{"id":72975,"date":"2020-03-20T07:32:10","date_gmt":"2020-03-20T06:32:10","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=72975"},"modified":"2020-03-17T13:06:09","modified_gmt":"2020-03-17T12:06:09","slug":"bio-loest-sich-nicht-in-luft-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/bio-loest-sich-nicht-in-luft-auf\/","title":{"rendered":"Bio l\u00f6st sich nicht in Luft auf"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend einer Schlagersendung im Fernsehen im letzten Jahr mit mehr als zw\u00f6lf Millionen Zuschauern wurde in der Zuschauerhalle mit aufgeblasenen, langen wurstartigen \u201eBallons\u201c aus Kunststoff geklatscht. Moderator Silbereisen erkl\u00e4rte dabei sinngem\u00e4\u00df, die Klatschen seien umweltfreundlich, sie seien bioabbaubar. Genau das ist das gef\u00e4hrliche Unwissen innerhalb unserer Bev\u00f6lkerung \u00fcber biobasierte Kunststoffe: Sie l\u00f6sen sich nicht einfach nach Gebrauch in Luft auf. Und sie sind nicht problemlos kompostierbar.<\/p>\n<p>Nachwachsende Rohstoffe wie Cellulose, Kohlenhydrate, Proteine, St\u00e4rke und Zucker sind die Basis f\u00fcr die sogenannten Biokunststoffe PHA (Polyhydroxbutyral), PLA (Polylactid) und seltener CA\/CAB (Cellulose und St\u00e4rkederivate). Und auch bei bioabbaubaren Kunststoffen sind die nachwachsenden Rohstoffe Cellulose, Kohlenhydrate, Proteine, St\u00e4rke und Zucker, aber auch Erd\u00f6l. Daraus entstehen dann ebenfalls CA\/CD, PHA, PLA und die eher exotischeren Kunststoffe PBS (Polybutylsuccinat) sowie PBAT (Polybutylenadipat).<\/p>\n<p>Wichtige Gemeinsamkeit beider Kunststoffe: Sie k\u00f6nnen nur dann zu Verpackungen, Abdeckfolien, Partygeschirr oder anderen Gegenst\u00e4nden verarbeitet werden, wenn ihnen, wie bei den klassischen Massenkunststoffen auch, zus\u00e4tzlich Additive wie Gleitmittel, Stabilisatoren, UV-Schutzmittel, Farben etc. bis zu einer H\u00f6he von vier bis f\u00fcnf Prozent zugesetzt werden. Diese sind jedoch nicht generell abbaubar und somit f\u00fcr unsere Umwelt, die Erde und das Grundwasser belastend. Wie hoch, ist bisher noch nicht erforscht und damit unklar.<\/p>\n<p>Nochmals: Biokunststoffe l\u00f6sen sich nicht einfach nur in Luft auf \u201eund sind dann weg\u201c.<\/p>\n<p>Definition von Bioabbaubarkeit<\/p>\n<p>Das Umweltbundesamt definiert: Nach DIN EN 13432 (und 14995) bedeutet Bioabbaubarkeit, dass sich ein Material nach einer festgeschriebenen Zeit unter definierten Temperatur-, Sauerstoff- und Feuchtigkeitsbedingungen in Anwesenheit von Mikroorganismen oder Pilzen zu mehr als 90 Prozent zu CO2 und Biomasse abgebaut haben muss.<\/p>\n<p>Vorgang beim biologischen Abbau<\/p>\n<p>Nicht deutlich genug kann betont werden, dass nur dann ein biologischer Abbau geschieht, wenn zusammen mit Wasser und W\u00e4rme Pilze und Bakterien, Mikroorganismen, also sogenannte Exo-Enzyme, eine K\u00fcrzung der Polymere hervorrufen, sodass aus den Polymeren Monomere entstehen.<\/p>\n<p>Werden diesen Monomeren Energie in Form von W\u00e4rme von 60 \u00b0C zugesetzt und stehen dann noch andere Zellmassen wie Mulch zur Verf\u00fcgung, dann erst zersetzen sich Biokunststoffe und bioabbaubare Kunststoffe am Ende zu CO2 und Wasser.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re der Fall, h\u00e4tten diese Kunststoffe nicht noch die zus\u00e4tzlich erforderlichen oben beschriebenen Additive.<\/p>\n<p>Kompostierer weigern sich<\/p>\n<p>Alle acht Verb\u00e4nde der deutschen Entsorgungswirtschaft lehnen offiziell in einem Statement vom 06.06.2019 die \u201eEntsorgung von biologisch abbaubaren Kunststoffen \u00fcber die Bioabfallbehandlung\/Kompostierung\u201c ab:<\/p>\n<p>Die Kunststoffe h\u00e4tten f\u00fcr Kompost und G\u00e4rprodukte keinen Nutzen.<br \/>\nEs best\u00fcnden Risiken der Qualit\u00e4t der Endprodukte, und es sei nicht sichergestellt, dass innerhalb des verf\u00fcgbaren Zeitraums keine Partikel &gt; 1mm mehr vorhanden sind.<br \/>\nEine gemeinsame Erfassung dieser Kunststoffe mit klassischen Bioabf\u00e4llen sei unzul\u00e4ssig.<br \/>\nBisher gibt es keine Gro\u00dfanlagen ausschlie\u00dflich zur Kompostierung von Biokunststoffen und bioabbaubaren Kunststoffen.