{"id":79098,"date":"2020-09-25T07:32:48","date_gmt":"2020-09-25T05:32:48","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=79098"},"modified":"2020-09-22T14:07:03","modified_gmt":"2020-09-22T12:07:03","slug":"medizinalcannabis-soll-in-deutschland-heimisch-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/medizinalcannabis-soll-in-deutschland-heimisch-werden\/","title":{"rendered":"Medizinalcannabis soll in Deutschland heimisch werden"},"content":{"rendered":"<p>Wer denkt, Hanf sei nur eine unscheinbare Pflanze, deren Inhaltsstoffe allenfalls als Rauschmittel verwendet werden k\u00f6nnten, kann schnell eines Besseren belehrt werden. Neben der Nutzung als wertvoller Rohstoff f\u00fcr Textilien oder Baustoffe, hat die Pflanze ein gro\u00dfes Potenzial als Arzneimittel. Um die Grundlagen zur Erzeugung von Medizinalhanf in Deutschland zu schaffen, wurde das von der Universit\u00e4t Hohenheim koordinierte Netzwerk <a href=\"https:\/\/www.cannabis-net.com\/\" target=\"_blank\">CANNABIS-NET<\/a> ins Leben gerufen.<\/p>\n<p>Hanf (Cannabis sativa) bringen die meisten von uns am ehesten mit der Verwendung als Rauschmittel in Verbindung: Die Cannabisprodukte Marihuana und Haschisch gelten als die weltweit meistgebrauchten illegalen Drogen; die hierf\u00fcr verwendeten Hanfsorten enthalten das f\u00fcr die Rauschwirkung verantwortliche psychoaktive Tetrahydrocannabinol (THC) in Mengen deutlich \u00fcber 0,2 Prozent. Aus diesem Grund sind Anbau und Nutzung von Hanf in Deutschland nur unter strengen Auflagen erlaubt. Im Jahr 2017 wurden diese etwas gelockert, indem Cannabis als Arzneimittel anerkannt wurde.<\/p>\n<p>Beim so genannten Industriehanf handelt es sich um Cannabis-Sorten mit einem \u00e4u\u00dferst geringen THC-Gehalt von unter 0,2 Prozent. Diese schon seit vielen Tausend Jahren genutzte Kulturpflanze ist ein nachwachsender Rohstoff f\u00fcr die verschiedensten Anwendungen: Aus den Fasern lassen sich unter anderem Textilien, Baustoffe oder Heizmaterial herstellen, die Samen werden f\u00fcr Lebensmittel wie \u00d6l, Proteinpulver und M\u00fcsli-K\u00f6rner oder auch f\u00fcr K\u00f6rperpflegeprodukte genutzt.<\/p>\n<p>Cannabis f\u00fcr personalisierte medizinische Therapien<\/p>\n<p>F\u00fcr die medizinische Nutzung ist jedoch nicht einzig und allein THC als Inhaltsstoff interessant. Hier spielen in zahlreichen Anwendungen auch die anderen Cannabinoide wie CBD (Cannabidiol), CBG (Cannabigerol), CBC (Cannabichromen), CBN (Cannabinol) eine Rolle. F\u00fcr die Gewinnung medizinischer Produkte k\u00f6nnen daher auch Medizinalhanfgenetiken von hohem Interesse sein, die \u00e4u\u00dferst geringe THC-Mengen unter 0,2 Prozent enthalten, daf\u00fcr aber jede Menge Phytocannabinoide, denen eine medizinische Wirkung nachgesagt wird. \u201eIn entsprechenden phytocannabinoidreichen Genetiken, den sogenannten PCR- Genetiken sind 10 bis 20 Prozent dieser Cannabinoide enthalten\u201c, erkl\u00e4rt Prof. Dr. agr. Simone Graeff-H\u00f6nninger, Agrarwissenschaftlerin an der Universit\u00e4t Hohenheim und Expertin f\u00fcr Medizinalhanf. \u201eDazu auch noch jede Menge Terpene und Flavonoide, die sich auch f\u00fcr medizinische Anwendungen eignen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Die therapeutischen Anwendungsgebiete f\u00fcr Medizinalcannabis sind vielf\u00e4ltig und reichen derzeit von Entz\u00fcndungsprozessen oder Schmerzen bis hin zu Epilepsie und Rheuma oder Asthma. \u201eWir wissen, dass es mehr als 100 verschiedene Cannabinoide in der Hanfpflanze gibt, in Summe weit \u00fcber 500 medizinisch wirksame Bestandteile\u201c, sagt Graeff-H\u00f6nninger. \u201eDabei wird die Wirkung durch das Zusammenspiel aller Bestandteile &#8211; dem sogenannten Entourage-Effekt &#8211; gemeinsam erzielt. Und genau das ist der Unterschied zum klassischen Medikament mit nur einem einzigen Wirkstoff. Beim Hanf kann das aber dann zur Folge haben, dass eine bestimmte Kombination bei einem Patienten sehr gut wirkt, bei einem anderen aber nicht. Die Ursache liegt in den individuellen Unterschieden im Endocannabinoid-System des Menschen.<\/p>\n<p>Und hier wird uns die Cannabismedizin in der Zukunft auch hinf\u00fchren: zur M\u00f6glichkeit einer individuellen Behandlung \u2013 also zu personalisierter Medizin. Beispielsweise k\u00f6nnte man dann bestimmte Cannabisgenetiken gezielt f\u00fcr einen Patienten ausw\u00e4hlen oder auch individuelle Mischungen von Extrakten f\u00fcr den Einzelnen erstellen. Darin liegt meiner Meinung nach ein enormes Potenzial der Cannabismedizin.