{"id":6301,"date":"2003-06-27T00:00:00","date_gmt":"2003-06-26T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bio-based.eu\/news\/index.php?startid=20030627-02n"},"modified":"2003-06-27T00:00:00","modified_gmt":"2003-06-26T22:00:00","slug":"hanfblatt-interview-mit-michael-karus-hanf-eine-nutzpflanze-unter-vielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/hanfblatt-interview-mit-michael-karus-hanf-eine-nutzpflanze-unter-vielen\/","title":{"rendered":"hanfblatt-Interview mit Michael Karus: Hanf &#8211; Eine Nutzpflanze unter vielen?"},"content":{"rendered":"<p>Michael Karus gilt als der f\u00fchrende deutsche Experte f\u00fcr den Anbau von Hanf. Er ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des <a href=\"http:\/\/www.nova-institut.de\/\" >nova-Instituts<\/a>, das sich durch die Erforschung der \u00f6kologischen Nutzbarmachung der Hanfpflanze einen Namen gemacht hat.<\/p>\n<p>Seit dem Erscheinen der deutschen Ausgabe des Bestsellers von Jack Herer &#8220;Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf &#8211; Cannabis &#8211; Marihuana&#8221; im Jahre 1993 und dem im Zusammenhang mit diesem Buch stark angestiegenen Interesse an Produkten auf Hanfbasis sind nun 10 Jahre vergangen &#8211; Zeit, einmal Bilanz zu ziehen und einige Entwicklungen Revue passieren zu lassen.<\/p>\n<p><b>hanfblatt:<\/b> Wie steht es mittlerweile um den Hanfbau in Deutschland? Wie hat er sich in dem zur\u00fcckliegenden Jahrzehnt entwickelt?<\/p>\n<p><b>Karus:<\/b> Nachdem der Hanfanbau im Jahr 1996 erstmalig seit \u00fcber 15 Jahren Anbauverbot wieder m\u00f6glich war, ist die Hanfanbaufl\u00e4che zun\u00e4chst stetig gewachsen (bis auf knapp 4.000 ha in 1999) und dann aber wieder auf ca. 2.000 ha gefallen (2002). F\u00fcr dieses Jahr erwartet man wieder einen leichten Anstieg. Grund f\u00fcr diese Entwicklung waren zu Beginn \u00fcberzogene Erwartungen an den Markt, die Absenkung der EU-Beihilfen und damit einhergehend \u00f6konomische Probleme, die bereits zum Aus f\u00fcr einige Aufschlussanlagen wurden.<\/p>\n<p><b>hanfblatt:<\/b> Hat der Hanfanbau in Deutschland eine Chance, sich gegen ausl\u00e4ndische Konkurrenz zu behaupten?<\/p>\n<p><b>Karus:<\/b> Ja! Der Bedarf an Hanffasern kann in Deutschland weitgehend durch die deutsche Produktion gedeckt werden. Die EU d\u00fcrfte inzwischen sogar eher Hanffasern exportieren als importieren.<\/p>\n<p><b>hanfblatt:<\/b> Welche Bedingungen m\u00fcssen geschaffen werden, damit Hanf sich gegen konkurrierende Rohstoffe durchsetzen kann?<\/p>\n<p><b>Karus:<\/b> Wenn Hanffasern zu Weltmarktpreisen produziert werden k\u00f6nnen, so gibt es kein Problem mit dem Absatz. Die Nachfrage nach Naturfasern, insbesondere in der Automobilindustrie, w\u00e4chst stetig. Wenn Preis und Qualit\u00e4t stimmen, k\u00f6nnen die Fasern abgesetzt werden. Allerdings ist es nicht leicht, bei sinkenden EU-Beihilfen den Preis auf Weltmarktniveau zu halten. Dies wird nur durch verbesserte Aufschlusstechnik, h\u00f6here Durchs\u00e4tze und geschickte Vermarktung der Nebenprodukte (Sch\u00e4ben und Samen) m\u00f6glich sein.