{"id":73838,"date":"2020-04-15T07:20:38","date_gmt":"2020-04-15T05:20:38","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=73838"},"modified":"2020-04-08T13:19:11","modified_gmt":"2020-04-08T11:19:11","slug":"die-gesamte-paprikapflanze-nutzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/die-gesamte-paprikapflanze-nutzen\/","title":{"rendered":"Die gesamte Paprikapflanze nutzen"},"content":{"rendered":"<p>Von einer Nahrungsmittelpflanze wie der Paprika wird in der Regel nur die Frucht geerntet und verkauft \u2013 der Rest landet auf dem Kompost. Doch auch die abgeerntete Pflanze k\u00f6nnte wertvolle Stoffe f\u00fcr Medizin und Kosmetika liefern \u2013 nachhaltig und ressourceneffizient.<\/p>\n<p>Eine abgeerntete Paprika-Pflanze ist bis zu drei Meter gro\u00df. Aus dieser umfangreichen Biomasse lassen sich in einer Bioraffinerie Basischemikalien wie verschiedene Zucker oder Polyphenole gewinnen. Doch in einem Zwischenschritt l\u00e4sst sich noch weit mehr aus der Pflanze herausholen: Wertvolle bioaktive Substanzen stehen dabei im Fokus. Unter dem Dach der F\u00f6rderinitiative \u201eMa\u00dfgeschneiderte biobasierte Inhaltsstoffe f\u00fcr eine wettbewerbsf\u00e4hige Bio\u00f6konomie\u201c des BMBF strebt ein Forschungsprojekt eine Kaskadennutzung der Pflanze an.<\/p>\n<p>Diese weitere Nutzung ist besonders nachhaltig und ressourcenschonend, denn wie die Wissenschaftlerin Anika Wiese-Klinkenberg erkl\u00e4rt: \u201eWir haben die Pflanze f\u00fcr das Hauptprodukt Paprikafrucht bereits im Gew\u00e4chshaus aufgezogen, sie gegen Sch\u00e4dlinge gesch\u00fctzt und ern\u00e4hrt\u201c. Die Pflanzenphysiologin am Forschungszentrum J\u00fclich entwickelt mit Kollegen der RWTH Aachen und der Universit\u00e4t Bonn Technologien, um zus\u00e4tzlich auch die Bl\u00e4tter und St\u00e4ngel der Pflanze zu verwerten.<\/p>\n<p>Interessante Stoffe f\u00fcr Medizin und Kosmetik<\/p>\n<p>Die Pflanzenphysiologin will dabei sogenannte sekund\u00e4re Pflanzenstoffe gewinnen. Die Wissenschaft kennt rund 100.000 dieser Sekund\u00e4rmetabolite. Vielfach handelt es sich um Farb-, Duft- und Aromastoffe, aber auch Gift- und Bitterstoffe, die nur in bestimmten Organismen, Geweben oder Zellen vorkommen. Anders als Prim\u00e4rmetabolite sind sie nicht zwingend f\u00fcr das Wachstum und \u00dcberleben erforderlich. \u201eSie dienen der Interaktion mit der Umwelt\u201c, erkl\u00e4rt Alexandra Wormit, die Projektkoordinatorin von der RWTH Aachen. Damit sch\u00fctzt sich die Pflanze vor den Auswirkungen von Umweltstressen, und wehrt zum Beispiel Sch\u00e4dlinge ab oder lockt n\u00fctzliche Insekten an.<\/p>\n<p>Derzeit sieht man vor allem f\u00fcr zwei sekund\u00e4re Pflanzenstoffe wirtschaftliches Potenzial: das Flavonoid Cynarosid und Graveobiosid A. Cynarosid, auch als Inhaltsstoff von Artischockenbl\u00e4ttern bekannt, ist f\u00fcr die Kosmetik-, Lebensmittel- und pharmazeutische Industrie von Interesse. Graveobiosid A wirkt gegen einen Pflanzensch\u00e4dling, die Florida-Minierfliege. \u201eDie Forschung arbeitet an diesen Stoffen\u201c, betont Wormit. Im <a href=\"https:\/\/www.fz-juelich.de\/portal\/DE\/Presse\/beitraege\/2019\/tareca-paprika\/artikel.html\" target=\"_blank\">Verbundprojekt TaReCa<\/a> wollen die Forscherinnen und Forscher der RWTH Aachen, des Forschungszentrums J\u00fclich und der Universit\u00e4t Bonn die interessanten Substanzen gewinnen.<\/p>\n<p>TaReCa steht f\u00fcr &#8220;Ma\u00dfschneidern des Sekund\u00e4rmetabolismus in gartenbaulicher Restbiomasse und Kaskadennutzung f\u00fcr eine ressourceneffiziente Produktion von wertvollen bioaktiven Substanzen\u201c. Das Verbundvorhaben ging im November 2017 an den Start, vorerst f\u00fcr drei Jahre, wobei das BMBF insgesamt eine F\u00f6rdersumme von mehr als 1,2 Mio. Euro bereitstellt. Eine zweite F\u00f6rderphase wurde beantragt.