{"id":83694,"date":"2021-01-14T07:20:38","date_gmt":"2021-01-14T06:20:38","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=83694"},"modified":"2021-01-11T11:07:39","modified_gmt":"2021-01-11T10:07:39","slug":"energiewende-in-nordfriesland-der-wasserstoff-aus-dem-die-traeume-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/energiewende-in-nordfriesland-der-wasserstoff-aus-dem-die-traeume-sind\/","title":{"rendered":"Energiewende in Nordfriesland: Der Wasserstoff, aus dem die Tr\u00e4ume sind"},"content":{"rendered":"<p>Nordfriesland im Sp\u00e4therbst. Reu\u00dfenk\u00f6ge, ein Dorf zwischen Husum und der d\u00e4nischen Grenze, liegt im Nebel. Auf einem alten Bauernhof hat das Unternehmen GP Joule seinen Sitz. Es gibt viel Platz, doch es ist nicht einfach, einen Verbrenner-Pkw zu parken. Die freien Pl\u00e4tze sind f\u00fcr Elektrofahrzeuge reserviert. Eine Lades\u00e4ule reiht sich an die n\u00e4chste.<\/p>\n<p>Wo keine steht, parken Wasserstoffautos. Treibstoff f\u00fcr die gibt es an den neuen Tankstellen namens \u00bbeFarm\u00ab \u2013 selbst produziert, regional vertrieben.<\/p>\n<p>Nah am Wasserstoff gebaut<br \/>\nWasserstoff soll hier in Norddeutschland dazu beitragen, mehrere Probleme auf einmal zu l\u00f6sen: Seine stromintensive Produktion hilft, den reichlich verf\u00fcgbaren und manchmal \u00fcbersch\u00fcssigen Windstrom zu nutzen und Energie zu speichern. Die Region wird unabh\u00e4ngiger von importiertem \u00d6l. Und Windparkbetreiber erhalten f\u00fcr ihre Elektrizit\u00e4t einen neuen Abnehmer, nachdem F\u00f6rdergelder aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) f\u00fcrs Einspeisen ins Netz Ende 2020 vielfach ausgelaufen sind. Es ist ein Modell, das potenziell in vielen Regionen der Welt n\u00fctzlich w\u00e4re.<\/p>\n<p>Ove Petersen, hellblaues Hemd unter blauer Steppweste, sitzt im B\u00fcro und blickt durch die Fensterfront \u00fcber das platte Land. Der Mitgr\u00fcnder und Chef von GP Joule ist hier aufgewachsen, das B\u00fcro war fr\u00fcher Teil des landwirtschaftlichen Familienbetriebs. Schweine, H\u00fchner, Getreide, Ferienwohnungen \u2013 ein nordfriesisches Idyll. Doch als der Agraringenieur den Hof \u00fcbernahm, disponierte er um. \u00bbDie Preise f\u00fcr Getreide waren im Keller, deshalb wollten wir unsere Fl\u00e4chen f\u00fcr etwas mit Zukunftspotenzial nutzen\u00ab, sagt Petersen. \u00bbAlso haben mein Studienfreund Heinrich G\u00e4rtner und ich uns mit der Projektierung von Solar-, Windkraft- und Biogasanlagen einen Nebenerwerb aufgebaut.\u00ab<\/p>\n<p>Landwirtschaft gibt es auf dem Hof noch immer, darum k\u00fcmmert sich ein Verwalter. Denn aus dem anf\u00e4nglichen Nebenerwerb wurde 2008 GP Joule. Heute hat die Firma 300 Mitarbeiter, die sich auf die Standorte Stuttgart, Augsburg, das bayerische Buttenwiesen, Toronto und Reu\u00dfenk\u00f6ge verteilen. Am Hauptsitz arbeiten 160 Besch\u00e4ftigte. \u00bbDeshalb m\u00fcssen die Schweine bald weichen\u00ab, sagt Petersen. \u00bbAus den St\u00e4llen werden B\u00fcros.\u00ab<\/p>\n<p>Aus Wind wird Wasserstoff<br \/>\nAls Energiedienstleister hat sich GP Joule in der Szene inzwischen einen Namen gemacht. In der Lausitz baute das Unternehmen 2011 auf der Abraumhalde eines Braunkohletagebaus den damals gr\u00f6\u00dften Solarpark Deutschlands. Weltweit gingen weitere solche Anlagen ans Netz, dazu kamen Windparks. Seit 2016 installiert GP Joule Lades\u00e4ulen f\u00fcr Elektroautos. Im Fr\u00fchjahr 2020 kam die regionale Wasserstofferzeugung hinzu: die \u00bbeFarm\u00ab. Es ist die bislang gr\u00f6\u00dfte Anlage dieser Art in Deutschland.