{"id":69258,"date":"2019-12-05T07:29:00","date_gmt":"2019-12-05T06:29:00","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=69258"},"modified":"2019-12-02T14:31:03","modified_gmt":"2019-12-02T13:31:03","slug":"nachhaltigkeit-ist-kein-zustand-sondern-ein-weg-der-stetigen-verbesserung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/nachhaltigkeit-ist-kein-zustand-sondern-ein-weg-der-stetigen-verbesserung\/","title":{"rendered":"Nachhaltigkeit ist kein Zustand, sondern ein Weg der stetigen Verbesserung"},"content":{"rendered":"<p>Harald, kannst du dich einmal kurz vorstellen und sagen, was Du mit Kunststoff zu tun hast und auch warum?<\/p>\n<p>Ich bin ausgebildeter Chemiker und seit mehr als 25 Jahren vollberuflich im Bereich &#8220;Chemie und Kunststoffe aus erneuerbaren Rohstoffen&#8221; unterwegs &#8211; 20 Jahre davon als unabh\u00e4ngiger Berater. Beruflich bin ich ein harter Hund, denn ich kann es mir leisten, als einziger aufzustehen, wenn alle anderen sitzen bleiben, und kritische Fragen stellen. Privat bin ich der, der keinen Fitzel M\u00fcll in die Natur schmei\u00dft, denn so wurde ich erzogen. \u00a0Ich habe gr\u00fcne Wurzeln und die &#8220;materielle Rohstoffwende&#8221; zu meinem Lebensthema gemacht. Au\u00dferdem bin ich gro\u00dfer Kunststoff-Fan!<\/p>\n<p>Was findest Du an Kunststoff so toll und wie denkst Du generell \u00fcber das Material Plastik im Verpackungssektor?<\/p>\n<p>Wer Kunststoffe per se ablehnt, hat keine Vorstellung von ihren sehr starken Leistungen. Unsere Moderne ist materiell auf Kunststoffe begr\u00fcndet &#8211; im Verpackungsbereich sind sie nach wie vor oft die beste Wahl, wenn es um effizienten Produktschutz geht. Die mit ihrer Nutzung verbundenen Probleme sind vor- und nachgelagert. Dabei gilt (verk\u00fcrzt!): Fossile Rohstoffe haben keine Zukunft, und die Bem\u00fchungen zur Kreislaufwirtschaft sind bisher wenig erfolgreich. Nicht anzulasten ist Packkunststoffen das Fehlverhalten der Nutzer. Wir m\u00fcssen zusehen, dass wir unserer &#8220;Wegwerfgesellschaft&#8221; ein Ende machen.<\/p>\n<p>Ist Kunststoff deiner Meinung nach ersetzbar, wenn ja, womit? Wenn nein, warum?<\/p>\n<p>Es macht \u00f6kologisch oft wenig Sinn, Kunststoffe gegen andere Materialien wie Glas, Metall oder Papier zu ersetzen, weil deren Herstellung oft schwerer und aufw\u00e4ndiger ist und die Umwelt noch st\u00e4rker belastet. Auch Recyclingfasern kann man nur begrenzt einsetzen. Im Lebensmittelsektor z.B. kommen Rezyklate (das sind aufbereitete und somit wiederverwertbare Kunststoffe mit definierten Eigenschaften) aufgrund von Hygiene- und Lebensmittelsicherheitsrichtlinien meist gar nicht in Frage.<\/p>\n<p>Heute wird gern behauptet, dass Kunststoff durch Papier ersetzbar ist. So wird z.B. gerade eine Papiertube f\u00fcr Kosmetika als \u201einnovativer Durchbruch\u201c gefeiert. Aber damit die Tube den wertvollen Inhalt sch\u00fctzt, wird hier mit einem wahrscheinlich sehr hohen Bindemittelanteil &#8211; das sind fl\u00fcssige Kunststoff-Kleber &#8211; oder Kunststoffschichten gearbeitet. Und dass das Produkt weder im Kunststoff- noch im Papierstrom recycelbar sein wird, wird auch verschwiegen. Das ist bewusste Fehlinformation. Papier kann nicht leisten, was Kunststoff leistet, denn Papier hat weder die mechanischen Eigenschaften und schon gar nicht die Barriere gegen Wasser oder Sauerstoff, den die Inhalte brauchen.<\/p>\n<p>Wo siehst du das gr\u00f6\u00dfte Einsparpotential?