{"id":62738,"date":"2019-05-02T07:35:59","date_gmt":"2019-05-02T05:35:59","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=62738"},"modified":"2019-04-26T15:00:18","modified_gmt":"2019-04-26T13:00:18","slug":"sixties-modetrend-papierkleidung-traumkleider-zum-wegschmeissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/sixties-modetrend-papierkleidung-traumkleider-zum-wegschmeissen\/","title":{"rendered":"Sixties-Modetrend Papierkleidung: Traumkleider zum Wegschmei\u00dfen"},"content":{"rendered":"<p>Apart winkelt das Model sein Bein an, die Schuhspitze ber\u00fchrt nur leicht den Boden, bunte Armreife baumeln am gertenschlanken Arm. Doch der Blickfang der Anzeige vom April 1966 sind nicht das Mannequin, ihre High Heels oder das Rot ihres Lippenstifts. Es ist das knallbunt gemusterte Sommerkleid, das sie in das Bl\u00fctenmeer einer duftenden Blumenwiese einzuh\u00fcllen scheint.<\/p>\n<p>&#8220;Es ist so wundersch\u00f6n! Und es muss dir geh\u00f6ren!&#8221;, schw\u00e4rmt der Text. Und r\u00e4t: &#8220;Trag es zu Hause. Trag es bei Partys. Trag es ohne Sorge, denn wenn du es satt hast &#8211; trenn dich einfach davon.&#8221; Dass der Trennungsschmerz allzu sehr stach, verhinderte der Preis: 1,25 Dollar.<\/p>\n<p>Hersteller des spottbilligen Kleids war die US-amerikanische Scott Paper Company. Als Modesch\u00f6pfer war die Firma bis dahin nicht bekannt &#8211; sondern als Erfinder der Klopapierrolle. Und auch das Sommerkleid war aus Papier statt aus Stoff, das Material nach Herstellerangaben &#8220;gottseidank feuerfest&#8221;. Viel best\u00e4ndiger als Klopapier war es trotzdem nicht.<\/p>\n<p>Im Grunde wollte der weltgr\u00f6\u00dfte Toilettenpapierhersteller die Kleider nur als Werbegag verschicken, stie\u00df damit aber eine sonderbare Modewelle der Einwegkleidung an, die in den USA f\u00fcr zwei Jahre anhielt &#8211; und sogar eine Rolle im Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf spielte.<\/p>\n<p>Der Erfolg von Kleidern wie Scotts &#8220;Paper Caper&#8221; (&#8220;Papier-Kapriole&#8221;), das zun\u00e4chst mit rotem Paisleymuster oder im Op-Art-Design mit schwarz-wei\u00dfen geometrischen Formen bedruckt wurde, kam verbl\u00fcffend. Papierkleider? Das konnte keiner wollen. Oder doch? Als Kaufanreiz legte das Unternehmen jeder Lieferung Gutscheine bei.<\/p>\n<p>Ein Kleid wie eine Schokoriegelpackung<\/p>\n<p>In sechs Monaten verkaufte Scott mehr als eine halbe Million Exemplare. Die Idee hatte den Zeitgeist einer Konsumgesellschaft getroffen, die l\u00e4ngst aus Plastikbechern trank und mit Einwegbesteck von Papptellern a\u00df. Wegwerfkleidung &#8211; warum nicht?! Das Papierkleid war billig, bunt, schon morgen konnte man es flott gegen das n\u00e4chste Design tauschen.<\/p>\n<p>Bald \u00fcberboten sich Designer mit bunten Mustern, abstrakten grafischen Elementen und sogar mit Postermotiven. Der Gru\u00dfkartenhersteller Hallmark verkaufte ganze Party-Sets: Geschenkpapier, Pappteller und Becher, Servietten, Obstschalen und dazu Gratulationskarten sowie ein Papierkleid f\u00fcr die Gastgeberin &#8211; alles mit dem gleichen bunten Blumenmuster. Corporate Identity f\u00fcr den Partykeller.<\/p>\n<p>Sixties-Trend zur Wegwerfmode: Ihre Papiere bitte!<\/p>\n<p>Gern nutzten Firmen die Papierklamotten auch als g\u00fcnstige Werbefl\u00e4che und druckten gro\u00dfformatig ihr Logo drauf. Und so trugen pl\u00f6tzlich junge Frauen Kleidungsst\u00fccke der US-Schokoriegelmarken Butterfinger und Baby Ruth. US-Suppenfabrikant Campbell verkaufte in einem genialen Schachzug den &#8220;Souper Dress&#8221;, vollst\u00e4ndig bedruckt mit den durch Andy Warhol ber\u00fchmt gewordenen Suppenetiketten. Die geneigte K\u00e4uferin musste nur einen Dollar einschicken &#8211; und dazu zwei abgepulte Suppenetiketten.<\/p>\n<p>Die Verwendung von Papier statt Stoff war nicht so abwegig, wie es scheinen mag: Bei der Herstellung gibt es \u00c4hnlichkeiten. Papier entsteht aus Pflanzenfasern, die mit chemischer Hilfe verbunden werden. Textilien sind oft auch aus Pflanzenfasern, allerdings verwoben. Daher ist Stoff stabiler und flexibler, Papier eigentlich zu unbequem und empfindlich f\u00fcr Kleidungsst\u00fccke.<\/p>\n<p>Den Boom der Sechzigerjahre erm\u00f6glichte das neue Mischgewebe Kaycel: kein gew\u00f6hnliches Papier, sondern zu 93 Prozent Cellulose und sieben Prozent Nylon. Es war geschmeidig, feuchtigkeitsabweisend, feuerfest &#8211; jedenfalls solange man es nicht wusch. Die Nachfrage war riesig, auch Konkurrenzprodukte wie &#8220;Webril&#8221; und &#8220;Ree-may&#8221; eroberten den Markt.