{"id":66794,"date":"2019-09-25T07:20:19","date_gmt":"2019-09-25T05:20:19","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=66794"},"modified":"2019-09-19T16:17:15","modified_gmt":"2019-09-19T14:17:15","slug":"bakterien-als-farbstoff-fabriken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/bakterien-als-farbstoff-fabriken\/","title":{"rendered":"Bakterien als Farbstoff-Fabriken"},"content":{"rendered":"<p>Nadja Henke hat einen tollen Job: Sie bringt Farbe ins Leben \u2013 zumindest in Futtermittel und Kosmetika. Denn die junge Systembiologin entwickelt einen nachhaltigen Prozess, in dem Bakterien unter wirtschaftlichen Bedingungen den antioxidativen Farbstoff Astaxanthin herstellen.<\/p>\n<p>Forschung f\u00fcr die Anwendung<br \/>\n\u201eIch bin unabh\u00e4ngig vom Beruf neugierig auf Biologie und Natur\u201c, erz\u00e4hlt die 28-J\u00e4hrige. Schon in der Oberstufe habe sie einen Hang zur Natur gehabt. \u201eDa war bereits klar, dass ich Biologie studieren w\u00fcrde\u201c, erinnert sie sich. Das tat sie dann auch an der Uni Bielefeld. Und wieder war schnell klar, wohin es weiter gehen sollte: Richtung Molekularbiologie. \u201eIch wollte im Beruf etwas Sinnhaftes tun und fand zudem das Abstrakte spannend \u2013 vieles sieht man nicht\u201c, erkl\u00e4rt sie ihre Entscheidung.<\/p>\n<p>Bereits fr\u00fch im Studium arbeitet sie intensiv mit Bakterien. \u201eDas hat mich fasziniert, weil man Experimente schnell durchf\u00fchren kann\u201c, beschreibt Henke, was dieses Fachgebiet von anderen Bereichen der Biologie unterscheidet. Ihren Master macht sie in Genombasierter Systembiologie und promoviert schlie\u00dflich am Centrum f\u00fcr Biotechnologie (CeBiTec) bei Volker Wendisch, weiterhin an der Uni Bielefeld, denn die dortige Region war und ist ihre Heimat.<\/p>\n<p>Astaxanthin ist begehrt<br \/>\nDie Arbeit mit Farbstoffen begleitet die Biologin schon l\u00e4nger als die Mikroorganismen. Zun\u00e4chst forschte sie im Studium an der Flavonoidsynthese im Lieblingsorganismus der Pflanzenforscher, der Ackerschmalwand. In ihrer Masterarbeit hat sie sich dann erstmalig mit der Carotinoidbiosynthese in Bakterien besch\u00e4ftigt. Carotinoide bilden eine gro\u00dfe Gruppe von Farbstoffen, von denen viele auch hervorragende antioxidative Eigenschaften aufweisen. \u201eH\u00e4ngengeblieben bin ich schlie\u00dflich beim Astaxanthin\u201c, erz\u00e4hlt Henke.<\/p>\n<p>\u201eAstaxanthin ist ein gehypter Stoff\u201c, berichtet die Forscherin weiter. Das rot-violette Carotinoid wird in der Fischzucht als Futtermittel eingesetzt, ist aber auch Zutat in Kosmetika. Die antioxidative Wirkung des Farbstoffs sch\u00fctzt die Haut besser vor UV-Strahlen als Vitamin E. Bei Fischen wirkt das Carotinoid sich zudem positiv auf die Immunabwehr und die Fruchtbarkeit aus. Vor allem verleiht es Lachs aber seine r\u00f6tliche F\u00e4rbung, die die Tiere in der Natur durch den Verzehr von Kleinkrebsen erhalten. Die Kleinkrebse ihrerseits erhalten den Farbstoff von verzehrten Gr\u00fcnalgen. Diese sind bislang auch die einzige alternative Quelle, um Astaxanthin zu gewinnen, ohne den Farbstoff auf Grundlage von Erd\u00f6l zu synthetisieren.