{"id":6087,"date":"2003-03-19T00:00:00","date_gmt":"2003-03-18T22:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.bio-based.eu\/news\/index.php?startid=20030319-03n"},"modified":"2003-03-19T00:00:00","modified_gmt":"2003-03-18T22:00:00","slug":"nova-interview-mit-heinrich-kranz-zum-deutschen-fasernesselgeschehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/nova-interview-mit-heinrich-kranz-zum-deutschen-fasernesselgeschehen\/","title":{"rendered":"nova-Interview mit Heinrich Kranz zum deutschen Fasernesselgeschehen"},"content":{"rendered":"<p>Im Rahmen einer Nachrichten-Recherche zu aktuellen Entwicklungen im heimischen Fasernesselanbau erhielt <a href=\"http:\/\/www.nova-institut.de\/\" >nova<\/a> Gelegenheit, dem bislang deutschlandweit f\u00fchrenden Nessel-Anbauer und -Verwerter Heinrich Kranz, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der <a href=\"http:\/\/www.stoffkontor-ag.de\/\" >Stoffkontor Kranz AG<\/a>, einige Fragen hinsichtlich seiner Ambitionen zu stellen, die dieser uns mit interessanten Fakten beantwortete.<\/p>\n<p><b>nova:<\/b> Welche Trends\/Entwicklungen erwarten Sie hinsichtlich des nachwachsenden Rohstoffs Fasernessel im laufenden Jahr? <\/p>\n<p><b> H. Kranz:<\/b> Es gibt zwei Bereiche, in denen wir in diesem Jahr weitere Entwicklungen vornehmen. Einmal betrifft es die Garnherstellung. Im letzten Jahr haben wir das OE-Spinnverfahren erfolgreich getestet und anschlie\u00dfend f\u00fcr die erste Produktion genutzt. Das ergibt bauschige Garne bis zu Nm 20. In diesem Jahr arbeiten wir mit dem Baumwoll-Ringspinnverfahren. Hierbei werden deutlich feinere Garne versponnen, zun\u00e4chst bis zu Nm 40. Der zweite Bereich ist die Gewebeherstellung in unserer hauseigenen Weberei. Nach der Leinwandbindung im Vorjahr liegen die Schwerpunkte nun in Satinbindung und K\u00f6perbindungen. Dabei werden sowohl einfache Schaftgewebe wie auch aufw\u00e4ndige Jacquards produziert. Ziel ist es, die einzigartige Vielfalt an unterschiedlichen Optiken und Haptiken der Fasernesselgewebe herauszuarbeiten.<\/p>\n<p><b>nova:<\/b> Welche Gr\u00f6\u00dfenordnungen werden Ihre Anbaufl\u00e4chen f\u00fcr Fasernesseln in 2003 in Deutschland erreichen und wie hoch sch\u00e4tzen Sie Ihren diesj\u00e4hrigen Faserertrag (pro Hektar und insgesamt)?<\/p>\n<p><b> H. Kranz:<\/b> Zurzeit sind es etwa 50 ha, die landwirtschaftlich mit Fasernesseln angebaut sind. Davon ist etwa die H\u00e4lfte der Fl\u00e4che noch nicht erntereif, da erst einj\u00e4hrig. Diese Fl\u00e4chen werden zur weiteren Vermehrung der Pflanzen genutzt. Die dadurch gewonnenen Jungpflanzen werden im Herbst auf neue landwirtschaftliche Fl\u00e4chen ausgebracht. Etwa 50 ha stark verdichtete Mutterpflanzenbest\u00e4nde in zwei neuen Anbauzentren haben wir f\u00fcr Herbst 2003 vorgesehen. An Erntemenge erwarten wir nach 1,2 t im Vorjahr etwa 2,5 t Rohfasern in 2003, also ca. 100 kg\/ha.<\/p>\n<p><b>nova:<\/b> In welchem Umfang m\u00fcssten die Anbaufl\u00e4chen expandieren, um der wachsenden Nachfrage f\u00fcr Nessel-Textilien gerecht zu werden? <\/p>\n<p><b> H. Kranz:<\/b> Solange wir nur unsere bisherigen Kunden, also etwa 800 Fachh\u00e4ndler und Versender, als Zielgruppe sehen, k\u00f6nnen wir mit langsam wachsenden Anbaufl\u00e4chen bedarfsgerecht agieren. Sobald wir aber auch namhafte Markenhersteller beliefern wollen, \u00fcberschreiten wir unsere Rohstoffkapazit\u00e4ten. Das ist auch unser Dilemma. Einerseits gibt es eine Nachfrage durch die Textilindustrie, die mindestens 1.000 ha Anbaufl\u00e4che ben\u00f6tigen w\u00fcrde, andererseits reichen die m\u00f6glichen Produktionsmengen l\u00e4ngst nicht aus, um auch nur einen der Markenhersteller beliefern zu k\u00f6nnen. Das ist ein echtes \u00dcbergangsproblem, das uns die Arbeit nicht gerade leichter macht.