\u201c Zu neuartigen Therapiem\u00f6glichkeiten und Anwendungen von Medizinalhanf wird in Deutschland zwar geforscht, beispielsweise an der Ludwigs-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen oder der Berliner Humboldt-Universit\u00e4t, Arzneimittel deutscher Unternehmen gibt es aber derzeit noch keine.<\/p>\n<p>Grundlagen schaffen f\u00fcr den Anbau von Medizinalcannabis<\/p>\n<p>\u00dcber den positiven Nutzen von Hanfanbau und -zucht unter kontrollierten Bedingungen sollten also keine Zweifel mehr bestehen. Allerdings wurde in Deutschland aufgrund des jahrzehntelangen strikten Verbots zur Cannabisnutzung das medizinische Potenzial bis heute vernachl\u00e4ssigt und nicht erforscht. Aus diesem Grund wurde im April 2019 das von der Universit\u00e4t Hohenheim koordinierte Netzwerk CANNABIS-NET ins Leben gerufen.<\/p>\n<p>Hier arbeiten in einem internationalen ZIM (Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand) -Netzwerk Partner daran, die Grundlagen zur Erzeugung von Medizinalhanf \u2013 phytocannabinoidreichem (PCR) Hanf &#8211; in Deutschland zu schaffen. \u201eUnsere Vision ist es, den Cannabismarkt hier bei uns \u00fcberhaupt erst einmal zu etablieren und ihn dann nat\u00fcrlich positiv zu beeinflussen\u201c, sagt Katrin Scherer, Netzwerkmanagerin von CANNABIS-NET. \u201eVor der Legalisierung hat sich bei uns niemand damit besch\u00e4ftigt. Man muss nun den Forschungszweig \u00fcberhaupt erst einmal etablieren. Und dann nat\u00fcrlich auch Wissen aufbauen. Eigenschaften der Pflanzen, Technologien zur Gewinnung oder Anwendungen \u2013 dies alles muss nun erst einmal getestet und entwickelt werden.\u201c<\/p>\n<p>Das internationale Netzwerk setzt sich neben 17 deutschen Firmen, die die komplette Wertsch\u00f6pfungskette von Cannabis abbilden, auch aus acht kanadischen Unternehmen zusammen. Kanada hat aktuell eine f\u00fchrende Rolle im globalen legalen Cannabis-Gesch\u00e4ft, so dass die deutschen Partner von deren Erfahrung lernen und die kanadischen Unternehmen vom deutschen Markt profitieren k\u00f6nnen. \u201eEine Win-win-Situation\u201c, so Scherer. \u201eDie deutschen Unternehmen lernen von den Kanadiern. Umgekehrt k\u00f6nnen die Kanadier auf einfache Weise den deutschen Markt betreten, denn bisher gibt es ja bei uns kein wirklich selbst angebautes Cannabis.\u201c<\/p>\n<p>Forschung und Entwicklung werden streng kontrolliert<\/p>\n<p>Generell sind die Auflagen f\u00fcr Arbeiten mit Hanfpflanzen hoch. \u201eIn Deutschland gibt es nur einige wenige Lizenzen daf\u00fcr, die nur alle paar Jahre in Vergabe-Runden zugeteilt werden. Das hei\u00dft, nicht jedes Partnerunternehmen hat eine eigene Lizenz, weshalb eine gut koordinierte Zusammenarbeit mit der Universit\u00e4t stattfinden muss, die eine Lizenz besitzt\u201c, berichtet die Netzwerkmanagerin. \u201eAber auch bei uns finden nat\u00fcrlich regelm\u00e4\u00dfige Kontrollen statt. Es werden nur Pflanzen bestimmter Genetiken mit einem THC-Gehalt unter 0,2 Prozent im Gew\u00e4chshaus angebaut. Das hei\u00dft, neue Technologien m\u00fcssen unter strengen Auflagen bei uns auf dem Universit\u00e4tsgel\u00e4nde getestet werden. Das ist f\u00fcr die Partnerfirmen dann schon teilweise eine Herausforderung, wenn f\u00fcr sie die Pflanzen nicht direkt zug\u00e4nglich sind.\u201c<\/p>\n<p>Seit dem Start des Netzwerks wurden schon einige Projekte initiiert. Einer der Schwerpunkte der Entwicklungsarbeiten liegt beispielsweise auf der Gew\u00e4hrleistung medizinischer Standards. \u201eAls Naturprodukt k\u00f6nnen die Inhaltsstoffe nat\u00fcrlich von Pflanze zu Pflanze variieren\u201c, sagt Scherer. \u201eF\u00fcr medizinische Produkte brauchen wir aber eine einheitliche, hohe Qualit\u00e4t, die man mit Standardisierungsma\u00dfnahmen nach den bei uns g\u00fcltigen GMP-Richtlinien sicherstellen muss.\u201c Aber auch weitere Themen wie Zucht und Anbau, Genetiken oder die Automatisierung der Pflanzenverarbeitung werden im Netzwerk erforscht und entwickelt. Erste Ergebnisse werden in etwa ein bis zwei Jahren erwartet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer denkt, Hanf sei nur eine unscheinbare Pflanze, deren Inhaltsstoffe allenfalls als Rauschmittel verwendet werden k\u00f6nnten, kann schnell eines Besseren belehrt werden. Neben der Nutzung als wertvoller Rohstoff f\u00fcr Textilien oder Baustoffe, hat die Pflanze ein gro\u00dfes Potenzial als Arzneimittel. 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