{"id":70674,"date":"2020-01-22T07:32:15","date_gmt":"2020-01-22T06:32:15","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=70674"},"modified":"2020-01-17T14:27:30","modified_gmt":"2020-01-17T13:27:30","slug":"wissenschaftsjahr-2020-was-ist-biooekonomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wissenschaftsjahr-2020-was-ist-biooekonomie\/","title":{"rendered":"Wissenschaftsjahr 2020: Was ist Bio\u00f6konomie?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zum Auftakt des vom Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung\u00a0initiierten Wissenschaftsjahrs sprachen wir mit Ulrich Schurr vom Forschungszentrum J\u00fclich dar\u00fcber wie wir zu einem nachhaltigen Wirtschaften kommen k\u00f6nnen und was die Forschung dazu beitragen kann.\u00a0<\/strong><\/p>\n<h3>Herr Schurr, was genau umfasst der Begriff Bio\u00f6konomie?<\/h3>\n<figure id=\"attachment_70678\" aria-describedby=\"caption-attachment-70678\" style=\"width: 135px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-70678 \" src=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/csm_schurr_03_2014_003_32f801bdb3-200x300.jpg\" alt=\"csm_schurr_03_2014_003_32f801bdb3\" width=\"135\" height=\"203\" srcset=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2020\/01\/csm_schurr_03_2014_003_32f801bdb3-200x300.jpg 200w, https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/media\/2020\/01\/csm_schurr_03_2014_003_32f801bdb3.jpg 418w\" sizes=\"auto, (max-width: 135px) 100vw, 135px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-70678\" class=\"wp-caption-text\">Professor Ulrich Schurr ist Leiter des Instituts f\u00fcr Pflanzenwissenschaften am Forschungszentrum J\u00fclich und Diskussionsteilnehmer bei der offiziellen Er\u00f6ffnungsveranstaltung des Wissenschaftsjahrs 2020, das der Bio\u00f6konomie gewidmet ist. Bild: FZJ<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der zentrale Gedanke ist, das Wissen \u00fcber biologische Systeme zu nutzen, um nachhaltig zu wirtschaften. Teil der Bio\u00f6konomie sind alle Prozesse und Produkte, die mit Ern\u00e4hrung zu tun haben, sowohl Nahrungs- als auch Futtermittel. Der gesamte Bereich der Biomaterialien geh\u00f6rt dazu, Massenprodukte wie D\u00e4mmstoffe oder Chemikalien, die man f\u00fcr Biokunststoffe nutzen kann. Aber auch pharmazeutische Produkte aus biologischen Systemen und nat\u00fcrlich der Bioenergiebereich.<\/p>\n<h3>Bio allein gen\u00fcgt nicht, entscheidend ist die Nachhaltigkeit?<\/h3>\n<p>Genau. Eine nicht-nachhaltige Bio\u00f6konomie w\u00e4re noch schlimmer als eine nicht-nachhaltige fossile \u00d6konomie. Sie w\u00fcrde unsere Nahrungsgrundlagen infrage stellen. Wir m\u00fcssen aufpassen, dass wir nicht &#8211; nur weil Bio angeblich gut sein soll &#8211; durch biologische Systeme noch sehr viel essentiellere Dinge infrage stellen, als wir das heute schon mit fossilen Systemen machen. Ein gutes Beispiel ist der Bioenergie-Bereich, der sicher auch zuk\u00fcnftig eine wichtige Rolle spielen wird. Der unreflektierte Ansatz von Bioenergie-Systemen der ersten Generation hat zu \u00f6kologischen und \u00f6konomischen Fehlentwicklungen gef\u00fchrt.<\/p>\n<h3>Wirtschaft macht das, was wirtschaftlich ist: Ist mehr Forschung der Schl\u00fcssel, dass bio\u00f6konomische Verfahren g\u00fcnstiger werden? Oder braucht es starke staatliche Anreize?