{"id":81459,"date":"2020-11-12T07:26:28","date_gmt":"2020-11-12T06:26:28","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=81459"},"modified":"2020-11-09T15:17:52","modified_gmt":"2020-11-09T14:17:52","slug":"der-neue-gruene-deal-folge-05-runde-sache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/der-neue-gruene-deal-folge-05-runde-sache\/","title":{"rendered":"Der neue gr\u00fcne Deal \u2013 Folge 05: Runde Sache"},"content":{"rendered":"<p>Strandspazierg\u00e4nger finden seit einigen Jahren immer wieder r\u00e4tselhaft bunte, mitunter recht dekorative Gebilde. Wirft man diese ins Wasser, und sie gehen nicht unter, ist die Wahrscheinlichkeit gro\u00df, dass es sich um sogenannte Plastiglomerate handelt. So nennen Meeresforscher Konglomerate aus Gestein, Sedimenten wie Muschelkalk und geschmolzenem Plastik. Thermoplastische Kunststoffe legen als Treibgut weite Strecken zur\u00fcck und nehmen unterwegs jede beliebige Form an, wenn sie warm werden. Man findet Plastiglomerate inzwischen rund um den Globus. Sie sind ein weiteres Zeichen f\u00fcr das Verm\u00fcllen der Ozeane \u2013 aber eher harmlos im Vergleich zu den Polymer-Fitzelchen, die insbesondere im Pazifik massenhaft in den Wellen treiben und f\u00fcr Fische und Seev\u00f6gel appetitlich aussehen. Oder den Fischernetzen aus Nylon, die zwar so verschlissen sind, dass sie sich vom Trawler losrei\u00dfen, aber immer noch rei\u00dffest genug, dass sich Wale, Delfine, Robben oder Seeschildkr\u00f6ten rettungslos in ihnen verheddern. Au\u00dferdem erf\u00fcllen die Plastiglomerate eine p\u00e4dagogische Funktion: Verschiedene Museen nutzen solche Fundst\u00fccke, um deutlich zu machen, dass Plastikabf\u00e4lle im Meer nichts verloren haben.<\/p>\n<p>Martin Stuchtey will davon diejenigen \u00fcberzeugen, die f\u00fcr das Problem verantwortlich sind: Hersteller von Kunststoff und Verpackungen, Manager aus der Getr\u00e4nke- und Nahrungsmittelindustrie, Politiker. Der 52-j\u00e4hrige Geologe und Vater von sechs Kindern kennt viele von ihnen, denn bis zu seinem Ausstieg 2016 war er bei McKinsey Leiter der f\u00fcr Nachhaltigkeit zust\u00e4ndigen Beratungssparte, die er mit aufgebaut hatte. Dann gr\u00fcndete Stuchtey mit einem Partner eine eigene Firma namens Systemiq, deren inzwischen 200 Mitarbeiter nichts anderes tun, als sich Gedanken \u00fcber eine Wirtschaftsweise zu machen, die er vor seinen Kindern vertreten kann.<\/p>\n<p>\u201eWenn wir so weitermachen, schwimmt in 30 Jahren genauso viel Plastik im Meer wie Fisch.\u201c Das sagt Stuchtey nicht einfach so. Er kennt die Sch\u00e4tzungen der Fischbest\u00e4nde, die Wachstumsprognosen f\u00fcr Kunststoffe und den ungef\u00e4hren Anteil der Produktion, f\u00fcr den der Ozean das Endlager ist. Er kennt aber auch L\u00f6sungsans\u00e4tze. Ende Juli hat Stuchtey die Studie \u201eBreaking the Plastic Wave\u201c vorgestellt, die Systemiq in Zusammenarbeit mit der US-amerikanischen Stiftung Pew Charitable Trusts erarbeitet hat. Die Botschaft: Wir k\u00f6nnen die Welle brechen, wir k\u00f6nnen die Plastikflut stoppen. Wenn wir aufh\u00f6ren, Kunststoffe als wertlose Ex-und-hopp-Materialien zu behandeln.