{"id":73462,"date":"2020-04-02T07:23:29","date_gmt":"2020-04-02T05:23:29","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=73462"},"modified":"2020-04-02T23:21:28","modified_gmt":"2020-04-02T21:21:28","slug":"papier-statt-kunststoff-fuer-verpackungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/papier-statt-kunststoff-fuer-verpackungen\/","title":{"rendered":"Papier statt Kunststoff f\u00fcr Verpackungen"},"content":{"rendered":"<p>Bis zur Verbreitung des Kunststoffs in den 1950er-Jahren wurde ein gro\u00dfer Teil der Lebensmittel in Papier verpackt. Seitdem wurde Kunststoff als Packmittel kontinuierlich weiterentwickelt; nun ger\u00e4t er als Plastikm\u00fcll in die Kritik. Der Markt verlangt nachhaltige Alternativen \u2013 beispielsweise aus Papier. K\u00f6nnen Verpackungen aus Papier jedoch denselben hohen Anspr\u00fcchen gerecht werden, wie Kunststoffverpackungen es tun?<\/p>\n<p>Erstverpackungen aus Papier kommen seit \u00fcber hundert Jahren f\u00fcr verschiedene Anwendungen zum Einsatz. F\u00fcr Produkte mit sehr geringen Barriereanforderungen, beispielsweise einfachem Lichtschutz, eignen sich Verpackungen aus reinem Papier. Dazu z\u00e4hlen sowohl geklebte Schlauchbeutel f\u00fcr Mehl und Zucker als auch Faltschachteln f\u00fcr Nudeln. Diese k\u00f6nnen problemlos \u00fcber den Altpapierstrom recycelt werden.<\/p>\n<p>Einen h\u00f6heren Barriereschutz bietet Papier mit aufgetragener Funktionsschicht. Beispiele finden sich in Getr\u00e4nkebechern oder an der Frischetheke im Supermarkt f\u00fcr Fleisch, K\u00e4se und Aufschnitt. Die Laminatschicht besteht in der Regel aus Kunststoff. Hierf\u00fcr gibt es bereits recyclingf\u00e4hige und kompostierbare Laminate, beispielsweise aus St\u00e4rke. Ist die Laminatschicht d\u00fcnn genug, wird das Packmittel als Monomaterial kategorisiert und kann auch \u00fcber den Altpapierstrom recycelt werden.<\/p>\n<p>Monomaterial ist nicht gleich Monomaterial<br \/>\nDiese Kategorisierung ist l\u00e4nderabh\u00e4ngig: In Deutschland gilt ein Packmittel, das zu mindestens 95 Prozent aus einem Hauptmaterial besteht, als Monomaterial. Das gilt auch f\u00fcr Papiere, die f\u00fcr das Recycling im Papierstrom zugelassen sind. In Schweden liegt der zugelassene Anteil an Fremdmaterial viel h\u00f6her, n\u00e4mlich bei 50 Prozent. In vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern liegt die Kategorisierung eines Monomaterials zwischen 50 und 85 Prozent; die USA orientiert sich an der 85-Prozent-Schwelle. Das hei\u00dft, Papierverbundstoffe m\u00fcssen nur zu 50 bis 85 Prozent aus Papier bestehen, um als Monomaterial klassifiziert und \u00fcber den Papierstrom verwertet zu werden. Beim Recycling wird das Fremdmaterial von dem Papier getrennt und separat entsorgt. W\u00e4hrend diese Art des Recyclings zwar auch in Deutschland technisch m\u00f6glich ist, gilt hier die engere Monomaterial-Definition der Verpackungsverordnung. Dennoch ist eine l\u00e4nderspezifische Betrachtung n\u00f6tig, um eine optimale Packstoffauswahl \u2013 unter den Gesichtspunkten Nachhaltigkeit und Produktschutz \u2013 zu treffen.