{"id":60354,"date":"2019-02-06T07:32:13","date_gmt":"2019-02-06T06:32:13","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=60354"},"modified":"2019-02-13T09:40:58","modified_gmt":"2019-02-13T08:40:58","slug":"die-tuerkei-steht-vor-einer-grossen-hanfrevolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/die-tuerkei-steht-vor-einer-grossen-hanfrevolution\/","title":{"rendered":"Die T\u00fcrkei steht vor einer gro\u00dfen Hanfrevolution"},"content":{"rendered":"<p>Nach Jahrzehnten der Verteuflung entdeckt die T\u00fcrkei die Bedeutung von Hanf als Kulturpflanze f\u00fcr die Wirtschaft und Umwelt wieder von neuem. Deutliche Signale daf\u00fcr sendete zuletzt Pr\u00e4sident Recep Tayyip Erdo\u011fan bei seinen Reden in Ankara, Rize und Samsun.<\/p>\n<p>Im Kern bezog sich der Pr\u00e4sident dabei auf die von den USA im fr\u00fchen 20. Jahrhundert diktierten Verbote zum Anbau von Cannabis \u2013 wovon auch die T\u00fcrkei betroffen war. Als pr\u00e4gnantes Beispiel hob er Rize hervor, den Heimatort seiner Gro\u00dfeltern am Schwarzen Meer, wo heute vor allem Tee angebaut wird. Die Provinz war damals vor allem f\u00fcr den Hanfanbau bekannt. Der Bezirk \u201eKendirli&#8221; ist sogar nach der Pflanze benannt. \u201eKendir&#8221; ist ein t\u00fcrkischer Begriff f\u00fcr Hanf.<\/p>\n<p>Als Ursprungsort von Hanf gilt Zentralasien, wo die Pflanze bereits seit 8000 Jahren genutzt wird. Die Region bildet zugleich die Urheimat der Turkv\u00f6lker. Der medizinische und praktische Nutzen dieser Pflanze wird in der chinesischen Literatur bereits seit etwa 2000 Jahre v. Chr. erw\u00e4hnt, sp\u00e4ter auch bei Avicenna, der Hanf als Heilmittel gegen eine Vielzahl von Krankheiten verwendete. Auch die Turkv\u00f6lker wussten \u00fcber den Wert dieser Pflanze Bescheid. Diese Tradition wurde sp\u00e4ter bei den Seldschuken und Osmanen weitergef\u00fchrt. Der schweizerische Islamwissenschaftler Rudolf Gelpke lieferte bereits in den 1960er Jahren wichtige Erkenntnisse \u00fcber die Bedeutung von Hanf im islamischen Raum. Eindrucksvoll erz\u00e4hlt er \u00fcber die Einfl\u00fcsse in Kunst und Dichtung. Bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde Hanf auch in Kaffeeh\u00e4usern oder im kleinen Kreis konsumiert. Viele Sufi-Gemeinschaften verehren Hanf bis heute aufgrund seiner wundersamen Eigenschaften.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe Unterst\u00fctzung erf\u00e4hrt die t\u00fcrkische Hanfinitiative unter anderem vom Eurasischen Strategieinstitut (ASAM) und auch vom Minister f\u00fcr Land- und Forstwirtschaft, Bekir Pakdemirli. Zun\u00e4chst wurde der Anbau in 19 Provinzen unter staatlicher Lizenz erlaubt. Die Nachfrage der Landwirte sei jetzt schon sehr hoch \u2013 vor allem in St\u00e4dten wie Samsun, Kastamonu oder Tokat, wo in Vergangenheit gro\u00dfe Mengen angebaut wurden. 1520 wurde allein in der Provinz Kastamonu \u00fcber 90 Tonnen Hanf geerntet, 1574 in Tokat \u00fcber 20 Tonnen.<\/p>\n<p>Aktuell ist der Hanf-Anbau in der T\u00fcrkei nahezu ausgestorben. Laut Daten des T\u00fcrkischen Statistikinstituts (TurkStat) war im Jahr 2000 nur noch eine Gesamtfl\u00e4che von 87,50 Hektar kultiviert worden, woraus 140 Tonnen Samen und 2500 Tonnen Fasern gewonnen wurden. 2016 betrug die Gesamtanbaufl\u00e4che von Hanf nur noch 0,25 Hektar, mit einem Ertrag von einer Tonne Samen, und 7 Tonnen Fasern.