<\/p>\n<p>Gr\u00fcnes Wachstum statt Symbolpolitik<\/p>\n<p>Ein paar Tage vor der Ver\u00f6ffentlichung der Studie sitzt Stuchtey auf der zum Home Office umfunktionierten Terrasse seines Hauses \u2013 mitten im Gr\u00fcnen in der N\u00e4he des Starnberger Sees, fernab sichtbarer Umweltverschmutzung \u2013 und verstr\u00f6mt Aufbruchsstimmung. Wenn die Zeit jetzt nicht reif sei, wann dann? Was er seit Jahren predigt, etwa beim Weltwirtschaftsforum im Jahr 2016 in Davos, passt zu dem, was der Sachverst\u00e4ndigenrat f\u00fcr Umweltfragen (SRU) <a href=\"https:\/\/www.umweltrat.de\/SharedDocs\/Downloads\/DE\/01_Umweltgutachten\/2016_2020\/2020_Umweltgutachten_Entschlossene_Umweltpolitik.html\" target=\"_blank\">in seinem Umweltgutachten<\/a> Anfang des Jahres der Bundesregierung empfohlen hat: Zur Forderung der 2019 gegr\u00fcndeten Nichtregierungsorganisation German Zero nach einem klimapolitischen Strukturwandel der Wirtschaft. Und vor allem zum European Green Deal, mit dem die Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen und ihr Vize Frans Timmermans im Dezember viele Politiker, Manager und Normalb\u00fcrger verbl\u00fcfft hatten.<\/p>\n<p>Zentraler Bestandteil dieses Vorhabens, mittels einer europ\u00e4ischen Industriestrategie gr\u00fcnes Wachstum zu stimulieren \u2013 statt weiter beispielsweise mit Verboten von Polymer-Trinkhalmen Symbolpolitik zu treiben \u2013, ist ein Aktionsplan f\u00fcr eine echte Kreislaufwirtschaft. Eine, die sich f\u00fcr die \u00d6ko-Bilanz eines elektrischen Ger\u00e4ts, Kleidungsst\u00fccks, M\u00f6bels, Werkstoffs oder Baumaterials nicht erst dann interessiert, wenn dieses schon auf dem Wertstoffhof gelandet ist. \u201eBis zu 80 Prozent der Umwelteigenschaften eines Produktes\u201c, hei\u00dft es in dem Br\u00fcsseler Papier, \u201ewerden bereits in der Designphase festgelegt.\u201c Das gilt im Guten wie im Schlechten.<\/p>\n<p>Diese neue \u00d6konomie stellt erheblich h\u00f6here Anspr\u00fcche an die unternehmerische Weitsicht als das deutsche Kreislaufwirtschaftsgesetz aus dem Jahr 2012. Dieses regelt nicht viel mehr als die Entsorgung und dies auch nicht besonders konsequent \u2013 zumindest bis zur anstehenden Novelle. Rechtlich gelten Abf\u00e4lle als recycelt oder verwertet, sobald sie in einer \u201eBehandlungsanlage\u201c landen; blo\u00dfes Sortieren z\u00e4hlt bereits als Behandlung. Alles, was weder dort hingeh\u00f6rt noch wiederverwertet werden kann, wird mitgewogen und h\u00fcbscht so die Recyclingquote auf. Tats\u00e4chlich wurde laut SRU-Gutachten nicht einmal die H\u00e4lfte der 3,4 Millionen Tonnen Plastik-Verpackungsabfall des Jahres 2017 von der Industrie als Rohmaterial genutzt. Etwa gleich viel wurde \u201eenergetisch verwertet\u201c \u2013 so der Euphemismus f\u00fcrs Verheizen in einer M\u00fcllverbrennungsanlage mit Kraft-W\u00e4rme-Kopplung. Der Rest, circa sechs Prozent, ging in den Export.