{"id":76338,"date":"2020-07-10T06:43:49","date_gmt":"2020-07-10T04:43:49","guid":{"rendered":"https:\/\/rss.nova-institut.net\/public.php?url=http%3A%2F%2Fwww.innovations-report.de%2Fhtml%2Fberichte%2Fmaterialwissenschaften%2Fschaufenster-biooekonomie-aus-pflanzenabfaellen-entstehen-high-tech-materialien.html"},"modified":"2020-07-02T17:25:19","modified_gmt":"2020-07-02T15:25:19","slug":"schaufenster-biooekonomie-in-deutschland-leben-hunderte-unbekannter-insektenarten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/schaufenster-biooekonomie-in-deutschland-leben-hunderte-unbekannter-insektenarten\/","title":{"rendered":"Schaufenster Bio\u00f6konomie: In Deutschland leben Hunderte unbekannter Insektenarten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Direkt vor der eigenen Haust\u00fcr gibt es eine Menge unbekannter Arten. Viele davon sind vom Aussterben bedroht. Doch um sie sch\u00fctzen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir sie erst einmal kennen.<\/strong><\/p>\n<p>Um neue Arten zu entdecken, muss man nicht in ferne L\u00e4nder reisen: Direkt vor der eigenen Haust\u00fcr gibt es jede Menge Tiere, Pflanzen und Pilze, die der Wissenschaft noch gar nicht bekannt sind. Fachleute sprechen dann von den sogenannten \u201eDark Taxa\u201c. Das sind Arten, die entweder noch gar keine Namen haben oder deren Einordnung extrem schwierig ist. \u201eUm jedoch effektivere Schutzma\u00dfnahmen zum Beispiel gegen das Insektensterben ergreifen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir besser verstehen, welche Arten es \u00fcberhaupt gibt und welche Funktionen sie im \u00d6kosystem haben\u201c, erkl\u00e4rt der Insektenkundler Prof. Dr. Lars Krogmann. Er leitet das Fachgebiet Systematische Entomologie an der Universit\u00e4t Hohenheim und gleichzeitig die entomologische Abteilung des Naturkundemuseums Stuttgart (SMNS). Mit dem Ziel, Licht ins Dunkel zu bringen, startete vor acht Jahren die vom Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung (BMBF) gef\u00f6rderte deutsche Barcode-of-Life-Initiative. Sie hat zum Ziel, die Artenvielfalt aller deutschen Tiere, Pilze und Pflanzen anhand ihres DNA-Barcodes, also des genetischen Fingerabdrucks, zu erfassen. Im Juli 2020 geht das Projekt in die dritte Projektphase, bei der zwei bislang eher vernachl\u00e4ssigte Insektengruppen im Fokus stehen sollen. Neu im Aufbau befindet sich auch das Kompetenzzentrum Biodiversit\u00e4t und integrative Taxonomie, eine Gemeinschaftseinrichtung der Universit\u00e4t Hohenheim und dem Naturkundemuseum Stuttgart, getragen von der Initiative \u201eIntegrative Taxonomie\u201c des Landes Baden-W\u00fcrttemberg.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass es in Deutschland noch eine Vielzahl unbekannter Arten gibt, mag zun\u00e4chst \u00fcberraschen. \u201eDas liegt meist nicht daran, dass wir sie noch nicht gefunden h\u00e4tten\u201c, erl\u00e4utert Prof. Dr. Krogmann, \u201esondern daran, dass sich vor allem die kleineren Insekten so \u00e4hnlich sehen k\u00f6nnen, dass sie \u00e4u\u00dferlich nicht unterscheidbar sind.