{"id":72679,"date":"2020-03-12T07:32:46","date_gmt":"2020-03-12T06:32:46","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=72679"},"modified":"2020-03-10T12:27:36","modified_gmt":"2020-03-10T11:27:36","slug":"rhabarber-statt-chemie-das-autointerieur-wird-nachhaltiger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/rhabarber-statt-chemie-das-autointerieur-wird-nachhaltiger\/","title":{"rendered":"Rhabarber statt Chemie: Das Autointerieur wird nachhaltiger"},"content":{"rendered":"<p>Ausgediente PET-Flaschen, Altkleider, Flachs und der Verschnitt aus der eigenen Produktion: Autohersteller bedienen sich seit langem recycelter und nachwachsender Rohstoffe &#8211; k\u00fcnftig sollen die K\u00e4ufer das auch sehen. Das bringt selbst etablierte Hierarchien durcheinander.<\/p>\n<p>Mit einem m\u00f6glichst umweltfreundlichen Antrieb ist es f\u00fcr Daimler-Chef Ola K\u00e4llenius heute nicht mehr getan. Damit das Auto und mit ihm seine Hersteller eine Zukunft haben, m\u00fcsse der Einsatz von Material und Energie reduziert, Teile wiederverwendet und Rohstoffe recycelt werden.<\/p>\n<p>Das sagte K\u00e4llenius im Januar auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas. Nur so k\u00f6nnten das gesamte Produkt und seine Produktion nachhaltig und damit CO2-neutral werden. F\u00fcr seine Firma hat K\u00e4llenius dieses Ziel f\u00fcr 2039 ausgegeben. Bei anderen Herstellern gibt es \u00e4hnliche Vorgaben.<\/p>\n<p>Kein Versteckspiel mehr<br \/>\nDas zwingt s\u00e4mtliche Bereiche eines Unternehmens zum Umdenken und er\u00f6ffnet zugleich neue M\u00f6glichkeiten. Nirgends wird das so deutlich wie beim Design. Weil Nachhaltigkeit im Trend liegt, m\u00fcssen die Kreativen die Materialien aus der Bio- oder der Wertstofftonne nicht mehr verstecken, sondern k\u00f6nnen sie prominent inszenieren.<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich gab es schon immer D\u00e4mmmatten aus nachwachsenden Rohstoffen oder recyceltem M\u00fcll\u201c, sagt Steffen K\u00f6hl, der bei Mercedes das Advanced Design leitet. \u201eDoch jetzt holen wir solche Materialien aus der Deckung und trauen uns auch, sie zu zeigen.\u201c Die in Las Vegas enth\u00fcllte Mercedes-Studie AVTR soll mit seinem vielen Zierelementen aus Rattanholz eine Art Werbetr\u00e4ger f\u00fcr den Naturschutz sein.<\/p>\n<p>Zertifiziertes Holz und olivengegerbtes Leder<br \/>\nKonkurrent BMW geht offensiv mit dem Recycling um und spricht von neuem \u201eM\u00fcll\u201c, der in seinen Modellen Einzug h\u00e4lt. Nachdem die Modelle i3 und i8 ohnehin schon Innenr\u00e4ume aus besonders nachhaltigen Materialien hatten, haben die Bayern zur CES noch einmal nachgelegt und eine Kleinserie des i3 weiter ins Gr\u00fcne geschoben: Der Tisch und die Taschenablage im i3 Urban Suite seien aus ge\u00f6ltem Eichenholz hergestellt worden, das aus zertifizierter Holzwirtschaft stamme. Das Leder im Fond sei dank Olivengerbung komplett schadstofffrei. Auch der Stoff sei nachhaltig: Er bestehe aus reinem PET-Rezyklat.<\/p>\n<p>Wurde die Fu\u00dfmatte bislang mit mehreren unterschiedlichen Kunststoffarten hergestellt, die laut BMW nicht wieder voneinander getrennt und wiederverwendet werden konnten, habe man diese auf eine Materialienkombination reduziert. Die Fu\u00dfmatte k\u00f6nne jetzt nach ihrer Verwendung im Fahrzeug zu 100 Prozent wieder in den Materialkreislauf integriert werden, so der Hersteller.