{"id":70436,"date":"2020-01-15T07:32:49","date_gmt":"2020-01-15T06:32:49","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=70436"},"modified":"2020-01-11T12:23:27","modified_gmt":"2020-01-11T11:23:27","slug":"pilzdesign-ideen-im-neuen-wissenschaftsjahr-biooekonomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/pilzdesign-ideen-im-neuen-wissenschaftsjahr-biooekonomie\/","title":{"rendered":"Pilzdesign &#8211; Ideen im neuen Wissenschaftsjahr Bio\u00f6konomie"},"content":{"rendered":"<p>Kann es eine Wegwerfgesellschaft ohne Reue geben? In Berlin testen Wissenschaftler, ob Pilze dazu taugen, \u00d6ko-Baustoffe oder M\u00f6bel herzustellen. Wenn der Stuhl dann nicht mehr gef\u00e4llt, kann er auf den Kompost. Wie realistisch ist das?<\/p>\n<p>Wenn Vera Meyer Antworten auf dr\u00e4ngende Zukunftsfragen sucht, zieht es sie in Brandenburgs W\u00e4lder. An Birken oder Buchen finden die Berliner Biotechnologin und ihr Team Pilze wie den Zunderschwamm, der nun in einem Labor an der Technischen Universit\u00e4t kleine Wunder vollbringt: Auf Hanf-, Pappel- oder Rapsresten gez\u00fcchtet verwandeln sich winzige Pilzf\u00e4den innerhalb von rund zwei Wochen in Baumaterial, einen Lampenschirm oder einen Fahrradhelm &#8211; ganz nat\u00fcrlich. Die ungew\u00f6hnliche Pilzzucht passt zum Thema des neuen Wissenschaftsjahrs, das am 16. Januar eingel\u00e4utet wird: Bio\u00f6konomie.<\/p>\n<p>Klimawandel, Meere voller Plastik, schwindende landwirtschaftliche Nutzfl\u00e4chen und zur Neige gehende fossile Rohstoffe: Schon lange ist klar, dass es ohne ein Umdenken kaum gehen wird. Wissenschaftler wie Vera Meyer haben das Ziel, die heutige erd\u00f6lbasierte Wirtschaftsform durch neue Ideen zu wandeln &#8211; hin zu einer nachhaltigen Nutzung nachwachsender Rohstoffe. Daf\u00fcr steht der Begriff Bio\u00f6konomie. \u00abWir m\u00fcssen uns alle umstellen. Aber es muss dadurch nicht unbedingt schlechter werden\u00bb, betont Meyer.<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomen geht es darum, Ressourcen zu schonen und gleichzeitig den Lebensstandard zu sichern. Sie denken zum Beispiel an Mikroorganismen, die Schadstoffe abbauen, an Kerosinersatz aus Algen oder an Kunststoffe, die sich leicht zersetzen, wie es auf der Internetseite zum neuen Wissenschaftsjahr hei\u00dft. Es gebe dabei oft den Ehrgeiz, erfolgreiche Konzepte aus der Natur zu kopieren, zum Beispiel die federleichte, aber extrem widerstandsf\u00e4hige Spinnenseide, die wasserabweisende Oberfl\u00e4che von Lotusbl\u00e4ttern oder die Haftkraft von Geckof\u00fc\u00dfen &#8211; und sie auf neue Produkte zu \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Grundlagenforscherin Meyer bleibt bei aller Euphorie \u00fcber die Potenziale von Mikroorganismen kritisch. \u00abNicht alles, was biologisch hergestellt wird, ist vom Wasserverbrauch oder CO2-Fu\u00dfabdruck her g\u00fcnstiger und auch biologisch abbaubar\u00bb, schr\u00e4nkt sie ein. F\u00fcr sie war zum Beispiel die Idee, aus pflanzlichen Lebensmitteln Kraftstoffe wie Bioethanol zu gewinnen, im R\u00fcckblick eine Sackgasse.