\u201c<\/p>\n<p>Da k\u00f6nne es dann leicht passieren, dass man meine, nur eine Art vor sich zu haben. Dabei seien es aber in Wirklichkeit zwei, drei oder sogar noch mehr verschiedene sogenannte kryptische Arten, die durchaus unterschiedliche \u00f6kologische Anspr\u00fcche haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Das Problem des Insektensterbens besteht \u2013 unabh\u00e4ngig davon, dass es noch unbekannte Arten gibt<\/h3>\n<p>Nach Sch\u00e4tzungen warten weltweit ca. 80 Prozent aller Insektenarten darauf, entdeckt und beschrieben zu werden. \u201eLeider werden es jeden Tag weniger\u201c, bedauert Prof. Dr. Krogmann \u201eViele Arten verschwinden, bevor wir sie \u00fcberhaupt entdeckt haben. Und auch wenn rein rechnerisch so jedes Jahr neue Arten zum Katalog dazukommen, nimmt die Gesamtzahl aller Insekten doch deutlich ab.\u201c<\/p>\n<p>Deshalb ist es umso wichtiger, die Artenvielfalt unseres Planeten so schnell und umfassend wie m\u00f6glich zu erfassen, damit effektive Schutzma\u00dfnahmen ergriffen werden k\u00f6nnen. \u201eMan kann nur sch\u00fctzen, was man kennt\u201c, betont Prof. Dr. Krogmann.<\/p>\n<p>In Deutschland widmet sich seit 2012 das vom BMBF gef\u00f6rderte Projekt German Barcode of Life (GBOL) dieser Aufgabe. Das deutschlandweite Netzwerk aus verschiedenen Naturkundemuseen und anderen Biodiversit\u00e4tsforschungsinstituten sammelt dazu umfassend und fl\u00e4chendeckend Tier- und Pflanzenarten in ganz Deutschland.<\/p>\n<p>Diese werden mit modernen Methoden untersucht, katalogisiert, wissenschaftlich beschrieben und ihr Erbgut analysiert. Alle Daten werden zun\u00e4chst in der ersten umfassenden \u201eDNA-Barcoding\u201c-Gendatenbank der Fauna und Flora Deutschlands zusammengef\u00fchrt und anschlie\u00dfend in eine weltweite Datenbank eingespeist, so dass die Informationen auch anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern f\u00fcr ihre Forschung zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<h3>Insekten sind nicht nur als Best\u00e4uber wichtig<\/h3>\n<p>Ein erheblicher Teil der Insektenarten musste bislang jedoch in den bisherigen GBOL-Projekten und letztlich der gesamten Biodiversit\u00e4tsforschung ausgeschlossen werden, da es in Deutschland keine oder nur sehr unzureichende Fachkenntnisse und Informationen gibt. Dabei machen die Zweifl\u00fcgler, wie zum Beispiel M\u00fccken und Fliegen, und die Hautfl\u00fcgler, zu denen unter anderem auch Bienen und Wespen geh\u00f6ren, rund zwei Drittel aller Insektenarten in Deutschland aus. Diese L\u00fccke m\u00f6chte nun das Folgeprojekt GBOLIII schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>\u201eHautfl\u00fcgler spielen eine zentrale Rolle in unseren \u00d6kosystemen\u201c, erl\u00e4utert Prof. Dr. Krogmann sein Interesse f\u00fcr diese Insektengruppe. \u201eEinerseits als Best\u00e4uber von Bl\u00fctenpflanzen \u2012 daran denkt jeder sofort. Andererseits sorgen sie aber auch als nat\u00fcrliche Gegenspieler anderer Insekten f\u00fcr ein nat\u00fcrliches Gleichgewicht \u2013 und das wird leider oft au\u00dfer Acht gelassen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eZweifl\u00fcgler sind \u00f6kologisch gesehen vielleicht die vielseitigste Insektenordnung. Sie spielen eine entscheidende Rolle als Zersetzer, Best\u00e4uber, Gegenspieler und stellen einen gro\u00dfen Teil der Nahrung von Wirbeltieren\u201c, sagt Dr. Daniel Whitmore, Kurator f\u00fcr Zweifl\u00fcgler am SMNS. \u201eUnser geringer Kenntnisstand zur Vielfalt und Verbreitung vieler Fliegen- und M\u00fcckengruppen verhindert den effektiven Schutz ihrer Habitate und der von ihnen abh\u00e4ngigen Arten.