{"id":83311,"date":"2021-01-07T07:32:37","date_gmt":"2021-01-07T06:32:37","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=83311"},"modified":"2021-01-04T13:06:20","modified_gmt":"2021-01-04T12:06:20","slug":"deutschlands-verlangen-nach-wasserstoff-kann-nur-nordafrika-es-stillen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/deutschlands-verlangen-nach-wasserstoff-kann-nur-nordafrika-es-stillen\/","title":{"rendered":"Deutschlands Verlangen nach Wasserstoff: Kann nur Nordafrika es stillen?"},"content":{"rendered":"<p>Die Nordsee und Nordafrika:\u00a0Wenn man\u00a0Jens Burchardt fragt, sind das bald die beiden wichtigsten Orte\u00a0der deutschen Energieversorgung. Gewaltige Offshore-Windparks hier, riesige Solaranlagen\u00a0dort werden in Zukunft bisher unerreichte Mengen an erneuerbarem Strom produzieren. Und ein betr\u00e4chtlicher Teil dieser\u00a0Energie wird nicht ins Stromnetz flie\u00dfen \u2013 sondern in Wasserstoff verwandelt.<\/p>\n<p>Dieses Szenario skizziert der\u00a0Energieexperte der Boston Consulting Group, der\u00a0das Potenzial der Wasserstoff-Wirtschaft in Deutschland und Europa ausgelotet hat. Und er findet in der\u00a0Untersuchung, die der WirtschaftsWoche in Ausz\u00fcgen exklusiv vorliegt,\u00a0auch \u00fcberraschende Antworten auf die Frage, wie teuer dieses Szenario wird.<\/p>\n<p>Will Deutschland bis zum Jahr 2050 seine Klimaziele erreichen und die Treibhausgasemissionen so stark senken, dass die Erderw\u00e4rmung auf zwei Grad Celsius begrenzt wird, wird das Land riesige Mengen Wasserstoff ben\u00f6tigen. Auf 350 bis 400 Terawattstunden beziffert BCG den m\u00f6glichen Ort hiesigen Bedarf pro Jahr.\u00a0Zum Vergleich: In 19 EU-L\u00e4ndern plus Norwegen und der Schweiz verbraucht die Industrie heute 150 Terawattstunden Wasserstoff, der bisher aus Gas hergestellt wird.<\/p>\n<p>Diese bestehende Nachfrage werde, so erwarten es die BCG-Analysten,\u00a0als erstes St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck umgestellt auf gr\u00fcnen Wasserstoff, hergestellt per Elektrolyse aus erneuerbarem Strom. Wasserstoff wird in Raffinerien gebraucht, f\u00fcr die Produktion von Ammoniak in der\u00a0D\u00fcngemittelherstellung und\u00a0Methanol in der Chemieindustrie. 230 Terawattstunden \u00d6kostrom pro Jahr w\u00e4ren n\u00f6tig, um den Wasserstoff allein f\u00fcr diese M\u00e4rkte zu erzeugen \u2013 im Jahr 2019 wurden aus erneuerbaren Energien in Deutschland 224 Terawattstunden Strom erzeugt.<\/p>\n<p>Mittelfristig wird BCG zufolge ein erheblicher Markt f\u00fcr Wasserstoff auch in der Stahlproduktion entstehen, wo die Hersteller zur Eliminierung ihrer Emissionen neue Anlagen bauen m\u00fcssen, die die heutigen Hochofen-Stahlwerke ersetzen. Technisch ist das machbar:\u00a0Viele Hersteller testen schon Wasserstoff in der Stahlerzeugung.\u00a0F\u00fcnf Milliarden Euro pro Jahr k\u00f6nnte die deutsche Stahlindustrie k\u00fcnftig f\u00fcr gr\u00fcnen Wasserstoff ausgeben, sch\u00e4tzt BCG.<\/p>\n<p>Hinzu kommt eine ebenfalls v\u00f6llig neue Nachfrage aus dem Transportsektor: Die deutsche Luftfahrt k\u00f6nnte k\u00fcnftig j\u00e4hrlich 20 Milliarden Euro f\u00fcr gr\u00fcne Treibstoffe aus\u00a0Wasserstoff ausgeben, die Schifffahrt f\u00fcnf Milliarden Euro, LKW-Flottenbetreiber drei Milliarden Euro. Langfristig k\u00f6nne das Gesch\u00e4ft mit Wasserstoff in Europa zu einem dreistelligen Milliardenmarkt werden, so die BCG-Analyse.