{"id":7100,"date":"2004-05-07T00:00:00","date_gmt":"2004-05-06T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bio-based.eu\/news\/index.php?startid=20040507-02n"},"modified":"2004-05-07T00:00:00","modified_gmt":"2004-05-06T22:00:00","slug":"stellungnahme-zur-novellierung-des-bundeswaldgesetzes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/stellungnahme-zur-novellierung-des-bundeswaldgesetzes\/","title":{"rendered":"Stellungnahme zur Novellierung des Bundeswaldgesetzes"},"content":{"rendered":"<p><b>Die Fakult\u00e4t f\u00fcr Forstwissenschaften und Wald\u00f6kologie der Georg-August-Universit\u00e4t G\u00f6ttingen hat sich wissenschaftlich mit den &#8220;Eckpunkten des Bundesministeriums f\u00fcr Verbraucherschutz, Ern\u00e4hrung und Landwirtschaft zur Zukunft des Waldes&#8221; auseinandergesetzt, die Frau Ministerin K\u00fcnast am 19.03.2004 in Berlin vorgestellt hat und dazu Stellung genommen.<\/p>\n<p>Stellungnahme zu den Eckpunkten des BMVEL vom 19. M\u00e4rz 2004 f\u00fcr die\u00a0Reform des Bundeswaldgesetzes<\/b><\/p>\n<p>Die Eckpunkte formulieren als Ziel der Reform die Sicherung der nachhaltigen Entwicklung im Wald in \u00dcbereinstimmung mit den internationalen Verpflichtungen Deutschlands. Dieses Ziel der Nachhaltigkeit, das \u00f6kologische, \u00f6konomische und soziale Teilziele umfasst, kann mit dem Konzept der &#8220;naturnahen Waldbewirtschaftung\u201d, wie es in den Eckpunkten entworfen wird, nicht erreicht werden. Nach Stand der forstwissenschaftlichen Erkenntnisse reichen die eindimensionalen \u00f6kologischen Instrumente, unbenommen ihrer Berechtigung in Schutzgebieten, f\u00fcr den bewirtschafteten Wald nicht aus, um die Nachhaltigkeit zu sichern.<\/p>\n<p><b>1. Fehlsteuerung durch eindimensionale \u00f6kologische Instrumente zur Sicherung der \u00a0nachhaltigen Entwicklung im Wald<\/b><\/p>\n<p>Das auf die &#8220;naturnahe Waldbewirtschaftung\u201d beschr\u00e4nkte Reformkonzept wird folgende Fehlsteuerung, die zu Lasten aller Beteiligter geht, ausl\u00f6sen:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Nachhaltigkeit wird nicht gesichert, weil die Ausrichtung auf eine naturnahe Waldbewirtschaftung das \u00d6kosystem Wald nur einseitig betrachtet und \u00f6konomische und soziale Teilziele ausblendet.\n<\/li>\n<li>Zus\u00e4tzliche \u00f6kologische Gefahren entstehen f\u00fcr den Wald, weil die einseitig naturnahe Waldbewirtschaftung der \u00f6kologischen Ausgangslage im seit Jahrhunderten genutzten Wald\u00f6kosystem in Deutschland nicht gen\u00fcgend gerecht wird. Auch dem Klimawandel tritt die einseitig naturnahe Waldbewirtschaftung mit Naturschutzdogmen anstelle von risikomindernden Ma\u00dfnahmen nach Stand der Wissenschaft entgegen.\n<\/li>\n<li>Die im globalen Wettbewerb erforderliche Innovation der nachhaltigen Waldbewirtschaftung wird durch das einseitige Konzept, das den Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis ignoriert, erschwert.<\/li>\n<\/ul>\n<p><b>2. \u00d6kologische, \u00f6konomische und soziale Defizite der einseitig naturnahen \u00a0Waldbewirtschaftung<\/b><\/p>\n<ul>\n<li>Die naturschutzfachlichen Vorgaben und die naturnahe Waldbewirtschaftung sind wichtige Bausteine, aber keine ausreichende Grundlage f\u00fcr nachhaltige Waldnutzung. Die einseitige Ausrichtung vernachl\u00e4ssigt die \u00f6konomischen und sozialen Teilziele und f\u00fchrt in der Praxis zu unbehebbaren wirtschaftlichen Defiziten und Akzeptanzproblemen. Dies l\u00f6st nicht die aktuellen strukturellen und wirtschaftlichen Probleme der Forstwirtschaft in Deutschland.