{"id":81155,"date":"2020-11-06T07:26:22","date_gmt":"2020-11-06T06:26:22","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=81155"},"modified":"2020-11-03T13:03:11","modified_gmt":"2020-11-03T12:03:11","slug":"das-japanische-start-up-mui-lab-will-mit-smartem-holz-ruhe-in-unser-leben-bringen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/das-japanische-start-up-mui-lab-will-mit-smartem-holz-ruhe-in-unser-leben-bringen\/","title":{"rendered":"Das japanische Start-up mui Lab will mit smartem Holz Ruhe in unser Leben bringen"},"content":{"rendered":"<p>Ein Holzbrett, knapp 60 Zentimeter lang, an einer Wand montiert. Auf den ersten Blick sieht das mui Board aus wie ein minimalistisches Designobjekt. Doch der Schein tr\u00fcgt. Denn das Board birgt ein intelligentes Geheimnis: Es ist das weltweit erste Smart-Home-Touch-Panel aus Holz. Mit anderen Worten: Es ist das erste schlaue Holz f\u00fcr Zuhause. Im Interview mit 1E9 erkl\u00e4rt mui Lab-Chef Kaz Oki, was es damit auf sich hat.<\/p>\n<p>Entwickelt wurde das intelligente Board von mui Lab, einem japanischen Start-up aus Kyoto. Mitbegr\u00fcnder Kaz Oki sprach mit uns \u00fcber die h\u00f6lzerne Mensch-Maschine-Schnittstelle, erfolgreiche Kickstarter-Kampagnen und dar\u00fcber, wie \u201eCalm Technology\u201c Familien n\u00e4her zusammenbringen soll.<\/p>\n<p>1E9: Es gibt derzeit viele Smart-Home-Ger\u00e4te auf dem Markt. Was unterscheidet das mui Board von anderen Produkten?<\/p>\n<p>Kaz Oki: Die meisten Technologien sind darauf ausgerichtet, das Leben einfacher und bequemer zu machen. Das Smartphone zum Beispiel ist ein Computer, eine Kamera und ein Fenster in die Welt, alles in einem Ger\u00e4t. Auch Smart TVs und intelligente Lautsprecher bewegen sich immer st\u00e4rker in diese Richtung: Der Trend geht hin zu immer mehr Funktionalit\u00e4ten. Nat\u00fcrlich ist das im Alltag oft eine gro\u00dfe Hilfe, f\u00fcr die wir dankbar sind, aber es gibt auch ein gro\u00dfes Ablenkungspotenzial \u2013 manchmal mit negativen Folgen auf unser Sozialleben und unser Wohlbefinden.<\/p>\n<p>Uns drei Mitbegr\u00fcndern von mui Lab wurde das noch st\u00e4rker bewusst, als wir V\u00e4ter wurden. Die Aufmerksamkeit und Energie, die man eigentlich in wertvolle Zeit mit der Familie stecken sollte, verbringen wir stattdessen an den Bildschirmen unserer Ger\u00e4te. Das wollen wir \u00e4ndern und die Mensch-Maschine-Schnittstelle neu \u00fcberdenken. Unser Ziel ist es, ein Ger\u00e4t zu bauen, das Ruhe und Zusammengeh\u00f6rigkeit anstelle von Stress und Isolation hervorruft. Wir nennen diese Idee \u201eCalm Technology\u201c.<\/p>\n<p>Kannst du erkl\u00e4ren, wie das mui Board diese Ruhe erzeugt?<\/p>\n<p>Kaz Oki: Mehrere Aspekte spielen hier eine Rolle. Einer ist die bereits erw\u00e4hnte Ablenkung. Stell dir vor, du nimmst dein Smartphone heraus, um die Uhrzeit oder das Wetter zu \u00fcberpr\u00fcfen. Aber dann siehst du, dass du eine Nachricht von dieser Person erhalten haben oder dass jene Person eine neue Story in den sozialen Medien gepostet hat \u2013 und ehe man sich versieht, hat man Stunden am Smartphone verbracht. Das mui Board kann dir auch das Wetter, die Uhrzeit oder sogar Nachrichten anzeigen. Aber es ist nicht so konzipiert, dass du immer weiter klicken willst; es soll nicht deine sozialen Interaktionen st\u00f6ren.