{"id":58689,"date":"2018-11-28T07:32:31","date_gmt":"2018-11-28T06:32:31","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=58689"},"modified":"2018-11-24T14:52:22","modified_gmt":"2018-11-24T13:52:22","slug":"ist-bioplastik-die-loesung-gegen-umweltverschmutzung-und-klimawandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/ist-bioplastik-die-loesung-gegen-umweltverschmutzung-und-klimawandel\/","title":{"rendered":"Ist Bioplastik die L\u00f6sung gegen Umweltverschmutzung und Klimawandel?"},"content":{"rendered":"<p>Wenn es nach Josefine Staats ginge, w\u00fcrde die Alge Kappaphycus die Welt retten. &#8220;Algen brauchen kein Land zum Wachsen, keinen D\u00fcnger, keine Pestizide und sie wachsen schnell&#8221;, fasst die Unternehmerin und dreifache Mutter aus Berlin die Vorteile zusammen. Aus der Alge will sie Bioplastik herstellen, also umweltvertr\u00e4glichen Kunststoff. Der Vorteil: Das Produkt s\u00e4he aus wie immer, w\u00fcrde aber ohne den begrenzten Rohstoff Erd\u00f6l hergestellt.<\/p>\n<p>Die Unternehmerin steht allerdings erst am Anfang ihrer Arbeit. Dabei sind die Algen eine gute Idee. Biokunststoffe, die heute bereits auf dem Markt sind, sind allerdings nicht automatisch umwelt- und klimafreundlicher als Plastik aus Erd\u00f6l. Denn viele der Pflanzen, aus denen man die Erd\u00f6l-Alternative herstellen kann, brauchen Platz. Au\u00dferdem wird, wie in der sonstigen Landwirtschaft auch, viel D\u00fcnger eingesetzt. Das f\u00fchrt zu \u00fcberd\u00fcngten B\u00f6den und weniger Anbaufl\u00e4chen, die f\u00fcr Lebensmittel zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<p>Dazu kommt, dass der Begriff Bioplastik nicht eindeutig ist. Experten unterscheiden zwischen Kunststoffen aus nachwachsenden Rohstoffen wie Mais, Zuckerrohr oder eben Algen und solchen, die biologisch abbaubar sind. Letztere k\u00f6nnen zwar auch aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen, aber gleichzeitig Erd\u00f6l enthalten, das lediglich chemisch bearbeitet wurde und deshalb nicht die lange \u00dcberlebensdauer von normalem Plastik hat.<\/p>\n<p>Plastik aus Bananenfasern<\/p>\n<p>Und das sind noch lange nicht alle Ans\u00e4tze: Im September trafen sich Vertreter der Branche auf dem ersten PHA Weltkongress in K\u00f6ln. PHA ist ebenfalls ein Kunststoff, ein spezieller Polyester, den Bakterien produzieren, um sich gegen schlechte Zeiten zu wappnen, wenn ihnen also N\u00e4hrstoffe fehlen.<\/p>\n<p>Unter den 165 Unternehmen und Wissenschaftler vor Ort war auch Lenka Myn\u00e1\u0159ov\u00e1 aus Tschechien. Sie wurde unl\u00e4ngst als &#8220;Managerin des Jahres 2018&#8221; in ihrer Heimat ausgezeichnet und plant aus altem Frittier\u00f6l Biokunststoff herzustellen. Dieses &#8220;Upcycling&#8221; soll mit Hilfe der F\u00e4higkeiten der Bakterien aus dem Abfallstoff ein neues Produkt entstehen lassen. &#8220;Wir machen keine Kooperationen mit Palm-\u00d6l-Produzenten&#8221;, sagt Myn\u00e1\u0159ov\u00e1 auf der Konferenz.\u00a0&#8220;Wir verschwenden kein Land, wir nutzen nur M\u00fcll.&#8221;<\/p>\n<p>Aber auch aus Pflanzenabf\u00e4llen, Tomaten oder Bananen zum Beispiel, k\u00f6nnen Kunststoffe hergestellt werden. Allen Ideen gemein ist, dass sie dem Plastikm\u00fcll den Kampf ansagen wollen.<\/p>\n<p>Bioplastik zu verwenden klingt nach einer guten Idee &#8211; &#8220;Es gibt (aber) noch keine Garantie, dass sich ein solcher Biokunststoff in der Natur oder auf dem Kompost so vollst\u00e4ndig abbaut wie im Labor&#8221;, sagt das Umweltbundesamt.<\/p>\n<p>Nachfrage nach Erd\u00f6l steigt<\/p>\n<p>Trotzdem, warnt Franziska Kr\u00fcger vom Umweltbundesamt (UBA), d\u00fcrfe man Biokunststoffen kein &#8220;gr\u00fcnes M\u00e4ntelchen anziehen&#8221;. &#8220;Es gibt sicher Produkte, wo ein biologisch abbaubarer Kunststoff sinnvoll ist&#8221;, erkl\u00e4rt sie. &#8220;Es darf (aber) nicht dazu f\u00fchren, dass wir nach einer Grillparty oder am Stand einfach Verpackungen liegen lassen, weil sie ja irgendwann verrotten.