{"id":64851,"date":"2019-07-15T07:23:18","date_gmt":"2019-07-15T05:23:18","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=64851"},"modified":"2019-07-10T13:02:10","modified_gmt":"2019-07-10T11:02:10","slug":"nicht-nur-bohnenlaeuse-plagen-zuckerruebenbauern-sind-sauer-auf-die-eu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/nicht-nur-bohnenlaeuse-plagen-zuckerruebenbauern-sind-sauer-auf-die-eu\/","title":{"rendered":"Nicht nur Bohnenl\u00e4use plagen &#8211; Zuckerr\u00fcbenbauern sind sauer auf die EU"},"content":{"rendered":"<p>Die deutsche Zuckerwirtschaft steht mit dem R\u00fccken zur Wand. Industrie und Zuckerr\u00fcbenbauern sehen sich von Plagen umzingelt. Bohnenl\u00e4use nagen an der Ernte, aber auch die EU sorgt f\u00fcr Verdruss und fallende Preise.<\/p>\n<p>Die Zuckerr\u00fcben auf dem Feld von Bauer Fritz Riesch sehen auf den ersten Blick pr\u00e4chtig aus: In sattem Gr\u00fcn zeigt sich der Acker nach dem vielen Regen des Fr\u00fchsommers im baden-w\u00fcrttembergischen Ditzingen. Doch der Schein tr\u00fcgt. Wenn Riesch das Blatt einer Pflanze umdreht, sieht er Beunruhigendes: dunkle P\u00fcnktchen. Es sind zig schwarze Bohnenl\u00e4use, die sich am Pflanzensaft laben. Auf das Konto von Sch\u00e4dlingen wird nach Einsch\u00e4tzung von Julian M\u00fcller vom Landesverband der Zuckerr\u00fcbenanbauer bei der diesj\u00e4hrigen Ernte ein Schwund von zehn Prozent gehen.<\/p>\n<p>Niedrige Pegel, Ernteeinbu\u00dfen, Waldbr\u00e4nde Fehlender Regen wird zunehmend zum Problem<br \/>\nDoch das ist nur eine von vielen Schwierigkeiten der deutschen R\u00fcbenanbauer. F\u00fcr einige davon machen die Landwirte die EU verantwortlich. So hat sie das Pr\u00e4parieren des Saatgutes mit einigen Neonikotinoiden verboten. Diese sogenannten Neoniks sind Insektizide und gelten als sch\u00e4dlich f\u00fcr Bienen. Aber ohne die Vorbehandlung befallen laut Riesch Sch\u00e4dlinge die Felder. Er bef\u00fcrchtet, nun nachtr\u00e4glich auf seinen zw\u00f6lf Hektar R\u00fcben gro\u00dffl\u00e4chig Insektizide einsetzen zu m\u00fcssen, wenn die L\u00e4use \u00fcberhand nehmen. &#8220;Eine Verschlimmbesserung und f\u00fcr mich deutlich mehr Arbeit&#8221;, findet der Landwirt.<\/p>\n<p>Besonders \u00e4rgert ihn, dass mehrere EU-Staaten die Neoniks mit Sondergenehmigungen weiter zulassen. Auch der Branchenverband Wirtschaftliche Vereinigung Zucker sieht das kritisch: Die Landwirte m\u00fcssten teurere, aber weniger wirksame Chemikalien spritzen. Und die Bienen, deren Wohlergehen die EU im Sinn hatte, profitierten von der Vorschrift gar nicht. Der Grund: &#8220;Die R\u00fcben werden schon vor dem Bl\u00fchen geerntet&#8221;, erl\u00e4utert Verbandssprecherin Sandra Golz.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher &#8220;wei\u00dfes Gold&#8221;, heute Billigware beim Discounter<\/p>\n<p>Riesch und die bundesweit 26.500 anderen Zuckerr\u00fcbenanbauer, davon 2300 im S\u00fcdwesten, tragen zur Versorgung Deutschlands mit Zucker bei. J\u00e4hrlich isst jeder Deutsche nach Angaben des Branchenverbands im Schnitt 18 bis 20 Kilo Zucker. W\u00e4hrend Zucker einst als &#8220;wei\u00dfes Gold&#8221; galt, kostet heute ein Kilo im Supermarkt manchmal nicht einmal 60 Cent. In der EU liegt der Zuckerpreis mit 314 Euro pro Tonne auf einem Allzeittief, Mitte 2017 kratzte der Wert noch an der 500-Euro-Marke.