{"id":82709,"date":"2020-12-14T07:26:36","date_gmt":"2020-12-14T06:26:36","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=82709"},"modified":"2021-09-09T21:13:51","modified_gmt":"2021-09-09T19:13:51","slug":"co2-raus-aus-der-luft-und-ab-in-den-untergrund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/co2-raus-aus-der-luft-und-ab-in-den-untergrund\/","title":{"rendered":"CO<sub>2<\/sub>: Raus aus der Luft und ab in den Untergrund"},"content":{"rendered":"<p>Treibhausgase sind schuld am Klimawandel. Ingenieure wollen deshalb CO2 aus der Luft herausfiltern \u2013 und f\u00fcr die Produktion von synthetischem Sprit nutzen. Auf Island haben gerade die Bauarbeiten an einer neuen Gro\u00dfanlage begonnen, die auch Audi zugute kommen soll.<\/p>\n<p>Corona sorgt immerhin f\u00fcr eine kleine Atempause in der Klimakrise. Im ersten Halbjahr 2020 wurden weltweit mehr als eine Milliarde Tonnen weniger CO2 in die Atmosph\u00e4re gepustet als im Vorjahreszeitraum, ergab eine internationale Studie, an der unter anderem Forscher des Potsdam Instituts f\u00fcr Klimafolgenforschung beteiligt waren. Lockdown und Homeoffice haben in vielen L\u00e4ndern daf\u00fcr gesorgt, dass weniger gefahren, geflogen und produziert wurde. Deutschland konnte dadurch immerhin sein Klimaziel f\u00fcr 2020 erreichen.<\/p>\n<p>Doch das wird nicht reichen. Nach dem Pariser Klimaabkommen m\u00fcssen die globalen Emissionen bis 2030 jedes Jahr zwischen drei und acht Prozent sinken, um die Erderw\u00e4rmung auf weniger als zwei Grad zu begrenzen. \u201eDas Wichtigste bleibt, CO2-Emissionen zu vermeiden\u201c, sagt Felix Creutzig. Der 41-j\u00e4hrige Physiker aus Berlin hat am Sachstandsbericht des Weltklimarats mitgeschrieben. Alternativ k\u00f6nne man auch versuchen, das Treibhausgas wieder aus der Luft zu holen. \u201eDaf\u00fcr brauchen wir m\u00f6glicherweise auch CCS-basierte Technologien.\u201c<\/p>\n<p>CCS? Die drei Buchstaben stehen f\u00fcr Carbon Capture and Storage. Zu Deutsch: f\u00fcr das Abscheiden und Speichern von Kohlendioxid. Theoretisch und technisch ist das kein Problem, das haben bereits viele Projekte an Kraftwerken gezeigt. Die Betreiber fingen das Gas direkt am Schornstein ein, wuschen es beispielsweise chemisch aus \u2013 und pressten es dann in die Erde. Doch der Prozess braucht Energie, senkt damit den Wirkungsgrad von Kraftwerken und steigert deren Kosten. Viele Menschen f\u00fcrchten zudem, das hochkonzentrierte Gas k\u00f6nnte das Grundwasser verseuchen oder Erdbeben ausl\u00f6sen, wenn es in die Erde gepresst wird. Pl\u00e4ne f\u00fcr ein CCS-Pilotprojekt in Deutschland wurden deshalb 2011 auf Eis gelegt.<\/p>\n<p>Kollektor f\u00e4ngt CO2-Molek\u00fcle<br \/>\nDoch aus der Welt ist das Verfahren noch nicht: Im schweizerischen Hinwil sowie in Hellisheidi im S\u00fcdwesten Islands stehen Anlagen, die Hoffnung machen, eines der dr\u00e4ngendsten Probleme unserer Zeit ingenieurstechnisch l\u00f6sen zu k\u00f6nnen. Durch \u201eDirect Air Capture\u201c, also das Einfangen von CO2 aus der Luft. Seit 2009 arbeiten Christoph Gebald und Jan Wurzbacher mit ihrem Unternehmen Climeworks daran. \u201eAuf die Idee hat uns unser Doktorvater gebracht\u201c, erz\u00e4hlt Gebald. Der hei\u00dft Aldo Steinfeld und war einst Professor der beiden Deutschen an der ETH Z\u00fcrich. Mit seinen Studenten diskutierte er Verfahren, um das bei der Verbrennung von fossilen Kraftstoffen entstehende CO\u2082 einzufangen und nutzbar zu machen. Die Idee lie\u00df die beiden nicht mehr los.