<\/p>\n<p><b>nova:<\/b> Gibt es angesichts der EU-Beihilfen f\u00fcr andere Faserpflanzen (Flachs, Hanf) gen\u00fcgend Anreiz f\u00fcr Landwirte, Fasernessel &#8211; die ja keine EU-Beihilfen bekommt &#8211; in gr\u00f6\u00dferem Umfang anzubauen? <\/p>\n<p><b> H. Kranz:<\/b> Der Anbau von Fasernesseln ist zwar auf stillgelegten Fl\u00e4chen zugelassen, aber eine direkte Beihilfe gibt es tats\u00e4chlich nicht. Dennoch haben wir deutlich mehr Fl\u00e4chenangebote von Landwirten, als wir Pflanzen produzieren k\u00f6nnen. Das Anbaukonzept und Deckungsbeitr\u00e4ge von \u00fcber 1.000 EUR pro ha und Jahr sagen den Landwirten zu.<\/p>\n<p><b>nova:<\/b> L\u00e4sst sich die Nesselernte mit den gleichen Ernte- und Aufschlusstechniken bewerkstelligen wie bspw. Hanf oder Lein? Oder m\u00fcssen neue Techniken entwickelt werden? <\/p>\n<p><b> H. Kranz:<\/b> Die Ernte erfolgt ausschlie\u00dflich mit den \u00fcberall vorhandenen Maschinen. Spezialmaschinen werden nicht ben\u00f6tigt. F\u00fcr die Grobentholzung nutzen wir die vorhandene Infrastruktur der Hanf- und Flachsverarbeitung. Schwieriger ist es mit der Feinentholzung. Nur eine Anlage in Deutschland bringt gute Qualit\u00e4ten. Leider befindet sich diese Firma in Insolvenz. In Belgien, den Niederlanden und Frankreich gibt es mehrere Alternativen, auf die wir ausweichen k\u00f6nnen. In den letzten Jahren sind einige Anlagen in Deutschland aufgegeben worden. Das macht uns einige Sorgen, da wir auch in Zukunft unsere Produktion vollst\u00e4ndig in Deutschland herstellen m\u00f6chten.<\/p>\n<p><b>nova:<\/b> Verf\u00fcgen Sie bereits \u00fcber eine Faseraufschlussanlage f\u00fcr das Nesselstroh? Und wenn ja, welche Jahreskapazit\u00e4t hat Ihre Anlage? Wo ist Ihre Anlage platziert? <\/p>\n<p><b> H. Kranz:<\/b> Wir haben keine eigene Faseraufschlussanlage. Unter 500 ha Anbaufl\u00e4che macht das betriebswirtschaftlich keinen Sinn. Unser Nesselstroh wird in Lohnauftrag bei Fremdfirmen verarbeitet. Es gibt zwar Planungen, eine gezielt f\u00fcr Brennnesseln aber auch f\u00fcr andere Bastfasern ausgelegte Anlage zu errichten oder eine vorhandene Anlage f\u00fcr unsere textilen Zwecke zu optimieren. Das sind aber wirklich nur Planspiele f\u00fcr den Fall, dass sich die vorhandene Infrastruktur weiter aufl\u00f6st oder die Kapazit\u00e4ten bei Lohnverarbeitern ersch\u00f6pfen. Dann allerdings m\u00fcssen wir rasch reagieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><b>nova:<\/b> Welcher Marktpreis ist f\u00fcr 1 Kilogramm Nesselfasern zu erwarten? <\/p>\n<p><b> H. Kranz:<\/b> Wir verkaufen grunds\u00e4tzlich keine Fasern, auch keine Pflanzen oder Garne. Erst das fertige Gewebe geht in den Markt. Damit verbleibt die gesamte Wertsch\u00f6pfung von der Pflanze bis zum Stoff im Unternehmen. Die Stoffe bekommt man ab Sommer 2003 in den ca. 800 Fachgesch\u00e4ften, die wir bisher beliefern, schon ab 15 EUR den laufenden Meter. Damit liegt der Preis erstmals nur noch wenig \u00fcber dem der konventionellen Baumwolle.