<\/p>\n<p><b>hanfblatt:<\/b> Hat der Hanf den in ihn gesetzten Erwartungen entsprechen k\u00f6nnen, oder ist er doch nur eine Nutzpflanze von vielen?<\/p>\n<p><b>Karus:<\/b> Hanf war immer nur eine Nutzpflanze unter vielen. Alles andere war und ist Ideologie und irrationales Wunschdenken &#8211; und keine Basis f\u00fcr reale Gesch\u00e4fte. Aus Hanf kann man tausende Produkte machen. Aber auch aus Soja (und vielen anderen Pflanzen) kann man tausende Produkte machen. Aber: Im Gegensatz zu Hanf macht man aus Soja bereits tausende Produkte &#8230;<\/p>\n<p>Das einzig wirklich Besondere an Hanf ist, dass bestimmte Sorten den Bewusstseins ver\u00e4ndernden Stoff THC in relevanten Mengen enthalten. Dies hilft aber nichts, um die Fasern, Sch\u00e4ben oder Samen in den Markt zu bringen. Im Gegenteil, manchmal ist es sogar eher hinderlich.<\/p>\n<p><b>hanfblatt:<\/b> Kann man sagen, dass der ersten Euphorie eine gewisse Ern\u00fcchterung gefolgt ist?<\/p>\n<p><b>Karus:<\/b> Wer heute noch im Nutzhanfbereich t\u00e4tig ist, ist dies nicht mehr aus ideologischen Gr\u00fcnden oder Wunschtr\u00e4umen, sondern unter den realen Rahmenbedingungen des Marktes. Die anf\u00e4ngliche Euphorie hat zum Teil das Marketing von Endkonsumenten-Produkten erleichtert. Diese Produkte bestanden aber oft nur zu marginalen Anteilen aus Hanf (echte Hanfanteile in vielen Shampoos, Bieren oder Limonaden unter 1%) bzw. kamen ihre Rohstoffe vor allem aus China und Rum\u00e4nien.<\/p>\n<p><b>hanfblatt:<\/b> Wie steht es mit der verarbeitenden Industrie? In welchen Bereichen rechnet sich die Hanfverarbeitung?<\/p>\n<p><b>Karus:<\/b> Die wichtigsten M\u00e4rkte f\u00fcr Hanffasern sind die Automobilindustrie (Formpressteile wie T\u00fcrinnenverkleidungen) und die D\u00e4mmstoffindustrie. Weiteren Einsatz finden die Fasern in Anzuchtvliesen f\u00fcr Kresse (in jedem Supermarkt!). Die Sch\u00e4ben werden prim\u00e4r als Tiereinstreu (Pferde und Kleintiere) eingesetzt und die Samen gehen vor allem als Tierfutter \u00fcber die Theke. Hier gewinnt allerdings der Lebensmittelbereich (Samen, \u00d6l) an Bedeutung.<\/p>\n<p><b>hanfblatt:<\/b>: Kann man einem Bauern noch mit gutem Gewissen den Hanfanbau empfehlen? Auf was sollte er achten? Welche Voraussetzungen m\u00fcssen stimmen?<\/p>\n<p><b>Karus:<\/b> Wieviel Hanf dem Bauern pro Hektar bringt, kann heute leicht berechnet werden. Der Anbau lohnt sich, wenn im Umkreis von 50 km ein Faseraufschlussbetrieb existiert, der hinreichend viel f\u00fcr das Hanfstroh zahlt. Wo dies genau anzusiedeln ist, h\u00e4ngt vor allem von den regionalen Konkurrenzkulturen ab.<\/p>\n<p><b>hanfblatt:<\/b>: Die HanfHaus-Kette musste ja bekanntlich Konkurs anmelden. Hat sich wenigstens insgesamt ein stabiler Absatzmarkt entwickeln k\u00f6nnen und was muss noch geschehen, damit sich das Potenzial von Hanf als Rohstoff besser entfalten kann?