<\/p>\n<p>Im Transportschiff ist es fast so kalt wie im Weltraum<br \/>\nKurzfristig w\u00e4re es am preiswertesten, das Gas immer dort herzustellen, wo es ben\u00f6tigt w\u00fcrde. Denn\u00a0der Transport von Wasserstoff ist kompliziert und kostspielig. Doch weil die Nachfrage in den kommenden Jahren enorm steigen d\u00fcrfte, werde Deutschland vor allem das Potenzial der Offshore-Windkraft f\u00fcr die Wasserstoffproduktion nutzen m\u00fcssen, sagt BCG-Partner Burchardt.<\/p>\n<p>Vor allem in der Nordsee sieht er daf\u00fcr die besten Chancen. Zudem weht der Wind stetig, die Elektrolyseanlagen k\u00f6nnen Tausende Stunden pro Jahr laufen \u2013 was den Wasserstoff preiswerter macht als an vielen Standorten an Land. Um das Gas in gro\u00dfen Mengen in die deutschen Industriegebiete zu bringen, m\u00fcssten Pipelines gebaut werden.<\/p>\n<p>Doch die Elektrolyse\u00a0mit Offshore-Windstrom wird laut der BCG-Analyse nicht ausreichen. \u201eIn einigen Jahren wird der Bedarf an Wasserstoff h\u00f6her sein, als wir realistischerweise in der Nordsee produzieren k\u00f6nnen\u201c, sagt Burchardt. \u201eWir m\u00fcssen uns Gedanken machen, wo wir jenseits der deutschen Grenzen Wasserstoff herbekommen.\u201c<\/p>\n<p>Vor allem Nordafrika komme dazu in Frage, so die BCG-Analyse. Das begr\u00fcnden die Autoren mit den Transportkosten:\u00a0Will man Wasserstoff per Schiff transportieren, muss das Gas auf minus 253 Grad Celsius\u00a0herabgek\u00fchlt werden \u2013 fast so kalt wie der Weltraum \u2013 und dadurch so verdichtet werden, dass\u00a0es in die Tanks der Transportschiffe passt. Dabei geht Energie verloren, die Kosten pro Kilogramm Wasserstoff steigen.<\/p>\n<p>Ein neuer Anschluss an\u00a0Nordafrika<br \/>\nF\u00fcr Wasserstoff aus Australien und anderen entfernten L\u00e4ndern sieht Burchardt darum in Deutschland kaum einen Markt. Stattdessen k\u00f6nnte aus \u00dcbersee Ammoniak oder synthetisches Kerosin importiert werden, die aus Wasserstoff hergestellt werden. Beide lassen sich verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig leicht transportieren.<\/p>\n<p>Wasserstoff in Reinform dagegen sei vor allem aus Nordafrika wirtschaftlich, so die BCG-Analyse. Zum einen sind die Kosten zur Stromgewinnung aufgrund der vielen Sonnen- und Windstunden dort sehr gering. Zum anderen l\u00e4sst sich das Gas per Pipeline bis nach Deutschland transportieren. Damit lie\u00dfen sich im Jahr 2050 Kosten um die oder unter zwei Euro pro Kilogramm Wasserstoff erreichen, so die Analyse.<\/p>\n<p>In Deutschland lasse sich das Gas f\u00fcr unter zwei bis etwa drei\u00a0Euro herstellen, per Schiff importierter Wasserstoff w\u00fcrde um die drei Euro kosten\u2014\u00e4hnlich viel wie eine heimische Produktion mit importiertem gr\u00fcnen Strom aus Nordafrika.<\/p>\n<p>\u201eDer Ausbau eines Pipeline-Netzwerks ist entscheidend f\u00fcr die Zukunft der Wasserstoff-Wirtschaft in Deutschland\u201c, sagt Burchardt. Es sei wichtig, heute schon mit den Pl\u00e4nen daf\u00fcr zu beginnen. Sonst bleiben Importe auf Dauer deutlich teurer als die heimische Wasserstoff-Produktion.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Nordsee und Nordafrika:\u00a0Wenn man\u00a0Jens Burchardt fragt, sind das bald die beiden wichtigsten Orte\u00a0der deutschen Energieversorgung. 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