<\/p>\n<p>Dazu kommt ein zweiter Aspekt: das Design. Das mui Board ist nicht nur \u00e4sthetisch ansprechender als ein schwarzer Bildschirm \u2013 zumindest in meinen Augen \u2013 es schafft auch eine ganz andere Atmosph\u00e4re. Im Japanischen verwenden wir den Begriff Tatazumai. Er wird manchmal mit \u201e\u00e4u\u00dferliche Erscheinung\u201c, \u201eHaltung\u201c oder \u201eAtmosph\u00e4re\u201c \u00fcbersetzt, aber die genaue Bedeutung ist im Englischen oder Deutschen schwer auf den Punkt zu bringen. Es hat mit den Gef\u00fchlen zu tun, die ein Objekt erzeugt, wenn man mit ihm interagiert: Wie ein Kunstwerk oder ein M\u00f6belst\u00fcck einen Raum warm oder kalt, gem\u00fctlich oder makellos erscheinen lassen kann. Holz ist ein nat\u00fcrliches Material und es ver\u00e4ndert das Tatazumai eines Wohnzimmers oder B\u00fcros. Bei mui Lab m\u00f6chten wir eine Harmonie zwischen Mensch, Natur und Technologie erzeugen und wir glauben, dass \u201eCalm Technology\u201c dabei helfen kann.<\/p>\n<p>Es hat einige Jahre gedauert, diese Vision in die Tat umzusetzen. Was waren die Herausforderungen auf dem Weg?<\/p>\n<p>Kaz Oki: Wie sich herausstellt, ist es gar nicht so leicht, Holz in einen Touchscreen zu verwandeln!<\/p>\n<p>mui Lab ist aus einer Firma namens Nissha hervorgegangen, die Touch-Technologie f\u00fcr f\u00fchrende globale Technologieunternehmen entwickelt und herstellt. In diesen Aspekten des Projekts hatten wir daher schon eine gewisse Expertise. Aber ein Produkt zu entwickeln, das aussieht und sich anf\u00fchlt wie Holz und zugleich reaktionsschnell und klar lesbar ist wie ein normales Display, war eine gro\u00dfe technologische Herausforderung. Wir mussten viel mit verschiedenen Holzarten und verschiedenen Verarbeitungstechniken experimentieren, um das gew\u00fcnschte Ergebnis zu erzielen.<\/p>\n<p>Und dann standen wir nat\u00fcrlich vor der gleichen Herausforderung, der sich viele Start-ups gegen\u00fcbersehen: Wie k\u00f6nnen wir Menschen f\u00fcr ein Produkt begeistern, das noch gar nicht wirklich existiert, das zudem schwer vorstellbar ist? Wir beschlossen, direkt mit unseren zuk\u00fcnftigen Kunden zu sprechen und erstellten eine Kampagne auf Kickstarter. Wir hatten zwar Vertrauen in unser Produkt, aber Crowdfunding ist immer auch ein bisschen Gl\u00fccksspiel \u2013 man wei\u00df nie genau, wie die Leute reagieren werden.<\/p>\n<p>Kaz Oki<\/p>\n<p>Aber eure Kampagne war ein spektakul\u00e4rer Erfolg. Sie brachte nicht nur das n\u00f6tige Geld f\u00fcr den Start der kommerziellen Produktion ein, sondern wurde auch als \u201eBest of Kickstarter 2019\u201c pr\u00e4miert. Gab es etwas, das euch bei diesen positiven Reaktionen \u00fcberrascht hat?<\/p>\n<p>Kaz Oki: Ich war \u00fcberrascht zu sehen, wie viele j\u00fcngere Menschen von der Idee begeistert waren. Die Gr\u00fcnder von mui Lab sind alle in ihren 30ern oder 40ern; wir sind Ehem\u00e4nner und V\u00e4ter. Wir waren von der Vision geleitet, \u00f6fter und bewusster Zeit mit der Familie zu verbringen. Wir hatten deshalb erwartet, dass die Unterst\u00fctzer des mui Boards in einer \u00e4hnlichen Situation sein w\u00fcrden. Zu sehen, dass das \u201eCalm Technology\u201c-Konzept Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergr\u00fcnden und Erfahrungen anspricht, war ein echtes Aha-Erlebnis.