<\/p>\n<p>Ursache der Talfahrt ist der Wegfall der EU-Zuckermarkt-Ordnung Ende 2017. Das bis dahin geltende System von nationalen Zuckerquoten und R\u00fcbenmindestpreisen diente der Selbstversorgung der Europ\u00e4er mit Zucker &#8211; und sicherte Riesch und seinen Kollegen ein gutes Auskommen. Bei 25 Prozent der Anbaufl\u00e4che habe die R\u00fcbe 50 Prozent des Umsatzes im Ackerbau eingebracht, erz\u00e4hlt Riesch. Kritiker sahen die Quote hingegen als Einschr\u00e4nkung des Wettbewerbs, manch einer sprach sogar von einem &#8220;planwirtschaftlichen&#8221; System. Riesch h\u00e4lt dagegen die Liberalisierung des Marktes f\u00fcr unfair. Denn einige EU-Staaten &#8211; etwa Rum\u00e4nien &#8211; zahlten R\u00fcbenbauern sogenannte gekoppelte Zahlungen, also Zusch\u00fcsse. &#8220;Wir fordern die Politik auf, die Wettbewerbsnachteile durch gleiche Bedingungen aufzuheben, das gilt f\u00fcr den Umgang mit Neonikotinoiden wie f\u00fcr die Subventionen&#8221;, sagt Verbandssprecherin Golz.<\/p>\n<p>Freihandelszone: S\u00fcdzucker bef\u00fcrchtet Nachteile<\/p>\n<p>Als neuer Konkurrent tritt der s\u00fcdamerikanische Staatenbund Mercosur auf: Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay. Die EU und Mercosur wollen gemeinsam die gr\u00f6\u00dfte Freihandelszone der Welt aufbauen und hatten die Verhandlungen dazu unl\u00e4ngst abgeschlossen. Wegen des gro\u00dfen Produktionsvolumens in der Freihandelszone k\u00f6nnen Kostenvorteile etwa bei Rindfleisch, Gefl\u00fcgel und Zucker letztlich dem Verbraucher zugute kommen. Auch die deutsche Wirtschaft verspricht sich davon eine Menge.<br \/>\nDer weltweit gr\u00f6\u00dfte Produzent S\u00fcdzucker aus Mannheim hingegen bef\u00fcrchtet Nachteile: &#8220;Wir gehen davon aus, dass gr\u00f6\u00dfere Mengen aus dieser Region &#8211; im Volumen einer deutschen Zuckerfabrik &#8211; auf den Markt kommen und die heimische Produktion verdr\u00e4ngen&#8221;, sagt Sprecher Dominik Risser.<\/p>\n<p>Die aus Branchensicht schwierige Gemengelage schl\u00e4gt sich in den B\u00fcchern der Abnehmer wie S\u00fcdzucker nieder, den auch Riesch beliefert. Der Konzern rechnet f\u00fcr 2019\/20 mit einem Umsatz von 6,7 bis 7 Milliarden Euro und mit einem Konzernergebnis von 0 bis 100 Millionen Euro, wobei sie im Segment Zucker 200 bis 300 Millionen Verlust erwarten. Das Unternehmen schlie\u00dft nun f\u00fcnf Fabriken in Polen, Frankreich und Deutschland, um 700.000 Tonnen Produktionskapazit\u00e4ten Zucker aus dem europ\u00e4ischen Markt zu nehmen.<\/p>\n<p>&#8220;Da entstehen H\u00e4rten, aber was will man sonst machen&#8221;, sagt Riesch mit Blick auf betroffene Kollegen. Er selbst ist froh, dass er seine diesj\u00e4hrige Ernte an eine von sieben verbleibenden S\u00fcdzucker-Fabriken in Offenau n\u00f6rdlich von Heilbronn verkaufen kann. Bauer Riesch hat Gl\u00fcck, sein Hauptstandbein ist die Milchviehhaltung. Andere Kollegen seien st\u00e4rker von der R\u00fcbe abh\u00e4ngig. Schon in den letzten drei Jahren haben sich bundesweit 2000 Landwirte von der R\u00fcbe verabschiedet. Riesch, R\u00fcbenbauer in dritter Generation, will seiner Feldfrucht noch m\u00f6glichst lange treu bleiben. &#8220;Ich werde einer der Letzten sein, der aussteigt &#8211; mein Herz geh\u00f6rt der R\u00fcbe.&#8221;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die deutsche Zuckerwirtschaft steht mit dem R\u00fccken zur Wand. Industrie und Zuckerr\u00fcbenbauern sehen sich von Plagen umzingelt. Bohnenl\u00e4use nagen an der Ernte, aber auch die EU sorgt f\u00fcr Verdruss und fallende Preise. 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