{"id":64790,"date":"2019-07-10T07:29:57","date_gmt":"2019-07-10T05:29:57","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=64790"},"modified":"2019-07-08T13:55:27","modified_gmt":"2019-07-08T11:55:27","slug":"waldexpertin-ueber-neue-klimastudie-aufforstung-allein-bringts-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/waldexpertin-ueber-neue-klimastudie-aufforstung-allein-bringts-nicht\/","title":{"rendered":"Waldexpertin \u00fcber neue Klimastudie: \u201eAufforstung allein bringt&#8217;s nicht\u201c"},"content":{"rendered":"<p>taz: Frau Ballenthien, eine am Freitag <a href=\"https:\/\/science.sciencemag.org\/content\/365\/6448\/76\" target=\"_blank\">im Fachmagazin Science ver\u00f6ffentlichte Studie<\/a> kommt zu dem Ergebnis, dass neue W\u00e4lder auf kaum genutzten Fl\u00e4chen zwei Drittel aller CO2-Emissionen ausgleichen k\u00f6nnten. Hei\u00dft das, dass uns Aufforstung vor dem Klimatod retten kann?<\/p>\n<p>Jana Ballenthien: \u00dcberhaupt nicht. Die wissenschaftlichen Ergebnisse d\u00fcrfen nicht die Illusion sch\u00fcren, dass es eine einfache L\u00f6sung f\u00fcr alle Klimaprobleme gibt. Einfach ein paar Setzlinge zu pflanzen und damit raus aus dem Schneider zu sein, wird nicht funktionieren.<\/p>\n<p>Anzeige<\/p>\n<p>Wie meinen Sie das?<\/p>\n<p>Zum Beispiel ist es eigentlich viel wichtiger, dass die massive Rodung alter W\u00e4lder gestoppt wird. Die kann man n\u00e4mlich gar nicht durch Aufforstung ausgleichen. Das gilt nicht nur f\u00fcr den tragischen Extremfall Brasilien, sondern \u00fcberall. In Rum\u00e4nien gab es 2004 noch \u00fcber 280.000 Hektar unber\u00fchrte W\u00e4lder, heute sind es weniger als die H\u00e4lfte. Unter anderem, weil IKEA dort 8 Prozent seines Holzes her bekommt. Nicht einmal Schutzgebiete helfen da: Auch dort ist illegaler Holzeinschlag an der Tagesordnung.<\/p>\n<p>Warum ist dieser alte Wald so wichtig?<\/p>\n<p>Alte W\u00e4lder speichern viel mehr CO2 und Feuchtigkeit, sind artenreicher und resilienter. Neu aufgeforstete W\u00e4lder brauchen \u00fcber hundert Jahre, ehe sie auch nur ann\u00e4hernd so etwas leisten k\u00f6nnen, und im schlimmsten Fall \u00e4hneln sie eher einer Monokultur.<\/p>\n<p>Anzeige<\/p>\n<p>Aber sind die Wissenschaftler*innen der ETH Z\u00fcrich wirklich so naiv? Die wissen doch auch, dass \u00fcberall gerodet wird und B\u00e4ume eine Weile brauchen, um zu wachsen.<\/p>\n<p>Ja, aber sie ziehen sich oft zur\u00fcck auf die reinen Zahlen. Die Forderung nach Aufforstung macht nur Sinn wenn man auch die kapitalistische Produktion und den ungez\u00fcgelten Konsum insgesamt problematisiert. Ganz knapp gesagt: Wir m\u00fcssen unseren Konsum drastisch reduzieren, wir m\u00fcssen mehr Recycling betreiben und wir m\u00fcssen alte W\u00e4lder erhalten und sch\u00fctzen. Man kann nicht erwarten, dass \u201eder Wald\u201c und sein Holz als nachhaltiger Rohstoff einfach alle Probleme l\u00f6st.<\/p>\n<p>im Interview:<br \/>\nJana Ballenthien ist Soziologin, Naturp\u00e4dagogin und Waldreferentin bei der deutschen Umwelt- und Naturschutzorganisation Robin Wood.<br \/>\nK\u00f6nnen Sie das genauer erkl\u00e4ren?<\/p>\n<p>Der Druck auf die W\u00e4lder ist enorm gro\u00df: Er wird f\u00fcr Sojafuttermittelanbau Palm\u00f6l gerodet, f\u00fcr den Bauboom und die Papierproduktion genutzt. Hinzu kommt der Zuwachs bei der Holzpelletverbrennung. Sogar als Kohle\u00e4quivalent wird der Wald vermarktet. Das ist aberwitzig. Die Gesamtmenge des Einschlages in Deutschland k\u00f6nnte \u2013 wenn das Holz nicht f\u00fcr andere Dinge ben\u00f6tigt w\u00fcrde \u2013 noch nicht einmal eine Kohlegrube ersetzen. Aufforstung kann also nur zeitgleich mit anderen Ma\u00dfnahmen und einem (Bewusstseins-)Wandel auf allen Ebenen wirksam sein.<\/p>\n<p>W\u00e4re die Studie also besser nicht erschienen?<\/p>\n<p>Wir begr\u00fc\u00dfen die Studie. Die Ergebnisse sind gut und wichtig, und wir brauchen solche positiven Signale. Aber das sollte nicht missverstanden werden als einfaches Allheilmittel, damit sonst alles so weitergehen kann. Sonst bringt die Studie die M\u00f6glichkeit mit sich, dass sich auf Aufforstung ausgeruht wird.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte man das Aufforsten als einen Baustein gegen den Klimawandel sinnvoll angehen?<\/p>\n<p>Das hat alles mit Geld und politischem Willen zu tun, auf globaler wie auch auf regionaler Ebene. Um aufzuforsten, muss man ja investieren und subventionieren \u2013 sei es nur, um Z\u00e4une zu bauen oder die Kleinbauern zu entsch\u00e4digen, die vermutlich auf den fraglichen Fl\u00e4chen leben. Aber noch mal: Allein bringt das nicht so viel, wie man sich vielleicht w\u00fcnschen w\u00fcrde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>taz: Frau Ballenthien, eine am Freitag im Fachmagazin Science ver\u00f6ffentlichte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass neue W\u00e4lder auf kaum genutzten Fl\u00e4chen zwei Drittel aller CO2-Emissionen ausgleichen k\u00f6nnten. Hei\u00dft das, dass uns Aufforstung vor dem Klimatod retten kann? Jana Ballenthien: \u00dcberhaupt nicht. 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