lebensmittel, sehr hygienisch. Das Plastik-Problem ist den meisten nat\u00fcrlich bewusst, deshalb werben auch viele Anbieter mit sogenannten kompostierbaren Verpackungen. Klingt toll und es wird suggeriert: Das l\u00f6st sich in Wohlgefallen auf! Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Genau das &#8220;sp\u00e4ter&#8221; ist aber ein Problem f\u00fcr viele Kompostieranlagen. &#8220;Kompostierbare Kunststoffverpackungen geh\u00f6ren grunds\u00e4tzlich nicht in die Biotonne&#8221;, sagt Christopher Stolzenberg, Sprecher des Bundesumweltministeriums in Berlin. Eine spezielle Kennzeichnung solcher Verpackungen sei daher auch gar nicht n\u00f6tig, so der Experte.<\/p>\n<p>Abbau von Biokunststoffen kaum fristgerecht m\u00f6glich<br \/>\nMit spezieller Kennzeichnung ist beispielsweise auch der gr\u00fcne Keimling gemeint, der als eine Art Siegel auf vielen Verpackungen prangt. Damit soll die DIN-Norm EN 13432 erf\u00fcllt sein, die besagt, dass sich Verpackungen in drei Monaten zu 90 Prozent zersetzt haben. Allerdings ist der Keimling nur eine Art Markenzeichen des Europ\u00e4ischen Verbandes der Biokunststoffproduzenten und diese Zerfallsgarantie gilt nur unter bestimmten industriellen Bedingungen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Michael Buchheit, Vorsitzender der regionalen &#8220;G\u00fctegemeinschaft Kompost&#8221; im Landkreis Erding, ist das im Alltag oft ein Problem: &#8220;Tests an praktischen Anlagen haben gezeigt, dass selbst hochwertige und technisch gut aufgebaute Anlagen es nicht schaffen, innerhalb der vorgegebenen Zeiten diese Biokunststoffe abzubauen.&#8221;<\/p>\n<p>Die meisten Kompostieranlagen brauchen n\u00e4mlich f\u00fcr den Verg\u00e4rungsprozess von herk\u00f6mmlichen Bioabf\u00e4llen weit weniger Zeit als diese 90 Tage. Und Zeit ist Geld, gerade bei der Kompostaufbereitung. Deshalb werden kompostierbare Verpackungen genauso aussortiert wie andere St\u00f6rstoffe, um den G\u00e4rungsprozess optimal zu gestalten. Wurzer-Umwelt kostet das nach eigenen Angaben j\u00e4hrlich mehrere hunderttausend Euro.<\/p>\n<p>Biokunststoff-Hersteller kritisieren unflexibles Abfallmanagement<br \/>\nChemie-Gigant BASF in Ludwigshafen ist ganz gro\u00df im Bio-Kunststoff-Gesch\u00e4ft und entwickelt und produziert auch kompostierbare Verpackungsmaterialien. Allerdings fast ausschlie\u00dflich f\u00fcr den internationalen Markt, denn dort sind die Strukturen im Entsorgungssektor weniger starr und flexibel: &#8220;Zum Beispiel gibt es in Italien Zusatzzertifikate, die von Kompostierern f\u00fcr die verschiedenen Anwendungen herausgegeben werden&#8221;, sagt Katharina Schlegel, vom Global Market Development Biopolymers zust\u00e4ndig ist, &#8220;und die damit sicherstellen, dass es innerhalb des Entsorgungssystems auch Akzeptanz findet.&#8221;<\/p>\n<p>Bestes Beispiel seien die g\u00e4ngigen Bio-M\u00fcllbeutel, wegen ihrer Form auch &#8220;Hemdchenbeutel&#8221; genannt. Viele Verbraucher nutzen sie, weil sie so ihren Biom\u00fcll sauber zur Tonne bringen und nicht in der durchgeweichten, braunen Papiert\u00fcte. Auf den meisten steht zwar gro\u00df &#8220;kompostierbar&#8221; drauf, aber kaum eine Kommune in Deutschland erlaubt diese M\u00fcllbeutel in der Biotonne.<\/p>\n<p>Ein Problem, das auch in \u00d6sterreich bestand, sagt Schlegel: &#8220;Auch da gab es das Problem, dass zu viele Polyethylen-T\u00fcten im Kompost waren und dass man diese gar nicht mehr richtig raussammeln konnte. Die einfache und ganz klare L\u00f6sung war, dass einfach alles gegen kompostierbare ausgetauscht wird.&#8221;<\/p>\n<p>In Deutschland ist das aber nicht m\u00f6glich, deshalb bleibt Michael Buchheit von Wurzer-Umwelt auch keine andere Wahl als alles auszusortieren, was an T\u00fcten im Biom\u00fcll zu finden ist: &#8220;Also wir k\u00f6nnen diese Kunststoffe nicht von anderen Kunststoffen unterscheiden. Also in der Regel gelangen diese Kunststoffe gar nicht in die Verarbeitung.&#8221;<\/p>\n<p>Auch Kompostierbare sind nur Verpackungsm\u00fcll<br \/>\nAm Ende ist es dann egal, ob die Verpackungen aus Maisst\u00e4rke, Zuckerrohr oder anderen Molek\u00fclen bestehen, die nicht erd\u00f6lbasiert sind.