<\/p>\n<p>Darum sind die Zunderschwamm-Versuche im Labor auch gerade erst der Anfang einer langen Testreihe, bei der von Materialwissenschaftlern bis hin zu Architekten viele Disziplinen eingebunden sind. F\u00fcr Meyer ist das der gro\u00dfe Vorteil gegen\u00fcber vielen Unternehmen. \u00abWir haben an einer gro\u00dfen Technischen Universit\u00e4t einfach alle, die wir brauchen.\u00bb<\/p>\n<p>Auch Studenten ganz unterschiedlicher Fachrichtungen spr\u00e4ngen auf die Idee an. \u00abMind the Fungi!\u00bb (Beachtet Pilze!) hat Meyer ihre Forschungswerkstatt genannt, bei der auch interessierte B\u00fcrger und K\u00fcnstler mitmachen k\u00f6nnen. Mit Blick auf k\u00fcnftiges \u00abPilzdesign\u00bb holte sie eine Berliner Kunsthochschule mit ins Boot. \u00abSchwarmintelligenz ist bei uns gefragt.\u00bb Die Forscherin kommt urspr\u00fcnglich aus der biotechnologischen Grundlagenforschung. Heute erschafft sie filigrane Skulpturen aus Pilzen und stellt sie aus. F\u00fcr Meyer gibt es keine harten Grenzen zwischen Wissenschaft und Kunst.<\/p>\n<p>In ihrem TU-Labor f\u00fcr Angewandte und Molekulare Mikrobiologie forscht auch Bastian Schubert. Aus Zunderschwamm-Zellen und pflanzlichen Reststoffen hat er sich einen Fahrradhelm wachsen lassen. Die Idee des Biotechnologie-Studenten ist inzwischen zu seiner Bachelor-Arbeit geworden. Das Ergebnis sitzt wie ein Pilzhut auf seinem Kopf. Der Prototyp hat eine samtweiche Oberfl\u00e4che und duftet leicht nach frischem Stroh.<\/p>\n<p>Losradeln k\u00f6nnte Bastian Schubert damit noch nicht, denn sobald Wasser auf seinen Helm tropfte, w\u00fcrde der anfangen zu wachsen &#8211; und vermodern. Im Moment w\u00e4re seine Erfindung wahrscheinlich erst einmal eine Idee f\u00fcr \u00f6kologisches Schutzmaterial unter der herk\u00f6mmlichen Au\u00dfenh\u00fclle eines Fahrradhelms. Materialforscher m\u00fcssen dazu aber noch herausfinden, ob das Naturprodukt bruchsicher und sto\u00dffest genug ist, um DIN-Normen zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>\u00abWir stehen hier am Anfang der Prozesskette\u00bb, betont Professorin Meyer. Auf ihrem Schreibtisch liegen federleichte Pilzbausteine, die ihr Team f\u00fcr Architekten in rechteckigen Normziegel-Formen herangez\u00fcchtet hat. Dazu kommen Pilzrollen, die in Plastikrohren wuchsen. Aufeinandergestapelt k\u00f6nnten Pilzsteine eine Mauer aus nat\u00fcrlichem D\u00e4mmstoff f\u00fcr trockene R\u00e4ume ergeben. Die Rundk\u00f6rper k\u00f6nnten vielleicht Heizungsrohre ummanteln und isolieren.<\/p>\n<p>70 Baumpilzarten aus Brandenburgs W\u00e4ldern hat Meyer seit einer Sammelaktion im Oktober mit ihrem Team getestet. Der Zunderschwamm stach alle Konkurrenten aus: Er passt sich beim Wachsen auf N\u00e4hrboden samt Wasser jeder Form an, die ihm vorgegeben wird. Dann verdichten sich die Zellen so lange, bis die Forscher eingreifen und das Produkt durch Wasserentzug fertigstellen.