{"id":82070,"date":"2020-11-30T07:23:38","date_gmt":"2020-11-30T06:23:38","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=82070"},"modified":"2020-11-27T12:39:24","modified_gmt":"2020-11-27T11:39:24","slug":"baumrinde-als-rohstoffe-fuer-textilien-schicke-borke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/baumrinde-als-rohstoffe-fuer-textilien-schicke-borke\/","title":{"rendered":"Baumrinde als Rohstoffe f\u00fcr Textilien: Schicke Borke"},"content":{"rendered":"<p>Charlett Wenig geht in den Wald, um eine neue Jacke zu designen. Sie fertigt sie zusammen mit ihrer Kollegin Johanna Hehemeyer-C\u00fcrten aus der Rinde der Kiefer. Noch sind es Unikate. Wenig, eine junge Industriedesignerin, geht es aber nicht nur um eine Jacke: Sie ist auf der Suche nach gr\u00fcneren, also \u00f6kologischeren Materialien, mit denen sie Models auf den Laufsteg schicken, aber auch Werkstoffe f\u00fcr Zelte oder Messepavillons ersetzen kann.<\/p>\n<p>Derzeit schreibt sie dazu ihre Doktorarbeit am Max-Planck-Institut f\u00fcr Kolloid- und Grenzfl\u00e4chenforschung in Potsdam. Sie wurde zusammen mit Hehemeyer-C\u00fcrten \u2013 sie ist eine Modedesignerin von der Kunsthochschule Wei\u00dfensee \u2013 bereits in einem Wettbewerb f\u00fcr Nachwuchsforscherinnen und -forscher ausgezeichnet \u2013 Kategorie: \u201eVisions\u201c.<\/p>\n<p>Eigentlich ist es allerdings eine alte Sache. Baumrinde z\u00e4hlt zu den \u00e4ltesten Textilien der Welt. In Uganda zum Beispiel kleidete der Stoff fr\u00fcher K\u00f6nige. Doch im 19. Jahrhundert brachten arabische H\u00e4ndler gewebte Baumwollstoffe in das ostafrikanische Land. Die Produktion des Borkenstoffs, h\u00e4ufig englisch Bark Cloth genannt, nahm rapide ab. Wiederentdeckt wird er erst in den 90er Jahren.<\/p>\n<p>2005 erkl\u00e4rte die Unesco die handwerkliche Herstellung des Rindentuchs zum \u201eMeisterwerk des m\u00fcndlichen und immateriellen Kulturerbes\u201c, 2014 z\u00e4hlt die Nasa den Stoff zu den Top 10 weltweiter Material\u00adinnovationen, genauer: das Rindentuch, das das deutsch-ugandische Unternehmen Barktex mit Sitz im baden-w\u00fcrttembergischen Ebringen aus Uganda importiert.<\/p>\n<p>Die Kunden sind Designer und Innenausstatter, sie machen daraus Schuhe, Tapeten, Lenkradbez\u00fcge. Nur: Der Stoff ist aus der sich immer wieder erneuernden Rinde des ostafrikanischen Feigenbaums Mutuba. Forscherin Wenig sucht das Material bei frisch gef\u00e4llten B\u00e4umen in Brandenburg und Hessen.<\/p>\n<p>Bisher nur ein Abfallprodukt<br \/>\nSie, eigentlich ein ruhig, sachlicher Typ, schw\u00e4rmt regelrecht: \u201eKiefern, Eichen, Fichten werden mehr als 20 Meter hoch, die Baumrinde ist ein riesiges St\u00fcck.\u201c Nur sei diese bislang ein Abfallprodukt. Weltweit fielen in der Holzindustrie jedes Jahr rund 60 Millionen Tonnen Rinde an, die allenfalls zu Rindenmulch f\u00fcr den Garten verarbeitet, meist aber verbrannt werde. Eine Verschwendung, zumal wenn man bedenkt: Der Ressourcenverbrauch der Menschheit ist derzeit so hoch, dass eigentlich 1,6 Erden n\u00f6tig w\u00e4ren, um ihn nachhaltig zu decken. Das rechnen Umweltexperten immer wieder vor.<\/p>\n<p>Charlett Wenig geht in Schritten vor. Herausforderung Nummer eins, die sie zun\u00e4chst l\u00f6sen musste: Wie sch\u00e4lt man einen Baum? \u201eAn der Antwort habe ich ein Jahr lang viel gearbeitet\u201c, sagt Wenig. Ohne Wulf Hein im hessischen Birstein h\u00e4tte es wom\u00f6glich noch l\u00e4nger gedauert.