<\/h3>\n<p>Es gibt mehrere Wege. Sicherlich l\u00e4sst sich Produktion durch Forschung und technologischen Fortschritt g\u00fcnstiger machen. An vielen Stellen lassen sich auch Produkte entwickeln, die bei gleichen Kosten nachhaltiger sind und weniger Folgen f\u00fcr die Umwelt haben, etwa in der Landwirtschaft. Aber es geht nicht einfach darum zu sagen: Wir machen alles preisg\u00fcnstiger. Es geht auch um die Frage: Welche Nebeneffekte, die dann auch wieder Kosten verursachen, erzeuge ich durch eine nicht-nachhaltige Wirtschaftsweise? Fossile Produkte haben meist einen hohen CO<sub>2<\/sub>&#8211; und Energie-Fu\u00dfabdruck. Wenn man die Folgekosten mit einpreist, ver\u00e4ndert das oft die \u00f6konomische Ausgangslage f\u00fcr Produkte aus biologischen Systemen.<\/p>\n<h3>\u201eWissenschaftsjahr Bio\u00f6konomie\u201c klingt, als w\u00e4re es im Wesentlichen ein Aufruf an die Wissenschaft. Betrifft die Notwendigkeit der Bio\u00f6konomie nicht gleicherma\u00dfen die Wirtschaft und jeden Einzelnen?<\/h3>\n<p>Es geht einerseits um Produktionsfragen, angefangen bei der Landwirtschaft, die nachhaltiger wirtschaften soll und nat\u00fcrlich ein \u00f6konomisches Auskommen braucht. Gefordert ist auch die Lebensmittel- und die Futtermittelindustrie, die gesunde Nahrungsmittel produzieren soll. Insbesondere bei Chemikalien und biobasierten Materialien geht es nicht nur um die Substitution von Produkten aus fossilen Rohstoffen durch Produkte aus und mit biologischen Prozessen, sondern auch darum zu hinterfragen, ob die Produkte \u00fcberhaupt ben\u00f6tigt werden und ob sie evtl. mit zus\u00e4tzlichen n\u00fctzlichen Eigenschaften ausgestattet werden k\u00f6nnen. Hierzu geh\u00f6rt zum Beispiel die biologische Abbaubarkeit von Kunststoffen, aber auch funktionale Oberfl\u00e4chen. Verantwortlicher Umgang mit den Produkten ist auch angesagt: wir produzieren auf 30-40 Prozent der landwirtschaftlichen Fl\u00e4che Nahrungsmittel, die wir wegwerfen. Mit den entsprechenden \u00f6kologischen Fu\u00dfabdr\u00fccken bei Wasser, CO<sub>2<\/sub>, D\u00fcngemitteln, Pestiziden. Nachwachsende Rohstoffe im Bau einzusetzen, hat in vielen F\u00e4llen auch Vorteile bez\u00fcglich der Stoff- und Energienutzung. Holzh\u00e4user speichern \u00fcber lange Zeit Kohlenstoff und ihre Teile k\u00f6nnen mehrfach wiederverwendet werden.<\/p>\n<h3>Br\u00e4uchte es bei so vielen Stellschrauben in so vielen Bereichen mehr Steuerung? Institutionen, die ordnen und zusammenfassen?<\/h3>\n<p>Wir brauchen eine regional angepasste Umsetzung. Wenn man sich die Bio\u00f6konomie auf hochproduktiven B\u00f6den f\u00fcr z.B. Soja oder Getreide anschaut, dann ist das selbstverst\u00e4ndlich etwas anderes als die Suche nach Wirkstoffen f\u00fcr die Pharmaindustrie in artenreichen, tropischen Regionen. Die kleinr\u00e4umige Landschaft im Alpenvorland erfordert eine andere Landwirtschaft und bringt andere Produkte hervor als waldreiche Regionen oder B\u00f6rdelandschaften mit intensiver Produktion auf besten B\u00f6den und Klimabedingungen, wie wir sie etwa im Rheinland vorfinden. Regionen unterschieden sich aber auch dadurch, ob sie schwerpunktm\u00e4\u00dfig f\u00fcr die benachbarte Chemieindustrie Rohstoffe liefern oder Getreide, Gem\u00fcse oder Obst f\u00fcr Nahrungs- und Futtermittel produzieren.<\/p>\n<h3>Insgesamt klingt es so, als br\u00e4uchte es einen langen Atem, um Bio\u00f6konomie zu etablieren.