{"id":75176,"date":"2020-05-28T07:26:38","date_gmt":"2020-05-28T05:26:38","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=75176"},"modified":"2020-05-25T13:19:53","modified_gmt":"2020-05-25T11:19:53","slug":"biokunststoffe-boomen-im-sog-des-european-green-deal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/biokunststoffe-boomen-im-sog-des-european-green-deal\/","title":{"rendered":"Biokunststoffe boomen im Sog des European Green Deal"},"content":{"rendered":"<p>Bio\u00f6konomie ist das Thema des Wissenschaftsjahres 2020. Sie steht beim Bundesforschungministerium (BMBF) sowie beim Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) ganz oben, um Antworten auf die Nachhaltigkeitsfrage zu liefern.<\/p>\n<p>Zum Arbeitskomplex der allgegenw\u00e4rtigen Bio\u00f6konomieanstrengungen geh\u00f6ren in Zeiten einer medienpr\u00e4senten Fridays-for-Future-Bewegung auch der Klimawandel, die Verm\u00fcllung der Meere, schwindende landwirtschaftliche Nutzfl\u00e4chen sowie zur Neige gehende fossile Rohstoffe.<\/p>\n<p>Zu den Fragen, die sich daraus ergeben, gibt es bereits einige prominente Antworten, forciert auf der Basis von neuen biotechnologischen Verfahren. Dazu geh\u00f6ren etwa Bau- und D\u00e4mmstoffe aus Pflanzenfasern, Mikroorganismen, die Schadstoffe abbauen, aus Algen gewonnenes Kerosin und Kunststoffe, die sich selbst abbauen.<\/p>\n<p>Die Kunststoffindustrie etwa interessiert sich seit gut 15 Jahren verst\u00e4rkt f\u00fcr Biokunststoffe. Der Begriff versteht sich als Sammelbezeichnung f\u00fcr Kunststoffe, die aus nachwachsenden Rohstoffen aufgebaut sind \u2013 deswegen auch biobasiert genannt. Diese Kunststoffe k\u00f6nnen biologisch abgebaut werden.<\/p>\n<p>Die momentane Entwicklung wurde auch durch Bem\u00fchungen der Bundesregierung begleitet. Und am 15. Januar 2020 hat sie die nationale Bio\u00f6konomiestrategie verabschiedet. Im Rahmen derer sollen technische L\u00f6sungen auf der Basis der Biologie diskutiert und entwickelt werden, damit alles kompatibel zu den zu erwartenden Ver\u00e4nderungen werde. Hierzu wurden zwei Leitlinien definiert: Zum einen sollen das biologische Wissen und fortschrittliche Technologien als Pfeiler eines nachhaltigen Wirtschaftssystems mit Blick auf die Anwendung st\u00e4rker erforscht werden. Und die zweite Leitlinie bezieht sich auf die Rohstoffbasis der Wirtschaft, ausgerichtet auf biogene Ressourcen. Im Fokus steht bei Letzterem die Biomasse als nachwachsender Rohstoff.<\/p>\n<p>Milliardenschwere Pseudoma\u00dfnahmen?<br \/>\nUnkritisiert bleibt dieses Vorgehen jedoch nicht, wie Christiane Grefe es in ihrem Buch Global Gardening darstellt. Dort nimmt sie Stellung zum Rennwagen Bioconcept-Car, das zu einem gro\u00dfen Teil aus nachwachsenden Rohstoffen, also auch Biokunststoffen, bestehen soll. Es wurde umfangreich vom Bundesforschungsministerium und Bundesagrarministerium gef\u00f6rdert. Sie schreibt zur Vorstellung mit den Ministern, dass man das Bild auch anders sehen kann. Und zwar als Nachhaltigkeitsbetrug. Denn um den Status quo der Konsumkultur \u2013 gr\u00f6\u00dfer, schneller, weiter, mehr \u2013 noch einmal verl\u00e4ngern zu k\u00f6nnen, werde die Ausbeutung der ohnehin strapazierten Natur so wom\u00f6glich noch weiter versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Es reiche au\u00dferdem nicht, nur ein bisschen nachhaltiger zu produzieren und einzukaufen. Biositze, Biot\u00fcren, Bioauspuff, Biosprit sind ein toller Fortschritt, wenn er in Biobussen und -z\u00fcgen als Teil einer umfassenden umweltpolitischen Wende geschehe, die weg vom Auto, auf deutlich verbesserte \u00f6ffentliche Verkehrssysteme abziele. Diese Kontroverse l\u00e4sst ahnen, wie komplex die Debatte seit etwa zehn Jahren ist.<\/p>\n<p>Auf die andauernde Diskussion zum Thema Klimawandel und Ressourcenverknappung hat die EU reagiert und den Green Deal pr\u00e4sentiert. Das 1 Billion Euro schwere Vorhaben ist quasi ein Fahrplan f\u00fcr die nachhaltige EU-Wirtschaft der Zukunft. Im Dezember 2019 wurde dazu eine Timeline vorgelegt.