\n<\/li>\n<li>Naturnahe W\u00e4lder und naturnahe Waldbewirtschaftung bedeuten in Mitteleuropa vor allem Buchenw\u00e4lder und Buchenwaldbewirtschaftung. Damit verbunden w\u00e4re ein Verlust an Arten- und Lebensraumdiversit\u00e4t sowie ein R\u00fcckgang an Strukturreichtum in der Kulturlandschaft.\n<\/li>\n<li>Auf genetischer Ebene ist der &#8220;naturnahe&#8221; Zustand von B\u00e4umen und Wald in Deutschland nicht wiederherstellbar. F\u00fcr die R\u00fcckkehr in den Naturzustand sind die W\u00e4lder und deren genetische Ausstattung in der Kulturlandschaft durch den Menschen in Jahrhunderten zu stark ver\u00e4ndert worden.\n<\/li>\n<li>Aufgrund der vegetationsgeschichtlichen Entwicklung in Mitteleuropa sind die autochthonen (nat\u00fcrlichen) Waldbest\u00e4nde nicht jene mit dem gr\u00f6\u00dften Anpassungspotential an ver\u00e4nderte Umweltbedingungen. Ein Festhalten an den naturnahen genetischen Strukturen sichert daher unter ge\u00e4nderten Klimabedingungen weder die Stabilit\u00e4t noch das Potential des Waldes f\u00fcr multifunktionale Nutzung.\n<\/li>\n<li>Mischw\u00e4lder gelten als optimale Strategie der Risikominimierung im Wald, weil die Vielfalt gro\u00dfe Anpassungsf\u00e4higkeit bewirkt. Die Mischwaldstrategie auf gro\u00dfer Fl\u00e4che vertr\u00e4gt sich aber nicht mit maximaler Naturn\u00e4he, welche unter den deutschen Standortbedingungen vermehrt zu wenig gemischten Buchenbest\u00e4nden f\u00fchrt.\n<\/li>\n<li>Die gesetzliche Normierung der &#8220;guten fachlichen Praxis&#8221; f\u00fchrt entweder zu inhaltsarmen Begriffen, die dem Vollzug keine ausreichenden Vorgaben machen, oder zu konkreten Festlegungen, die als bundesweit g\u00fcltige Norm der \u00f6kologischen Vielfalt der Waldstandorte nicht entspricht. So ist beispielsweise das Kahlschlagsverbot ohne Fl\u00e4chenangabe inhaltsleer, mit Fl\u00e4chenangabe aber f\u00fcr bestimmte stabile Standorte zu gro\u00df und f\u00fcr andere labile zu klein. Die gesetzliche Normierung der &#8220;guten fachlichen Praxis&#8221; l\u00f6st daher keine Probleme, sondern f\u00fchrt zu zus\u00e4tzlichen Problemen im Vollzug.\n<\/li>\n<li>Die Sicherung der \u00f6konomischen Nachhaltigkeit der deutschen Forstwirtschaft wird in dem Konzept der Eckpunkte vernachl\u00e4ssigt. Der Ausgleich von Belastungen der Forstbetriebe durch Umweltverschmutzung wird nicht gesichert. Die Leistungen der Forstbetriebe f\u00fcr die Allgemeinheit werden weder durch gesicherte F\u00f6rderung und Schaffung erweiterter Vermarktungsm\u00f6glichkeiten noch durch\u00a0 gezielte Ma\u00dfnahmen des Steuerrechts abgegolten. Die Betriebe erhalten auch mehr regulative Einschr\u00e4nkungen, insbesondere durch die &#8220;gute fachliche Praxis&#8221; anstatt Freir\u00e4ume, um eigenverantwortlich alle marktwirtschaftlichen Chancen nachhaltiger Forstwirtschaft zu nutzen.\n<\/li>\n<li>Die F\u00f6rderung forstwirtschaftlicher Zusammenschl\u00fcsse bringt eine wichtige \u00f6konomische St\u00e4rkung. Sie kann aber nicht die gleichzeitig geplanten zus\u00e4tzlichen Belastungen f\u00fcr die gesamte Bewirtschaftung und die fehlenden F\u00f6rderinstrumente f\u00fcr Einzelbetriebe ausgleichen.\n<\/li>\n<li>Deregulierung und B\u00fcrokratieabbau kann nur ein zwischen Bund und L\u00e4ndern abgestimmtes Konzept leisten. Um diese Abstimmung zu erreichen, m\u00fcsste die inhaltliche Reform des Bundeswaldgesetzes die Ergebnisse der Neuregelung der Aufgabenverteilung zwischen Bund und L\u00e4ndern abwarten.