&#8221;<\/p>\n<p>Wie sich Bioabfall tats\u00e4chlich verh\u00e4lt, kann noch niemand genau sagen. Es fehlen schlicht Studien. &#8220;Es gibt noch keine Garantie, dass sich ein solcher Biokunststoff in der Natur oder auf dem Kompost so vollst\u00e4ndig abbaut wie im Labor, wo Forscher alle Faktoren kontrollieren k\u00f6nnen&#8221;, sagt Kr\u00fcger. Der Inhalt einer Biotonne braucht etwa vier bis sechs Wochen, ehe daraus Kompost wird. Biokunststoffe ben\u00f6tigten immer noch deutlich l\u00e4nger &#8211; abh\u00e4ngig davon, woraus sie bestehen.<\/p>\n<p>Auch deshalb haben Kommunen und Abfallverwerter ein Problem mit ihnen. &#8220;Die meisten Biokunststoffe kommen erst gar nicht in den Genuss kompostiert zu werden&#8221;, so Kr\u00fcger. Die meisten Kompostieranlagen sortierten sie mit konventionellem Plastik als &#8220;St\u00f6rstoff&#8221; einfach wieder aus, so Kr\u00fcger. Genau deshalb sind etwa Biom\u00fcllt\u00fcten aus kompostierbaren Kunststoffen heute noch keine echte L\u00f6sung.<\/p>\n<p>Abfallwirtschaft und Kommunen sehen Biokunststoffe noch nicht als echte Alternative &#8211; zu gro\u00df sind die Fragezeichen bislang. Deshalb landet oft jeder Kunststoff in der M\u00fcllverbrennungsanlage.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem sind die Mengen viel zu gering, um f\u00fcr die Abfallwirtschaft \u00fcberhaupt eine Rolle spielen. &#8220;Der Aufwand muss sich lohnen&#8221;, sagt Kr\u00fcger. Eine Recycling-Struktur f\u00fcr solche speziellen Kunststoffe m\u00fcsse sich erst aufbauen.<\/p>\n<p>Nach Angaben des Vereins European Bioplastic in Berlin wurden im Jahr 2017 rund 2 Millionen Tonnen Bioplastik produziert, nach Sch\u00e4tzungen sollen es 2022 rund 2,4 Millionen Tonnen sein. Vergleichsweise wenig, wenn man sich die Zahlen f\u00fcr konventionelle Plastikprodukte anschaut: Laut einer neuen Studie von US-Forschern der Universit\u00e4t von Kalifornien wurden 1950 rund zwei Millionen Tonnen Plastik aus Erd\u00f6l hergestellt, 2015 waren es 380 Millionen Tonnen \u2013 Tendenz steigend. Laut der j\u00fcngsten Studie der Internationalen Energieagentur (IEA) wird die Menge an Erd\u00f6l, das f\u00fcr Kunststoffprodukte verbraucht wird, von zw\u00f6lf Millionen Barrel im Jahr 2017 auf fast 18 Millionen Barrel pro Tag im Jahr 2050 ansteigen.<\/p>\n<p>Kleine Schritte, gro\u00dfe Hoffnung<\/p>\n<p>Damit die Bioplastikbranche Fahrt aufnehmen kann, muss \u00d6l teuer werden. So, wie derzeit. &#8220;Diejenigen, die Kunststoffe brauchen, sind gut beraten nach Alternativen Ausschau zu halten&#8221;, sagt deshalb Michael Thielen, PR-Berater und Herausgeber des Bioplastics Magazine.<\/p>\n<p>Und wenn es soweit ist, will die Berliner Unternehmerin Staats bereit sein und mit ihren Rotalgen aus Sri Lanka das Bioplastikangebot revolutionieren. Die Algen sollen, so Staats, auch ein Entwicklungshilfeprojekt sein, das den Algenbauern in der Region faire L\u00f6hne erm\u00f6glicht. Rund die H\u00e4lfte der Menschen, mit denen sie zusammenarbeitet, sind Frauen.<\/p>\n<p>&#8220;Die Technik f\u00fcr die Bioplastikproduktion aus Algen ist schon da, aber noch nicht ausgereift&#8221;, sagt die Gr\u00fcnderin. Um sie zu entwickeln, fehlt noch Startkapital von einer Million Euro \u2013 Wissenschaftler und ein Labor sucht sie gleich mit. Ihr erstes Produkt sollen Folien f\u00fcr Lebensmittel aus ihrem eigenen Naturkostunternehmen sein, also f\u00fcr alles, was nicht so frisch gehalten werden muss oder sowieso direkt wieder verbraucht wird.<\/p>\n<p>&#8220;Damit wir einfach mal anfangen&#8221;, sagt sie und meint: Die Chance zu ergreifen, um mit Bioplastik wenigstens etwas umweltfreundlicher zu leben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn es nach Josefine Staats ginge, w\u00fcrde die Alge Kappaphycus die Welt retten. &#8220;Algen brauchen kein Land zum Wachsen, keinen D\u00fcnger, keine Pestizide und sie wachsen schnell&#8221;, fasst die Unternehmerin und dreifache Mutter aus Berlin die Vorteile zusammen. Aus der Alge will sie Bioplastik herstellen, also umweltvertr\u00e4glichen Kunststoff. 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