<\/p>\n<p>Man kann den Verbrauch nur in Ma\u00dfen reduzieren. Wenn das Produkt den Schutz verliert und ungenutzt vergammelt, ist der Schaden um den Faktor 10 und mehr gr\u00f6\u00dfer. Heute hei\u00dft es nach Mehrwegl\u00f6sungen suchen. Ich hoffe, innovative Dienstleister k\u00f6nnen hier Schwung erzeugen.<\/p>\n<p>Aber vor allem muss man die Rohstoffbasis der Kunststoffprodukte \u00e4ndern: weg von fossiler Neuware, hin zu bio-basierten und recycelten Kunststoffen mit geringerem CO2 Aussto\u00df. Recycling ist heute im Fokus, aber aufgrund der oft nicht ausreichenden Qualit\u00e4t der Rezyklate und den hohen Anspr\u00fcchen an Produktsicherheit eine nur beschr\u00e4nkt taugliche L\u00f6sung. Kunststoffe aus erneuerbaren Rohstoffen, Agrarpflanzen, organischen Reststoffen oder auch CO2, sind deshalb wirklich wichtig. Wir brauchen klare Vorgaben zum Einsatz dieser nachwachsenden und recycelten Anteile \u2013 und das kann am Ende nur der Gesetzgeber leisten. Ebenso wie die Einf\u00fchrung einer entsprechenden CO2-Steuer (50-80 EUR \/ Tonne heute, in Richtung 150 EUR bis 2030). Wenn CO2 Emissionen massiv gesenkt werden, gehen alle m\u00f6glichen sch\u00e4dlichen Umwelteffekte zur\u00fcck. Angesichts der Zeitknappheit ist dieser Fokus auf konsequenten Klimaschutz elementar wichtig.<\/p>\n<p>Wo entsteht mehr CO2: bei der Herstellung oder bei der Entsorgung?<\/p>\n<p>Bei der Herstellung &#8211; hier wird der Kohlenstoff-Fu\u00dfabdruck festgelegt. Wieviel man davon anteilig wiedergewinnt, entscheidet das Recycling. Setzt man Rezyklate als Ersatz von Neuware in Kunststoffverpackungen zu 100% ein, dann lassen sich grob etwa 50% CO2 einsparen. Das ist sehr gut, aber bis auf Ausnahmen in der Praxis kaum machbar, meist l\u00e4sst sich nur ein Teil des Kunststoffs durch Rezyklat ersetzen.<\/p>\n<p>Welche Initiativen findest du sinnvoll und welche \u00fcberhaupt nicht oder sogar kontraproduktiv und warum?<\/p>\n<p>Gespannt bin ich darauf, ob es nun gelingt die gesammelten Kunststoffabf\u00e4lle kreislauff\u00e4hig zu machen. Das wurde zuletzt allseits versprochen, vor allem durch verbesserte Sortierung und Recyclingtechnik. Dass man Kunststoffabf\u00e4lle nicht mehr so leicht exportieren darf, das war \u00fcberf\u00e4llig und ist jetzt neu und richtig. Wir haben viel zu viel (angeblich) &#8220;recycelten Kunststoffabfall&#8221; weggeschafft und in anderen L\u00e4ndern (vor allem in Asien) Probleme erzeugt. Die an der Recycling\u00adwirtschaft Beteiligten haben die Aufgaben und Probleme einfach exportiert und Dritten \u00fcberlassen, was sie weit entfernt oft noch vergr\u00f6\u00dferten (Stichwort &#8220;Meeresm\u00fcll&#8221;). Das war und ist falsch und ungerecht dazu. Jetzt wird es hier ernst, das ist erst einmal gut so.<\/p>\n<p>Als kontraproduktiv erachte ich zudem, dass immer noch nicht ehrlich auf Basis des heutigen und zuk\u00fcnftig halbwegs sicher projizierbaren Sachstands diskutiert und agiert wird. Aussagen wie \u201eDas Klimapaket kostet nichts\u201c sind schlichtweg falsch. Und das Potenzial des Recyclings wird bei Kunststoffen meines Erachtens gegen\u00fcber der \u00d6ffentlichkeit als zu positiv dargestellt. Doch auch das Plastik-Bashing geht am Kern oft weit vorbei.<\/p>\n<p>Was regt dich am meisten im Hinblick auf das Thema auf? Was k\u00f6nnte man besser machen?<\/p>\n<p>Was mir massiv missf\u00e4llt ist Unehrlichkeit als taktisches Man\u00f6ver, Unterschlagen von gravierenden Nachteilen. Das Gegenteil davon, auch wenn man damit keine perfekte Geschichte erz\u00e4hlen kann, gef\u00e4llt mir. Wenn man sich ehrlich macht, wird man handlungsf\u00e4higer.