<\/p>\n<p>Bakterien als Alternative zu Erd\u00f6l und Algen<br \/>\n\u201eWaren die einzige alternative Quelle\u201c, muss man eigentlich sagen, denn Henke ist dabei, eine zweite Alternative zu etablieren. \u201eMeine Vorg\u00e4ngerin an der Uni hat das pigmentierte Bakterium Corynebacterium glutamicum analysiert und festgestellt, dass die F\u00e4rbung auf ein Carotinoid zur\u00fcckgeht\u201c, schildert die Systembiologin. Eine spannende Entdeckung, denn: \u201eDas Corynebacterium glutamicum ist industriell etabliert, weil es seit mehr als 60 Jahren f\u00fcr die Aminos\u00e4ureproduktion genutzt wird\u201c, wei\u00df Henke. \u201eWenn man normalerweise etwas in der Forschung entdeckt, ist es exotisch und wenig handhabbar.\u201c<\/p>\n<p>Schon in ihrer Masterarbeit hat die Forscherin damit begonnen, die Astaxanthinproduktion mit den Corynebakterien zu etablieren. Dabei ging es ihr nicht anders als den Studenten heute, die sie betreut: \u201eDie Farbe macht die Arbeit interessanter, die Motivation ist anders\u201c, berichtet sie. Auch aus Karrieresicht sei es ein attraktives Projekt, auf das sie bei Tagungen viel angesprochen werde \u2013 gut f\u00fcr den Aufbau eines Netzwerkes.<\/p>\n<p>Einladung zu Businessplanwettbewerb<br \/>\nAuf ganz neue Art spannend wurde es f\u00fcr Henke nach ihrer Promotion: Da hat sie begonnen, das Verfahren mit einem Start-up weiterzuentwickeln. \u201eAusl\u00f6ser war eine E-Mail von einem Businessplanwettbewerb\u201c, erinnert sie sich. \u201eDa habe ich mich herausgefordert gef\u00fchlt, denn davon hatte ich keine Ahnung und konnte was lernen.\u201c Entgegen kam ihr bei ihrem Entschluss, dass der Produktionsorganismus bereits f\u00fcr die industrielle Nutzung angepasst ist und dass sie mit Professor Wendisch einen echten Experten f\u00fcr das Corynebakterium an ihrer Seite hat.<\/p>\n<p>Noch w\u00e4hrend ihrer Promotion f\u00fchrte sie erste Gespr\u00e4che mit Business Angels und F\u00f6rderern. \u201eAlle haben mich best\u00e4rkt, das Verfahren zu kommerzialisieren.\u201c Also schrieb sie zun\u00e4chst einen F\u00f6rderantrag. \u201eWir m\u00fcssen vom Proof-of-principle zu einem fertig entwickelten Industriestamm\u201c, beschreibt sie die Herausforderung. Aus dem EFRE-Programm der EU hat sie im Januar f\u00fcr 18 Monate Mittel erhalten, um mit zwei Mitarbeitern ihr Vorhaben als Hochschulausgr\u00fcndung \u201eBicomer\u201c voranzutreiben. \u201eF\u00fcr Kunden oder Investoren ist es noch zu fr\u00fch\u201c, wei\u00df die 28-J\u00e4hrige, \u201eobwohl der Markt hei\u00df ist und viele Kunden Proben bei mir anfragen.\u201c<\/p>\n<p>Wachstum des Start-ups im Blick<br \/>\nAuf wissenschaftlicher Seite geht es nun darum, den Stamm weiter zu optimieren und die Prozessparameter anzupassen. Aber f\u00fcr Henke steht auch die wirtschaftliche Seite im Vordergrund. \u201eWir k\u00f6nnen mit unseren 20-Liter-Fermentern selbst Kiloma\u00dfst\u00e4be schwierig realisieren\u201c \u2013 das aber w\u00e4re wichtig, um Kunden zu gewinnen. Die junge Gr\u00fcnderin plant daher, ein gr\u00f6\u00dferes F\u00f6rderprojekt zu akquirieren. \u201eWir brauchen Zertifizierungen von etablierten Qualit\u00e4tstest, F\u00fctterungsstudien und die Zulassung. Das ist zeitlich und finanziell aufwendig.\u201c In ein paar Jahren soll das Produkt ausgereift und zugelassen sein. Dazu m\u00fcsse das Team wachsen, um einen Experten f\u00fcr Marketing und Vertrieb, aber vielleicht auch einen Stammentwickler. \u201eDaf\u00fcr bleibt mir selbst eigentlich zu wenig Zeit.