{"id":64120,"date":"2019-06-19T07:32:52","date_gmt":"2019-06-19T05:32:52","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=64120"},"modified":"2019-06-14T13:09:03","modified_gmt":"2019-06-14T11:09:03","slug":"soziale-ungleichheiten-der-biooekonomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/soziale-ungleichheiten-der-biooekonomie\/","title":{"rendered":"Soziale Ungleichheiten der Bio\u00f6konomie"},"content":{"rendered":"<p>\u201eKeine Aktion ohne Reaktion&#8221; \u2013 so lautet eine Redewendung, die zum Ausdruck bringt, dass jedes Handeln Folgen hat. Auch der Wandel von einer erd\u00f6lbasierten hin zu einer nachhaltigen, biobasierten Wirtschaft zieht vielschichtige Ver\u00e4nderungen nach sich &#8211; und zwar weltweit. Soziologin Maria Backhouse ist \u00fcberzeugt, dass \u201ekeine gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen, auch Technologieentwicklungen, im luftleeren Raum stattfinden&#8221;, sondern \u201evon sozialen Ungleichheitsverh\u00e4ltnissen von der globalen bis zur lokalen Ebene durchdrungen&#8221; sind. \u201eF\u00fcr uns stellt sich deshalb die Frage, inwieweit die existierenden sozialen Ungleichheiten durch die F\u00f6rderpolitik von Bio\u00f6konomie ver\u00e4ndert, rekonfiguriert, verst\u00e4rkt oder aufgehoben werden.\u201c<\/p>\n<p>Im <a href=\"https:\/\/www.bioinequalities.uni-jena.de\/\" target=\"_blank\">Projekt \u201eBioinequalities\u201c <\/a>geht seit zweieinhalb Jahren eine siebenk\u00f6pfige Nachwuchsgruppe an der Friedrich-Schiller-Universit\u00e4t Jena unter Leitung von Backhouse dieser Frage anhand von Bioenergie und der daf\u00fcr notwendigen Biomasse \u2013 insbesondere Zuckerrohr, Soja und Palm\u00f6l \u2013 nach. Das Vorhaben wird \u00fcber f\u00fcnf Jahre mit rund 2,6 Mio. Euro vom Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung (BMBF) im Rahmen der Initiative \u201eBio\u00f6konomie als gesellschaftlicher Wandel\u201c unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Agrarsektor bestimmt vielerorts Ausrichtung der Bio\u00f6konomie<br \/>\nIm Fokus der Analysen stehen keine Zukunftsszenarien, sondern der Ist-Zustand. Fakt ist: Der Bioenergiesektor, insbesondere Biokraftstoffe der ersten Generation, ist eng an die Biomasseproduktion gekoppelt. Und Zuckerrohr, Soja oder Palm\u00f6l wird meist agrarindustriell produziert, wie Backhouse erkl\u00e4rt. Zweieinhalb Jahre nach Projektstart zieht die Forscherin nun eine erste Bilanz: \u201eIm Bereich der Bioenergie und Biomasse l\u00e4uft die Bio\u00f6konomie in den meisten L\u00e4ndern auf die F\u00f6rderung der Agrarindustrie hinaus. Denn der Agrarsektor bestimmt aktuell in vielen L\u00e4ndern, wie die Bio\u00f6konomie auf politischer Ebene, national und international, diskutiert und verhandelt wird. Damit ist eine Reihe von sozio\u00f6kologischen Problemen verbunden.&#8221;<\/p>\n<p>Bioenergie wird in den meisten Bio\u00f6konomie-Strategiepapieren als wichtiger Sektor pr\u00e4sentiert, den es im Fall von Biokraftstoffen schon seit mehreren Jahrzehnten gibt. Mit Brasilien, Malaysia, Argentinien sowie Deutschland, der Europ\u00e4ischen Union und China haben sich Backhouse und ihr Team wichtige internationale Akteure auf dem Bioenergie- und Biomassefeld f\u00fcr ihre Studie ausgew\u00e4hlt. \u201eWir untersuchen auf der lokalen und regionalen Ebene die Arbeitsverh\u00e4ltnisse und Landnutzungsrechte, aber auch die politische Ebene: Wer bestimmt mit, wie die Bio\u00f6konomie im jeweiligen Land oder auf der EU-Ebene ausgerichtet wird? Wer profitiert von staatlichen Anreizen f\u00fcr Bioenergien und wer nicht? &#8220;, erl\u00e4utert die Projektleiterin.