{"id":71367,"date":"2020-02-06T07:32:12","date_gmt":"2020-02-06T06:32:12","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=71367"},"modified":"2020-02-03T16:47:37","modified_gmt":"2020-02-03T15:47:37","slug":"die-loesung-fuer-alles-das-entstinkungs-patent","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/die-loesung-fuer-alles-das-entstinkungs-patent\/","title":{"rendered":"Die L\u00f6sung f\u00fcr alles &#8211; Das Entstinkungs-Patent"},"content":{"rendered":"<p>Das Problem: Jeder von uns nimmt jede Woche etwa 5 mg Mikroplastik auf.<br \/>\nDie L\u00f6sung: Mikroplastik durch nat\u00fcrliche Biostoffe ersetzen.<\/p>\n<p>Kann man denn gar keine Yoga-Leggings mehr kaufen, die nicht aus Plastik sind? \u00dcberall Polyester und Spandex, Baumwolle scheint ausgestorben zu sein. Schon klar, die Polyester-R\u00f6hren machen einen straffen Po, aber sie sind halt aus Teufelszeug gestrickt, Petroleum, und geben mit jedem Waschgang Mikroplastik-Partikel in die Gew\u00e4sser ab, weil die Kl\u00e4ranlagen die winzigen Partikel nicht gut filtern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Kleidung, Reifenabrieb, Kunstrasen, Kosmetika, sogar Teebeutel \u2013 unz\u00e4hlige Gegenst\u00e4nde setzen Mikroplastik frei. Deshalb finden Forscher Mikroplastik inzwischen an allen m\u00f6glichen Orten, wo es nicht hingeh\u00f6rt \u2013 in unseren Meeren, unserem Trinkwasser, unseren Lebensmitteln, unserem Blut. Laut WWF nimmt jeder von uns pro Woche etwa 5 mg Mikroplastik auf.<\/p>\n<p>Da muss es doch Alternativen geben, dachten sich Joana Gil und Wienke Reynolds, zwei junge Materialforscherinnen von der Technischen Universit\u00e4t Hamburg (TUHH). Die Biotechnik-Ingenieurin Joana Gil stammt eigentlich aus Mexiko und arbeitete dort als Produktentwicklerin f\u00fcr Naturkosmetik. Der Job weckte ihr Interesse an nat\u00fcrlichen Rohstoffen. F\u00fcr ihre Doktorarbeit an der TUUH nahm sie Lignin unter die Lupe und erforschte, ob der Biorohstoff nicht ein guter Ersatz f\u00fcr Plastik sein k\u00f6nnte. Dabei fand sie soviel Potenzial, dass sie nun mit 31 CEO des Startups Lignopure ist.<\/p>\n<p>Enthusiastisch h\u00e4lt sie ein braunes Klebeband hoch, das auf den ersten Blick genauso aussieht wie jedes andere Klebeband auch. Der Unterschied: Es ist kompostierbar. \u00bbDas ganze Tape kann man einfach in den Kompost werfen\u00ab, verspricht Gil, denn es besteht aus Lignin und anderen Biostoffen.<\/p>\n<p>Lignin (von lateinisch lignum, \u00bbHolz\u00ab) ist der nat\u00fcrliche \u00bbKlebstoff\u00ab in Pflanzen und B\u00e4umen, der Stielen, Bl\u00e4ttern und St\u00e4mmen Festigkeit verleiht. Millionen Tonnen davon fallen jedes Jahr als Abfallprodukt in der Holzindustrie und Papierproduktion an, denn Holz besteht im Wesentlichen aus Zellulose, Hemicellulose und Lignin. \u00bbLignin ist normalerweise ein Abfallstoff der Industrie, ein Biorohstoff, der aus Holz oder Stroh gewonnen wird\u00ab, wei\u00df Gil. Das meiste werde ohnehin verbrannt, \u00bbdeshalb ist es billig\u00ab. Und damit ideal, um dem ebenfalls sehr billigen Plastik Konkurrenz zu machen.