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur heutigen Situation war der Hanfanbau f\u00fcr fr\u00fchere Generationen von herausragender wirtschaftlicher und \u00f6kologischer Bedeutung. Denn aus den geernteten Pflanzen k\u00f6nnen unz\u00e4hlige Alltagsgegenst\u00e4nde wie Kleidung, Papier, Medizin oder Nahrungsmittel hergestellt werden \u2013 und das mit \u00f6kologischer Nachhaltigkeit. Weil Hanf ein langlebiges, vielseitiges, wiederverwertbares und daher wertvolles Naturprodukt ist. Im Gegensatz zur Herstellung von synthetischen Kunststoffen entstehen bei der Hanf-Kultivierung keinerlei umweltbelastende Abfallprodukte. Ganz im Gegenteil: Die Pflanzen kommen mit wenig Wasser aus, ben\u00f6tigen keine Pestizide und erzeugen gro\u00dfe Mengen an Sauerstoff \u2013 etwa viermal mehr als B\u00e4ume. Papier aus Hanf ist achtmal wiederverwertbar \u2013 Papier aus Cellulose nur dreimal. Hanf w\u00e4chst in 3-4 Monaten \u2013 B\u00e4ume in 20-50 Jahren. Hanf s\u00e4ubert die Umgebung zudem von Strahlung. Das aus Hanfsamen gewonnene \u00d6l ist nicht nur eine wertvolle Quelle f\u00fcr Omega-3, sondern kann auch das klassische Roh\u00f6l ersetzen, woraus heute Kunststoffe und Treibstoff produziert werden. Die Produktpalette reicht bis hin zu Baumaterial f\u00fcr Geb\u00e4ude oder Fahrzeugkarosserien und umfasst um die 50.000 Variationen.<\/p>\n<p>Das Tetrahydrocanabinol (THC) und das Cannabidiol (CBD) bilden die Hauptwirkstoffe der weiblichen Hanfpflanze. Sie dienen als Medizin f\u00fcr \u00fcber 250 Erkrankungen wie Krebs, multiple Sklerose, Depressionen, Epilepsie, Diabetes oder gr\u00fcner Star. Da der Mensch ein endogenes Cannabinoid-System besitzt, kann der K\u00f6rper die Stoffe perfekt umsetzen \u2013 ohne gef\u00e4hrliche Nebenwirkungen, wie es bei Pharmazeutika h\u00e4ufig der Fall ist.<\/p>\n<p>Doch wie konnte einer derart wertvoll Pflanze aus dem Bewusstsein und von den Anbaufl\u00e4chen des Landes verschwinden &#8211; gar weltweit verboten werden? Hier spielen wirtschaftliche Interessen w\u00e4hrend der Industrialisierung eine ma\u00dfgebliche Rolle. Die ab dem fr\u00fchen 20. Jahrhundert betriebenen Kampagnen zur Bek\u00e4mpfung und Illegalisierung von Hanf wurden von diversen Interessensgruppen in die Wege geleitet, die in der Kulturpflanze eine Konkurrenz f\u00fcr ihre eigenen, zumeist synthetischen, Produkte sahen. Eine wichtige Rolle spielte dabei allen vorweg der Chemiekonzern DuPont, dessen Kunstfasern den Hanf immer mehr vom Weltmarkt verdr\u00e4ngten. Parallel dazu bem\u00fchte sich der US-Diplomat Harry J. Anslinger im Rahmen der UN-Drogenkommission f\u00fcr ein weltweites Verbot von Cannabis. 1961 wurde Hanf in dem \u201eEinheitsabkommen \u00fcber die Bet\u00e4ubungsmittel&#8221; weltweit als gef\u00e4hrliche Droge gebrandmarkt \u2013 zu Unrecht, wie man heute wei\u00df. Gest\u00fctzt wurden die Initiativen auch in Hollywood, wo mehrere Propagandafilme entstanden \u2013 der bekannteste davon \u201eReefer Madness (1936)&#8221;, wo Anti-Cannabis-Hetze mit rassistischen Ressentiments gegen Schwarze und Latinos vermischt wurde. Cannabis wurde als Droge dieser zu jener Zeit in den USA gesellschaftlich ausgegrenzten Bev\u00f6lkerungsgruppen dargestellt. F\u00e4lschlicherweise wurde behauptet, dass Hanf aggressiv, gewaltt\u00e4tig, hemmungslos und verr\u00fcckt mache. Wie man heute wei\u00df, hat Hanf entgegen der US-Propaganda im fr\u00fchen 20. Jh., eine beruhigende, bes\u00e4nftigende und zum Denken anregende und Wirkung &#8211; ganz anders als etwa Alkohol oder synthetische Drogen wie etwa Amphetamin.<\/p>\n<p>Einer der Vorreiter der t\u00fcrkischen Legalisierungsbewegung ist der islamische Denker und Intellektuelle Abdurrahman Dilipak. Er trug das bisher unbeachtete Thema in die politische Tagesordnung und erm\u00f6glichte den Start f\u00fcr einen gesellschaftlichen Diskurs. Zugleich gab er den verschiedenen Hanf-Initiativen ein Sprachrohr. Dilipak setzt sich f\u00fcr eine z\u00fcgige und unb\u00fcrokratische Entkriminalisierung mit gleichzeitiger F\u00f6rderung des Hanfanbaus ein. Jeder m\u00fcsse die Berechtigung haben, die Pflanze f\u00fcr den Eigenbedarf im Garten anzubauen, so seine Forderung. Parallel dazu m\u00fcsse eine neue Kategorisierung von Drogen in weiche und harte durchgesetzt werden, wie es in westlichen L\u00e4ndern bereits seit langem der Fall sei.