<\/p>\n<p>Bio\u00f6konomie-Debatten finden in Expertenkreisen statt<br \/>\nDie Herausforderung der Ungleichheitsforschung besteht darin, dass es unterschiedliche Vorstellungen und Definitionen der Bio\u00f6konomie in den L\u00e4ndern gibt, wie Backhouse betont. \u201eDie Debatten um die Ausrichtung der Bio\u00f6konomiestrategien auf nationaler und supranationaler Ebene finden in allen untersuchten L\u00e4ndern ausschlie\u00dflich in Expertenkreisen statt und sind auf technologische Innovationen fokussiert.\u201c Sie seien in Deutschland, Argentinien, Malaysia oder Brasilien kaum Gegenstand \u00f6ffentlicher Debatten, sagt Backhouse. Die Gespr\u00e4che werden vorranging von Unternehmen und Verb\u00e4nden aus dem Agrarsektor, aber auch von Biotechnologiefirmen sowie den jeweiligen Agrar- und Wissenschaftsministerien bestimmt.<\/p>\n<p>Das ist auch auf der EU-Ebene nicht viel anders, wie Backhouse erl\u00e4utert. Die Aktualisierung der EU Bio\u00f6konomie-Strategie im vergangenen Jahr sei zwar ein \u201ekomplexer Konsultationsprozess mit vielen Debatten gewesen, in denen unterschiedliche Sichtweisen ge\u00e4u\u00dfert werden konnten\u201c. \u201eDoch eine grundlegende Debatte \u00fcber Ziele und Inhalte der Strategie wurde nicht gef\u00fchrt und die Ausrichtung blieb letztlich unver\u00e4ndert.\u201c<\/p>\n<p>Wichtig f\u00fcr die Ungleichheitsforschung ist auch, die Entwicklungen in den L\u00e4ndern sowie auf globaler Ebene im historischen Zusammenhang zu betrachten und \u201enicht alle Ver\u00e4nderungen im Biomasse- und Bioenergiesektor vorschnell auf die Bio\u00f6konomie zur\u00fcckzuf\u00fchren\u201c, wie Backhouse betont. Die Soziologin verweist auf Brasilien, wo seit den 1970er Jahren Bioethanol auf Zuckerrohrbasis produziert wird. \u201eZun\u00e4chst sollte damit die \u00d6lkrise abgeschw\u00e4cht und der Zuckerrohrsektor gef\u00f6rdert werden. Die `gr\u00fcne` Umdeutung von Ethanol als nachhaltiger Biokraftstoff setzte erst in den 2000er Jahren ein.\u201c Heute ist Brasilien der zweitgr\u00f6\u00dfte Ethanolproduzent nach den USA und der gr\u00f6\u00dfte Zuckerrohrproduzent weltweit.<\/p>\n<p>Ambivalente Ver\u00e4nderungen durch technische Innovationen<br \/>\nWelche ambivalenten Ver\u00e4nderungen technische Innovationen ausl\u00f6sen k\u00f6nnen, zeigt eine Studie zu den Arbeitsverh\u00e4ltnissen auf den brasilianischen Zuckerrohrplantagen. Dort wurden durch die Mechanisierung das klimasch\u00e4dliche Abbrennen der Felder und die schlechten Arbeitsbedingungen f\u00fcr die Zuckerrohrschneider abgeschafft. Gleichzeitig entstanden neue Jobs, auch f\u00fcr Frauen. \u201eAndererseits ist keine neue Einkommensperspektive f\u00fcr die indigenen Arbeiter entstanden, die zuvor auf den Feldern arbeiteten. Damit verst\u00e4rken sich die Konflikte, die es in dem Kontext um Landzugang und -nutzung zwischen Indigenen und Gro\u00dfgrundbesitzern bereits gab\u201c, erl\u00e4utert Backhouse.