<\/p>\n<p>Ungel\u00f6ste getrennte Erfassung<\/p>\n<p>Gebrauchte Verpackungen aus Kunststoffen werden bekanntlich \u00fcber den Gelben Sack beziehungsweise die Gelbe Tonne entsorgt und sp\u00e4ter \u00fcber Sortieranlagen von den Verpackungen aus Nichtkunststoffen getrennt. Das Trennen der heute verwendeten Massenkunststoffe f\u00fcr Verpackungen wie PE, PS, PP, PET etc. funktioniert einwandfrei. Nicht hingegen funktioniert bei den meisten Sortierern das Heraustrennen von Biokunststoffen. Denn die extrem geringen Mengen von Biokunststoffen im Verpackungsabfall rentieren sich nicht, durch besondere Installationen bei den Sortieranlagen herauszufischen.<\/p>\n<p>Schlechte Eignung f\u00fcr Verpackungen<\/p>\n<p>Biokunststoffe und bioabbaubare Kunststoffe sind f\u00fcr Verpackungen insbesondere von Lebensmitteln aber auch anderen Konsumg\u00fctern des t\u00e4glichen Bedarfs nicht geeignet. Denn diese Packstoffe eignen sich nicht f\u00fcr Warmabf\u00fcllungen, sie besitzen keine W\u00e4rmestandfestigkeit. Ihre Barriereeigenschaften gegen Sauerstoff, Wasserdampf und Aromadurchl\u00e4ssigkeit, die Hauptverursacher des Verderbs, sind ausgesprochen schlecht, sie sind den heutigen Standard-Massenkunststoffen sehr weit unterlegen.<\/p>\n<p>Daraus hergestellte Traget\u00fcten sind in der EU nicht (mehr) erlaubt. Dazu kommt: Biokunststoffe und bioabbaubare Kunststoffe sind heute zwischen 30 und 50 Prozent teurer als herk\u00f6mmliche jungfr\u00e4uliche Massenkunststoffe f\u00fcr Verpackungen.<\/p>\n<p>Das gro\u00dfe Defizit: Fehlende Aufkl\u00e4rung<\/p>\n<p>Solange solches Unwissen wie eingangs geschildert, selbst bei solchen Influencern wie dem Moderator, besteht und weit verbreiteter Glaube in unserer Bev\u00f6lkerung herrscht, dass \u201eBiokunststoffe\u201c die L\u00f6sung des \u201ePlastikproblems\u201c sind; der Glaube, dass Biokunststoffe gut auf Komposthaufen hinter dem Haus verrotten und sich einfach aufl\u00f6sen, ohne dar\u00fcber nachzudenken, dass es in Gro\u00dfst\u00e4dten \u00fcberhaupt keine Komposthaufen gibt, mangelt es an intensiver Aufkl\u00e4rung \u00fcber Pro und Contra. Das muss Aufgabe der Inverkehrbringer dieser Kunststoffe sein, nicht der Verwender.<\/p>\n<p>Aus der Traum? Kurze Antwort: Nein.<\/p>\n<p>Es gibt f\u00fcr die genannten Kunststoffe durchaus Nischenanwendungen wie Gartenbau, Abdeckfolien, Blument\u00f6pfe, M\u00fcllbeutel, Cateringbereich, Gartenm\u00f6bel. Bestimmt nicht jedoch dort, wo Lebensmittel und l\u00e4nger haltbare Konsumartikel des t\u00e4glichen Bedarfs im Spiel sind \u2013 also dort, wo die allergr\u00f6\u00dfte Menge an Kunststoffen zum Einsatz kommt. Ungel\u00f6st sind die Abbauprodukte beim Kompostieren. Ungel\u00f6st ist, wo die Kompostierung stattfinden soll. Einer energetischen Nutzung nach Gebrauch steht jedoch nichts im Wege.<br \/>\n\u00dcber die BFSV<\/p>\n<p>Der Ursprung des Hamburger Verpackungs\u00adinstituts liegt im Hafen. Hier wurde 1954 die Beratungsstelle f\u00fcr seem\u00e4\u00dfige Verpackung (BFSV) gegr\u00fcndet: Reeder und verladende Unternehmen brauchten qualifi\u00adzierte Hilfe, um Transport\u00adsch\u00e4den in den Griff zu bekommen. Die enge Ver\u00adbindung zwischen praktischen Anforde\u00adrungen und wissenschaftlicher Arbeit ist bis heute Markenzeichen des Instituts.<\/p>\n<p>Dabei hat das Institut die Entwicklung \u00fcber die Kernthemen hinaus voran\u00adgetrieben. Die Vernetzung mit den Departments Verfahrenstechnik und \u00d6ko\u00adtropho\u00adlogie der HAW Hamburg wurde intensiviert. So kann die BFSV die St\u00e4rken der am HAW-Standort Bergedorf etablierten Wissenschaften st\u00e4rker nutzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Arbeit der BFSV st\u00fctzt sich auf vier S\u00e4ulen:<\/p>\n<p>die Verpackungsforschung,<br \/>\ndie Beratung f\u00fcr die Praxis,<br \/>\ndie Verpackungspr\u00fcfung,<br \/>\nund die wissenschaftliche Lehre.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend einer Schlagersendung im Fernsehen im letzten Jahr mit mehr als zw\u00f6lf Millionen Zuschauern wurde in der Zuschauerhalle mit aufgeblasenen, langen wurstartigen \u201eBallons\u201c aus Kunststoff geklatscht. 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