<\/p>\n<p>Ein geschlossener Wertstoffkreislauf hingegen endet weder in der Verbrennungsanlage noch in Standf\u00fc\u00dfen f\u00fcr Baken an Autobahnbaustellen, sondern stellt ohne gr\u00f6\u00dfere Qualit\u00e4tseinbu\u00dfen das Ausgangsmaterial wieder her. Das w\u00e4ren bei Kunststoff sortenreine, ungef\u00e4rbte und schadstofffreie Granulate. Voraussetzung daf\u00fcr ist, dass der Recycling-Betrieb die sogenannten Fraktionen sauber trennen kann. Unkompliziert ist das nur bei den PET-Einwegflaschen, die \u00fcber das Pfandsystem des Handels zur\u00fcckkommen. \u201eRegel Nummer eins der Kreislaufwirtschaft lautet: Plastik ist nicht Plastik\u201c, sagt Martin Stuchtey. \u201eDas sind Millionen unterschiedliche Permutationen von Polymeren, Laminaten, Pigmenten, Additiven, Antioxidanzien, Hartmachern und Weichmachern. Die Summe daraus ist dann eben mal nicht rezyklierf\u00e4hig.\u201c<\/p>\n<p>Entsprechend gering ist der Anteil von Rezyklaten am Aussto\u00df der deutschen Kunststoffindustrie. Ihr Anteil am Gesamtvolumen lag 2017 bei 12,2 Prozent. Verglichen mit Metallen, Papier oder Glas, ist das sehr wenig. Dort liegen die Verwertungsquoten bei weit mehr als 80 Prozent; Verpackungen aus diesen Materialien bestehen zu rund 60 bis 90 Prozent aus Sekund\u00e4rrohstoff. Am lohnendsten ist das Recycling bei den Aluminiumverpackungen, die zu fast 90 Prozent im Kreislauf bleiben: Die Herstellung von Prim\u00e4raluminium aus dem Erz Bauxit verschl\u00e4nge bis zu 20-mal so viel Energie. W\u00fcrden externe Umweltkosten durch eine europaweite CO2-Abgabe in realistischer H\u00f6he kompensiert, d\u00fcrfte sich die Kreislaufwirtschaft f\u00fcr die Industrie ebenso auszahlen. \u201eDeren Verb\u00e4nde wissen sehr wohl, dass ihre Mitglieder zu Gewinnern eines klimapolitischen Strukturwandels werden k\u00f6nnen\u201c, sagt Heinrich Str\u00f6\u00dfenreuther, Mitgr\u00fcnder von German Zero.<\/p>\n<p>Wege aus der Wegwerfgesellschaft<\/p>\n<p>Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung auf dem Weg in eine Kreislaufwirtschaft sind die Vielfalt der Materialien und die Wegwerfgesellschaft. Beide bedingen einander und verst\u00e4rken sich gegenseitig. Selbst Sammelsysteme wie der Gr\u00fcne Punkt, die geschaffen wurden, um Wertstoffe vor der M\u00fcllhalde zu retten, haben sich zur perfekten Erg\u00e4nzung einer auf maximale Bequemlichkeit getrimmten Einbahn-Warenlogistik entwickelt. Dass wir achtlos alle Arten von Kunststoff in dieselbe gelbe Tonne werfen k\u00f6nnen, f\u00f6rdert zwar die Bereitschaft zu einer groben M\u00fclltrennung, nicht aber weiteres Nachdenken dar\u00fcber, wie \u00f6kologisch sinnvolle Verpackungen beschaffen sein sollten.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich herrscht in der scheinbar vorbildlichen M\u00fclltrenner-Nation Deutschland heute eine von den Kommunen weitgehend tolerierte Wurstigkeit. Und die betrifft nicht nur die verbreitete Unsitte, an Joghurtbechern den Aludeckel und die Papph\u00fclle dranzulassen, was ein Recycling aller drei Wertstoffe zuverl\u00e4ssig verhindert. Ende Juli stellte das Umweltbundesamt (UBA) die Ergebnisse einer Studie vor, f\u00fcr die Forscher in St\u00e4dten, in Randgebieten und im l\u00e4ndlichen Raum den Inhalt von 2800 Restm\u00fclltonnen durchsucht hatten. Mehr als ein Viertel des Gewichts entfiel auf trockene Wertstoffe, f\u00fcr die es Recycling-M\u00f6glichkeiten gegeben h\u00e4tte \u2013 wie Papier, Glas, Metall, Holz, Kork und sogar Elektroger\u00e4te und Textilien.