<\/p>\n<p>Malaysia steht als einer der weltgr\u00f6\u00dften Palm\u00f6lproduzenten im Fokus. Wie in allen untersuchten L\u00e4ndern ist auch hier die Bio\u00f6konomie darauf ausgerichtet, mehr Jobs, bessere Einkommen und Perspektiven f\u00fcr die Menschen zu schaffen. Die ersten Ergebnisse der Nachwuchsforschergruppe zeigen jedoch, dass diese \u201eVersprechen\u201c nicht f\u00fcr alle gleicherma\u00dfen gelten: Von den damit verbundenen Innovationen profitieren Backhouse zufolge eher Arbeiter mit malaysischem Pass und nicht die Wanderarbeiter, die haupts\u00e4chlich die Plantagen bewirtschaften. \u201eWas die lokalen Studien in Brasilien, Malaysia und Argentinien aufzeigen, ist eine Kontinuit\u00e4t der sozialen Widerspr\u00fcche, die verbunden sind mit einem bestimmten Agrarindustriemodell, das gest\u00e4rkt wird und die Landfrage bestimmt&#8221;, res\u00fcmiert die Soziologin.<\/p>\n<p>Auf den riesigen Sojaplantagen in Argentinien arbeiten hingegen sehr wenig Menschen, was die bestehende Landflucht weiter verst\u00e4rkt. Die Ausweitung des Sojaanbaus geht Backhouse zufolge mit der agrarindustriellen Bewirtschaftung der Fl\u00e4chen und einem exponentiell steigenden Pestizideinsatz einher, dem besonders arme Menschen in l\u00e4ndlichen Regionen ausgesetzt sind. In der Bio\u00f6konomie-Debatte werde dieses Problem jedoch wenig diskutiert, so Backhouse.<\/p>\n<p>Mehr Biomasse, mehr soziale Konflikte<br \/>\nFakt ist: Diese Themen werden in Zukunft noch wichtiger werden. Backhouse ist \u00fcberzeugt: \u201eJe mehr die Wirtschaft auf Biomasse basiert, desto mehr muss davon produziert werden.\u201c Und das k\u00f6nnte soziale Konflikte versch\u00e4rfen. Die Europ\u00e4ische Union ben\u00f6tigt schon heute mehr Biomasse als sie produzieren kann.<\/p>\n<p>In den kommenden zweieinhalb Jahren wird das Jenaer Team um Maria Backhouse die Ergebnisse zu den einzelnen L\u00e4ndern aus einer transnationalen Ungleichheitsperspektive st\u00e4rker ins Verh\u00e4ltnis zueinander setzen und aufzeigen, wie sich regionale Entscheidungen zur Bio\u00f6konomie auf andere L\u00e4nder auswirken. Ein wichtiger Aspekt, den es dabei zur ber\u00fccksichtigen gilt, ist der Einfluss Chinas. \u201eChina hat zwar keine explizite Bio\u00f6konomie-Strategie, ist aber ein gro\u00dfer Abnehmer aller Ressourcen und ver\u00e4ndert so den polit\u00f6konomischen Kontext, in dem sich die Bio\u00f6konomie bewegt\u201c, erl\u00e4utert Backhouse. Letztendlich hoffen die Forscher auch Ans\u00e4tze zu finden, die Ungleichheitsverh\u00e4ltnisse positiv beeinflussen. \u201eWo zeichnen sich Tendenzen ab, die Arbeitsbedingungen verbessern oder die Wissensproduktion verschieben? Das ist eine spannende Schlussfrage&#8221;, so Backhouse.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eKeine Aktion ohne Reaktion&#8221; \u2013 so lautet eine Redewendung, die zum Ausdruck bringt, dass jedes Handeln Folgen hat. Auch der Wandel von einer erd\u00f6lbasierten hin zu einer nachhaltigen, biobasierten Wirtschaft zieht vielschichtige Ver\u00e4nderungen nach sich &#8211; und zwar weltweit. 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