<\/p>\n<p>Salz und K\u00e4lte verst\u00e4rken die Produktion<\/p>\n<p>In einem ersten Schritt geht es nun darum, die Produktion der wertvollen Stoffe zu erh\u00f6hen. Man wei\u00df, dass Stress wie etwa Trockenheit oder Sch\u00e4dlingsbefall bei Pflanzen mehr Sekund\u00e4rmetabolite entstehen lassen. Wiese-Klinkenberg und ihr Team konnten herausfinden, dass Paprikapflanzen besonders empfindlich auf Salz und K\u00e4lte reagieren. So k\u00f6nnte es sich nutzen lassen, dass es im Herbst in den Gew\u00e4chsh\u00e4uer nat\u00fcrlicherweise k\u00e4lter wird. Die Wissenschaftler ermittelten Bedingungen, unter denen junge Pflanzen bis zu 20-mal mehr der wertvollen Inhaltsstoffe Cynarosid und bis zu 3-mal mehr Graveobiosid A bilden. F\u00fcr diese Versuche eignen sich insbesondere Gew\u00e4chsh\u00e4user, in denen Paprika \u00fcblicherweise w\u00e4chst. Sie gew\u00e4hren konstante Bedingungen, der Anbau erfolgt in Substraten mit N\u00e4hrl\u00f6sung. \u201eSo k\u00f6nnen wir Ern\u00e4hrung und Salzgehalt sch\u00f6n manipulieren\u201c, sagt die Pflanzenforscherin Wiese-Klinkenberg.<\/p>\n<p>Nach den Stressbehandlungen ph\u00e4notypisieren die Forscherinnen und Forscher die Pflanzen, das hei\u00dft sie ermitteln im Hochdurchsatz etwa Wachstum, Farbe und Form der Pflanzen. Mit Hilfe von Omics-Technologien analysieren sie zudem Ver\u00e4nderungen des Stoffwechsels. Dem TaReCa-Verbund gen\u00fcgt es nicht, lediglich viel an den wertvollen Substanzen in der Paprika-Pflanze entstehen zu lassen. Die Wissenschaftler entwickeln auch Verfahren f\u00fcr eine anschlie\u00dfende umweltfreundliche und wirtschaftliche Extraktion und Aufreinigung. Zudem untersuchen sie, wie das restliche Pflanzenmaterial in einer Bioraffinerie noch genutzt werden kann. \u201eDies k\u00f6nnte alles zusammen in einer Bioraffinerie stattfinden, erkl\u00e4rt Wormit. Im Verbund sind auch Verfahrenschemiker mit im Boot, neben vielen anderen Experten wie Pflanzenforschern, Gartenbauern oder Wirtschaftswissenschaftlern.<\/p>\n<p>Neue Einkommensquelle f\u00fcr Gem\u00fcsebauer<\/p>\n<p>Gerade die Zusammenarbeit mit einem Industriebeirat gew\u00e4hrleistet eine marktorientierte Erforschung und Entwicklung der Kaskadennutzung von Paprika. Gemeinsam analysieren sie auch zus\u00e4tzlich identifizierte, stress-induzierte Metabolite hinsichtlich ihres Marktpotenzials. \u201eDie \u00d6konomen schauen sich grundlegende Prozesse an\u201c, sagt Wiese. \u201eSt\u00fcnden Produzenten bereit, w\u00e4ren dann Konsumenten bereit, 10 Cent mehr f\u00fcr ein Produkt zu bezahlen?\u201c Denn der TaReCa-Verbund hat auch den Verbraucher im Blick, ihn wolle man mitnehmen.<\/p>\n<p>Profitieren k\u00f6nnte am Ende auch der Gem\u00fcsebauer von einem effizienten Verfahren und einer konstanten Nachfrage: Er verkauft nicht nur die Frucht, sondern auch die Zusatzstoffe. \u201eDerzeit wird viel Restmasse in Holland kompostiert \u2013 der Landwirt muss bezahlen\u201c, beschreibt Wiese-Klinkenberg den Nutzen. Die Wertsch\u00f6pfungskette wird so erweitert, ein wirtschaftlicher Mehrwert generiert und eine wertvolle Substanz ressourcenschonend produziert \u2013 ein Beispiel f\u00fcr gelungene Bio\u00f6konomie. Das muss sich nicht auf die Paprika beschr\u00e4nken. Langfristig wolle man die neuen Verfahren und Technologien auf andere Gartenbaupflanzen, die in gro\u00dfen Mengen angebaut werden anwenden, so Wiese-Klinkenberg. Ihr n\u00e4chster Favorit ist die Salatgurke.<\/p>\n<p>Die Pflanzenforscherin untersucht auch Wildarten der Paprika: Diese besitzen noch Resistenzen und bilden andere Metabolite\u201c. Diese Entdeckungen k\u00f6nnte man eines Tages in die Kulturpflanzen hinein z\u00fcchten und so widerstandsf\u00e4hige Sorten f\u00fcr eine nachhaltige und effiziente Bio\u00f6konomie z\u00fcchten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von einer Nahrungsmittelpflanze wie der Paprika wird in der Regel nur die Frucht geerntet und verkauft \u2013 der Rest landet auf dem Kompost. Doch auch die abgeerntete Pflanze k\u00f6nnte wertvolle Stoffe f\u00fcr Medizin und Kosmetika liefern \u2013 nachhaltig und ressourceneffizient. 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