<\/p>\n<p><b>nova:<\/b> Welche Produkte\/Anwendungen f\u00fcr Fasernesselstoffe k\u00f6nnten Ihrer Meinung nach noch in diesem Jahr Marktreife erlangen? <\/p>\n<p><b> H. Kranz:<\/b> Mindestens drei verschiedene Basisstoffe er\u00f6ffnen das Nettle-Sortiment f\u00fcr Meterwaren. Hinzu kommen f\u00fcr den Fachhandel produzierte Hemden und Bettw\u00e4sche. Au\u00dferdem wird eine neue Serie Nettle-Naturkissen aufgelegt. Die Fertigprodukte pr\u00e4sentieren wir auf der Fachmesse InNaTex im August. Die Meterwaren bemustern wir bereits im April und Mai.<\/p>\n<p><b>nova:<\/b> Sehen Sie auch Chancen f\u00fcr den Einsatz der Fasernessel im technischen Bereich, z.B. f\u00fcr Verbundwerkstoffe? <\/p>\n<p><b> H. Kranz:<\/b> Aufgrund des Rohstoffmangels verbieten sich solche Anwendungen zurzeit leider von selbst. Aber dieses Thema ist besonders brisant. Einige technische Eigenschaften sprechen eine deutliche Sprache f\u00fcr die Nutzung dieser Faser im technischen Bereich. Nach unseren bisherigen Erkenntnissen ist aber auch eine Kombination aus Nesselfaser mit speziell aufgeschlossenen Flachs- und Hanffasern f\u00fcr einige technische Anwendungen von ganz entscheidendem Vorteil, der deutlich h\u00f6here Einstandspreise rechtfertigen w\u00fcrde. Das macht die Brisanz aus, da Hanf- und Flachsfasern ausreichend verf\u00fcgbar sind. Mit neuen, bisher unerreichten Qualit\u00e4ten k\u00f6nnte man f\u00fcr die Hanf- und Flachsindustrie in Deutschland einen erheblichen Marktvorteil erzielen. Wir w\u00fcrden dieses hochinteressante Thema gern viel intensiver untersuchen, nur ist daf\u00fcr unser Budget viel zu klein. Schlie\u00dflich werden alle unsere Entwicklungen ausschlie\u00dflich \u00fcber Eigenkapital finanziert und Textil ist unser Schwerpunkt.<\/p>\n<p><b>nova:<\/b> Vielen Dank Herr Kranz, f\u00fcr die ausf\u00fchrlichen Informationen!<\/p>\n<p>(Vgl. Meldung vom <a href=\"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/stoffkontor-kranz-ag-geschaeftsjahr-2002\/\" >2003-03-06<\/a>.)<\/p>\n<p>(<b>Anm. d. Redaktion:<\/b> Einen ausf\u00fchrlichen Artikel zum Thema Fasernessel (\u201eRevolution am Wegesrand &#8211; Vom &#8220;Unkraut&#8221; zum Faserlieferanten\u201c) findet man ebenfalls im Magazin <a href=\"http:\/\/www.energie-pflanzen.de\/\" >energie pflanzen<\/a> Ausgabe 3\/2002).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen einer Nachrichten-Recherche zu aktuellen Entwicklungen im heimischen Fasernesselanbau erhielt nova Gelegenheit, dem bislang deutschlandweit f&uuml;hrenden Nessel-Anbauer und -Verwerter Heinrich Kranz, Gesch&auml;ftsf&uuml;hrer der Stoffkontor<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_seopress_robots_primary_cat":"","nova_meta_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[5572],"tags":[],"supplier":[],"class_list":["post-6087","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bio-based"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6087","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6087"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6087\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6087"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6087"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6087"},{"taxonomy":"supplier","embeddable":true,"href":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/wp-json\/wp\/v2\/supplier?post=6087"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}