<\/h3>\n<p>Wir m\u00fcssen insgesamt auf eine nachhaltige Wirtschaftsweise umstellen und Bio\u00f6konomie ist ein wichtiger Teil davon. Ein ganzes Wirtschaftssystem, das \u00fcber 200 Jahre entwickelt wurde, das unzweifelhaft zu Wohlstand gef\u00fchrt hat und tief in unseren Gesellschaften verwurzelt ist, aber Raubbau an nat\u00fcrlichen Ressourcen begangen hat, kann man nicht innerhalb von zwei oder drei Jahren auf ein nachhaltiges Wirtschaften umzustellen. Der Forschungsbedarf ist enorm, aber es existiert auch schon Vieles, dass man direkt implementieren kann. Und die Gesellschaft muss die entsprechenden Anreize setzen. Man muss \u00fcber Preisgestaltung nachdenken, zum Beispiel f\u00fcr CO<sub>2<\/sub>, aber auch f\u00fcr die Nutzung anderer nat\u00fcrlicher Ressourcen \u2013 und \u00fcber verantwortlichen Umgang mit der Natur durch jeden einzelnen.<\/p>\n<h3>Wohl jeder hofft auf bahnbrechende Erfindungen und Entdeckungen, dass uns etwa Mikroorganismen im gro\u00dfen Ma\u00dfstab unseren Plastikm\u00fcll wegfressen oder das \u00fcbersch\u00fcssige CO<sub>2<\/sub> binden. Ist das reine Utopie?<\/h3>\n<p>Das System ist so komplex, dass die Wahrscheinlichkeit f\u00fcr die eine L\u00f6sung gegen null geht. Es gibt nat\u00fcrlich immer wieder Bahnbrechendes, neue Produkte, eine neue wissenschaftliche Erkenntnis. Man muss aber auch immer pr\u00fcfen, wie Einzell\u00f6sungen im Gesamtkontext funktionieren. Deshalb hat sich die Helmholtz-Gemeinschaft auch entschieden, ihre Bio\u00f6konomie-Forschung in den Kontext der Erdsystem- und Klimaforschung zu platzieren. Hier k\u00f6nnen wir mit den Experten f\u00fcr Umweltsysteme wertvolle Beitr\u00e4ge leisten, den scheinbaren Widerspruch von Schutz und Nutzung nat\u00fcrlicher Ressourcen anzugehen und gleichzeitig umsetzungsreife L\u00f6sungen f\u00fcr Klimaschutz, Ressourcen- und Energiewandel zu entwickeln.<\/p>\n<h3><\/h3>\n<h3><\/h3>\n<h3>Er\u00f6ffnung des Wissenschaftsjahrs 2020 in Berlin<\/h3>\n<p>Zur Er\u00f6ffnung des Wissenschaftsjahrs 2020 fand in Berlin eine Posiumsdiskussion statt, an der auch Ulrich Schurr teilnahm. Dar\u00fcber hinaus sprach Daniela Thr\u00e4n,\u00a0Expertin f\u00fcr Bioenergie am Helmholtz-Zentrum f\u00fcr Umweltforschung, in einem Impulsvortrag \u00a0\u00fcber \u201ePotenziale und Grenzen der Bio\u00f6konomie\u201c. Kernpunkte ihres Vortrags waren:<\/p>\n<ul>\n<li>Wir brauchen eine erfolgreiche Trans\u00adformation unserer Rohstoff\u00adbasis und Wirtschaftsweise, um die Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte zu bew\u00e4ltigen (u.a. Klimawandel, Artenschwund, wachsende Weltbev\u00f6lkerung)<br \/>\nBio\u00f6konomie \u2013 Die Erzeugung und Nutzung biologischer Ressourcen (auch Wissen), um Produkte, Verfahren und Dienstleistungen in allen wirtschaftlichen Sektoren im Rahmen eines zukunftsf\u00e4higen Wirt\u00adschafts\u00adsystems bereit zu stellen \u2013 kann einen wichtigen Beitrag leisten.<\/li>\n<li>Die Erwartungen an die Bio\u00f6konomie sind hoch \/ der Ist-Zustand eher ern\u00fcchternd: Der Umstieg auf erneuerbare Ressourcen ist seit 30 Jahren erkl\u00e4rtes Ziel: Begonnen und anfangs von erheblichen Erfolgen begleitet, ist die Energie\u00adwende bei einem F\u00fcnftel der Strecke ins Stocken geraten. Auf der stofflichen Seite sieht es nicht anders aus: U.a. warten seit Jahren Holzbau und biobasierte Chemie auf den Durchbruch, w\u00e4hrend von immer gr\u00f6\u00dferer Ressourcen\u00adverschwendung in SUVs oder Einwegtextilien und dem Anstieg der CO<sub>2<\/sub>-Emissionen berichtet wird.