{"id":79265,"date":"2020-09-30T07:32:42","date_gmt":"2020-09-30T05:32:42","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=79265"},"modified":"2020-09-25T13:57:25","modified_gmt":"2020-09-25T11:57:25","slug":"bioplastik-ist-keine-unbedenkliche-alternative-zu-herkoemmlichen-kunststoffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/bioplastik-ist-keine-unbedenkliche-alternative-zu-herkoemmlichen-kunststoffen\/","title":{"rendered":"\u201eBioplastik\u201c ist keine unbedenkliche Alternative zu herk\u00f6mmlichen Kunststoffen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sogenanntes \u201eBioplastik\u201c gilt als umweltfreundliche Alternative zu konventionellen, erd\u00f6lbasierten Kunststoffen. Es kann aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen werden oder kompostierbar sein oder sogar beides. Aber sind diese Biomaterialien weniger bedenklich als herk\u00f6mmliches Plastik, was ihre chemische Zusammensetzung betrifft? Nein, lautet das Ergebnis der bisher umfassendsten Laborstudie dazu, die heute in der Zeitschrift Environment International erschienen ist. Wissenschaftler*innen um die Forschungsgruppe PlastX haben daf\u00fcr Alltagsprodukte aus unterschiedlichen Materialien untersucht: Der Anteil an Produkten aus Biomaterialien, der sch\u00e4dliche Chemikalien enth\u00e4lt, ist genauso hoch wie bei Produkten aus erd\u00f6lbasiertem Plastik.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_79261\" aria-describedby=\"caption-attachment-79261\" style=\"width: 561px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-79261\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/iStock-948614140_b-1024x765.jpg\" alt=\"iStock-948614140_b\" width=\"561\" height=\"419\" srcset=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2020\/09\/iStock-948614140_b-1024x765.jpg 1024w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2020\/09\/iStock-948614140_b-300x224.jpg 300w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2020\/09\/iStock-948614140_b-600x449.jpg 600w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2020\/09\/iStock-948614140_b.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 561px) 100vw, 561px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-79261\" class=\"wp-caption-text\">Collage of plastic bags (iStock.com\/LightFieldStudios)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Plastikprodukte stehen massiv in der Kritik. Schon ihre Herstellung aus fossilem Brennstoff gilt als wenig nachhaltig, das globale Plastikm\u00fcllproblem ist ungel\u00f6st, und wegen sch\u00e4dlicher Substanzen wie Bisphenol A geraten Alltagsprodukte aus Plastik immer wieder in die Schlagzeilen. Auf der Suche nach Alternativen werden vermehrt neue Materialien entwickelt, die vorteilhaftere \u00f6kologische Eigenschaften aufweisen sollen. Dazu geh\u00f6ren Biokunststoffe. Sie umfassen biobasierte Materialien wie Bio-Polyethylen, die aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen, und sogenannte bioabbaubare Materialien, die unter nat\u00fcrlichen Umweltbedingungen abbaubar sind wie Polymilchs\u00e4ure (PLA). Auch pflanzenbasierte Produkte, die aus nat\u00fcrlichen Polymeren wie Cellulose bestehen, z\u00e4hlen zu den neuen L\u00f6sungen. Aber sind diese Biomaterialien, die als nachhaltige Alternative zu konventionellem Plastik vermarktet werden, hinsichtlich ihrer chemischen Zusammensetzung weniger bedenklich?<\/p>\n<h3>Drei von vier Produkten enthalten Chemikalien, die in Zelltests negativ auffallen<\/h3>\n<p>Dieser Frage ist die Forschungsgruppe PlastX unter der Leitung des ISOE \u2013 Institut f\u00fcr sozial-\u00f6kologische Forschung gemeinsam mit der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universit\u00e4t Norwegen und der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt in einer Laborstudie nachgegangen. Es ist die bisher umfassendste Studie, in der Biokunststoffe und pflanzenbasierte Materialien auf ihre chemische Zusammensetzung und Toxizit\u00e4t hin untersucht und mit herk\u00f6mmlichen Kunststoffen verglichen wurden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_79256\" aria-describedby=\"caption-attachment-79256\" style=\"width: 245px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"  wp-image-79256\" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/beitragsbild_bioplastik_Zimmermann_Lisa_Foto_ISOE-300x208.jpg\" alt=\"beitragsbild_bioplastik_Zimmermann_Lisa_Foto_ISOE\" width=\"245\" height=\"170\" srcset=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2020\/09\/beitragsbild_bioplastik_Zimmermann_Lisa_Foto_ISOE-300x208.jpg 300w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2020\/09\/beitragsbild_bioplastik_Zimmermann_Lisa_Foto_ISOE-600x415.jpg 600w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2020\/09\/beitragsbild_bioplastik_Zimmermann_Lisa_Foto_ISOE.