<\/p>\n<p>Unternehmen sind beim Thema \u201eVerpackung\u201c einem irrwitzigen Druck ausgesetzt. Dabei spielen viele Faktoren mit, die man oft gar nicht selbst im Griff hat. Jahrzehntelang haben alle weggeguckt. Jetzt geht das nicht mehr. Hersteller m\u00fcssen nach L\u00f6sungen suchen und in neue Technologien investieren. Und die Kunden m\u00fcssen sich bewusst entscheiden: Zu wem fasse ich Vertrauen, wem kaufe ich was ab? Der informierte Konsument, der mit seiner Kaufentscheidung seine \u00dcberzeugung zum Ausdruck bringt, kann gro\u00dfen Einfluss nehmen. Dazu muss er wissen, dass Umweltschutz etwas kostet &#8211; und zwar sein Geld. Wer etwas anderes sagt, hat nur kurzfristige Interessen im Sinn. Lange Zeit ging es in die falsche Richtung, alles wurde immer billiger, zumindest oberfl\u00e4chlich. Den wahren Preis hat die Natur bezahlt bzw. wir mit der Qualit\u00e4t unseres Lebensraums. Das ist vorbei &#8211; jetzt ist Pay Day. Wer informiert ist, wird das akzeptieren. Dann haben wir eine Chance, denn wir k\u00f6nnen es viel besser machen!<\/p>\n<p>Kannst Du uns Beispiele f\u00fcr echte L\u00f6sungsans\u00e4tze geben?<\/p>\n<p>Der Traum ist, alles aus erneuerbaren Rohstoffen herzustellen. Vieles ist auch jetzt schon machbar. Zum Beispiel k\u00f6nnte man aus deutschen Zuckerr\u00fcben Polymere* herstellen. In Zeiten wo die Zuckernachfrage im Lebensmittelsektor r\u00fcckl\u00e4ufig ist, w\u00fcrden sich Zucker-Hersteller \u00fcber ein neues Standbein freuen.<\/p>\n<p>Auf Zuckerrohr basiertes PLA (Polylactide**) gibt es bereits und kann eingesetzt werden, wenn man nur will. Auch aus Methan, zum Beispiel aus Verg\u00e4rungsanlagen, kann PLA hergestellt werden. Das w\u00e4re technologisch aufw\u00e4ndig und noch gibt es daf\u00fcr keine Maschinerie, aber wenn die Nachfrage da w\u00e4re, w\u00fcrde das losgehen!<\/p>\n<p>Am Anfang kostet der Wechsel immer erstmal mehr Geld. Man kennt das ja vom \u00d6kostrom. Irgendwann gehen die Preise auch wieder runter. Aber im Moment muss Klimaschutz an erster Stelle stehen. Und mit bio-basierten Verpackungen k\u00f6nnen wir da richtig punkten!<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, der Konsument muss bessere Verpackungen verlangen und bereit sein, daf\u00fcr auch mehr zu bezahlen. Was kann er sonst noch tun?<\/p>\n<p>Nichts wegwerfen! Trennt eure Abf\u00e4lle m\u00f6glichst gut und bringt alles in die Systeme. Und damit ist euer Job dann getan. Ab da ist die Gesetzgebung dran. Die muss das Thema Kreislaufwirtschaft endlich ernst nehmen, die Sammelsysteme im Hinblick auf Recyclingf\u00e4higkeit optimieren und strenger kontrollieren. Dort muss aber auch der Spielraum entstehen, in bessere Technik zu investieren.<\/p>\n<p>Was h\u00e4ltst Du von Projekten wie z.B. die Jutebeutelsammelaktion f\u00fcr ein portugiesisches Ladencaf\u00e9, das seinen Kunden der Umwelt zuliebe keine T\u00fcten f\u00fcr die gekauften Waren anbietet? Bringt das was?<\/p>\n<p>Ja! Solche Kleinstinitiativen sind toll, inspirierend und sollte man weiter etablieren. Haben wir nicht eh alle irgendwo zu viele Jutebeutel rumliegen, die an anderer Stelle gut gebraucht werden k\u00f6nnen? Mit derartigen Ans\u00e4tzen kommt man einer Kreislaufwirtschaft auch n\u00e4her.<\/p>\n<p>Was inspiriert Dich sonst noch? Was findest du bei diesem Thema gut und zielf\u00fchrend?<\/p>\n<p>Ich finde Greta Thunberg extrem inspirierend, denn sie ist fokussiert: &#8220;Nur die Klimakatastrophe gilt es zu verhindern, alles andere ist Beiwerk und kann sp\u00e4ter in Angriff genommen werden. Ohne stabilen Planeten wird alles im Chaos enden \u2013 folgt der Wissenschaft und tut endlich etwas!