<\/p>\n<p>&#8220;Alle Verpackungen, die nicht aus Papier oder aus Glas sind, geh\u00f6ren in den gelben Sack und damit auch diese Bio bioabbaubaren oder kompostierbaren Verpackungen&#8221;, sagt Axel Subklew von der Kampagne &#8220;<a href=\"https:\/\/www.muelltrennung-wirkt.de\/\" target=\"_blank\">M\u00fclltrennung wirkt!<\/a>&#8220;, einer Initiative der dualen Systeme in Deutschland.<\/p>\n<p>Allerding muss Subklew zugeben, dass die Bio-Kunststoffe und vor allem die kompostierbaren Verpackungen im Gelben Sack auch nicht so gern gesehen werden. Schlie\u00dflich stehen sie nicht f\u00fcr das Prinzip der Wiederverwertung: &#8220;Die normalen bioabbaubaren, kompostierbaren Verpackungen gelten als nicht recyclingf\u00e4hig. Zurzeit. Weil wir diesen Verwertungsweg nicht haben. Und deshalb sind sie auch teurer und m\u00fcssen teurer in der Lizenzierung werden.&#8221;<\/p>\n<p>Das bedeutet: Am besten w\u00e4re es, die kompostierbaren Verpackungen auszusortieren und zu verbrennen, dann h\u00e4tten sie bei der thermischen Verwertung wenigstens noch ihren Zweck erf\u00fcllt.<\/p>\n<p>Zuckerrohr, Mais und Co. f\u00fcr Tier oder Tonne?<br \/>\nWarum diese Stoffe bei der Wiederaufbereitung so kritisch sind, erkl\u00e4rt Timothy Glaze vom Reinigungs- und Pflegemittelhersteller Werner &amp; Mertz, mit der Marke &#8220;Frosch&#8221; einer der deutschlandweit f\u00fchrenden Aufbereiter von Plastik aus dem gelben Sack: &#8220;Sie f\u00fchren zu Problemen bei der Verwertung im PET-Strom, aber auch bei anderen Kunststoffen. Schon geringe Mengen an kompostierbaren Verpackungen im Kunststoffrecycling f\u00fchren zu massiven Qualit\u00e4tsverlusten, bis hin zu komplett unbrauchbaren Ergebnissen.&#8221;<\/p>\n<p>Kunststoffe, die biogenen Ursprungs, also wie konventioneller Plastik aufgebaut sind, machen im Recycling \u00fcbrigens keine Probleme. Diese biobasierten Kunststoffe sind aber aus anderen Gr\u00fcnden \u2013 \u00f6kologisch betrachtet \u2013 h\u00f6chst umstritten. Schlie\u00dflich m\u00fcssen Zuckerrohr, Mais oder andere Kulturpflanzen, die dann die Basis f\u00fcr diese Kunststoffe sind, als Konkurrenz zu Futter- oder Lebensmittelpflanzen gesehen werden. Oder sie stammen aus Monokulturen beziehungsweise problematischen Anbau-Regionen.<\/p>\n<p>Perspektiven f\u00fcr kompostierbare Kunststoffe<br \/>\nSolange es im Rahmen eines gezielten Abfallmanagements keine sinnvolle Verwertung oder R\u00fcckf\u00fchrung von kompostierbaren Verpackungen gibt, machen sie also eigentlich keinen Sinn. Sobald aber herk\u00f6mmliches Plastik nicht einfach ausgetauscht, sondern gezielt \u2013 eben wegen spezieller Eigenschaften von Bioplastik \u2013 ersetzt wird, bringt es was, sagt Verpackungsingenieurin Carolina Schweig aus B\u00f6nningstedt in Schleswig-Holstein, die viele Unternehmen bei Verpackungen ber\u00e4t: &#8220;Wir haben zum Beispiel in \u00d6sterreich f\u00fcr Karotten Folien eingef\u00fchrt, die eine 50 Prozent l\u00e4ngere Haltbarkeit f\u00fcr die Karotten und Wurzelgem\u00fcse haben, die eine Verkeimung oder das Verschimmeln verhindern. Das sind Ans\u00e4tze und daf\u00fcr rentiert sich das, weil wir dann wieder viel mehr Funktionalit\u00e4t da reingekommen.&#8221;<\/p>\n<p>Und auch beim Einsatz von Plastik im Freien oder speziell in der Landwirtschaft k\u00f6nnen kompostierbare Materialien durchaus eine sinnvolle Erg\u00e4nzung darstellen, sagt Axel Subklew von &#8220;M\u00fclltrennung wirkt!&#8221;: &#8220;Ob das jetzt Planen in der Landwirtschaft sind, das kann eine sinnvolle Anwendung sein. Dass diese Materialien quasi auch wieder eingearbeitet werden k\u00f6nnen. Also kein Mikroplastik, wie wir es ja nicht haben wollen. Und f\u00fcr solche Anwendung kann das eine sehr, sehr gute L\u00f6sung sein.&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Biologisch abbaubare Kunststoffe sollen der Flut an Plastikmengen etwas entgegensetzen. Gerade kompostierbare Verpackungen, von denen nur Wasser, etwas Biomasse und CO2 \u00fcbrigbleiben, scheinen vielversprechend. Die Abfall-Bilanz ist aber ern\u00fcchternd. 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