<\/li>\n<li>Wissenschaft ist gefragt, um die T\u00fccken der Transformation zu analysieren und L\u00f6sungs\u00ad\u00adan\u00ads\u00e4tze f\u00fcr ihre \u00dcberwindung zu entwickeln. Zudem muss die Forschung breit angelegt sein:<\/li>\n<li>Innovationen: Noch immer kommen von der erzeugten Biomasse nur 15% tats\u00e4chlich beim Verbraucher an. Effizienz und Intelligenz sind notwendig, um mehr Nutzen aus der begrenzten Roh\u00adstoffbasis zu ziehen. Zum Beispiel auf dem Acker: kleine Roboter, die die Gesundheit der Pflanzen betreuen, im Bedarfsfall j\u00e4ten oder hacken und bei Problemen Bescheid geben, k\u00f6nnen eine ertragreiche umweltvertr\u00e4g\u00adliche Landwirtschaft bef\u00f6rdern. Phosphor, der mithilfe innovativer Mikrobiologie aus der Kl\u00e4ranlage recycelt wird, senkt den Bedarf nach weiterem Ressourcenbau. Fast beliebig gro\u00df ist die Anzahl der Innovationen, die hier angef\u00fcgt werden k\u00f6nnten.<\/li>\n<li>Wegbereiter: Die Transformation der Rohstoffbasis braucht mehr als technische Innovationen: Die Bio\u00f6konomie wirkt auf mindestens 8 von 17 Sustainable Development Goals. Die T\u00fccken sind entsprechend vielf\u00e4ltig: In vermeintlichen \u00f6konomischen Nachteilen beim Umstieg von fossil auf erneu\u00ader\u00adbar, in rechtlichen Komplikationen, in Zielkonflikten zwischen verschiedenen Nachhal\u00adtig\u00adkeits\u00addimensionen, wenn zum Beispiel durch den Anbau von nachwachsenden Roh\u00adstoffen zwar fossile Ressourcen eingespart werden, aber gleichzeitig wertvolle Landfl\u00e4chen belegt werden.<\/li>\n<li>Ressourcenschutz: Forschung ist aber auch gefragt, um den nat\u00fcrlichen Ressourcen einen ausreichenden Schutz und einen angemessenen Preis zu sichern. So ist beispielsweise noch unklar, wie sich Bodenbewirtschaftung auf die unterirdische Biodiversit\u00e4t auswirkt und welche Konsequenzen das f\u00fcr die Pflanzengesundheit hat. Eine Zukunft ohne fossile Rohstoffe baut umfassend auf einen funktionierenden Naturhaushalt auf. Daher darf der Umstieg auf erneuerbare Ressourcen die Standortfaktoren der Bio\u00f6konomie nicht \u00fcberbeanspruchen.<\/li>\n<li>Zukunftsbilder: Wann aber ist der Naturhaushalt \u00fcberbeansprucht? Wieviel Biomasse ist verf\u00fcgbar? Wie schnell k\u00f6nnen biotechnologische Innovationen den Rohstoffbedarf entlasten?\u00a0 Wie sieht ein bio\u00f6konomischer Alltag in 2050 aus? Die gr\u00f6\u00dfte T\u00fccke der Transformation ist viel\u00adleicht die, dass konkrete Bilder von der Zukunft fehlen, um die Ziele einer nach\u00adhaltigen Bio\u00f6konomie weiter auszuformen und die Wege in die Zukunft zu beschreiben. Und das ist keine Forschung im Elfenbeinturm sondern braucht eine lebhafte gesellschaftliche Beteiligung.<\/li>\n<li>Innerhalb der n\u00e4chsten Generation muss der gr\u00f6\u00dfere Teil der Transformationen unserer Rohstoff\u00adbasis und Wirtschaftsweise stattfinden. Das ist machbar \u2013 aber nur, wenn die Gesellschaft mit \u00dcberzeugung dabei ist. Mit konkreten Zukunftsbildern \u00a0kann das Wissenschaftsjahr Bio\u00f6konomie einen wichtigen Beitrag leisten.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Auftakt des vom Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung\u00a0initiierten Wissenschaftsjahrs sprachen wir mit Ulrich Schurr vom Forschungszentrum J\u00fclich dar\u00fcber wie wir zu einem nachhaltigen Wirtschaften kommen k\u00f6nnen und was die Forschung dazu beitragen kann.\u00a0 Herr Schurr, was genau umfasst der Begriff Bio\u00f6konomie? 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