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 245px) 100vw, 245px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-79256\" class=\"wp-caption-text\">Lisa Zimmermann von der Goethe Universit\u00e4t in Frankfurt testet chemische Extrakte aus Biokunststoffen in kultivierten Zellen. Photo: ISOE<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u201eUm m\u00f6gliche sch\u00e4dliche Effekte der Chemikalienmischung zu analysieren, haben wir die Substanzen aus den Produkten herausgel\u00f6st und in Zelltests eingesetzt\u201c, erkl\u00e4rt Lisa Zimmermann, die Erstautorin der jetzt ver\u00f6ffentlichten Studie. \u201eDie Ergebnisse zeigen, dass die biobasierten bzw. bioabbaubaren Materialien keinesfalls weniger bedenklich sind. Drei Viertel aller untersuchten Produkte enthielten sch\u00e4dliche Chemikalien,\u201c sagt Zimmermann. \u201eSch\u00e4dlich hei\u00dft in diesem Fall, dass Substanzen toxisch auf Zellen wirken oder hormon\u00e4hnliche Effekte hervorrufen. Zum gleichen Ergebnis kamen wir bei herk\u00f6mmlichen Kunststoffen; auch hier enthielten drei von vier getesteten Produkten in diesem Sinne sch\u00e4dliche Chemikalien.\u201c<\/p>\n<h3>Chemikalienmix aus bis zu 20.000 Substanzen in Biomaterialen<\/h3>\n<p>Unter den 43 untersuchten biobasierten und bioabbaubaren Produkten waren Einweggeschirr, Schokoladenverpackungen, Trinkflaschen, Weinkorken und Zigarettenfilter. Die Untersuchung der Chemikalienmischungen mittels chemischer Analytik zeigte, dass sich in 80 Prozent der Produkte mehr als tausend Substanzen befanden, in einzelnen Produkten sogar bis zu 20.000. \u201eDie pflanzenbasierten Produkte aus Cellulose oder St\u00e4rke enthielten dabei die meisten Chemikalien. Auch waren diese am toxischsten, sprich hatten negative Auswirkungen in Zelltests,\u201c erl\u00e4utert die \u00d6kotoxikologin.<\/p>\n<h3>Vom Rohmaterial zum Endprodukt: Gesamttoxizit\u00e4t steigt<\/h3>\n<p>In der Studie wurde einerseits deutlich, dass die untersuchten Endprodukte eine breitere Palette an Substanzen enthielten und eine h\u00f6here Toxizit\u00e4t aufwiesen als die Rohmaterialien, aus denen sie hergestellt werden. Der Grund: Beim Prozessieren vom Rohmaterial zum Endprodukt werden neue Substanzen hinzugegeben oder gebildet. Andererseits zeigte jedes biobasierte und bioabbaubare Produkt eine \u201eindividuelle\u201c chemische Zusammensetzung. \u201eDas macht es nahezu unm\u00f6glich, allgemeing\u00fcltige Aussagen zur Sicherheit bestimmter Materialien zu treffen,\u201c erkl\u00e4rt Co-Autor Martin Wagner von der Universit\u00e4t Trondheim. \u201eEine lebensmittelechte T\u00fcte aus Bio-Polyethylen kann toxische Substanzen enthalten, ein Weinkorken aus dem gleichen Material muss das nicht zwangsl\u00e4ufig und umgekehrt.\u201c<\/p>\n<h3>Chemische Sicherheit von Plastik sollte auf die politische Agenda<\/h3>\n<p>Die Studienergebnisse zeigen: \u201eF\u00fcr Verbraucher*innen ist nicht nachvollziehbar, ob sie im Alltag mit bedenklichem Plastik in Ber\u00fchrung kommen \u2013 egal ob konventionell oder \u201ebio\u201c, sagt Carolin V\u00f6lker, die die Forschungsgruppe PlastX leitet. Die \u00d6kotoxikologin pl\u00e4diert deshalb daf\u00fcr, dass die Unbedenklichkeit der verwendeten Substanzen garantiert und somit schon bei der Entwicklung neuer Materialien ber\u00fccksichtigt wird. \u201eGerade, weil es einen Trend zu Biomaterialien gibt, gilt es jetzt, die chemische Sicherheit von herk\u00f6mmlichen Kunststoffen ebenso wie von biobasierten und bioabbaubaren Alternativen auf die politische Agenda zu setzen\u201c, sagt V\u00f6lker.<\/p>\n<p>Da bisher nicht bekannt sei, welche Auswirkungen der Chemikalienmix in den Kunststoffen konkret auf Mensch und Natur hat, seien zudem weitere Studien im Zuge der Risikoforschung zu Plastik und seinen Alternativen dringend notwendig. Zelltests g\u00e4ben erste Hinweise, reichten aber allein noch nicht aus, um die Gesundheits- und Umweltauswirkungen umfassend zu bestimmen.