{"id":75775,"date":"2020-06-16T07:35:35","date_gmt":"2020-06-16T05:35:35","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=75775"},"modified":"2020-06-12T18:42:04","modified_gmt":"2020-06-12T16:42:04","slug":"aus-pilzen-haeuser-bauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/aus-pilzen-haeuser-bauen\/","title":{"rendered":"Aus Pilzen H\u00e4user bauen"},"content":{"rendered":"<p>Vera Meyer ist von Pilzen fasziniert: Als Biotechnologin will sie das Stoffwechselpotenzial der Lebenwesen nutzen, um der Bio\u00f6konomie Leben einzuhauchen, und gleichfalls mit Kunst begeistern.<\/p>\n<p>Pilze werden in der Regel gegessen oder bei der Herstellung von K\u00e4se oder Bier genutzt. F\u00fcr Vera Meyer sind sie jedoch mehr als nur Lebensmittel. Als Biotechnologin und K\u00fcnstlerin wei\u00df sie um die Vielfalt der Spezies und deren Potenzial, vor allem f\u00fcr die Bio\u00f6konomie. Denn aus Pilzen lassen sich nicht nur neue Verbundwerkstoffe und Verpackungen herstellen, sondern auch Kleidung, M\u00f6bel und Baustoffe. Ihre Vision vom Wohnen in Pilzh\u00e4usern treibt Meyer nicht nur als Forscherin an. Als K\u00fcnstlerin hebt sie die Multitalente auch in Form von Skupturen auf die B\u00fchne, um die Pilzvielfalt einer breiten \u00d6ffentlichkeit n\u00e4herzubringen.<\/p>\n<p>Frage<br \/>\nWie kamen Sie auf die Idee, dass man mit Pilzen H\u00e4user bauen k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Antwort<br \/>\nSeit mehr als 20 Jahren erforsche ich mit meinem Team Schimmelpilze als Produzenten von Proteinen, Enzymen, Medikamenten, Plattformchemikalien und Biokraftstoffen. Vor etwa f\u00fcnf Jahren begann ich, mich dar\u00fcber hinaus f\u00fcr St\u00e4nderpilze zu interessieren. Sie sind die einzigen Mikroorganismen, die pflanzliche Lignocellulose vollst\u00e4ndig biologisch abbauen k\u00f6nnen. Der Clou: Wenn St\u00e4nderpilze auf lignocellulosehaltigen pflanzlichen Reststoffen kontrolliert kultiviert werden, entstehen dabei sehr stabile, aber auch sehr leichte Verbundstoffe. Aus diesen k\u00f6nnte man wiederum M\u00f6bel, Kleidung oder Baustoffe produzieren. Der logische Schritt zum Hausbau mit Pilzen lag daher f\u00fcr mich auf der Hand: In einer Zukunft, in der Klimawandel, ein steigender Meeresspiegel und somit Migration unser t\u00e4gliches Leben pr\u00e4gen werden, k\u00f6nnten H\u00e4user aus Pilzen eine utopische Antwort auf diese Herausforderungen sein. Sollten die \u201ePilzh\u00e4user\u201c nicht mehr ben\u00f6tigt werden, k\u00f6nnten sie durch eine kontrollierte Kompostierung der Natur wieder zur\u00fcckgegeben werden.<\/p>\n<p>Frage<br \/>\nWas fasziniert Sie als Biotechnologin und K\u00fcnstlerin an Pilzen?<\/p>\n<p>Antwort<br \/>\nPilze \u2013 sowohl Schimmelpilze als auch St\u00e4nderpilze \u2013 sind vielschichtig, vielgestaltig und vielseitig. Einige schenken uns Leben. Sei es als Nahrungsmittel oder als Schatztruhen f\u00fcr die Medizin. Andere bringen den Tod. Sei es, weil sie pathogen sind oder gef\u00e4hrliche Giftstoffe bilden. Manche Pilze sind umwerfend sch\u00f6n, wieder andere wirken absto\u00dfend und h\u00e4sslich. Dabei sind sie gleicherma\u00dfen sichtbar und unsichtbar f\u00fcr uns. Pilze wirken daher fast mystisch auf viele Menschen. Sie ziehen sie in ihren Bann und unz\u00e4hlige Mythen ranken sich um sie. Als Wissenschaftlerin kann ich die vielseitigen Potentiale der Pilze f\u00fcr die Biotechnologie und ihr Bedrohungspotential f\u00fcr Mensch und Umwelt erforschen und in innovative Anwendungen \u00fcberf\u00fchren. Als K\u00fcnstlerin fasziniert mich ihre unb\u00e4ndige metamorphische Kraft, ihr Verwandlungspotential in Bezug auf sich selber und die sie umgebende Natur. Diese Metamorphosen \u00fcbersetze ich in Skulpturen, um Traum- und Gegenwelten lebendig werden zu lassen und zu erreichen, dass wir die Welt um uns herum mit anderen Augen sehen lernen.