<\/p>\n<p>Hat dieses Fan-Feedback die Art, wie du euer Produkt siehst, ge\u00e4ndert?<\/p>\n<p>Kaz Oki: Ja und nein. Das Konzept und das Ziel \u201eCalm Technology\u201c zu entwickeln ist gleichgeblieben. Aber nat\u00fcrlich hat das Feedback, das wir f\u00fcr unsere Ger\u00e4te der ersten Generation erhalten haben, die weitere Richtung unserer Produkte beeinflusst. Und wir ermutigen unsere Kunden, die weitere Entwicklung noch aktiver mitzugestalten: Mit einem speziellen Entwickler-Kit, das einen Raspberry Pi enth\u00e4lt, k\u00f6nne sie neue und originelle UI\/UX\/Services f\u00fcr ihre mui-Ger\u00e4te entwickeln.<\/p>\n<p>Welche Pl\u00e4ne hast du f\u00fcr die Zukunft von mui und des \u201eCalm Technology\u201c-Konzepts?<\/p>\n<p>Kaz Oki: Wir verfolgen einen dreigleisigen Ansatz. Erstens arbeiten wir wiederfortlaufend an neuen Einsatzm\u00f6glichkeiten f\u00fcr das mui Board. Zum Beispiel werden wir mit einem japanischen Dichter kooperieren, dessen Werke dann auf dem mui Board angezeigt werden. Au\u00dferdem arbeiten wir daran, verschiedenen smarte Services in das Board zu integrieren. Zweitens tun wir uns mit anderen innovativen Unternehmen zusammen, um auf Basis der mui Technologie neue Nutzererlebnisse zu schaffen. So haben wir beispielsweise mit der Firma Wacom \u2013 bekannt unter anderem f\u00fcr ihre Zeichentabletts \u2013 gr\u00f6\u00dfere Holzs\u00e4ulen entwickelt, die mit deren Smart-Pen-Technologie kompatibel sind. Darauf k\u00f6nnen zum Beispiel Familien das Wachstum eines Kindes \u00fcber die Jahre hinweg dokumentieren \u2013 wie fr\u00fcher am T\u00fcrrahmen. Und drittens erforschen wir eine ganze Reihe neuer Gesch\u00e4ftsfelder, f\u00fcr die die Technologie hinter dem mui Board interessant sein k\u00f6nnte, von M\u00f6beln bis hin zu Ladengesch\u00e4ften oder der Innenausstattung von Autos.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen dieses Interview nicht beenden, ohne \u00fcber das Thema zu sprechen, das gerade alle besch\u00e4ftigt: die Corona-Pandemie. Hat das Virus euer Gesch\u00e4ft beeintr\u00e4chtigt?<\/p>\n<p>Kaz Oki: Die letzten Monate waren f\u00fcr niemanden einfach; Reisebeschr\u00e4nkungen oder abgesagte Veranstaltungen haben auch uns getroffen. Aber gleichzeitig hat die Pandemie die Bedeutung von \u201eCalm Technology\u201c als Konzept neu verdeutlicht. Menschen auf der ganzen Welt verbringen mehr Zeit zu Hause, sowohl im privaten als auch im beruflichen Kontext. Es ist wichtiger denn je, eine harmonische, stressfreie Beziehung zu Technologie aufzubauen. Wir sind sicher: In einer Zeit, in der Menschen ihr Zuhause als einen Ort der Zuflucht und der sozialen Interaktion wiederentdecken, werden Technologien wie das mui Board richtig an Fahrt gewinnen.<\/p>\n<p>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Holzbrett, knapp 60 Zentimeter lang, an einer Wand montiert. Auf den ersten Blick sieht das mui Board aus wie ein minimalistisches Designobjekt. Doch der Schein tr\u00fcgt. 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