{"id":77119,"date":"2020-08-04T07:35:19","date_gmt":"2020-08-04T05:35:19","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=77119"},"modified":"2020-07-31T17:25:27","modified_gmt":"2020-07-31T15:25:27","slug":"bambus-pedelec-im-test-graswurzelbewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/bambus-pedelec-im-test-graswurzelbewegung\/","title":{"rendered":"Bambus-Pedelec im Test: Graswurzelbewegung"},"content":{"rendered":"<p>Auf den ersten Blick erinnert das <a href=\"https:\/\/www.my-boo.com\/bamboo-bikes\/all-models-2020\/my-volta-e8000.html\">My Volta E8000<\/a> von My Boo an ein Flo\u00df aus Robinson Crusoe. Bambusrohre, an den Enden zusammengebunden, um endlich der einsamen Insel zu entkommen. Ein wenig rustikal, aber irgendwie auch bereit, der See zu trotzen. Oder im Fall des My Boo dem Stra\u00dfenverkehr. Dort sind Alternativen zu Stahl und anderen Werkstoff noch immer die Ausnahme. Anbieter wie My Esel fertigen Rahmen aus Holz, kleine Firmen wie Stark, Bam Original und My Boo haben sich f\u00fcr Bambus entschieden, das eigentlich zu den Gr\u00e4sern z\u00e4hlt. Der Naturstoff ist ideal f\u00fcr den Bau von Fahrradrahmen. Er ist leicht, stabil und besitzt durch die L\u00e4ngsfasern gute D\u00e4mpfungseigenschaften. Etwas, das sich direkt bei der ersten Ausfahrt zeigt. Ob es die Federgabel von RockShox ist oder das besondere Rahmenmaterial, das My Boo f\u00e4hrt sich \u00e4u\u00dferst komfortabel. Ein Unterschied zu einem herk\u00f6mmlichen Fahrrad ist kaum\u00a0auszumachen.<\/p>\n<p>Auf die Idee kam Firmengr\u00fcnder Maximilian Schay vor acht Jahren, als ihm ein Freund aus Ghana ein Bild schickte. Darauf zu sehen ein rudiment\u00e4res Rad aus Bambus, das sich der Besitzer selbst zusammenbaute. F\u00fcr den damaligen BWL-Studenten und seinen Kommilitonen Jonas Stolzke ein Gl\u00fccksfall. Sie hatten schon lange die Idee, eine eigene Firma zu gr\u00fcnden. Produkte aus Bambus geh\u00f6rten zu ihren Favoriten. Da kam die Entdeckung von Maximilian Schays Bekanntem gerade recht. Es gab nur ein Problem: &#8220;Wir waren 20 und 21 Jahre und hatten von den drei Themen Fahrrad, Bambus und Ghana zu Beginn wenig Ahnung&#8221;, erkl\u00e4rt Schay. Viele Start-ups aus diesem Bereich werden von passionierten Bikern gegr\u00fcndet, die beiden Studenten waren dagegen schlichte Alltagsradler und hatten sich mit Technik und Produktion nie wirklich auseinandergesetzt. Also fuhren sie zu einem lokalen Fahrradh\u00e4ndler in Rendsburg bei Kiel und lie\u00dfen sich dort einen Crashkurs verpassen. Die Ingenieure eines Investors aus dem Bereich der Schiffslogistik lieferten weiteres\u00a0Know-how.<\/p>\n<p>Die Rahmen werden per Handarbeit in Ghana gefertigt<br \/>\nSchay und Stolzke war aber auch von Anfang klar, dass My Boo nachhaltig sein und sich auch sozial auswirken sollte. Die Rahmen werden deshalb vor Ort in Ghana gefertigt, dort wo auch der Rohstoff w\u00e4chst. Im Januar wird der Bambus im Umkreis von 20 Kilometern vom Fertigungsort geschlagen. Ausgew\u00e4hlt werden jeweils nur die Rohre, die im Umfang f\u00fcr den Fahrradbau passen. Nach dem Trocknen spannen die mittlerweile 40 Angestellten das Material ein, verbinden es mit f\u00fcnf Aluminiumteilen und fixieren den Rahmen mit in Harz getauchten Sisalseilen, eine Naturfaser bestimmter Agaven. Das f\u00fchrt zu den charakteristischen Knubbeln, wo die Bambusst\u00fccke\u00a0zusammentreffen.