<\/p>\n<p>Per Elektrolyse wird dort aus Windenergie Wasserstoff produziert. Dabei wird Wasser mithilfe des \u00d6kostroms in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff gespalten. Die Abw\u00e4rme des Sauerstoffs kann in lokalen W\u00e4rmenetzen genutzt werden. So geht weniger Energie bei der Umwandlung verloren \u2013 Fachleute beklagen die bisher schwache Effizienz in der Wasserstoffwirtschaft. Das Gas selbst wird an die zwei Tankstellen in Husum und Nieb\u00fcll geliefert.<\/p>\n<p>Bisher sind sehr wenige Wasserstoffautos verf\u00fcgbar und diese sind am Markt kaum gefragt. Bei alternativen Antrieben dominieren zunehmend batterieelektrische Fahrzeuge. \u00bbEs gibt bei neuen Mobilit\u00e4tskonzepten ja immer das Henne-Ei-Problem\u00ab, sagt Petersen. \u00bbWir versuchen, die Eier gleich mitzuliefern.\u00ab GP Joule kaufte zwei Wasserstoff-Busse, die jetzt f\u00fcr den Nahverkehr vermietet werden. Dadurch, dass der Wind nun in Form von Wasserstoff Autos antreibt, entstehe ein \u00bberlebbarer Nutzen\u00ab.<\/p>\n<p>Emissionsfrei durchs Wattenmeer<br \/>\nEtwa zwanzig Unternehmen sind als Gesellschafter an Bord. Darunter die \u00f6rtlichen Reedereien, denn die F\u00e4hren nach Pellworm oder F\u00f6hr sollen bald emissionsfrei durchs Wattenmeer gleiten. Auch Windparkbetreiber sind beteiligt.<\/p>\n<p>Nicht nur aufgrund der auslaufenden EEG-F\u00f6rderung kommt das Projekt f\u00fcr Windparkbetreiber zur rechten Zeit. Es bietet eine L\u00f6sung f\u00fcr ein weiteres, bisweilen absurdes Problem: Viele Windr\u00e4der stehen still, wenn sie keinen Strom mehr ins Netz einspeisen d\u00fcrfen \u2013 weil dort zu viel Kohlestrom hindurchflie\u00dft. Der japanische Autohersteller Toyota hat einmal ausgerechnet, wie weit ein Toyota Mirai mit der nicht genutzten Energie stillstehender deutscher Windr\u00e4der aus einem Jahr fahren k\u00f6nnte. Das Ergebnis: 13,9 Milliarden Kilometer. \u00bbUnd w\u00e4hrend die Energie hier verpufft, fahren wir Unmengen an \u00d6l nach Nordfriesland\u00ab, sagt Petersen.<\/p>\n<p>Derzeit entstehen f\u00fcnf Wasserstoffproduktionsstandorte an lokalen Windparks. Der in Bosb\u00fcll ist bereits in Betrieb. Zuletzt sind die beiden Wasserstofftankstellen in Betrieb gegangen und versorgen zun\u00e4chst die Linienbusse. Hunderte lokale Firmen h\u00e4tten Interesse bekundet, die neue Energiequelle ebenfalls zu nutzen. \u00bbWenn die Infrastruktur steht, kommen dadurch noch mehr Fahrzeuge hinzu\u00ab, sagt Petersen und wird euphorisch: \u00bbDie Rakete wird jetzt gez\u00fcndet\u00ab.<\/p>\n<p>Dazu beitragen k\u00f6nnte J\u00fcrgen Dohle. Er betreibt ein Kieskontor in Vi\u00f6l, f\u00fcnfzehn Kilometer von Husum entfernt. Etwa 50 Lkw geh\u00f6ren zur Firma, t\u00e4glich legt jeder bis zu 600 Kilometer zur\u00fcck. Die neue Infrastruktur er\u00f6ffnet laut Dohle Chancen. \u00bbWas gibt es dagegen einzuwenden, mein gesamtes Unternehmen auf emissionsfreien Betrieb umzustellen?