<\/p>\n<p>Den gr\u00f6\u00dften Haufen unter den Fehlw\u00fcrfen bildeten Kunststoffe, hochgerechnet 700 Millionen Kilogramm (zu 60 Prozent Verpackungen) pro Jahr. Immer wieder stie\u00dfen die vom UBA beauftragten Forscher auf volle oder teilentleerte Packungen. So werfen viele Leute nach wie vor alles achtlos weg, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum \u00fcberschritten ist. Zumindest landete aber der L\u00f6wenanteil des Plastiks entleert in der richtigen Tonne: Insgesamt werfen Privathaushalte j\u00e4hrlich mehr als 3,8 Milliarden Kilogramm Kunststoffverpackungen weg.<\/p>\n<p>Die Verhaltensunterschiede sind gewaltig. Bei durchschnittlichen St\u00e4dtern holt die M\u00fcllabfuhr pro Jahr und Person mehr als 150 Kilogramm Restm\u00fcll ab, im Umland gut 40 Kilo weniger. Besonders konsequente M\u00fcllvermeider kommen mit weniger als zehn Kilogramm aus.<\/p>\n<p>Auch die Hersteller delegierten ihre \u00f6kologische Verantwortung gern ans Duale System und nutzten die M\u00f6glichkeiten der Form- und Farbgestaltung, um mit unverwechselbarem, markentypischem Design im Supermarktregal aufzufallen. Der \u00fcber Jahrzehnte hinweg billige Rohstoff Erd\u00f6l machte es m\u00f6glich. Paradoxerweise machen heute ausgerechnet Bem\u00fchungen der Verpackungsspezialisten, mit geringerem Ressourceneinsatz auszukommen und ihre CO2-Bilanz zu verbessern, den Recyclingbetrieben das Leben schwer. So kamen in den vergangenen Jahren immer mehr Verpackungen auf den Markt, die aus mehreren Schichten verschiedener Polymere bestehen, deren Eigenschaften sich erg\u00e4nzen. \u201eMaterialien aus mehreren Schichten sind unter anderem entwickelt worden, um Material zu sparen\u201c, sagt J\u00f6rg Rothermel, Rohstoffexperte beim Verband der Chemischen Industrie. \u201eDurch die Kombination konnte man die Verpackungsdicke teilweise auf ein Zehntel reduzieren.\u201c Der Nachteil: Die Lagen lassen sich nicht ohne Weiteres wieder trennen.<\/p>\n<p>Recyceln lassen sich die Verbundmaterialien nur, indem man sie chemisch aufbricht, um die Ausgangsstoffe f\u00fcr die verschiedenen Polymere zur\u00fcckzugewinnen. Der Aufwand ist jedoch so hoch, dass es fraglich ist, ob oder wann sich die Technik durchsetzt. Vielleicht legt die Branche auch den R\u00fcckw\u00e4rtsgang ein. Laut Rothermel werden bestimmte Verbundmaterialien bereits wieder ersetzt durch ein dickeres Monomaterial.