<\/p>\n<p>Ebenfalls mit alternativen Materialien wirbt Skoda bei der Studie Vision IN, die im Februar auf der Motor Show in Delhi enth\u00fcllt wurde: Ausgerechnet in Indien, wo die Stra\u00dfen voll Schmutz sind und die Menschen oft buchst\u00e4blich im M\u00fcll leben, zeigen die Tschechen ein SUV mit veganen Verkleidungen am Boden und Dach. Konsolen und Sitzbez\u00fcge sind aus Leder, das mit Eichenextrakten oder mit Rhabarber statt mit Chemikalien behandelt wurde. Und die Fu\u00dfmatten sind aus so genannten Ananasleder, das aus Bl\u00e4ttern der Tropenfrucht hergestellt wird, erl\u00e4utert Designchef Oliver Stefani.<\/p>\n<p>\u00d6ko-Einsatz soll Reputation aufpolieren<br \/>\nSolche \u00dcberlegungen kommen nicht von ungef\u00e4hr, sagt Designer Lutz F\u00fcgener. \u201eDas Thema Nachhaltigkeit schwingt in den letzten Jahren sehr hoch in der Automobilindustrie\u201c, hat der Professor an der Hochschule Pforzheim beobachtet. Er glaubt, dass die Hersteller damit ihre in vielen M\u00e4rkten schwindende Reputation aufpolieren wollen. Der Innenraum biete daf\u00fcr ein zunehmend geeignetes Spielfeld, da er nicht zuletzt durch die \u00dcberlegungen zur Automatisierung des Fahrens viel mehr in den Mittelpunkt der Wahrnehmung ger\u00fcckt sei.<\/p>\n<p>Dabei sieht F\u00fcgener grunds\u00e4tzlich drei Sto\u00dfrichtungen bei Konzepten f\u00fcr die Kabine: Mehr Funktionalit\u00e4t, was sich derzeit allerdings stark auf Konnektivit\u00e4t reduziere, Nachhaltigkeit und \u00c4sthetik. \u201eUnd im Idealfall bekommt man alle drei unter einen Hut.\u201c<\/p>\n<p>Das Auto ist doch kein Wohnzimmer<br \/>\nZwar sieht F\u00fcgener zudem deutliche Fortschritte bei den Zulieferern, die den Autoherstellern neue Materialien und damit neue M\u00f6glichkeiten b\u00f6ten. Doch ganz so einfach sei die Umstellung nicht, r\u00e4umt der Designer ein. \u201eDie parallele Entwicklung von der Nachhaltigkeit der Materialien und deren \u00c4sthetik ist schwierig.\u201c<\/p>\n<p>Nicht alles, was nachhaltig ist, werde auch als sch\u00f6n empfunden. Zudem lie\u00dfen sich viele mittlerweile etwa in der Wohnung akzeptierte, alternative Materialien im Auto nicht einsetzen, weil sie zu leicht brennen oder bei einem Unfall splittern k\u00f6nnten oder schlicht nicht die hohen Anforderungen an die Haltbarkeit erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Erschwerend hinzukomme, dass der oft konservativ kaufende Kunde bestimmte Vorstellungen von einem hochwertigen Interieur habe, die er meist nicht gerne ablegt, gibt F\u00fcgener den \u201eSchwarzen Peter\u201c an den Verbraucher weiter. \u201eDenn die Heilige Dreifaltigkeit von Leder, Klima, Wurzelholz lebt in den K\u00f6pfen der Kunden weiter\u201c.<\/p>\n<p>Doch die ersten Marken haben &#8211; oft gerade bei ihren besonders zukunftsgewandten Modellen &#8211; entsprechende Schritte gemacht: Stromer wie den Porsche Taycan, den Audi E-Tron und die Luxusautos von Tesla gibt es nach Angaben der Hersteller auch mit einem veganen Interieur. Und Land-Rover-Designchef Garry McGovern hat bei Neuheiten wie dem Evoque nicht die Luxusversion mit Ledersitzen an die Spitze der Modellpalette gesetzt, sondern eine nachhaltigere Variante mit Stoffsitzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausgediente PET-Flaschen, Altkleider, Flachs und der Verschnitt aus der eigenen Produktion: Autohersteller bedienen sich seit langem recycelter und nachwachsender Rohstoffe &#8211; k\u00fcnftig sollen die K\u00e4ufer das auch sehen. Das bringt selbst etablierte Hierarchien durcheinander. Mit einem m\u00f6glichst umweltfreundlichen Antrieb ist es f\u00fcr Daimler-Chef Ola K\u00e4llenius heute nicht mehr getan. 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