<\/p>\n<p>Das Hauptziel soll eine effiziente Ressourcennutzung durch den \u00dcbergang zu einer sauberen und kreislauforientierten Wirtschaft sein. Deswegen werden Investition in umweltfreundliche Technologien gro\u00dfgeschrieben. Zu den weiteren Absichten geh\u00f6ren eine Wiederherstellung der Biodiversit\u00e4t und die Bek\u00e4mpfung der Umweltverschmutzung.<\/p>\n<p>Verglichen hat Ursula von der Leyen dieses finanzgewaltige Vorhaben mit Kennedys Apollo-Projekt in der 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Und der RWE-Vorstand J\u00fcrgen Gro\u00dfmann sieht Parallelen im Hinblick auf das Desertec-Vorhaben vor zehn Jahren, in das gesch\u00e4tzt 400 Mrd. Euro investiert wurden. Dazu \u00e4u\u00dferte der derzeit amtierende EU-Kommissar f\u00fcr Energie, G\u00fcnter \u00d6ttinger: \u201eKapital ist eine knappe Ressource in der EU\u201c. Kritik kam nat\u00fcrlich auch von Greta Thunberg. Ihr sind die Zielkorridore 2030 und 2050 zu abstrakt. Sie fordert konkrete Ma\u00dfnahmen Monat f\u00fcr Monat sowie Jahr f\u00fcr Jahr. Anders die deutsche Industrie, denn sie hat Angst vor den Forderungen, durch die die Kohlendioxidemissionen weiter gesenkt werden sollen. Was kommt, muss man abwarten.<\/p>\n<p>Kunststoffrecycling steht hoch im Kurs<br \/>\nKonkret will die EU auch das Kunststoffrecycling, ein weiterer Sektor der Kreislaufl\u00f6sung, f\u00f6rdern. Deswegen sollen Kunststoffverpackungen bis 2030 recycelt respektive wiederverwertbar sein. Zur letztendlichen Strategie gibt es aber noch Kl\u00e4rungsbedarf. Die konkreten Aktivit\u00e4ten der Biokunststoff-Industrie wurden auf der j\u00e4hrlichen Tagung des Branchenverbandes European Biolastic am 4. und 5. Dezember 2019 in Berlin vorgestellt, zu der sich etwa 400 leitende Angestellte aus Industrie und Forschung zum Erfahrungsaustausch trafen.<\/p>\n<p>Die Wertsch\u00f6pfungsketten von Biokunststoffen interessieren sowohl Marken, politische Entscheidungstr\u00e4ger und Hochschulen als auch Produzenten und NGOs. Ein Thema gr\u00f6\u00dfter Brisanz ist dabei die Reduktion des sogenannten Marine-Litter (Verm\u00fcllung der Meere), also die Verringerung der Plastikr\u00fcckst\u00e4nde in den europ\u00e4ischen Meeren. Hierzu geh\u00f6rt nicht nur der bekannte Kunststoffabfall, sondern etwa auch Zigarettenkippen wegen des Filtermaterials. M\u00f6gliche Abhilfe k\u00f6nnte die Entwicklung nachhaltiger Alternativen sein \u2013 wieder eine Chance f\u00fcr Biokunststoffe.<\/p>\n<p>Deswegen gew\u00e4hrt Werner Basmann von der Europ\u00e4ischen Kommission einen Ausblick auf die Initiativen der EU mit Blick auf eine Kreislaufwirtschaft sowie die Bio\u00f6konomie. Ihm zufolge haben Biokunststoffe einen hohen Stellenwert auf den politischen Agenden der EU, um die Kreislaufwirtschaft l\u00fcckenlos zu schlie\u00dfen. Das hei\u00dft konkret, die Wiederverwertung, das Recycling sowie die biologische Abbaubarkeit weiterzuentwickeln. Innerhalb der Kreislaufwirtschaft soll der Wert der Materialien dabei erhalten bleiben. Doch sind noch weitere Studien n\u00f6tig, die mehr Aufschluss dar\u00fcber bringen, hei\u00dft es. Die EU will also Antworten. Etwa auf die Frage: K\u00f6nnen wir durch Biokunststoffe unsere Abh\u00e4ngigkeit von fossilen Kunststoffen verringern? Fran\u00e7ois de Bie von Total ist Chairman beim Branchenverband European Bioplastics. Der Biokunststoff-Manager kommentiert die Konferenz so: \u201eEs ist eine entscheidende Zeit f\u00fcr unsere Branche, weil die Europ\u00e4ische Union es ernst meint.