{"id":63131,"date":"2019-05-14T07:26:03","date_gmt":"2019-05-14T05:26:03","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=63131"},"modified":"2021-09-09T21:29:37","modified_gmt":"2021-09-09T19:29:37","slug":"power-to-gas-die-verschleppte-energierevolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/power-to-gas-die-verschleppte-energierevolution\/","title":{"rendered":"Power-to-Gas: Die verschleppte Energierevolution"},"content":{"rendered":"<p>Head of Hydrogen, Herr des Wasserstoffs: Die Jobbeschreibung von Ren\u00e9 Schoof klingt futuristisch. Seit 2012 betreut der rotblonde Mittvierziger bei dem Energiekonzern Uniper das Gesch\u00e4ftsfeld, das keinen Ertrag bringt &#8211; obwohl es ein unverzichtbarer Baustein der Energiewende werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Energierevolution soll in Pritzwalk stattfinden, in einem kleinen, idyllischen Ort nahe dem M\u00fcritzsee. An einem sonnigen Vormittag l\u00e4uft Schoof an silbrigen Kesseln vorbei, in denen unter Einsatz von \u00d6kostrom Wasserstoff produziert wird. Bis zu 360 Kubikmeter schaffen die Kessel pro Stunde. Teils speisen sie den Wasserstoff direkt ins Gasnetz ein, teils verarbeiten sie ihn zu gr\u00fcnem Methan weiter.<\/p>\n<p>Die sogenannte Power-to-Gas-Anlage war eine der ersten weltweit und ist dazu bis heute eine der gr\u00f6\u00dften ihrer Art. Eigentlich soll sie helfen, die sogenannte all electric world infrage zu stellen: die Vorstellung, dass die Energiewende nur gelingen kann, wenn irgendwann alles mit Strom l\u00e4uft, auch s\u00e4mtliche Heizungen und Autos. Leute wie Schoof wollen Wasserstoff als zweiten zentralen Energietr\u00e4ger im Energiesystem der Zukunft etablieren.<\/p>\n<p>In der Region um Pritzwalk zeigt sich schon jetzt, wie dieses System einst funktionieren k\u00f6nnte. Rund um Unipers Testanlage boomen die erneuerbaren Energien: Wind-, Solar- und Biogasanlagen erzeugen bis zu viermal mehr Strom als B\u00fcrger und Firmen verbrauchen.<\/p>\n<p>In anderen Teilen der Republik m\u00fcssen die Anlagen oft abgeregelt werden, wenn zu viel Strom in den Netzen ist. Rund 1,4 Milliarden Euro an Entsch\u00e4digungen haben die Betreiber von \u00d6kostromanlagen daf\u00fcr im vergangenen Jahr bekommen. Die Power-to-Gas-Anlage im Pritzwalk wirkt solch sinnloser Geldverschwendung entgegen: Sie nutzt einen Teil der \u00fcbersch\u00fcssigen Strommassen, und das auf vielf\u00e4ltige Weise.<\/p>\n<p>Megaspeicher f\u00fcr gr\u00fcne Stromwelt<\/p>\n<p>Das gr\u00fcne Erdgas, das Uniper in Pritzwalk produziert, ist gleich doppelt n\u00fctzlich: Man kann es in Gaskesseln verheizen und so den CO2-Aussto\u00df des W\u00e4rmesektors drosseln. Und man kann es in Zeiten von Stromknappheit in Gaskraftwerken verfeuern. In Zukunft, wenn die Atom- und Kohlekraftwerke weitgehend abgeschaltet sind und erneuerbare Energien den Gro\u00dfteil des Strombedarfs decken, wird gerade Option zwei immer wichtiger.<\/p>\n<p>Im Winter kommt es regelm\u00e4\u00dfig zu sogenannten Dunkelflauten, zu Zeitr\u00e4umen, in denen kaum Solar- und Windenergie erzeugt wird und gleichzeitig der Strombedarf besonders hoch ist. Wenn einst alle Atom- und Kohlekraftwerke abgeschaltet sind, dann m\u00fcssten rund 35 Terawattstunden Energie in Speichern vorgehalten werden, um bei Dunkelflauten den Blackout zu vermeiden.