\u00ab Bis alle Lkw mit Wasserstoff fahren, werde es zwar noch dauern, aber die ersten Anfragen f\u00fcr Wasserstoff-Lkw seien raus\u00ab, sagt Dohle. Er f\u00e4ngt eine Nummer kleiner an: \u00bbDie ersten Hyundai-Nexo-Pkw werden bald geliefert.\u00ab Denkbar sei, auf dem Betriebshof eigene Wasserstoff-Zapfs\u00e4ulen zu installieren.<\/p>\n<p>Es ist die Idee eines ineinanderverschr\u00e4nkten Energiesystems, das die Menschen in der Gegend f\u00fcr den Wasserstoff begeistert. Dabei geht es nicht nur um saubere Mobilit\u00e4t, sondern um die Sektorenkopplung von Mobilit\u00e4t, W\u00e4rme und Industrie. So kann die W\u00e4rme, die bei der Elektrolyse abf\u00e4llt, ein nahe liegendes Dorf mit Fernw\u00e4rme versorgen.<\/p>\n<p>Der Keim f\u00fcr einen deutschen Wasserstoffmarkt?<br \/>\nBeim Stichwort Sektorenkopplung wird Richard Hanke-Rauschenbach hellh\u00f6rig. Der Professor ist als Leiter des Instituts f\u00fcr elektrische Energiesysteme an der Uni Hannover Experte in der Wasserstoffforschung. \u00bbDas ist genau das, was wir brauchen, um das Gesamtenergiesystem CO\u2082-frei zu bekommen\u00ab, sagt er mit Blick auf die Aktivit\u00e4ten in Nordfriesland. \u00bbWenn es gelingt, Strom aus erneuerbaren Quellen derart effizient zu nutzen, dann kann man nur sagen: herzlichen Gl\u00fcckwunsch!\u00ab Hanke-Rauschenbach sieht in solchen Projekten einen ersten Schritt. Auch der regionale Ansatz gef\u00e4llt ihm: \u00bbDas ist eine Grundvoraussetzung, damit wir deutschlandweit eine Infrastruktur aufbauen k\u00f6nnen. Langfristig m\u00fcssen diese Wasserstoffcluster dann zu einem Wasserstoffmarkt zusammenwachsen.\u00ab<\/p>\n<p>Um ganz Deutschland mit gr\u00fcnem, heimischen Wasserstoff zu versorgen, reicht indes der \u00d6kostrom Experten zufolge auch in Zukunft nicht aus. Verfechter der Technik setzten auf Wasserstoffimporte aus L\u00e4ndern, in denen Wind, vor allem aber auch die Sonne mehr Energie bereitstellen.<\/p>\n<p>Petersen hofft, dass sein Projekt als Vorbild dient \u2013 will es aber nicht als Universall\u00f6sung, sondern als Baustein der Energiewende verstanden wissen. Um so viele regionale Ressourcen wie m\u00f6glich f\u00fcr die Energiewende zu nutzen, m\u00fcsse auf allen Ebenen umgedacht werden. Etwa beim Genehmigungsrecht, das Projekte dieser Art noch nicht reguliert. Daher geht es schleppend voran, obwohl die Windr\u00e4der mit jeder Umdrehung l\u00e4ngst gr\u00fcne Energie liefern. \u00bbDie Sektorkopplung muss nicht nur technisch stattfinden, sondern auch verwaltungstechnisch\u00ab, sagt Petersen.<\/p>\n<p>Die Politik hat das Potenzial der \u00bbeFarm\u00ab immerhin erkannt. Das Verkehrsministerium f\u00f6rderte das Projekt mit acht Millionen Euro. Bundesverkehrsminister Scheuer kam pers\u00f6nlich zum Spatenstich im Namen der Nachhaltigkeit. F\u00fcr die 190 Kilometer lange, finale Teilstrecke von Hamburg nach Sylt nahm er allerdings nicht ein Wasserstoffauto, sondern das Flugzeug.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nordfriesland im Sp\u00e4therbst. Reu\u00dfenk\u00f6ge, ein Dorf zwischen Husum und der d\u00e4nischen Grenze, liegt im Nebel. Auf einem alten Bauernhof hat das Unternehmen GP Joule seinen Sitz. Es gibt viel Platz, doch es ist nicht einfach, einen Verbrenner-Pkw zu parken. Die freien Pl\u00e4tze sind f\u00fcr Elektrofahrzeuge reserviert. Eine Lades\u00e4ule reiht sich an die n\u00e4chste. 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