<\/p>\n<p>Frage<br \/>\nWelche Pilze k\u00f6nnten sich beispielsweise zur Baustoffherstellung eignen, und welche Eigenschaften sind daf\u00fcr relevant?<\/p>\n<p>Antwort<br \/>\nSt\u00e4nderpilze sind f\u00fcr die Herstellung von Verbundwerkstoffen am besten geeignet. Dabei kann es sich um essbare Pilze handeln wie Austernpilze oder um Baumpilze wie den Zunderschwamm, die an kranken oder toten B\u00e4umen zu finden sind. Wichtig ist, dass die Pilze auf den nachwachsenden pflanzlichen Rohstoffen schnell wachsen, dass w\u00e4hrend der Kultivierung die Ausbildung von Fruchtk\u00f6rpern und somit Sporen unterdr\u00fcckt wird und dass die Pilze keine Giftstoffe bilden. Bei den sich ausbildenden Verbundstoffen k\u00f6nnen verschiedene Materialeigenschaften erzielt werden, die von der Art der Kultivierung, dem gew\u00e4hlten Pilz und den gew\u00e4hlten Substraten abh\u00e4ngen. Wir erforschen gerade diese multifaktoriellen Einfl\u00fcsse mit dem Ziel, diese in der Zukunft gezielt einzusetzen, um kosteng\u00fcnstig Werkstoffe nach Ma\u00df herzustellen.<\/p>\n<p>Frage<br \/>\nWas macht Pilze Ihrer Ansicht nach zu Pionieren beim Wandel hin zu einer biobasierten Wirtschaft?<\/p>\n<p>Antwort<br \/>\nOhne Pilze gibt es meines Erachtens keine Bio\u00f6konomie mit ihren Prinzipien Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft. Pilze sind Meister der Zersetzung. Biologisch basierte Substrate wie Lignocellulose, St\u00e4rke, aber auch Protein- und Fettabf\u00e4lle k\u00f6nnen von ihnen verstoffwechselt werden. Sie sind aber auch Meister der Synthese: Aus den hierbei entstehenden monomeren Bestandteilen k\u00f6nnen Materialen, Textilien, Plattformchemikalien oder auch Medikamente entstehen, die bis dato auf Erd\u00f6lbasis produziert wurden. Dieses faszinierend gro\u00dfe Stoffwechselpotenzial der Pilze ist in der Natur un\u00fcbertroffen und wird einer wachsenden Bio\u00f6konomie Leben einhauchen.<\/p>\n<p>Frage<br \/>\nSie haben das Citizen-Science-Projekt \u201eMind the Fungi&#8221; gestartet. Wie hat die \u00d6ffentlichkeit reagiert?<\/p>\n<p>Antwort<br \/>\nDas Interesse an unserer Forschung und dem \u201eMind the Fungi\u201c-Projekt ist riesig. Wir bekommen viele Interessensbekundungen sowohl aus der Citizen Science Community, den Wissenschaften, der Industrie als auch aus der Kunstszene und von interessierten Laien. Ich denke, dass dies mit der den Pilzen eigenen Anziehungskraft zu tun hat und mit der um sich greifenden Erkenntnis, dass Pilze und die Pilzbiotechnologie tats\u00e4chlich \u00fcber ein erhebliches Transformationspotential f\u00fcr eine biobasierte Wirtschaft verf\u00fcgen und als Innovationsmotor verstanden werden. Unsere Vision, in Pilzen zu wohnen, sich in Pilze zu kleiden und mit und von Pilzen zu leben, irritiert und fasziniert\u00a0 die Menschen gleicherma\u00dfen. Der Weckruf \u201eMind the Fungi\u201c \u2013 Beachtet Pilze \u2013 ist angekommen. Viele haben sich von der Idee begeistern und inspirieren lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vera Meyer ist von Pilzen fasziniert: Als Biotechnologin will sie das Stoffwechselpotenzial der Lebenwesen nutzen, um der Bio\u00f6konomie Leben einzuhauchen, und gleichfalls mit Kunst begeistern. Pilze werden in der Regel gegessen oder bei der Herstellung von K\u00e4se oder Bier genutzt. 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