<\/li>\n<\/ul>\n<p><b>3. Notwendigkeiten zur Sicherung der nachhaltigen Waldnutzung auf wissenschaftlicher \u00a0Grundlage<\/b><\/p>\n<ul>\n<li>Von der Zielsetzung der nachhaltigen Entwicklung sind entgegen dem einseitigen Konzept der Eckpunkte alle drei Dimensionen, n\u00e4mlich \u00f6kologische, \u00f6konomische und soziale Teilziele, ernst zu nehmen.\n<\/li>\n<li>Die Instrumente des Waldgesetzes m\u00fcssen anstatt auf Dogmen der naturnahen Waldbewirtschaftung aufzubauen, den Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse \u00fcber das \u00d6kosystem Wald voll aussch\u00f6pfen.\n<\/li>\n<li>Der \u00fcberwiegende Anteil der Waldb\u00f6den ist durch N\u00e4hrstoffarmut und Versauerung bei gleichzeitiger Stickstoffeutrophierung gepr\u00e4gt. Daraus resultieren erh\u00f6hte Risiken f\u00fcr die Stabilit\u00e4t von Boden und Best\u00e4nden und der Verlust von Schutzfunktionen. Zur Abwehr dieser negativen Entwicklungen muss es m\u00f6glich sein, standortsspezifische und systemintegrierte Gegenma\u00dfnahmen zu setzen. Dazu geh\u00f6ren neben kompensatorischen Ma\u00dfnahmen auch Ma\u00dfnahmen zur Mangelbehebung (D\u00fcngung) und der gezielte, lokal begrenzte Einsatz von Pflanzenschutzmitteln z.B. als Ersatz f\u00fcr mechanische Eingriffe.\n<\/li>\n<li>Die Durchf\u00fchrung von Kleinkahlschl\u00e4gen sollte prinzipiell m\u00f6glich sein. Deren \u00f6kologische Wirkungen, insbesondere auf den Stoffhaushalt, m\u00fcssen strikt standortbezogen bewertet werden.\n<\/li>\n<li>Aus Gr\u00fcnden der Innovation und des globalen Wettbewerbs soll zur Sicherung der nachhaltigen Entwicklung des Sektors Forst- und Holzwirtschaft die Option gentechnisch optimierter Pflanzen nicht ausgeschlossen werden.\n<\/li>\n<li>Die Instrumente m\u00fcssen den nationalen und internationalen \u00f6konomischen Rahmenbedingungen gerecht werden, um eine wirtschaftlich umsetzbare Strategie zu erreichen.\n<\/li>\n<li>Die politische Ehrlichkeit und Effizienz erfordern es, dass zun\u00e4chst die Aufgabenteilung im F\u00f6deralismus gekl\u00e4rt wird, bevor die inhaltliche Neuregelung von Aufgaben erfolgt.<\/li>\n<\/ul>\n<p><a href=\"http:\/\/www.forst.uni-goettingen.de\/\" >Fakult\u00e4t f\u00fcr Forstwissenschaften und Wald\u00f6kologie<\/a><br \/>Georg-August-Universit\u00e4t G\u00f6ttingen<br \/>B\u00fcsgenweg 5<br \/>37077 G\u00f6ttingen<\/p>\n<p>(Vgl. Meldung vom <a href=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/kuenast-meilensteine-einer-nachhaltigen-wald-und-jagdpolitik\/\" >2004-03-22<\/a>.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Die Fakult&auml;t f&uuml;r Forstwissenschaften und Wald&ouml;kologie der Georg-August-Universit&auml;t G&ouml;ttingen hat sich wissenschaftlich mit den &#8220;Eckpunkten des Bundesministeriums f&uuml;r Verbraucherschutz, Ern&auml;hrung und Landwirtschaft zur Zukunft des<\/b><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"","nova_meta_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[5572],"tags":[],"supplier":[],"class_list":["post-7100","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bio-based"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7100","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7100"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7100\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7100"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7100"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=7100"},{"taxonomy":"supplier","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/supplier?post=7100"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}