<\/p>\n<p>Am sinnvollsten w\u00e4re es, das Volumen an Stoffen und die Zahl der Gegenst\u00e4nde zu minimieren, die \u00fcberhaupt recycelt werden m\u00fcssen. Denn Energie ist daf\u00fcr immer n\u00f6tig, oft auch Wasser und eine Zugabe an jungfr\u00e4ulichem Material. Das wird bis auf Weiteres fast immer aus Mineral\u00f6l gewonnen, selten aus nachwachsenden Rohstoffen und eines ferneren Tages vielleicht aus eingefangenem CO2, das als chemischer Rohstoff genutzt wird, statt damit die Atmosph\u00e4re zu belasten. Ganz oben auf der Forderungsliste des Sachverst\u00e4ndigenrats f\u00fcr Umweltfragen f\u00fcr den \u00dcbergang zur Kreislaufwirtschaft steht deshalb die weitere Nutzung von Produkten. Handys oder Waschmaschinen sollen nicht mehr so fr\u00fch verschrottet werden, sondern general\u00fcberholt in einen Secondhand-Markt gehen. Voraussetzung w\u00e4ren Produkte, die viel l\u00e4nger leben als die zweij\u00e4hrige Gew\u00e4hrleistungsfrist. \u201eAu\u00dferdem m\u00fcssen sie reparierbar sein, materialeffizient, energiesparend, schadstofffrei und recyclingf\u00e4hig\u201c, sagt Mechthild Baron, wissenschaftliche Mitarbeiterin des SRU in Berlin.<\/p>\n<p>Besser f\u00fcr die Umwelt: nutzen statt kaufen<\/p>\n<p>Schafft es die Politik, Hersteller und Importeure zur Einhaltung dieser Ziele zu verpflichten, bekommen die Eink\u00e4ufer von Handelsketten ein Problem, die gro\u00dfe Mengen an recht kurzlebiger Billigware aus Fernost auf den Markt bringen. Dieses Gesch\u00e4ft k\u00f6nnte ins Wanken geraten. Denn in den vergangenen Jahrzehnten hat im unteren Segment des Konsumg\u00fctermarktes ein Unterbietungswettlauf stattgefunden mit der Folge, dass sich etwa ein verkalkter Multifunktions-Brausekopf samt Schlauch durch einen neuen ersetzen l\u00e4sst zum Preis einer Flasche Marken-Entkalker. Dabei h\u00e4tte ein Duschkopf, den jeder Laie m\u00fchelos auseinanderschrauben und entkalken kann, eine viel bessere \u00d6kobilanz, w\u00fcrde viele Jahre halten, eine h\u00f6here Wertsch\u00f6pfung erwirtschaften als die vielen in dieser Zeit verschlissenen Ex-und-hopp-Exemplare mit ihren Margen im Cent-Bereich \u2013 und w\u00e4re unter dem Strich kaum teurer.<\/p>\n<p>Bei h\u00f6herwertigen Gebrauchsg\u00fctern wie Wei\u00dfer Ware sieht Baron neue Chancen f\u00fcr das Modell \u201eNutzen statt kaufen\u201c: \u201eWenn ein Hersteller Waschmaschinen nur noch verleiht, bezahle ich ihn daf\u00fcr, dass das Ding l\u00e4uft. Wenn es nicht mehr funktioniert, muss er es reparieren oder austauschen.\u201c Damit habe er automatisch ein gr\u00f6\u00dferes Interesse daran, es reparaturfreundlich zu konstruieren und robust zu bauen.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Verpackungssektor hei\u00dfen die L\u00f6sungen Mehrweg oder unverpackt. Es experimentieren bereits Weltkonzerne mit neuen Varianten dieser scheinbar archaischen Vertriebsweisen. Der kleine, aber bereits international t\u00e4tige Recycling-Spezialist Terracycle aus New Jersey hat f\u00fcr Kunden wie Procter &amp; Gamble, The Body Shop oder H\u00e4agen-Dazs einen Onlineshop namens Loop aufgebaut, der in Testmetropolen wie New York oder Paris ausgew\u00e4hlte Produkte in Mehrweg-Pfandbeh\u00e4ltern anbietet, die eigens f\u00fcr diese Versuche designt wurden \u2013 zum Teil aus Edelstahl, was lange h\u00e4lt und gut zu recyceln ist. Der Lieferdienst UPS nimmt das Leergut bei der n\u00e4chsten Zustellung in einer Mehrweg-Polstertasche wieder mit. Das Sortiment reicht von Kosmetika \u00fcber M\u00fcsli bis zu Eiscreme in der doppelwandigen Isolierdose, die mehr wert ist als der Inhalt.