<\/p>\n<p>Dilipak sieht in synthetischen Designerdrogen wie Spice oder Flaka, die Hauptgefahr f\u00fcr die Gesundheit der Gesellschaft. Auch seien Drogen wie Alkohol oder Nikotin wissenschaftlich gesehen gef\u00e4hrlich, aber dennoch frei verf\u00fcgbar. Dies widerspreche der Logik. Auch k\u00f6nnten andere Substanzen wie L\u00f6sungsmittel als Droge missbraucht werden. Diese Substanz zu verbieten, l\u00f6se aber keine Probleme. Es sei eine grundlegende Reform der Drogenpolitik notwendig.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zu vielen anderen Drogen gibt es bei den Wirkstoffen von Cannabis keine letale Dosis, auch entsteht keine k\u00f6rperliche Abh\u00e4ngigkeit. Was aber hervortreten kann, ist eine psychische Gew\u00f6hnung bei unkontrolliertem Konsum.<\/p>\n<p>Cannabis werde sogar bei einer Suchterkrankung zur Abgew\u00f6hnung von harten Drogen eingesetzt, unterstreicht Dilipak. In Anbetracht dessen m\u00fcsse man die Drogenpolitik in der T\u00fcrkei grundlegend reformieren und dem aktuellen Stand der Forschung anpassen. Dies m\u00fcsse einhergehen mit staatlichen Aufkl\u00e4rungsma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>In den meisten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern erfolgt die Drogenaufkl\u00e4rung bereits in der Mittelstufe. Die Sch\u00fcler werden dabei sehr fr\u00fch objektive \u00fcber g\u00e4ngige Drogenvariationen, ihre Wirkung und m\u00f6gliche Risiken informiert. Dies erm\u00f6glicht Jugendlichen, Gefahren besser einzusch\u00e4tzen und \u00fcberlegt zu handeln.<\/p>\n<p>Der globale Trend zeigt heute eine steigende Entkriminalisierung und gesellschaftliche R\u00fcckbesinnung auf den Gebrauch von Hanf. Dadurch wird zugleich dem unkontrollierten Schwarzmarkt der N\u00e4hrboden entzogen \u2013 auch zum Vorteil der Konsumenten. Dies bringt zugleich enorme finanzielle Vorteile f\u00fcr den Staat mit sich. Zu den durch die eine Legalisierung gesparten Kosten f\u00fcr Gerichte und Polizeieins\u00e4tze summieren sich Steuereinnahmen in Milliardenh\u00f6he. Um das zu sehen, reicht ein Blick in die USA. In vielen Bundesstaaten ist Cannabis vollst\u00e4ndig legalisiert \u2013 zuletzt zog das Nachbarland Kanada nach. Die staatlichen Einnahmen sind immens. In den Vereinigten Staaten rechnet man langfristig mit mehr als 400.000 neuen Arbeitspl\u00e4tzen in der Cannabis-Industrie. Die Unternehmensberatung ArcView prognostiziert Gewinne in H\u00f6he von knapp 40 Milliarden Dollar bis 2021.<\/p>\n<p>Eine entschiedene F\u00f6rderung der industriellen Nutzung von Hanf k\u00f6nnte sogar den Rohstoffbedarf der t\u00fcrkischen Industrie decken. Dadurch w\u00fcrden zugleich Importe eingespart werden. Hanf birgt daher das n\u00f6tige Potenzial, um das Handelsbilanzdefizit in kurzer Zeit auszugleichen und auf lange Sicht neue Arbeitspl\u00e4tze zu schaffen. Eine R\u00fcckbesinnung auf Hanf w\u00fcrde zugleich das \u00f6kologische Gleichgewicht der T\u00fcrkei bewahren sch\u00fctzen und die Umweltverschmutzung ma\u00dfgeblich reduzieren.<\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Jahren werden die Ergebnisse der angek\u00fcndigten Hanf-Revolution deutlicher zu sehen sein. Schon jetzt h\u00e4ufen sich die Anfragen zu Anbaugenehmigungen in den 19 Provinzen, wo nun der Hanfanbau staatlich gef\u00f6rdert werden soll.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Jahrzehnten der Verteuflung entdeckt die T\u00fcrkei die Bedeutung von Hanf als Kulturpflanze f\u00fcr die Wirtschaft und Umwelt wieder von neuem. Deutliche Signale daf\u00fcr sendete zuletzt Pr\u00e4sident Recep Tayyip Erdo\u011fan bei seinen Reden in Ankara, Rize und Samsun. Im Kern bezog sich der Pr\u00e4sident dabei auf die von den USA im fr\u00fchen 20. 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