<\/p>\n<p>Energiewende droht zu scheitern Murks in Germany<br \/>\nPower-to-Gas-Anlagen k\u00f6nnen einen wichtigen Beitrag dazu leisten. Und sie haben im Vergleich zu Pump- und Batteriespeichern einen gro\u00dfen Vorteil: Sie sind mit dem rund 500.000 Kilometer langen deutschen Gasnetz verbunden, in dem sich schon jetzt insgesamt rund 350 Terawattstunden Energie speichern lassen &#8211; genug f\u00fcr zehn gro\u00dfe Dunkelflauten.<\/p>\n<p>Die M\u00f6glichkeiten von Power-to-Gas sind damit noch nicht ausgesch\u00f6pft. Uniper-Manager Ren\u00e9 Schoof erw\u00e4gt, auf dem Gel\u00e4nde in Pritzwalk auch noch eine Wasserstofftankstelle hochzuziehen und vorbeifahrende Lkw zu betanken. Andere Testanlagen verkaufen Wasserstoff zudem an die Industrie. Er eignet sich n\u00e4mlich auch bestens, um chemische Grundstoffe herzustellen.<\/p>\n<p>Nachz\u00fcgler Deutschland<\/p>\n<p>Solche L\u00f6sungen, Power-to-X genannt, sind aus Sicht vieler Forscher die Voraussetzung daf\u00fcr, dass die Bundesrepublik ihren CO2-Aussto\u00df um mehr als 80 Prozent senken kann. Im Sinne einer vorausschauenden Klimapolitik sei es wichtig, &#8220;bereits in naher Zukunft die entsprechenden Weichenstellungen vorzunehmen&#8221;, schrieb der Londoner Branchendienst Frontier Economics vergangenen Dezember in einer Studie.<\/p>\n<p>Allein: Solche Ma\u00dfnahmen sind bislang kaum in Sicht.<\/p>\n<p>&#8220;Es gibt kein tragf\u00e4higes Gesch\u00e4ftsmodell f\u00fcr Power-to-Gas&#8221;, sagt Michael Sterner von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg, der die Technologie vor gut zehn Jahren mit entwickelt hat. &#8220;Das ist umso bedauerlicher, weil L\u00e4nder wie D\u00e4nemark, die Niederlande oder Japan ihren Power-to-X-Sektor bereits konsequent ausbauen.&#8221;<\/p>\n<p>Im zust\u00e4ndigen Wirtschaftsministerium hei\u00dft es, die Technologie sei wegen ihres geringen Wirkungsgrads &#8220;wirtschaftlich noch nicht vertretbar&#8221;. Tats\u00e4chlich geht derzeit bei der Produktion von gr\u00fcnem Gas im Schnitt gut die H\u00e4lfte der urspr\u00fcnglich erzeugten Energie verloren. Doch die Effizienz der Anlagen steigt. EU-Forscher etwa haben k\u00fcrzlich schon einen Wirkungsgrad von 75 Prozent erreicht &#8211; und sehen noch deutlich Luft nach oben.<\/p>\n<p>Forscher Sterner findet es fahrl\u00e4ssig, die technologische F\u00fchrerschaft bei Power-to-X aus der Hand zu geben. &#8220;Im Entwickeln innovativer L\u00f6sungen sind wir Deutschen stets Weltmeister&#8221;, sagt er. &#8220;Aber dann \u00fcberlassen wir es allzu oft anderen Nationen, Technologien reif f\u00fcr den Massenmarkt zu machen und damit Milliarden zu verdienen.&#8221; Das sei bei der Solarenergie so gewesen, es drohe sich bei den Batteriespeichern zu wiederholen &#8211; und nun auch beim Power-to-X.<\/p>\n<p>Auch die Anlage in Pritzwalk hat derzeit keine rosige Zukunft. Momentan w\u00fcrde es ihm schon reichen, sagt Energiemanager Schoof, wenn das Projekt &#8220;nicht irgendwann ungenutzt in der Landschaft steht&#8221;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Head of Hydrogen, Herr des Wasserstoffs: Die Jobbeschreibung von Ren\u00e9 Schoof klingt futuristisch. Seit 2012 betreut der rotblonde Mittvierziger bei dem Energiekonzern Uniper das Gesch\u00e4ftsfeld, das keinen Ertrag bringt &#8211; obwohl es ein unverzichtbarer Baustein der Energiewende werden k\u00f6nnte. Die Energierevolution soll in Pritzwalk stattfinden, in einem kleinen, idyllischen Ort nahe dem M\u00fcritzsee. 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