<\/p>\n<p>Trennbare Erstverpackungen, wie der Drei-Komponenten-Becher f\u00fcr Joghurt, haben sich inzwischen auf dem Markt etabliert. Sie bestehen aus einem d\u00fcnnen Kunststoffbecher, der mit dem Produkt bef\u00fcllt wird und als Barriere dient, sowie einem aufrei\u00dfbaren Kartonmantel, der Stabilit\u00e4t verleiht und die bedruckbare Au\u00dfenh\u00fclle darstellt. Die dritte Komponente stellt die Platine dar, mit der der Becher fest verschlossen wird. Diese Verpackungsart reduziert den Einsatz von Kunststoff betr\u00e4chtlich und erm\u00f6glicht ein einfaches Recycling der verschiedenen Komponenten: diese bestehen jeweils aus einem Monomaterial und sind einfach voneinander zu trennen, beziehungsweise gar nicht erst fest miteinander verbunden. Voraussetzung ist, dass der Endkonsument sie voneinander trennt und entsprechend entsorgt.<\/p>\n<p>Papierverpackungen von morgen<br \/>\nDie Anwendungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Papier in der Erstverpackung sind bei Weitem nicht ausgesch\u00f6pft. Syntegon Technology, ehemals Bosch Packaging Technology, hat es sich zum Ziel gesetzt, die g\u00e4ngigen Kunststoffverpackungsl\u00f6sungen auch mit Papier nutzbar zu machen. Der Maschinenhersteller arbeitet an mehreren Projekten: der Ausrichtung der Verpackungstechnik auf Schlauchbeutel aus Papier; dem Einsatz von Vollpapierl\u00f6sungen f\u00fcr fl\u00fcssige und viskose Produkte, beispielsweise Joghurt; und an diversen technischen L\u00f6sungen, die ein Neudenken der Papierverpackung ansto\u00dfen. Diese Forschungs- und Entwicklungst\u00e4tigkeiten sollen sicherstellen, dass Papierverpackungen in puncto Leistungsf\u00e4higkeit und Produktschutz Kunststoffverpackungen ersetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Schlauchbeutel aus Papier<\/p>\n<p>Die Herstellung von Schlauchbeuteln aus Papier birgt besondere Herausforderungen: Bei der Beutelformung entstehen gro\u00dfe Abzugskr\u00e4fte, die das Material besch\u00e4digen k\u00f6nnen. Es gilt, das Papier m\u00f6glichst schonend zu f\u00fchren. Auch in Bezug auf die Siegelf\u00e4higkeit ist ein Wechsel von Kunststoff- zu Papierfolien nicht unproblematisch. Das Packmittel muss sehr schnell dicht gesiegelt werden \u2013 vor allem auf vertikalen Maschinen, bei denen das Gewicht des abgef\u00fcllten Produktes auf der Siegelnaht lastet. Bei der Siegelung spielen die drei Parameter Zeit, Temperatur und Druck eine Rolle. Die Siegelzeit wird von der Produktionsgeschwindigkeit vorgegeben; die Temperatur von den Materialeigenschaften des Packmittels. Der Parameter Druck erm\u00f6glicht mehr Spielraum \u2013 es muss lediglich darauf geachtet werden, dass das Material nicht besch\u00e4digt wird und der Druck gro\u00df genug ist, um die Siegelung dicht zu machen.<\/p>\n<p>Ohne Leistungseinbu\u00dfe formen und siegeln<br \/>\nDie gr\u00f6\u00dfte Herausforderung beim Einsatz von Papier stellt die gew\u00fcnschte Produktionsleistung dar. Auf horizontalen Schlauchbeutelmaschinen beispielsweise laufen Kunststofffolien mit Kaltsiegelverschluss bei einer Geschwindigkeit bis 800 St\u00fcck pro Minute. Um vergleichbare Geschwindigkeiten mit Papier zu erreichen, sind Weiterentwicklungen insbesondere im Bereich der Papierformung und bei Hei\u00dfsiegelmedien erforderlich. In ersten Versuchen auf Produktionsmaschinen ist dies Syntegon Technology gelungen: die Tests beweisen, dass die Herstellung von Schlauchbeuteln aus kaltsiegelf\u00e4higem Papier funktioniert \u2013 sogar ohne Geschwindigkeitseinbu\u00dfe. Dar\u00fcber hinaus erprobt Syntegon Technology in Zusammenarbeit mit Packmittelherstellern die Umsetzung weiterer Packformen aus Papier mit Barriere- und Siegelschicht, beispielsweise der Doy-Packung auf vertikalen Schlauchbeutelmaschinen. Ziel ist und bleibt es, mit Papierverpackungen dieselbe Vielfalt an Packstilen wie mit Kunststoff dazustellen.