<\/p>\n<p>\u201eUm wirklich ganzheitlich bessere Alternativen zu herk\u00f6mmlichen Kunststoffen zu entwickeln, m\u00fcssen neben der chemischen Sicherheit zus\u00e4tzlich auch \u00f6kologische und soziale Aspekte ber\u00fccksichtigt werden, wie beispielsweise Treibhausgasemissionen, Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion und Kreislauff\u00e4higkeit\u201c. Auch hier sei beim \u201eBioplastik\u201c noch viel Luft nach oben, meint V\u00f6lker.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><em>Referenz<\/em><\/h3>\n<p><em>Are bioplastics and plant-based materials safer than conventional plastics? In vitro toxicity and chemical composition. Lisa Zimmermann, Andrea Dombrowski, Carolin V\u00f6lker, Martin Wagner (2020). Environment International, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.envint.2020.106066\" target=\"_blank\">https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.envint.2020.106066<\/a><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>\u00dcber die Forschungsgruppe PlastX<\/h3>\n<p>Die interdisziplin\u00e4re Nachwuchsgruppe PlastX \u2013 Kunststoffe als systemisches Risiko f\u00fcr sozial-\u00f6kologische Versorgungssysteme wird vom Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung (BMBF) im Programm \u201eForschung f\u00fcr nachhaltige Entwicklungen (FONA)\u201c gef\u00f6rdert. PlastX ist darin Teil der F\u00f6rderma\u00dfnahme \u201eS\u00d6F \u2013 Sozial-\u00f6kologische Forschung\u201c im F\u00f6rderbereich \u201eNachwuchsgruppen in der Sozial-\u00f6kologischen Forschung\u201c. Seit 2016 untersuchen sechs Wissenschaftler*innen die Problematik von Kunststoffen aus sozial-\u00f6kologischer Perspektive. Forschungspartner sind dabei das ISOE \u2013 Institut f\u00fcr sozial-\u00f6kologische Forschung (Leitung), das Max-Planck-Institut f\u00fcr Polymerforschung (MPI), Abteilung Physikalische Chemie der Polymere und die Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt, Abteilung Aquatische \u00d6kotoxikologie.<\/p>\n<h3><\/h3>\n<h3>Wissenschaftliche Ansprechpartnerin<\/h3>\n<p>Lisa Zimmermann<br \/>\nNachwuchsgruppe PlastX<br \/>\nE-Mail: <a href=\"mailto:L.Zimmermann@bio.uni-frankfurt.de\" target=\"_blank\">L.Zimmermann@bio.uni-frankfurt.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sogenanntes \u201eBioplastik\u201c gilt als umweltfreundliche Alternative zu konventionellen, erd\u00f6lbasierten Kunststoffen. Es kann aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen werden oder kompostierbar sein oder sogar beides. Aber sind diese Biomaterialien weniger bedenklich als herk\u00f6mmliches Plastik, was ihre chemische Zusammensetzung betrifft? Nein, lautet das Ergebnis der bisher umfassendsten Laborstudie dazu, die heute in der Zeitschrift Environment International erschienen ist. [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":59,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"","nova_meta_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[5572],"tags":[10763,11841,11567,12344],"supplier":[187,1064,14118,7429,4766,17525],"class_list":["post-79265","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bio-based","tag-biokunststoffe","tag-kreislaufwirtschaft","tag-umwelt","tag-verpackungen","supplier-bundesministerium-fuer-bildung-und-forschung-bmbf","supplier-goethe-universitaet-frankfurtmain","supplier-isoe-institut-fuer-sozial-oekologische-forschung","supplier-max-planck-institut-fur-polymerforschung","supplier-norwegian-university-of-science-and-technology","supplier-plastx-researching-plastics"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79265","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/59"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=79265"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/79265\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=79265"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=79265"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=79265"},{"taxonomy":"supplier","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/supplier?post=79265"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}