<\/p>\n<p>Hein sei Arch\u00e4o-Techniker, erz\u00e4hlt die Forscherin. Ihn habe sie ausfindig gemacht. Er k\u00f6nne Rinden sch\u00e4len, weil er sich viel damit besch\u00e4ftigt habe, wie die Menschen in der Steinzeit gelebt h\u00e4tten. Damals seien Fu\u00dfb\u00f6den aus Birkenrinde gelegt worden. Auch im Neuen Garten des Potsdamer Schlosses Sanssouci st\u00fcnde ein \u201eBorkenh\u00e4uschen\u201c, wenn auch wieder neu aufgebaut, es sei ein Zeichen f\u00fcr die Nutzung von Rinde auch im Barock.<\/p>\n<p>\u201eMan brauche ein bisschen Handwerk und Geschick, um sie zu gewinnen\u201c, meint Wenig. \u201eDer Baum muss gerade voll im Saft stehen, es muss also geregnet haben, dann setzen Sie einmal einen L\u00e4ngsschnitt, gehen dort mit einem Sch\u00e4leisen hinein und heben die Borke, so dass Sie sie dann langsam in einem St\u00fcck abziehen k\u00f6nnen.\u201c Das h\u00f6rt sich einfacher an. als es ist: Selbst wenn sie Helferinnen und Helfer hat, braucht sie zwei bis drei Tage, um rund 12 B\u00e4ume zu sch\u00e4len, die sie im Jahr f\u00fcr ihre Forschung ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p>Nur: Die Rinde besteht in der Regel aus einer inneren Bastschicht, in der N\u00e4hrstoffe f\u00fcr den Baum transportiert werden, und aus der Borke, das sind die abgestorbenen Bastzellen. Elastisch ist sie nicht. \u201eBaumrinde trocknet superschnell und zerbr\u00f6selt dann regelrecht\u201c, sagt Wenig. So kam Herausforderung Nummer zwei. Wenig versuchte mit ihren Kolleginnen und Kollegen im Labor die Rinde \u2013 wie sie sagt \u2013 zu \u201eflexibilisieren\u201c.<\/p>\n<p>Es gelang mit einer L\u00f6sung aus Glyzerin, die sonst Lebensmittel feucht h\u00e4lt und in Kosmetik steckt. Bis zu zwei Tage legte Wenig die Rinde darin ein \u201eda wurde das wie Leder, nur nicht ganz so flexibel\u201c. Aber sie konnte mit Hehemeyer-C\u00fcrten zum ersten Mal eine Jacke aus dem Material fertigen \u2013 und stie\u00df auf Herausforderung Nummer drei.<\/p>\n<p>Verwebte Rindenstreifen<br \/>\nDer Stoff war noch immer zu steif. Das Model, dem sie die Jacke auf den Leib schneiderten, konnte die Arme nicht heben. Also t\u00fcftelten sie weiter, verwebten Rindenstreifen d\u00fcnn wie Spaghetti. Es entstand ein stretchiger Stoff f\u00fcr Jacken oder Hosen.<\/p>\n<p>L\u00e4sst er sich denn auch im str\u00f6menden Regen tragen? \u201eIch w\u00fcrde auch mit einer Lederjacke bei solchem Wetter nicht rausgehen\u201c, sagt Wenig. Und wie soll die Rinde im gro\u00dfen Stil geerntet werden? Die Holzindustrie m\u00fcsse sich daf\u00fcr freilich umstellen, doch es sei denkbar, mit der Technik zu arbeiten, mit der auch Holzfurnier hergestellt werde.<\/p>\n<p>Dass ihr Rindenstoff nicht von heute auf morgen auf den Laufstegen der Welt getragen wird, schreckt Wenig nicht. \u201eDas ist Grundlagenforschung\u201c, sagt sie. Und weiter: \u201eBis Carbon entwickelt wurde, hat es auch lange gedauert.\u201c Das Material, aus dem zum Beispiel Fahrradrahmen und Sportger\u00e4te gemacht werden, gilt als bruchfest und leicht. Sie wolle Naturmaterialien verstehen und Designerinnen und Designer damit vertraut machen, meint Wenig: \u201eBaumrinde k\u00f6nnte auch ein Stoff sein, der sich als Au\u00dfenhaut f\u00fcr Zelte auf Festivals oder Pavillons auf Messen eignet.\u201c Sie wird wieder in den Wald gehen und am Stoffwechsel forschen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Charlett Wenig geht in den Wald, um eine neue Jacke zu designen. Sie fertigt sie zusammen mit ihrer Kollegin Johanna Hehemeyer-C\u00fcrten aus der Rinde der Kiefer. Noch sind es Unikate. 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