<\/p>\n<p>Bereits auf dem Markt ist das in Zusammenarbeit mit dem Papierhersteller Billerud Korsn\u00e4s 2015 entwickelte System, um Lebensmittel auf vertikalen Schlauchbeutelmaschinen in Papier zu verpacken. Diese erste gesiegelte Papierverpackung eignet sich f\u00fcr trockene Nahrungsmittel wie Teigwaren, Getreide oder Zucker und muss bez\u00fcglich Produktschutz und Staubdichte keine Kompromisse eingehen. Das FSC- oder PEFC-zertifizierte Papier erm\u00f6glicht den nachhaltigen Charakter \u2013 vom Rohstoff bis zur Wiederverwertung.<\/p>\n<p>Vollpapierl\u00f6sung f\u00fcr Joghurtbecher<br \/>\nDer Papierbecher kommt seit \u00fcber 25 Jahren in der Verpackung zum Einsatz \u2013 vor allem bei Produkten, die einen niedrigen Barriereanspruch haben. Fl\u00fcssige und viskose Produkte mit hohen Barriereanforderungen, insbesondere Molkereiprodukte, werden herk\u00f6mmlicherweise in Kunststoffbechern abgef\u00fcllt und mit einer Aluminium- oder Kunststoffplatine (Deckel) gesiegelt. Allerdings ist der Anspruch auch hierf\u00fcr, eine nachhaltige Verpackung, beispielsweise Papierbecher, einzusetzen. Hierzu wird auf der Innenseite des papierbasierten Bechers eine d\u00fcnne Kunststoffschicht aufgetragen. Diese sch\u00fctzt das Produkt vor \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen, verhindert das Aufweichen des Bechers und kann leicht mit der Platine gesiegelt werden.<\/p>\n<p>Die Verarbeitung von Papierbechern ist jedoch nicht unproblematisch: Papier verh\u00e4lt sich anders als Kunststoff, und das kann leichter zu St\u00f6rungen f\u00fchren. Auch hier ist der Maschinenbauer gefragt: Syntegon Technology optimiert seine Maschinen f\u00fcr die Verarbeitung von papierbasierten Bechern. Dar\u00fcber hinaus erprobt das Unternehmen gemeinsam mit Packmittelherstellern und Molkereien den Einsatz von Papierplatinen, um so dem Markt eine Vollpapierl\u00f6sung liefern zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Papierverpackungen neu denken<br \/>\nEs geht jedoch nicht allein darum, bestehende Verpackungsformate aus Kunststoff in Papier darzustellen. Vielmehr l\u00e4sst sich der potenzielle Anwendungsbereich von Papierverpackungen weiter aussch\u00f6pfen, wenn neue Denkweisen und technologische Innovationen hinzukommen.<\/p>\n<p>Ein Beispiel findet sich in der Zusammenarbeit zwischen Syntegon Technology und Billerud Korsn\u00e4s im Rahmen der Paper Form Technologie. Das neue Verpackungskonzept Shaped Paper Pods demonstriert die M\u00f6glichkeiten, mit einer wertigen und attraktiven Portionsverpackung Nachhaltigkeit und Innovation auszustrahlen. Die Einsatzm\u00f6glichkeiten reichen von st\u00fcckigen bis hin zu viskosen Produkten; in puncto Form und Design sind \u2013 im Rahmen der Physik \u2013 der Fantasie fast keine Grenzen gesetzt. Mit \u201ePearl\u201c \u2013 einem muschelf\u00f6rmigen, fein gepr\u00e4gten Packbeispiel \u2013 demonstrierten Bosch Packaging Technology, seit Januar 2020 Syntegon Technology, und Billerud Korsn\u00e4s bereits 2019, wie sich solch eine Packung pr\u00e4sentieren kann. Sie besteht aus dem 3-D-formbaren, papierbasierten Material Fibre Form, das auf den Maschinen von Syntegon Technology zu einer Portionspackung verarbeitet wird \u2013 mit oder ohne Barriere- und Siegelschicht. Damit wird der Kunststoffanteil weiter reduziert.