\u201c<\/p>\n<p>Hauptgewinner des Biokunststoff-Booms<br \/>\nRechtzeitig zu dieser Veranstaltung ver\u00f6ffentlicht der Branchenverband j\u00e4hrlich seine Marktzahlen: Die weltweite Produktionskapazit\u00e4t f\u00fcr Biokunststoff soll von rund 2,1 Mio. t im Jahr 2019 auf 2,4 Mio. t 2024 steigen. Weltweit waren es 2019 359 Mio. t Kunststoff. Die Biokunststoffe haben somit einen Anteil von kleiner 1 % an der gesamten Kunststoffmenge. Hierzu der langj\u00e4hrige Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer von European Bioplastics Hasso von Pogrell: \u201eIn einem zunehmend umweltbewussteren Kontext wird der globale Markt f\u00fcr Biokunststoffe in den n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahren voraussichtlich um \u00fcber 15 % wachsen.\u201c Urs\u00e4chlich f\u00fcr den Trend sei die stetig steigende Nachfrage nach nachhaltigen Produkten sowie die kontinuierlichen Bem\u00fchungen der Biokunststoff-Industrie, innovative Materialien mit verbesserten Eigenschaften und neuen Funktionen zu entwickeln. Der Boom wird sich laut von Pogrell fortsetzen.<\/p>\n<p>Das Hauptwachstum genie\u00dfen biobasiertes PP (Polypropylen) und PHAs (Polyhydroxyharz). Speziell die Produktionskapazit\u00e4ten dieser Biokunststoffe k\u00f6nnten sich in den n\u00e4chsten Jahren verdreifachen. PHAs sind \u00fcbrigens biobasierte und zugleich biologisch abbaubare Kunststoffe. Sie passen deshalb gut zu den Vorstellungen des Green Deals der EU. Trotz ihrer Abbaubarkeit d\u00fcrfen aber auch sie nicht im \u00dcberma\u00df als Abfall in unsere Umwelt gelangen, betonen die Entscheider.<\/p>\n<p>Polyetyhlen (PE) l\u00e4sst sich alternativ zu seinem fossilen Pendant auch aus Zucker und dem daraus erzeugbaren Alkohol produzieren. Polyethylen statt Rum also! Es zersetzt sich allerdings nur sehr langsam in der Umwelt. Das \u201eEnd-of-life-Szenario\u201c ist daher die Verbrennung. Gelangt biobasiertes PP in die Umwelt, steigt so der Plastikm\u00fcll in der Umwelt biobasiert.<\/p>\n<p>Der L\u00f6wenanteil dieser Produkte stammt aus Produktionen in Asien, gefolgt von Europa sowie Nord- und S\u00fcdamerika. Ein h\u00e4ufig wiederkehrendes Streitthema ist der Landverbrauch durch Bioplastik. Im Jahr 2019 lag dieser bei etwa 0,016 %. Im Vergleich dazu schlagen die Biokraftstoffe bei einem Landverbrauch von 53 Mio. ha mit rund 1 % zu Buche.<\/p>\n<p>Der Begriff Dekarbonisierung ist Unsinn<br \/>\nMichael Carus ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des nova-Institutes, das schon lange als Influencer der Branche gilt. Auch in Berlin war der Institutsleiter ein gefragter und gut vernetzter Gespr\u00e4chspartner. Seit Jahren beklagt der Wissenschaftsmanager, dass es keine F\u00f6rderung f\u00fcr erneuerbaren Kohlenstoff seitens der EU g\u00e4be. Steuere man bei den erneuerbaren Energien zwar auf eine komplette Umstellung politisch zu, w\u00fcrden analog dazu die Werkstoffe aber kaum gef\u00f6rdert. Carus stellt klar: \u201eDer Begriff Dekarbonisierung ist Unsinn, weil die ganze organische Chemie und damit Kunststoffe auf Kohlenstoff basieren.\u201c Der Begriff werde aber st\u00e4ndig analog zu seiner Verwendung in der Energiewirtschaft benutzt. Das ist irref\u00fchrend, betont der Bio\u00f6konomieexperte.<\/p>\n<p>Deswegen f\u00fchrt Carus den Begriff \u201eErneuerbaren Kohlenstoff\u201c ein. Diesen teilt er mit Blick auf die Kohlenstoffquellen aus dem Kunststoffrecycling, der Biomasse sowie der CO2-Nutzung auf. In diesem Kontext warnt er auch vor einem Bruderkrieg und appelliert f\u00fcr einen smarten Mix der Kunststoffarten. Denn diese Kohlenstoffquellen seien im Vergleich zu denen von Metallen und Mineralien unersch\u00f6pflich. Deswegen will er ein entsprechendes Label einfordern und verlangt eine Steuer auf den Verbrauch von fossilem Kohlenstoff.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bio\u00f6konomie ist das Thema des Wissenschaftsjahres 2020. Sie steht beim Bundesforschungministerium (BMBF) sowie beim Bundeslandwirtschaftsministerium (BMEL) ganz oben, um Antworten auf die Nachhaltigkeitsfrage zu liefern. 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