<\/p>\n<p>Feuerwehr im Papiergewand<\/p>\n<p>Aus Papier Gew\u00e4nder zu gestalten, war keine neue Idee: Schon im 10. Jahrhundert fertigte man in Japan &#8220;Kamiko&#8221;, Kleidung aus vorgeknittertem, impr\u00e4gniertem Papier. Der Legende nach stammt die Idee von einem buddhistischen M\u00f6nch, der sich ein Hemd aus Buddhas Schriften gemacht haben soll, um G\u00e4ste sauber gekleidet empfangen zu k\u00f6nnen. Besonders unter Bauern waren die billigen Kleidungsst\u00fccke beliebt, das Papier stellten sie selbst her. Selbst Feuerwehrleute wurden in Kamiko mit Sonderbeschichtung gekleidet.<\/p>\n<p>In der westlichen Welt begann man erst in der Not des Ersten Weltkriegs, Papier zu d\u00fcnnen Streifen zu zerschneiden, auf Spindeln zu drehen und zu Kleidung weiterzuverarbeiten. In Deutschland wurden so etwa Uniformen f\u00fcr Piloten und U-Boot-Besatzungen geschneidert.<\/p>\n<p>Da der Rohstoffmangel nach dem Krieg anhielt, breitete sich die Idee in Europa aus &#8211; sehr zum Argwohn der amerikanischen Textilindustrie: So argw\u00f6hnte das US-Branchenmagazin &#8220;Textile World&#8221;, die Deutschen und \u00d6sterreicher wollten offenbar &#8220;mit ihrem Papierersatz f\u00fcr echte Kleidung den Weltmarkt erobern&#8221;. Einzelne US-Hersteller experimentierten in den Zwanzigerjahren mit Papieranz\u00fcgen f\u00fcr unter einem Dollar, sogar mit Badeanz\u00fcgen aus Papier. Ohne nennenswerten Erfolg.<\/p>\n<p>Das \u00e4nderte sich in den Sechzigerjahren mit dem &#8220;big paper craze&#8221; &#8211; so die Schlagzeile einer Titelstory des US-Frauenmagazins &#8220;Mademoiselle&#8221; im Juni 1967. Mittlerweile war die Wegwerfmode vom Werbegag zum Must-have aufgestiegen. Amerikaner kauften Hemden, Sch\u00fcrzen, Regenm\u00e4ntel, Overalls und Kaftane aus Papier. Ebenso kauften sie Sandalen, BHs oder spezialbeschichtete Papier-Bikinis (laut Hersteller geeignet f\u00fcr &#8220;zwei bis drei Badeg\u00e4nge&#8221;). Und auch Abendkleider, Umstandsmoden oder, als Spitze der Produktpalette, Papier-Brautkleider f\u00fcr 15 Dollar. Wer Papierkleider lieber selbst anmalen wollte &#8211; kein Problem, das kostete zwei Dollar, Farbe inklusive.<\/p>\n<p>Stolze 80.000 Papierkleidungsst\u00fccke fabrizierte Marktf\u00fchrer Mars Manufacturing pro Woche. Neben gro\u00dfen US-Textilketten verkauften auch Luxuskaufh\u00e4user wie das New Yorker &#8220;Bonwit Teller&#8221; oder &#8220;Lord &amp; Taylor&#8221; die verg\u00e4ngliche Mode. Als neue Einnahmequelle waren paper resorts geplant: In diese Hotels musste man keine Koffer voll Kleidung mitbringen, weil es vor Ort Papierkleidung f\u00fcr den Urlaub zu kaufen gab.<\/p>\n<p>Ein Papierkleid f\u00fcr den Pr\u00e4sidenten<\/p>\n<p>H\u00f6hepunkt des Hypes wurde der Wahlkampf um die US-Pr\u00e4sidentschaft 1968: Der Demokrat Hubert Humphrey trat gegen den Republikaner Richard Nixon an, der an seine Unterst\u00fctzerinnen kurze Papierkleider verteilen lie\u00df, \u00fcber und \u00fcber bedruckt mit seinem Namen, in den Farben der US-Flagge. Und so reihten sich bei Nixon-Auftritten Frauen in diesen knappen Kleidchen auf, zur Freude der Fotografen. Auch Humphreys Gesicht wurde auf \u00e4hnliche Papierkleider gedruckt, inmitten einer US-Flagge. Letztlich gewann Nixon den modischen Wettstreit &#8211; zumindest den Wahlergebnissen nach.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Apart winkelt das Model sein Bein an, die Schuhspitze ber\u00fchrt nur leicht den Boden, bunte Armreife baumeln am gertenschlanken Arm. Doch der Blickfang der Anzeige vom April 1966 sind nicht das Mannequin, ihre High Heels oder das Rot ihres Lippenstifts. Es ist das knallbunt gemusterte Sommerkleid, das sie in das Bl\u00fctenmeer einer duftenden Blumenwiese einzuh\u00fcllen [&#8230;]<\/p>\n","protected":false},"author":59,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"","nova_meta_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[5572],"tags":[13490],"supplier":[15710],"class_list":["post-62738","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bio-based","tag-bekleidung","supplier-scott-paper-company"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62738","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/59"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=62738"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/62738\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=62738"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=62738"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=62738"},{"taxonomy":"supplier","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/supplier?post=62738"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}