&#8221;. Sie hat recht damit, und sie inspiriert nicht nur mich, sondern Abermillionen Menschen. So kann die starke Bewegung entstehen, die wir brauchen &#8211; und die Uhr tickt.<\/p>\n<p>Zielf\u00fchrend ist, wenn es Menschen gelingt &#8211; trotz Komplexit\u00e4t und Gefangensein in Widerspr\u00fcchen sowie \u00f6konomischen Zw\u00e4ngen (billig billig!!) &#8211; sich aufzumachen und neue Wege zu gehen. Auch wenn Widerspr\u00fcche bleiben. Nachhaltigkeit ist kein Zustand, es ist ein Weg der stetigen Verbesserung.<\/p>\n<p>Was ist dein pers\u00f6nliches Rezept diese Spannung zwischen Anspruch und M\u00f6glichkeit &#8211; das Leben in den Widerspr\u00fcchen &#8211; auszuhalten?<\/p>\n<p>Keinen Frust aufkommen lassen. Ich finde es unglaublich sch\u00f6n, auf der Welt zu sein. Gerade jetzt, wo wir endlich aktiv werden und richtig Bewegung reinkommt. Es ist noch gar nicht lange her, da wussten die meisten nicht einmal, dass Kunststoff aus Erd\u00f6l hergestellt wird und dass das so oder so nicht zukunftsf\u00e4hig ist. Aber inzwischen lernen die Leute immer mehr dazu und lassen sich nicht von jeder Greenwashing-Strategie f\u00fcr dumm verkaufen.<\/p>\n<p>Ich bin begeistert davon, an diesem irren Experiment &#8220;Revolution\u00e4re Mutation der Affen on Planet Earth&#8221;\u00a0 teilnehmen zu d\u00fcrfen. Was f\u00fcr `ne Show! Wenn wir es nicht gebogen bekommen, haben wir trotzdem gerockt, wie nie eine Spezies zuvor. Immerhin! Und sollten wir es schaffen, unsere heute schon im Ansatz sichtbaren M\u00f6glichkeiten zu nutzen, erobern wir neue Dimensionen und lassen das Affige bald weit hinter uns.<\/p>\n<p>Wenn Du der \u201eBestimmer\u201c w\u00e4rst, was w\u00fcrdest du sofort tun?<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde wie Greta in Aufkl\u00e4rung investieren. Gebt mir und den vielen anderen sachlich-technisch-wissenschaftlich fundierten Aufkl\u00e4rern, die frei sind von \u00f6konomischen Partialinteressen, jeden Tag &#8220;10 unvermeidliche Minuten&#8221; zur Primetime, ob in der Tagesschau, auf Facebook oder Instagram &#8211; und wir bauen zusammen eine nachhaltige und gerechte Welt.<\/p>\n<p>Und bis es soweit ist, kann man Dir auf\u00a0 Twitter \u00a0folgen.<\/p>\n<p>Richtig, da l\u00e4uft meine One-Man-Show jetzt schon.<\/p>\n<p>Abgesehen von einer richtig guten Kreislaufwirtschaft, in der alles aus erneuerbaren Rohstoffen hergestellt wird, was w\u00fcnschst Du Dir?<\/p>\n<p>Ich w\u00fcnsche mir eine Gesellschaft, die zur\u00fcck zur Ehrlichkeit kommt. Hier geht ein gro\u00dfer Dank an MOIN, ein Unternehmen, das zu seinen Konflikten steht und sich um eine offene Kommunikation mit seinen Kunden bem\u00fcht, um gemeinsam bessere Wege zu finden.<\/p>\n<p>Deine Empfehlung an die Menschen, die nachts von Plastikm\u00fcllinseln im Meer tr\u00e4umen:<\/p>\n<p>Konkret: Lest mehr philosophische Texte, macht das Handy und Internet \u00f6fters aus. Und sowieso immer: Seid nett zueinander und zum Planeten, und gebt euer Bestes.<\/p>\n<p>Vielen Dank, Harald K\u00e4b!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>* Polymere sind ein aus Makromolek\u00fclen bestehender Stoff (polymere Verbindungen)<\/p>\n<p>** Polylactide, auch Polymilchs\u00e4ure genannt, ist ein Produkt der Fermentation aus Zucker und St\u00e4rke durch Milchs\u00e4urebakterien.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Harald, kannst du dich einmal kurz vorstellen und sagen, was Du mit Kunststoff zu tun hast und auch warum? 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