<\/p>\n<p>Das selbst im Vergleich zu einem deutschen Unverpackt-Laden schmale Sortiment und die nur f\u00fcr Bestverdiener akzeptablen Preise deuten freilich darauf hin, dass die logistischen Kosten sehr hoch sind und noch kein Gesch\u00e4ftsmodell f\u00fcr den Massenmarkt mit eher geringen Margen in Sicht ist. Das ist ganz anders bei Algramo, einem Start-up in Santiago, das mit einem Elektro-Dreirad in der chilenischen Hauptstadt unter anderem Waschmittel von Unilever lose nach Gewicht anbietet. Die Kunden sind Menschen mit wenig Geld, die kleine Mengen in mitgebrachte Beh\u00e4lter abzapfen. W\u00e4hrend Kleinpackungen im Laden schon wegen des Verpackungsaufwands immer mit einem heftigen Zuschlag kalkuliert werden, berechnet Algramo einen einheitlichen Gramm-Preis, der etwa 30 Prozent unter dem von Gro\u00dfpackungen liegt. Auch Grundnahrungsmittel wie Reis, Bohnen und Zucker verkauft die Firma lose.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Mehrweg-Prinzip<\/p>\n<p>F\u00fcr Kunden, die an Superm\u00e4rkte mit vielen Tausend Artikeln und Hunderten von Marken gew\u00f6hnt sind, sind solche ressourcenschonenden Vertriebsmodelle wohl eher nichts. Potenzial f\u00fcr neue oder wiederbelebbare Mehrwegkonzepte gibt es dort aber auch, zum Beispiel bei Brauereien und Mineralbrunnen, die ihre Getr\u00e4nke bundesweit vermarkten. Aus Marketinggr\u00fcnden verwenden viele Abf\u00fcller markenspezifische K\u00e4sten und Flaschen, die dann sp\u00e4ter leer durch die Republik gekarrt werden. Mechthild Baron vom SRU r\u00e4t den gro\u00dfen Marken deshalb zu einer R\u00fcckkehr zu sogenannten Pool-Flaschen und standardisierten Wasser- und Bierk\u00e4sten. Die Erdinger Brauerei k\u00f6nnte ihr Wei\u00dfbier in Jever-Pils-Leergut abf\u00fcllen und umgekehrt. F\u00fcr die Pr\u00e4sentation im Supermarkt t\u00e4ten es auch Papierbanderolen.<\/p>\n<p>Pool-Mehrweggl\u00e4ser h\u00e4tten nach Ansicht der Expertin auch gro\u00dfes Potenzial bei Konserven. \u201eOb ich ein Glas in den Container schmei\u00dfe oder zur\u00fcck in den Laden bringe, ist f\u00fcr mich als Verbraucherin letztlich egal\u201c, sagt Baron. Der Supermarkt habe zwar mehr Aufwand und m\u00fcsse daf\u00fcr einige Quadratmeter Lagerfl\u00e4che abzwacken. Daf\u00fcr w\u00e4re der Einstieg leicht, denn viele Konservenhersteller nutzten sowieso einheitliche Gl\u00e4ser. Ein Beitrag zur CO2-Einsparung sei Mehrweg in dieser Branche allemal: \u201eJedes Glas, das wir in den Container werfen, muss mit viel Energie eingeschmolzen werden.\u201c<\/p>\n<p>Der vielleicht gr\u00f6\u00dfte Hebel bei der Einf\u00fchrung einer ernst zu nehmenden Kreislaufwirtschaft k\u00f6nnten soziale Normen sein, also die landes\u00fcblichen Gebr\u00e4uche. Gemeinhin gelten sie als schwer steuerbar. Doch nicht nur die gro\u00dfe Zahl derer, die in Corona-Zeiten Maske tragen, hat gezeigt, dass sich auch kurzfristig viele Menschen zu Verhaltens\u00e4nderungen bewegen lassen, wenn sie erkennen, dass es etwas bringt und nicht wehtut.