<\/p>\n<p>Im Oktober hat die lebhafte Mexikanerin mit Wienke Reynolds, zwei weiteren Mitstreitern von der TUUH und mit Unterst\u00fctzung durch die Stadt Hamburg\u00a0 das <a href=\"https:\/\/intranet.tuhh.de\/aktuell\/pressemitteilung_einzeln.php?id=11861&amp;Lang=de\" target=\"_blank\">Startup Lignopure<\/a> gegr\u00fcndet, um den Einsatz von Lignin als Biokunststoffersatz auszuloten. In ihrem Labor riecht es s\u00fc\u00dflich-muffig; eine Art Kreuzung aus Espressomaschine und Dampfkochtopf trocknet und verwandelt den Rohstoff aus den Bioraffinerien in nutzbares Pulver. \u00bbWenn das Lignin bei uns ankommt, ist es meistens feucht, wie Schlamm\u00ab, erz\u00e4hlt Gil; das verwendbare Produkt sieht aus wie grobk\u00f6rniges Kakaopulver.<\/p>\n<p>Gils Firma stellt bisher selbst keine Produkte her, sondern versteht sich als gr\u00fcner Mittler zwischen Bioraffinerie und Produkthersteller. Lignopure verkauft nur das Lignin und die Entwicklung. Daraus ist l\u00e4ngst mehr geworden als eine nette \u00d6kofantasie \u2013 die Ergebnisse der T\u00fcftelei wird es tats\u00e4chlich bald auf dem Markt geben. Am weitesten ist Gil derzeit mit zwei Produkten: Klebeband und Sonnencreme. Mit Hilfe von Lignopure hat die Firma Tesa ein nachhaltiges Klebeband aus Lignin und anderen Biokomponenten entwickelt, das in diesem Jahr gro\u00dffl\u00e4chig getestet wird. \u00bbW\u00e4hrend der Versuche haben wir gesehen, das Lignin auch antioxidativ wirkt\u00ab sagt Gil. \u00bbTesa benutzte schon Antioxidativa, die aber teurer sind. Das Lignin kostet die H\u00e4lfte. Die Firma spart also nicht nur Chemikalien, sondern auch Geld.\u00ab<\/p>\n<p>\u00c4hnlich ist es bei der Sonnencreme, die ein Hersteller gerade testet, als weltweit ersten Sonnenschutz mit Lignin: Das Lignin selbst absorbiert UV-Licht, es gilt daneben als freier Radikalenf\u00e4nger; und als Ersatz f\u00fcr Mikroplastik in Kosmetik ist Lignin 70 Prozent billiger als andere Bioalternativen. \u00bbMikroperlen aus Lignin k\u00f6nnen Mikroplastik in Peelings oder Duschgel ersetzen\u00ab, sagt Gil und zeigt auch gleich ein R\u00f6hrchen, in dem kleine braune Lignin-K\u00fcgelchen schwimmen. \u00bbDas ist hundertprozentig abbaubar, die K\u00fcgelchen l\u00f6sen sich einfach mit der Zeit im Wasser auf.\u00ab Wenn man bedenkt, dass jedes Jahr rund 14.000 Tonnen Sonnencreme in den Meeren landen, wo sich das Mikroplastik in Plankton und Fischen anreichert, k\u00f6nnte eine nachhaltigere Alternative einen echten Unterschied machen.<\/p>\n<p>Vor allem wenn die EU ihr Versprechen ernst macht und Mikroplastik demn\u00e4chst verbietet, wird die Nachfrage nach Alternativen sprunghaft ansteigen. Das ist kein kleiner Schritt: So will die EU etwa 37.000 Tonnen Mikroplastik-Emissionen pro Jahr verhindern. Und es ist, wenn man genau hinschaut, wie immer bei diesen scheinbar unl\u00f6sbaren Mega-Problemen: Man muss nur wollen. Alternativen gibt es, und sobald sich einige kluge Leute dahinterklemmen, werden sie auch Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Vielleicht sitzen Sie gerade auf einem Sessel mit Lignin-Anteil oder h\u00f6ren Musik aus einem Lignin-Lautsprecher, ohne es zu wissen<\/p>\n<p>Denn tats\u00e4chlich ist Lignin eigentlich nichts Neues und wird seit Jahrzehnten verarbeitet, zum Beispiel in Lautsprechern oder Spielzeug. Vielleicht sitzen Sie gerade auf einem Sessel mit Lignin-Anteil oder h\u00f6ren Musik aus einem Lignin-Lautsprecher, ohne es zu wissen. Aber in den allermeisten F\u00e4llen wurde dem Lignin viel Chemie zugesetzt, um es biegsam und haltbar zu machen. Auch viele sogenannte \u00bbBioplastik\u00ab-Verpackungen mit Lignin- oder Zellulose-Anteil sind weder nachhaltig noch biologisch abbaubar, denn der Begriff ist nicht gesch\u00fctzt. Gil kennt die Kritik an der alten Greenwashing-Taktik: \u00bbIm Supermarkt steht \u00fcberall bio-bio-bio drauf, aber wenn man genau hinschaut, ist vieles gar nicht so gr\u00fcn. Bei unserem Lignin kann man sagen: wirklich bio.