<\/p>\n<p>\u201eWir haben daraus ein Verfahren entwickelt, das so effizient arbeitet, dass es sich rechnet\u201c, sagt Gebald. Der Clou des Verfahrens ist ein Filtersystem auf Zellulose-Basis. Wie ein Schwamm nimmt der kleinwagen-gro\u00dfe Kollektor CO2-Molek\u00fcle mithilfe eines Ventilators aus der Umgebungsluft auf, bis er ges\u00e4ttigt ist. In der zweiten Phase des Prozesses wird der Filter unter Vakuum gesetzt und auf 100 Grad erhitzt \u2013 die n\u00f6tige Energie liefert in Hinwil die M\u00fcllverbrennungsanlage, in Island ein geothermisches Kraftwerk. Die nur lose anhaftenden CO2-Molek\u00fcle l\u00f6sen sich dabei vom Filtermaterial und werden dann mit Unterdruck aus dem Kollektor gesaugt. \u00dcber eine kleine Pipeline werden sie in Hinwil zu einem nahegelegenen Gew\u00e4chshaus geleitet.<\/p>\n<p>Pro Jahr kann diese Climeworks-Anlage mithilfe von 18 Kollektoren etwa 900 Tonnen CO2 aus der Umgebungsluft einfangen. In Island machen sich die Ingenieure hingegen eine chemische Eigenheit von CO2 zunutze: Es reagiert mit Mineralien. So geht es innerhalb von zwei Jahren mit Vulkangestein in 2000 Metern Tiefe eine feste Bindung ein. Climeworks ist dazu vor drei Jahren mit den isl\u00e4ndischen Unternehmen CarbFix und On Power eine Kooperation eingegangen.<\/p>\n<p>\u201eOrca\u201c in Island jagt auch f\u00fcr Audi<br \/>\nEine erste Pilotanlage namens \u201eArctic Fox\u201c, die in der Nachbarschaft des geothermischen Kraftwerks Hellisheidi auf Island errichtet wurde, arbeitet bereits und macht im Jahr etwa 50 Tonnen des Klimagases unsch\u00e4dlich. Eine deutlich gr\u00f6\u00dfere Anlage soll im kommenden Fr\u00fchjahr den Betrieb aufnehmen und dann j\u00e4hrlich 4000 Tonnen CO2 in Stein verwandeln \u2013 die Bauarbeiten dazu in diesen Tagen begonnen. \u201cDer Beginn des Baus von Orca ist ein wichtiger Meilenstein f\u00fcr Climeworks und ein wichtiger Schritt im Kampf gegen den Klimawandel\u201c, freut sich Firmengr\u00fcnder Gebald. \u201eClimeworks\u2018 neue Anlage Orca zeigt, dass eine skalierbare und reine Carbon Dioxide Removal-Technologie mit Direct Air Capture m\u00f6glich ist \u2013 und wir freuen uns, dass wir beim Vorantreiben der Carbon Dioxide Removal-Industrie eine wichtige Rolle spielen.\u201c 1000 Tonnen CO2 wird \u201eOrca\u201c \u00fcbrigens f\u00fcr Climeworks-Partner Audi vertilgen. Um diese Menge auf nat\u00fcrlichem Wege zu binden, m\u00fcsste man 80\u2009000 B\u00e4ume anpflanzen.<\/p>\n<p>Geothermisches Kraftwerks Hellisheidi auf Island<\/p>\n<p>Gebald ist begeistert: Mit weiteren Anlagen k\u00f6nne er \u201ej\u00e4hrlich zwei Millionen Tonnen Kohlendioxid mineralisieren. Das weltweite Potenzial ist gigantisch, es k\u00f6nnte bei 2000 Gigatonnen liegen\u201c. Allerdings ist das Verfahren noch sehr teuer. Die Climeworks-Anlagen arbeiten derzeit zu Kosten von rund 600 US-Dollar pro Tonne. Aber seit US-Pr\u00e4sident Donald Trump der Industrie einen Zuschuss von rund 50 US-Dollar versprach f\u00fcr jede Tonne CO2, die sie wieder unter die Erde bringt (und 35 Dollar f\u00fcr anderweitige Verwendungen), liefern sich Anbieter aus aller Welt ein Wettrennen, um die Prozesse m\u00f6glichst schnell effizienter und kosten-g\u00fcnstiger zu machen.<\/p>\n<p>E-Fuel als Nebenprodukt<br \/>\nBei Climeworks arbeiten Teams schon an den Kollektoren der n\u00e4chsten und \u00fcbern\u00e4chsten Generation. Aber die magische Grenze von 100 Dollar pro Tonne werde man wohl erst \u201ein f\u00fcnf bis zehn Jahren\u201c erreichen, so Gebald. Wettbewerber Global Thermostat aus USA gibt an, CO2 heute bereits f\u00fcr 150 US-Dollar pro Tonne einfangen zu k\u00f6nnen. Und l\u00e4ngst sind noch nicht alle Potenziale ausgesch\u00f6pft, das aus der Luft gefilterte CO2 kommerziell zu nutzen. Nicht nur im Gew\u00e4chshaus oder als Kohlens\u00e4ure in Softdrinks.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Treibhausgase sind schuld am Klimawandel. Ingenieure wollen deshalb CO2 aus der Luft herausfiltern \u2013 und f\u00fcr die Produktion von synthetischem Sprit nutzen. Auf Island haben gerade die Bauarbeiten an einer neuen Gro\u00dfanlage begonnen, die auch Audi zugute kommen soll. Corona sorgt immerhin f\u00fcr eine kleine Atempause in der Klimakrise. 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