<\/p>\n<p>Die sind zun\u00e4chst noch viel wulstiger als beim Endprodukt. In m\u00fchevoller Kleinarbeit schleifen die Arbeiter anschlie\u00dfend die Stellen mit immer feinerem Werkzeug ab, bis die Verbindungen so aussehen, wie sie der Kunde sp\u00e4ter zu Gesicht bekommt. Zum Schluss erh\u00e4lt der Bambus eine Klarlacklackierung zum Schutz gegen die Witterung. Eine aufwendige Arbeit: &#8220;Jeder Rahmen braucht 80 Stunden Handarbeit in Ghana&#8221;, erkl\u00e4rt Maximilian Schay. Per Schiffscontainer gelangt das Material dann nach Kiel zur Endmontage, wo die restlichen Teile aus dem Gro\u00dfhandel hinzugef\u00fcgt werden. Das sind beim Testrad unter anderem hydraulische Shimano-Deore-Scheibenbremsen oder der Shimano-Steps-E8000 Motor, der in Kombination mit dem 504-Wh-Akku eine Reichweite von bis zu 180 Kilometern\u00a0schafft.<\/p>\n<p>Ein Teil der Einnahmen flie\u00dft in ein Schulprojekt in Ghana<br \/>\nDas Portfolio ist mittlerweile gro\u00df. Es gibt Trekking- und Cityr\u00e4der, Mountainbikes und Rennr\u00e4der. Die Modelle ohne Motor starten bei 1800 Euro, die Pedelecs kosten mindestens 3500 Euro, das Testrad ist mit 4700 Euro eines der teuersten Modelle. Das ist nicht billig. Aber auch nicht weiter verwunderlich angesichts des Aufwands, den My Boo betreibt, um die Produktion fair zu gestalten. Zumal ein Teil des Geldes an soziale Initiativen in Ghana geht. My Boo arbeitet vor Ort mit dem Yonso Project zusammen, das das Ziel hat, die gleichnamige Region zu entwickeln und vor allem Frauen und Kinder zu unterst\u00fctzen. Im Fall von My Boo hei\u00dft das, die Bambus-Fertigung in Ghana arbeitet eigenst\u00e4ndig und verkauft die Rahmen an die Kieler. Was \u00fcbrig bleibt, flie\u00dft in eine Modellschule, die mittlerweile 215 Kinder besuchen. Pro Jahr sei das &#8220;eine hohe f\u00fcnfstellige Summe&#8221;, sagt Maximilian Schay. Runtergerechnet auf eines der Bambusr\u00e4der des Start-ups ist es ein Anteil von etwa 100 Euro. Das Yonso School Project startete 2015, mittlerweile gibt es acht Klassen, die von 14 Lehrern unterrichtet werden. Aktuell spendet my Boo auch noch die Differenz des gesenkten Mehrwertsteuer an das Yonso Project. &#8220;Das soziale Engagement ist einer der Hauptgr\u00fcnde, warum manche Leute bei uns arbeiten&#8221;, ist sich Schay\u00a0sicher.<\/p>\n<p>Die au\u00dfergew\u00f6hnlichen Fahrr\u00e4der d\u00fcrften der andere sein. Zwar sehen die Pedelecs von My Boo ungew\u00f6hnlich aus, doch wenn es ums Fahren geht, unterscheiden sie sich kaum von einem Gef\u00e4hrt mit Metallrahmen und Motor. Ein kleines abnehmbares Display zeigt an, wie schnell der Radler gerade unterwegs ist, per Schalter lassen sich die unterschiedlichen Fahrmodi abrufen: Eco, Trail und Boost, die jeweils mehr Unterst\u00fctzung vom Motor abrufen. Allerdings nur bis 25 km\/h, dann schaltet sich der Motor aus und es muss mit Muskelkraft gestrampelt werden. Der Bambusrahmen hat allerdings auch seine technischen Grenzen. Beim my Volta liegt die Batterieeinheit auf dem Unterrohr auf. Das hat den Vorteil, dass sich der Akku abnehmen und in der Wohnung laden l\u00e4sst. Der Trend geht aber zum Pedelec, dem seine elektrische Unterst\u00fctzung nicht mehr anzusehen ist, die Batterien wandern in den Rahmen. Bei einem Naturprodukt ist das nat\u00fcrlich schwieriger. Doch auch das w\u00e4re vorstellbar, sagt Maximilian Schay. Wie eigentlich alles, wenn es um Bambus\u00a0geht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf den ersten Blick erinnert das My Volta E8000 von My Boo an ein Flo\u00df aus Robinson Crusoe. Bambusrohre, an den Enden zusammengebunden, um endlich der einsamen Insel zu entkommen. Ein wenig rustikal, aber irgendwie auch bereit, der See zu trotzen. Oder im Fall des My Boo dem Stra\u00dfenverkehr. 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