{"id":62831,"date":"2019-05-06T07:32:22","date_gmt":"2019-05-06T05:32:22","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=62831"},"modified":"2019-04-30T13:51:18","modified_gmt":"2019-04-30T11:51:18","slug":"der-selbstbetrug-mit-dem-bioplastik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/der-selbstbetrug-mit-dem-bioplastik\/","title":{"rendered":"Der Selbstbetrug mit dem Bioplastik"},"content":{"rendered":"<p>Man steht also an der Supermarktkasse, hat den Einkaufsbeutel vergessen &#8211; und kauft eine Plastikt\u00fcte. Immerhin, biologisch abbaubar ist sie ja. Dann ist ja alles in Ordnung, k\u00f6nnte man denken. Ist es aber nicht. Denn auch T\u00fcten aus biologisch abbaubarem Kunststoff k\u00f6nnen l\u00e4nger die Natur belasten als viele Menschen annehmen. Das belegt eine neue Studie der Wissenschaftler Imogen Napper und Richard Thompson von der britischen University of Plymouth noch einmal eindr\u00fccklich.<\/p>\n<p>Im Fachmagazin &#8220;<a href=\"https:\/\/pubs.acs.org\/doi\/10.1021\/acs.est.8b06984\" target=\"_blank\">Environmental Science &amp; Technology<\/a>&#8221; berichten die beiden von ihren Experimenten, bei denen sie Plastikbeutel verschiedenen Umwelteinfl\u00fcssen aussetzten. Dabei zeigte sich, dass die T\u00fcten selbst nach drei Jahren im Boden oder im Meerwasser noch so stabil sein k\u00f6nnen, dass sie auch mit mehr als zwei Kilogramm Inhalt nicht rei\u00dfen. Am st\u00e4rksten zerfiel biologisch abbaubarer Kunststoff &#8211; wie auch gew\u00f6hnlicher Kunststoff -, wenn er Luft und Sonne ausgesetzt war.<\/p>\n<p>Kompostierbar bedeutet in diesem Fall, dass Mikroorganismen oder Pilze den Kunststoff weitgehend zu Wasser, Kohlendioxid und Biomasse abbauen k\u00f6nnen &#8211; und zwar in einem von Menschen kontrollierten Prozess und in einem vorher definierten Zeitrahmen. Bei biologisch abbaubaren Kunststoffen l\u00e4uft der Abbau vergleichbar ab, k\u00f6nnte aber auch in der freien Natur von alleine stattfinden &#8211; und deutlich l\u00e4nger dauern.<\/p>\n<p>Oxo-abbaubar wiederum bedeutet, dass der Kunstsoff Metallionen enth\u00e4lt, die durch UV-Licht beziehungsweise W\u00e4rme und Sauerstoff oxidiert werden. Dabei zerf\u00e4llt die Kunststoffstruktur in kleine Teile. Weil dabei aber Mikroplastik entsteht, das kaum mehr weiter abgebaut wird, gibt es Bestrebungen in der EU, solche Kunststoffe zu verbieten.<\/p>\n<p>Napper und Thompson wollten herausfinden, was tats\u00e4chlich mit den Materialien in verschiedenen Umgebungen geschieht. Sie besorgten sich im lokalen Einzelhandel T\u00fcten verschiedener Kunststoffsorten, darunter Polyethylen (PE), aus dem die meisten Plastikt\u00fcten bestehen.<\/p>\n<p>Den Gro\u00dfteil der T\u00fcten schnitten sie in 15 mal 25 Millimeter gro\u00dfe St\u00fccke und legten sie in Netze mit einer Maschengr\u00f6\u00dfe von einem Millimeter. Dann h\u00e4ngten die Wissenschaftler die Netze im Freien auf, vergruben sie im Boden oder versenkten sie, mit einem Gewicht beschwert, in Meerwasser. Nach 9, 18 und 27 Monaten nahmen sie jeweils Proben und untersuchten sie. Au\u00dferdem wurden zus\u00e4tzlich ganze Plastikt\u00fcten den entsprechenden Umgebungen ausgesetzt.<\/p>\n<p>Alle Kunststoffstreifen einschlie\u00dflich des Polyethylens waren nach sp\u00e4testens 18 Monaten im Freien komplett zerfallen. &#8220;Die schnellere Fragmentierungsrate an der Luft d\u00fcrfte auf h\u00f6here Anteile an ultravioletter Strahlung (UV) und Sauerstoff in Kombination mit h\u00f6heren Temperaturen als in anderen Umgebungen zur\u00fcckzuf\u00fchren sein&#8221;, schreiben die Forscher.<\/p>\n<p>Nach 18 Monaten hatte sich der kompostierbare Kunststoff zudem im Meer aufgel\u00f6st, w\u00e4hrend er im Boden auch nach 27 Monaten noch vorhanden war. Allerdings war seine Belastbarkeit durch Zugspannung zu mehr als 70 Prozent verringert. Die T\u00fcte aus kompostierbarem Kunststoff war die einzige, die nach drei Jahren keinen Inhalt mehr tragen konnte. T\u00fcten aus oxo-abbaubarem, biologisch abbaubarem und gew\u00f6hnlichem Plastik, die drei Jahre lang im Meer und in der Erde gewesen waren, hielten hingegen 2,25 Kilogramm Gewicht.<\/p>\n<p>&#8220;Diese Untersuchung wirft eine Reihe von Fragen auf, was die \u00d6ffentlichkeit erwarten kann, wenn etwas als biologisch abbaubar bezeichnet wird&#8221;, erkl\u00e4rt Thompson. Der Forscher fordert au\u00dferdem Normen f\u00fcr abbaubare Materialien.<\/p>\n<p>Umweltsch\u00fctzer raten von Bioplastikt\u00fcten jeglicher Zusammensetzung ab, da bisher kein \u00f6kologischer Vorteil gegen\u00fcber der klassischen Plastikt\u00fcte nachzuweisen sei.<\/p>\n<p>Mehrwegtaschen sind allerdings auch nur unter bestimmten Bedingungen eine wirkliche Alternative zum Plastikbeutel. Ein Stoffbeutel etwa sei aus Umweltgesichtspunkten nur dann besser als eine Plastikt\u00fcte, wenn er oft genutzt werde. Eine Tasche aus konventioneller Baumwolle m\u00fcsse mehr als einhundertmal so oft wie eine erd\u00f6lbasierte Kunststofft\u00fcte genutzt werden, um die schlechtere Klimabilanz auszugleichen, hei\u00dft es etwa beim Naturschutzbund (Nabu). Das liegt an dem Material-, Energie- und Chemikalienaufwand f\u00fcr ihre Herstellung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man steht also an der Supermarktkasse, hat den Einkaufsbeutel vergessen &#8211; und kauft eine Plastikt\u00fcte. Immerhin, biologisch abbaubar ist sie ja. Dann ist ja alles in Ordnung, k\u00f6nnte man denken. Ist es aber nicht. Denn auch T\u00fcten aus biologisch abbaubarem Kunststoff k\u00f6nnen l\u00e4nger die Natur belasten als viele Menschen annehmen. 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