\u201c<\/p>\n<p>Zeit sei sowieso ein knappes Gut, doch Henke achtet auf den Ausgleich: die Freizeit mit ihrem Mann, die Ausritte auf den beiden eigenen Pferden oder auch \u201eKlavier und Gitarre f\u00fcr die stillen Stunden, die man hat\u201c. Ganz lassen sie die beruflichen Themen jedoch nicht los: \u201eIch interessiere mich auf privat f\u00fcr Innovationen und tausche mich gerne mit anderen Start-ups aus.\u201c<\/p>\n<p>Von der Konferenz zum Start-up-Camp zum Pitch<br \/>\nSorge, dass gro\u00dfe Biotechnologiefirmen ihren Ansatz schneller marktreif entwickeln k\u00f6nnten, hat Henke nicht: \u201eWir haben mit unserer Forschungsgruppe 30 Jahre Expertise und ein gutes Netzwerk. Au\u00dferdem m\u00fcssen auch Konzerne ein neues Produkt zulassen \u2013 das dauert.\u201c Stattdessen besch\u00e4ftigt sie sich bereits mit operativen Fragen wie: \u201eWo in Europa produzieren wir?\u201c Denn das ben\u00f6tige langen Vorlauf. Neben diesen Themen besteht ihr Alltag derzeit aus einer Mischung aus Forschung, Gespr\u00e4chen mit potenziellen Kunden und der Finanzierung. \u201eMal geht es zu einer wissenschaftlichen Konferenz, dann zu einem Start-up-Camp, dann wieder zu einem Investoren-Pitch &#8230;\u201c Das sei sehr spannend und biete die M\u00f6glichkeit, immer wieder neue Dinge zu machen und trotzdem das aufgebaute Wissen anzuwenden. Erste Erfolge gibt es schon: K\u00fcrzlich wurde Henke und ihr Team von der Universit\u00e4tsgesellschaft Bielefeld mit dem\u00a0J\u00f6rg Schwarzbich Inventor Award ausgezeichnet. Und 2017 wurde Bicomer als bestes deutsches Team sogar Vizeweltmeister bei der internationalen Global Biobased Business Competition (G-BiB).<\/p>\n<p>Das Uni-Umfeld gefalle ihr zwar gut \u2013 sowohl Forschung als auch Lehre. \u201eAber es gibt wenige Stellen.\u201c \u00dcber Jahre von Postdoc-Stelle zu Postdoc-Stelle hangeln, das wolle sie nicht. \u201eUnd in welchem Einstiegsjob kann man schon regelm\u00e4\u00dfig mit Gesch\u00e4ftsf\u00fchrern reden? Was ich jetzt lerne, h\u00e4tte ich anders niemals in der Zeit gelernt.\u201c Wer als junger Forscher wolle, dass seine Forschung in die Anwendung kommt, m\u00fcsse das selbst in die Hand nehmen und nicht warten, dass das irgendwie passiert.<\/p>\n<p>Geringes Risiko, gro\u00dfe Chance<br \/>\nAuf das Risiko der Selbstst\u00e4ndigkeit angesprochen, verweist Henke darauf, dass die Ausgr\u00fcndung ja noch \u00fcber die Hochschule laufe. \u201eManchen Leuten w\u00e4re das vielleicht zu vage. Aber ich bin mein eigener Chef. Und ich verbaue mir ja nichts. Au\u00dferdem habe ich so Feuer gefangen, dass ich mein Produkt an den Markt bringen m\u00f6chte\u201c, bekr\u00e4ftigt sie fr\u00f6hlich. \u201eUnd dann noch eins &#8230;\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nadja Henke hat einen tollen Job: Sie bringt Farbe ins Leben \u2013 zumindest in Futtermittel und Kosmetika. Denn die junge Systembiologin entwickelt einen nachhaltigen Prozess, in dem Bakterien unter wirtschaftlichen Bedingungen den antioxidativen Farbstoff Astaxanthin herstellen. Forschung f\u00fcr die Anwendung \u201eIch bin unabh\u00e4ngig vom Beruf neugierig auf Biologie und Natur\u201c, erz\u00e4hlt die 28-J\u00e4hrige. 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