{"id":71584,"date":"2020-02-13T07:26:41","date_gmt":"2020-02-13T06:26:41","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=71584"},"modified":"2020-02-10T12:54:33","modified_gmt":"2020-02-10T11:54:33","slug":"medizin-aus-dem-blauen-blut-von-meeresschnecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/medizin-aus-dem-blauen-blut-von-meeresschnecken\/","title":{"rendered":"Medizin aus dem blauen Blut von Meeresschnecken"},"content":{"rendered":"<p>Auf dem Meeresgrund vor den K\u00fcsten S\u00fcdkaliforniens bis nach Mexiko kriecht eine lebende Apotheke: Aus der H\u00e4molymphe, einer Art Blutersatz bei wirbellosen Tieren, der Schl\u00fcssellochschnecke Megathura crenulata gewinnt das Fellbacher Pharmaunternehmen biosyn Arzneimittel GmbH ein Medikament gegen Harnblasenkrebs. Auch als Tr\u00e4germolek\u00fcl f\u00fcr verschiedene Antigene von therapeutischen Impfstoffen wird der blaue Blutfarbstoff der Meeresschnecke derzeit getestet.<\/p>\n<p>Die blaue Farbe stammt von Kupferatomen des Blutfarbstoffes H\u00e4mocyanin, die in der handtellergro\u00dfen Meeresschnecke f\u00fcr den Sauerstofftransport im Gewebe zust\u00e4ndig sind. \u201eUrspr\u00fcnglich haben Wissenschaftler nach Proteinen gesucht, mit denen der Immunstatus von Patienten bestimmt werden kann\u201c, erz\u00e4hlt Sebastian Riedmayr, COO (Chief Operation Officer) der biosyn\u00a0Arzneimittel GmbH.<\/p>\n<p>Das H\u00e4mocyanin der kalifornischen Meeresschnecke schien daf\u00fcr besonders geeignet. Weil die Spezies f\u00fcr den Menschen ungenie\u00dfbar ist und das Protein dem Immunsystem somit unbekannt, kann es eine starke Immunantwort hervorrufen. Au\u00dferdem ist der Blutfarbstoff der \u201eBlaubl\u00fcter\u201c nicht wie bei S\u00e4ugetieren an Blutzellen gebunden, sondern bewegt sich frei in der H\u00e4molymphe, wo er leicht angezapft werden kann.<\/p>\n<p>Auch der US-amerikanische Urologe Carl A. Olsson wollte Anfang der 1970er Jahre mit dem H\u00e4mocyanin eigentlich die Immunreaktion von Menschen testen, die an oberfl\u00e4chlichem Harnblasenkrebs erkrankt waren. Zuf\u00e4llig bemerkte er jedoch, dass sich in der Gruppe der so Getesteten nach der operativen Entfernung des Tumors seltener wieder ein neuer Harnblasentumor bildete als in einer Vergleichsgruppe, die nicht mit der Substanz behandelt worden war.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/biosynpharma.com\/news\/biosyns-ceo-explains-how-companys-keyhole-limpet-hemocyanin-helps-fight-recurrences-superficial-bladder-cancer\/\" target=\"_blank\">Immuntherapie gegen Krebs<\/a><\/p>\n<p>Offenbar stimulierte der Stoff aus der Schnecke nicht nur die k\u00f6rperliche Abwehr, sondern wappnete sie auch gegen wuchernde Tumorzellen. \u201eSpezifische Antik\u00f6rper gegen das H\u00e4mocyanin kreuzreagieren auch mit Oberfl\u00e4chenmolek\u00fclen auf Blasenkrebszellen\u201c, erkl\u00e4rt Riedmayr. Diese Nachricht kam auch den drei Gr\u00fcndern von biosyn in Deutschland zu Ohren.