<\/p>\n<p>Neue L\u00f6sungen f\u00fcr gleiche Aufgabenstellungen<br \/>\nF\u00fcr bahnbrechende Verpackungsinnovationen m\u00fcssen klassische Verpackungsformate grunds\u00e4tzlich hinterfragt werden: Warum muss ein Joghurtbecher so aussehen, wie Verbraucher es seit jeher gewohnt sind? Was w\u00e4re, wenn wir alle Nahrungsmittel nur noch in Papier verpacken? Mit diesem Mindset lautet die Aufgabe nicht mehr, einen Becher aus Papier herzustellen, der den Inhalt sch\u00fctzt. Stattdessen stellt sich die Frage: Wie kann man ein viskoses Produkt so in einen Beh\u00e4lter verpacken, dass Endkonsumenten daraus essen k\u00f6nnen? Pl\u00f6tzlich kommen ganz andere Verpackungsarten in Betracht, beispielsweise flachere Schalen. Ebenfalls zu hinterfragen sind Mehrfachverpackungen, wie etwa die g\u00e4ngigen Bag-in-Box-L\u00f6sungen f\u00fcr M\u00fcsli und Fr\u00fchst\u00fcckscerealien. Hier l\u00e4sst sich auf eine der beiden Verpackungen verzichten, wenn man die Produkte entweder in Faltschachteln mit d\u00fcnn aufgetragener Barriere\u00adschicht oder nur in den Schlauchbeutel f\u00fcllt \u2013 am besten aus Papier. Solche L\u00f6sungen k\u00f6nnen entstehen, wenn sich die Visionen von Markeneignern und Maschinenherstellern treffen.<\/p>\n<p>Papier im Rampenlicht<br \/>\nDer Verpackungsmarkt stellt sich aktuell auf die erh\u00f6hten Nachhaltigkeitsanforderungen ein. Die Maschineng\u00e4ngigkeit nachhaltiger, alternativer Packmittel wird aktuell getestet und neue Verpackungskonzepte werden erprobt. Verpackungen aus Papier punkten in Bezug auf Nachhaltigkeit, insbesondere wenn es darum geht, neben Recyclingf\u00e4higkeit und Kompostierbarkeit auch die CO2-Bilanz von nachwachsenden Rohstoffen zu betrachten.<\/p>\n<p>Syntegon Technology optimiert seine Maschinentechnologie kontinuierlich, um die Verpackung in Papier praktikabel sicherzustellen und liefert bereits heute konkrete technische L\u00f6sungen f\u00fcr die Verpackungstechnik von morgen. Hierzu geh\u00f6rt sowohl die Ausrichtung der Verpackungstechnik auf Schlauchbeutel aus Papier als auch der Einsatz von Vollpapier- und Monomateriall\u00f6sungen f\u00fcr Becher. Diese Forschungs- und Entwicklungst\u00e4tigkeiten erm\u00f6glichen, dass k\u00fcnftig Verpackungen aus Papier mit der Leistungsf\u00e4higkeit von Kunststoffverpackungen mithalten k\u00f6nnen und neue Verpackungskonzepte auf den Markt kommen, die f\u00fcr eine bessere \u00f6kologische Bilanz sorgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis zur Verbreitung des Kunststoffs in den 1950er-Jahren wurde ein gro\u00dfer Teil der Lebensmittel in Papier verpackt. Seitdem wurde Kunststoff als Packmittel kontinuierlich weiterentwickelt; nun ger\u00e4t er als Plastikm\u00fcll in die Kritik. Der Markt verlangt nachhaltige Alternativen \u2013 beispielsweise aus Papier. K\u00f6nnen Verpackungen aus Papier jedoch denselben hohen Anspr\u00fcchen gerecht werden, wie Kunststoffverpackungen es tun? 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