<\/p>\n<p>So lief es auch mit der Kampagne \u201eRefill Nation\u201c in Gro\u00dfbritannien: Viele Briten gingen nicht ohne Einweg-Wasserflasche aus dem Haus, um jederzeit trinken zu k\u00f6nnen \u2013 was die Abfallberge wachsen lie\u00df. Dann riefen Aktivisten Gesch\u00e4ftsleute, Beh\u00f6rden, Wirte und andere nette B\u00fcrger dazu auf, \u00f6ffentlich zug\u00e4ngliche Wasserh\u00e4hne zu montieren, an denen sich jeder gratis eine mitgebrachte Trinkflasche auff\u00fcllen konnte. Allein in Wales stieg die Zahl solcher Zapfstellen binnen eines Jahres von 10 auf mehr als 1000.<\/p>\n<p>Befreiungsschlag auf Bali<\/p>\n<p>In einem Land wie Indonesien, das deutlich mehr unter der Plastikflut leidet, l\u00e4sst sich das Refill-Konzept aus hygienischen Gr\u00fcnden nicht kopieren. Aber Martin Stuchtey ist guter Dinge, auf dem dicht bev\u00f6lkerten pazifischen Archipel etwas bewegen zu k\u00f6nnen. Schon seit McKinsey-Zeiten arbeitet er beim Kampf gegen das Plastik im Meer eng mit der Ellen MacArthur Foundation zusammen. Die Stiftung der britischen Seglerin und Umweltaktivistin hat wiederum eine beachtliche Phalanx an internationalen Konzernen an Bord geholt, deren Chefs es nicht mehr egal ist, dass M\u00fcll ihrer Marken die Umwelt verschmutzt. Daher verpflichten sich Hersteller wie Nestl\u00e9, Pepsico, Unilever, Mars, Coca-Cola und H\u00e4ndler wie Walmart, Carrefour, Ahold oder die Lidl-Mutter Schwarz, gemeinsam mit Kunststoff- und Verpackungsherstellern an der Entwicklung einer New Plastics Economy mitzuwirken.<\/p>\n<p>Mit dabei ist auch der Wiener Petrochemie-Konzern Borealis. Im Projekt \u201eStop Ocean Plastics\u201c baut er gemeinsam mit Stuchteys Firma Systemiq auf verschiedenen Inseln Indonesiens Recyclingsysteme auf. \u201eAlle Kunststoffverpackungen werden gesammelt und sortiert\u201c, erkl\u00e4rt Stuchtey, \u201edie Einnahmen flie\u00dfen zur\u00fcck ins System und helfen bei dessen Finanzierung.\u201c Die Regierung des Landes setzt auf Kreislaufwirtschaft, denn die Millionen von Flaschen, die die Inselbewohner in l\u00e4ndlichen Regionen wild entsorgten, waren zur ernsten Gefahr f\u00fcr Fischerei und Tourismus geworden, zwei lebenswichtige Branchen. So flie\u00dft insbesondere das extrem weitverbreitete und gut wiederverwertbare Monomaterial PET weitgehend in den Kreislauf zur\u00fcck. Drei Jahre nach dem Start sammelt <a href=\"https:\/\/www.stopoceanplastics.com\/en_gb\/\" target=\"_blank\">Stop Ocean Plastics<\/a> in den teilnehmenden Regionen bereits so viel ein, dass Stuchtey sagt: \u201eDas l\u00e4uft dort fast besser als in Deutschland.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Strandspazierg\u00e4nger finden seit einigen Jahren immer wieder r\u00e4tselhaft bunte, mitunter recht dekorative Gebilde. Wirft man diese ins Wasser, und sie gehen nicht unter, ist die Wahrscheinlichkeit gro\u00df, dass es sich um sogenannte Plastiglomerate handelt. So nennen Meeresforscher Konglomerate aus Gestein, Sedimenten wie Muschelkalk und geschmolzenem Plastik. 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