<\/p>\n<p>\u00abTheoretisch ist f\u00fcr Pilzdesign jede Form m\u00f6glich, die zum Beispiel ein 3D-Drucker herstellen kann\u00bb, sagt Vera Meyer. Der Pilz wachse dann exakt in dieser Form. M\u00f6glich seien zum Beispiel Tische, St\u00fchle oder Lampenschirme. \u00abWenn sie einem nicht mehr gefallen, zerkleinert man sie und wirft sie auf den Kompost.\u00bb Wie in der Natur zersetze sich das \u00d6ko-Material dann komplett &#8211; ganz ohne Deponie oder M\u00fcllverbrennungsanlage. Es w\u00e4ren Produkte f\u00fcr eine Wegwerfgesellschaft ohne Reue.<\/p>\n<p>Mittels Gentechnik k\u00f6nnten Pilzzellen so ver\u00e4ndert werden, dass Baumaterialien nach Wunsch entstehen, ist Meyer \u00fcberzeugt. M\u00f6glich w\u00e4re so zum Beispiel Rigips- oder Styropor-Ersatz. Ihr Traum sei es, irgendwann H\u00e4user aus Pilzmaterial konstruieren zu k\u00f6nnen &#8211; vielleicht erdbebensicherer als heute und ohne zus\u00e4tzliche Umweltbelastung auch wieder leicht zu entsorgen.<\/p>\n<p>V\u00f6llige Luftschl\u00f6sser sind solche Ideen nicht. Das neue Berliner Museum Futurium zeigt in einer Ausstellung schon Baumaterialien aus Naturstoffen, darunter biologischen Zement. Die Methode funktioniere \u00e4hnlich wie bei den Organismen, die Korallenriffe bilden. Bei der Herstellung werde deutlich weniger CO2 produziert als bei vergleichbaren Baumaterialien, hei\u00dft es. Ein Start-up in den USA vertreibt das Produkt bereits.<\/p>\n<p>Bei der Industrie laufen Pilzforscher Meyer zufolge generell schon offene T\u00fcren ein &#8211; zum Beispiel mit veganem Pilzleder. Auch an Kleidung aus Pilzzellen wird geforscht. Die gr\u00f6\u00dfte H\u00fcrde bleibt, eine ressourcenschonendere \u00d6ko-Produktion in herk\u00f6mmliche Herstellungsprozesse einzupassen, sie massentauglich und bezahlbar zu machen.<\/p>\n<p>Ob aus ihren Pilzen etwas praxistaugliches werden kann, h\u00e4nge auch von deutscher Forschungsf\u00f6rderung ab, sagt Meyer. Die will sie beantragen. Und die Zeitachse danach? \u00abF\u00fcnf bis zehn Jahre\u00bb, sch\u00e4tzt die Wissenschaftlerin. \u00abEs ist eine Frage der Manpower.\u00bb Das Potenzial der gesch\u00e4tzt sechs Millionen Pilzarten, von denen erst rund 100 000 wissenschaftlich beschrieben seien, h\u00e4lt sie jedenfalls f\u00fcr v\u00f6llig untersch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Eines allerdings kommt Meyer bei Pilzen gar nicht in den Sinn: Steinpilze oder Pfifferlinge auf dem Teller. \u00abIch gehe sehr gern in den Wald. Aber Pilze essen mag ich \u00fcberhaupt nicht gern.\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann es eine Wegwerfgesellschaft ohne Reue geben? In Berlin testen Wissenschaftler, ob Pilze dazu taugen, \u00d6ko-Baustoffe oder M\u00f6bel herzustellen. Wenn der Stuhl dann nicht mehr gef\u00e4llt, kann er auf den Kompost. Wie realistisch ist das? Wenn Vera Meyer Antworten auf dr\u00e4ngende Zukunftsfragen sucht, zieht es sie in Brandenburgs W\u00e4lder. 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