<\/p>\n<p><b>Karus:<\/b> Dies habe ich oben schon beantwortet. Und noch einmal: Die HanfHaus-Kette hat au\u00dfer ein paar Samen und \u00d6len praktisch nichts verkauft, was von deutschen \u00c4ckern stammte, sondern vor allem Produkte (insb. Textilein) aus China und Rum\u00e4nien.<\/p>\n<p><b>hanfblatt:<\/b> Herer und sein \u00dcbersetzer Br\u00f6ckers sind ja mit der provokanten These angetreten, dass Hanf als nachwachsender Rohstoff die Welt retten k\u00f6nne, zumindest vor den Folgen des Raubbaus an unersetzlichen Urw\u00e4ldern, der Verschwendung fossiler Rohstoffe und Energietr\u00e4ger und un\u00f6kologischer Landwirtschaft wie dem monokulturellen Anbau von Baumwolle. Kann man diese Behauptung so immer noch stehen lassen oder muss man sie revidieren?<\/p>\n<p><b>Karus:<\/b> Das ist nat\u00fcrlich vollkommener Unsinn. Jack hat ja sogar einen Preis f\u00fcr denjenigen ausgesetzt, der das Gegenteil beweisen k\u00f6nne. F\u00fcr uns w\u00e4re dies ein Leichtes. Ich habe diesbez\u00fcglich auch mit Jack Kontakt aufgenommen. Wir haben uns aber nicht dar\u00fcber einigen k\u00f6nnen, was er als Beweis akzeptieren w\u00fcrde &#8230;.<\/p>\n<p><b>hanfblatt:<\/b>: Wie sieht die Zukunft f\u00fcr den Hanf aus?<\/p>\n<p><b>Karus:<\/b> Gut! Hanffasern werden sich als industrielle Fasern weiter etablieren, Sch\u00e4ben werden (und sind) eine feste Gr\u00f6\u00dfe f\u00fcr hochwertiges Tiereinstreu, und Hanfsamen werden sich mehr und mehr als gesundes Lebensmittel etablieren. Und auch im pharmazeutischen Bereich ist der Wall gebrochen, mehrere Unternehmen werden in den n\u00e4chsten Jahren neue Pr\u00e4parate auf den Markt bringen.<\/p>\n<p><b>hanfblatt:<\/b> Woher kommt Ihr besonderes Interesse am Hanf?<\/p>\n<p><b>Karus:<\/b> Das Interesse ist garnicht mehr so besonders. Wir besch\u00e4ftigen uns inzwischen auch mit vielen anderen nachwachsenden Rohstoffen. Es gab halt damals in den Jahren 1993 bis 1997 die historisch g\u00fcnstige Situation, dass sehr viel Interesse an den Nutzungsm\u00f6glichkeiten von Hanf bestand und gleichzeitig kaum belastbares Wissen existierte. Diese Chance haben wir genutzt, um das nova-Institut als Experten-Institut f\u00fcr Hanf zu entwickeln. <\/p>\n<p>Heute ist bei uns ein so gro\u00dfes und breites Wissen \u00fcber Hanf (und andere Faserpflanzen) verf\u00fcgbar, ebenso wie zahlreiche nationale und internationale Kontakte, dass die Hanfforschung &#8211; insbesondere die Marktforschung und \u00f6konomische Analysen &#8211; immer noch eine wichtige Einnahmequelle darstellt.<\/p>\n<p><b>hanfblatt:<\/b> (scherzhaft) Ist es einsam auf dem Olymp? ;-)<\/p>\n<p><b>Karus:<\/b> Im Gegenteil: Ich habe \u00fcber den Hanf unz\u00e4hlige interessante Menschen in der ganzen Welt kennen gelernt, von denen viele meine Freunde geworden sind.<\/p>\n<p>\u00a9 Achim Zubke 2003<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Michael Karus gilt als der f&uuml;hrende deutsche Experte f&uuml;r den Anbau von Hanf. 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