\u00ab<\/p>\n<p>Erst der Druck, Petroleumplastik zu ersetzen, hat viele Erfinder angespornt, nach nachhaltigeren Verfahren zu suchen. Lignopure h\u00e4lt gemeinsam mit der TUUH mehrere Patente, so zum Herstellungs- und Trocknungsprozess. \u00bbWir haben Prozesse entwickelt, das Lignin weniger energieintensiv zu trocknen als das bisher in der Industrie \u00fcblich war, die Konsistenz zu optimieren und es mit anderen Biostoffen zu mischen, je nachdem, wo es eingesetzt werden soll.\u00ab Auch das Problem Gestank glaubt Gil, gel\u00f6st oder zumindest gemildert zu haben, denn Lignin m\u00fcffelt. Lignopure hat ein Patent zur \u00bbEntstinkung\u00ab, wie Gil in ihrem charmanten deutsch-englisch-mexikanischen Wortmix formuliert. Das kann noch wichtig werden, denn eigentlich w\u00e4re Bioplastik aus Lignin ideal, um zum Beispiel bei der Innenausstattung von Autos das Plastik zu ersetzen, aber das Bioplastik darf nat\u00fcrlich nicht wie alte Socken stinken, wenn der Karren in der Sommerhitze steht.<\/p>\n<p>Schneller als mit Autos geht es m\u00f6glicherweise mit Motorr\u00e4dern: Eine Firma interessiert sich gerade daf\u00fcr, Lignin-\u00bbLeder\u00ab f\u00fcr ihre Motorradsitze zu verwenden. Gil holt eine biegsame, gl\u00e4nzend braune Materialprobe. \u00bbEs besteht zu 70 Prozent aus Lignin, zu einem Drittel aus anderen Biomaterialien.\u00ab<\/p>\n<p>Mit ihren Aktivit\u00e4ten befindet sich Gil in guter Gesellschaft: Noch mehrere andere Forscher haben die Initiative ergriffen und sind auf dem Holzweg. Die TU Dresden, zum Beispiel, verk\u00fcndete einen Durchbruch bei den Verfahren, mit Lignin Hochleistungsfasern herzustellen und hofft, damit sogar die popul\u00e4ren Carbon-Fasern in Autos und Windturbinen zu ersetzen. Einige der nachhaltigen Produkte sind auch schon auf dem Markt, zum Beispiel verwendet die\u00a0Hamburger R\u00f6sterei Maya Lignin als \u00f6kologische Alternative zur \u00d6kokatastophe Kaffeekapseln. Drei Schwarzw\u00e4lder T\u00fcftler in Dei\u00dflingen haben unter dem Namen \u00bbAlb-Filter\u00ab den ersten kompostierbaren Wasserfilter auf der Basis von Lignin hergestellt.\u00a0 Und der Aschaffenburger Batterie-Entwickler CMBlu experimentiert mit Lignin als Stromspeicher in organischen Redox-Flow-Batterien, weil es Energie gut leitet.<\/p>\n<p>Auch Joana Gil hat noch viele Ideen, was man alles mit Lignin machen k\u00f6nnte, zum Beispiel D\u00e4mmmaterial f\u00fcr den Hausbau; auch kleine Reifen, etwa f\u00fcr Rollkoffer, kann Gil schon herzeigen. Und sie hat sogar mit Lignin-Granulat als F\u00fcttermaterial f\u00fcr 3D-Drucker experimentiert, \u00bbaber ehrlich gesagt im Moment eher nur als Spa\u00df.\u00ab<\/p>\n<p>Vielleicht wird aus dem Spa\u00df ja bald ernst, und wir k\u00f6nnen demn\u00e4chst nachhaltige Yoga-Hosen kaufen \u2013 aus Holz statt Erd\u00f6l.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Problem: Jeder von uns nimmt jede Woche etwa 5 mg Mikroplastik auf. Die L\u00f6sung: Mikroplastik durch nat\u00fcrliche Biostoffe ersetzen. Kann man denn gar keine Yoga-Leggings mehr kaufen, die nicht aus Plastik sind? \u00dcberall Polyester und Spandex, Baumwolle scheint ausgestorben zu sein. 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