\u201c<\/p>\n<h3>\u00d6kologischer Ansatz soll bei Artbestimmung helfen<\/h3>\n<p>So sind rund 80 Prozent aller Hautfl\u00fcgler-Arten parasitische Wespen, die ihre eigenen Eier in die Eier anderer Insekten, deren Raupen, Puppen oder in die ausgewachsenen Tiere legen. W\u00e4hrend sich aus den Eiern neue Wespen entwickeln, geht der Wirtsorganismus zugrunde. Im biologischen Pflanzenschutz werden parasitische Wespen deswegen oft auch als N\u00fctzlinge eingesetzt.<\/p>\n<p>Doch wahrscheinlich sind gerade diese Insekten besonders stark vom Insektensterben betroffen, da sie auf ausreichend gro\u00dfe Best\u00e4nde ihrer Insektenwirte angewiesen sind. \u201eBislang k\u00f6nnen wir dies nur vermuten\u201c, so Prof. Dr. Krogmann, \u201edenn es fehlen Daten zum Vorkommen und zur Verbreitung parasitischer Wespen. Zudem sind sie meist nur wenige Millimeter gro\u00df, was ihre Artbestimmung enorm erschwert.\u201c<\/p>\n<p>Einer neuer Ansatz soll \u2013 neben den genetischen Untersuchungen \u2013 hier weiterhelfen, sagt Prof. Dr. Krogmann: \u201eWir beziehen auch die Lebensweise der Insekten bei ihrer Bestimmung mit ein. Gerade parasitische Arten sind sehr spezialisiert: So k\u00f6nnen nah verwandte Arten, die \u00e4u\u00dferlich fast v\u00f6llig gleich aussehen, ganz unterschiedliche Insektenwirte befallen.\u201c<\/p>\n<h3>Neue Artenspezialisten werden gebraucht<\/h3>\n<p>Gleichzeitig soll im Rahmen von GBOLIII auch eine neue Generation von Taxonominnen und Taxonomen, den Spezialisten zur Artidentifikation, ausgebildet werden. \u201eDenn davon gibt es leider viel zu wenige\u201c, betont Prof. Dr. Krogmann, \u201eund sie werden mehr denn je gebraucht, wenn wir den aktuellen dramatischen Insektenr\u00fcckgang verstehen und bek\u00e4mpfen wollen.\u201c<\/p>\n<p>Weil es in Deutschland an den entsprechenden Expertinnen und Experten mangelt, hat er sich weltweite Unterst\u00fctzung gesucht. So gibt es z. B. Fachleute in den USA, Australien oder Rum\u00e4nien, die ihr Wissen an die neuen Hohenheimer Doktoranden und Doktorandinnen weitergeben m\u00f6chten. Dar\u00fcber hinaus will das Projekt durch regelm\u00e4\u00dfige Konferenzen und Zusammenk\u00fcnfte den Wissensaustausch der Forscherinnen und Forscher untereinander f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>und zu nutzen und so fossile und mineralische Rohstoffe zu ersetzen, Produkte umweltvertr\u00e4glicher herzustellen und biologische Ressourcen zu schonen. Das ist in Zeiten des Klimawandels, einer wachsenden Weltbev\u00f6lkerung und eines drastischen Artenr\u00fcckgangs mehr denn je notwendig. Das vom Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung (BMBF) ausgerichtete Wissenschaftsjahr Bio\u00f6konomie r\u00fcckt das Thema ins Rampenlicht.<\/p>\n<p>Die Bio\u00f6konomie ist das Leitthema der Universit\u00e4t Hohenheim in Forschung und Lehre. Sie verbindet die agrarwissenschaftliche, die naturwissenschaftliche sowie die wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Fakult\u00e4t. Im Wissenschaftsjahr Bio\u00f6konomie informiert die Universit\u00e4t Hohenheim in zahlreichen Veranstaltungen Fachwelt und \u00d6ffentlichkeit zum Thema. Im Monat Juni steht das Thema Artenvielfalt im Mittelpunkt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Direkt vor der eigenen Haust\u00fcr gibt es eine Menge unbekannter Arten. Viele davon sind vom Aussterben bedroht. Doch um sie sch\u00fctzen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir sie erst einmal kennen. 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