<\/p>\n<p>1997 erreichte das Unternehmen f\u00fcr den Blutfarbstoff aus der Schnecke erstmals eine Zulassung zur R\u00fcckfallprophylaxe beim oberfl\u00e4chlichen Harnblasenkarzinom in den Niederlanden. Auch in \u00d6sterreich, Argentinien und S\u00fcdkorea ist das in seine Untereinheiten aufgespaltene H\u00e4mocyanin unter dem Markennamen IMMUCOTHEL\u00ae mittlerweile zugelassen. Einzelne Berichte, wonach auch Patienten mit anderen Krebserkrankungen von dem Arzneimittel profitieren, seien noch nicht n\u00e4her untersucht, so Riedmayr.<\/p>\n<p>Daneben wird die Substanz der Meeresschnecke als Tr\u00e4germolek\u00fcl f\u00fcr Antigene in Impfungen getestet, unter anderem f\u00fcr Tumorantigene in der Krebstherapie. Viele Antigene sind zu klein, um vom Immunsystem erkannt zu werden. Aber in hoher Anzahl, gebunden auf der Oberfl\u00e4che des H\u00e4mocyanins, das zu den gr\u00f6\u00dften Proteinen \u00fcberhaupt geh\u00f6rt, k\u00f6nnen auch niedermolekulare Antigene eine ausgepr\u00e4gte, gegen das Antigen gerichtete Antwort hervorrufen. Aktuell liefert das Fellbacher Pharma-Unternehmen das Protein der Meeresschnecke als Tr\u00e4gerprotein f\u00fcr die Entwicklung eines Impfstoffes gegen Alzheimer.<\/p>\n<p>Blutspende rettet Leben<\/p>\n<p>\u201eFr\u00fcher hat man die Schnecken aufgeschnitten, um das H\u00e4mocyanin der Meeresschnecke zu isolieren\u201c, berichtet Riedmayr. So auch der Lieferant, von dem biosyn anfangs den H\u00e4mocyanin-Rohstoff f\u00fcr seine Zulassungsstudien bezog. Doch es stellte sich bald heraus, dass dieser nicht die f\u00fcr den klinischen Einsatz erforderliche Qualit\u00e4t aufwies. Stattdessen entwickelten und patentierten die Fellbacher ein Verfahren, das es erm\u00f6glicht, den Schnecken steril einen Teil der H\u00e4molymphe aus dem bet\u00e4ubten Fu\u00df zu entnehmen und die fehlende Fl\u00fcssigkeit zu ersetzen. Die Tiere werden anschlie\u00dfend wieder lebend im Pazifik ausgesetzt.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr wurde ein Tochterunternehmen im kalifornischen Carlsbad gegr\u00fcndet. Denn die Schnecke Megathura crenulata ist nur an den K\u00fcsten S\u00fcdkaliforniens und der Halbinsel Baja California in Mexiko heimisch. Die Schnecken sind bis zu 15 Jahre alt, wenn geschulte Taucher sie in 40 Metern Tiefe von den Steinen l\u00f6sen. Anschlie\u00dfend leben die 500 bis 700 Gramm schweren Tiere zwei Tage in Quarant\u00e4ne in den eigens entworfenen Meerwasseraquarien, bevor sie rund 100 Milliliter ihres kostbaren Blutes spenden.<\/p>\n<p>Von der gespendeten H\u00e4molymphe wird der zellul\u00e4re Bestandteil abgetrennt und die bl\u00e4uliche Proteinmischung gek\u00fchlt in die Zentrale nach Fellbach geflogen. Dort erfolgt die Aufreinigung des H\u00e4mocyanins. Damit es als Arzneimittel auch noch \u00fcber Jahre bei Raumtemperatur stabil bleibt, spalten die Fellbacher das Protein in seine Untereinheiten und gefriertrocknen diese in einer Zuckerl\u00f6sung zu einem wei\u00dfen Pulver. Parallel dazu vertreibt das Unternehmen das H\u00e4mocyanin auch in einer w\u00e4ssrigen L\u00f6sung f\u00fcr die Impfstoffentwicklung und zu Forschungszwecken.<\/p>\n<p>\u201eDie Herausforderung war, ein Verfahren zu finden, um einerseits einen hochreinen Naturstoff zu gewinnen, sodass es bei der sp\u00e4teren Immunisierung nicht zu unerw\u00fcnschten Kreuzreaktionen mit Verunreinigungen kommt. Auf der anderen Seite sollte w\u00e4hrend des Prozesses das Protein nicht zerst\u00f6rt werden, sodass die Ausbeute m\u00f6glichst hoch und die Anzahl der ben\u00f6tigten Tiere gering gehalten wird\u201c, sagt Riedmayr.<\/p>\n<p>Weltmarktf\u00fchrer f\u00fcr H\u00e4mocyanin<\/p>\n<p>Insgesamt deckt das Unternehmen nach eigenen Angaben 90 Prozent des weltweiten H\u00e4mocyanin-Marktes ab. \u201eIm Jahr 2019 hatten wir besonders in S\u00fcdkorea eine unerwartet hohe Nachfrage nach H\u00e4mocyanin\u201c, berichtet Riedmayr. W\u00e4re es da nicht einfacher, das Protein gentechnisch herzustellen, anstatt es aus der Meeresschnecke zu gewinnen?<\/p>\n<p>Bereits 1999 hat biosyn zwar zusammen mit einer Arbeitsgruppe der Uni Mainz die Gensequenz des Meeresschnecken-H\u00e4mocyanins entschl\u00fcsselt und patentiert, doch gelte die gentechnische Herstellung wegen der Gr\u00f6\u00dfe des Proteins als zu kompliziert, so Riedmayr. Au\u00dferdem liefere der Pazifik vor der Baja California Millionen von Serum-Spendern.<\/p>\n<p>\u201eWir w\u00fcrden gerne den Kreis der L\u00e4nder erweitern, in denen das Medikament zugelassen ist, und es f\u00fcr die Therapie weiterer Krebserkrankungen zug\u00e4nglich machen\u201c, sagt Riedmayr. \u201eGro\u00dfe Zulassungsstudien zu finanzieren, ist jedoch gerade f\u00fcr mittelst\u00e4ndische Unternehmen eine gro\u00dfe Herausforderung\u201c, so Riedmayr weiter.<\/p>\n<p>Er verweist darauf, dass das 75-k\u00f6pfige Unternehmen im Laufe der Jahre bereits enorme Mittel in die Entwicklung seiner H\u00e4mocyanin-Produkte investiert habe. Finanziert wird die Forschung des Unternehmens durch Einnahmen aus der Vermarktung von Nahrungserg\u00e4nzungsmitteln und patentfreien Medikamenten, vor allem f\u00fcr die Krebs- und Intensivmedizin sowie f\u00fcr Schilddr\u00fcsen-Erkrankungen. Der Naturstoff aus dem Meer z\u00e4hlt neben dem Spurenelement Selen zu den beiden wichtigsten Produkt-S\u00e4ulen des 1984 gegr\u00fcndeten Unternehmens.<\/p>\n<p>&nbsp;<br \/>\nLiteratur:<\/p>\n<p>Olsson CA et al. (1974). Immunologic reduction of bladder cancer recurrence rate. J Urol 111(2): 173-176<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf dem Meeresgrund vor den K\u00fcsten S\u00fcdkaliforniens bis nach Mexiko kriecht eine lebende Apotheke: Aus der H\u00e4molymphe, einer Art Blutersatz bei wirbellosen Tieren, der Schl\u00fcssellochschnecke Megathura crenulata gewinnt das Fellbacher Pharmaunternehmen biosyn Arzneimittel GmbH ein Medikament gegen Harnblasenkrebs. Auch als Tr\u00e4germolek\u00fcl f\u00fcr verschiedene Antigene von therapeutischen Impfstoffen wird der blaue Blutfarbstoff der Meeresschnecke derzeit getestet. 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