{"id":58255,"date":"2018-11-13T07:35:37","date_gmt":"2018-11-13T06:35:37","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=58255"},"modified":"2018-11-08T15:11:14","modified_gmt":"2018-11-08T14:11:14","slug":"bremer-baumwollboerse-neuer-praesident-will-die-naturfaser-wieder-nach-vorne-bringen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/bremer-baumwollboerse-neuer-praesident-will-die-naturfaser-wieder-nach-vorne-bringen\/","title":{"rendered":"Bremer Baumwollb\u00f6rse: Neuer Pr\u00e4sident will die Naturfaser wieder nach vorne bringen"},"content":{"rendered":"<p>Der <a href=\"https:\/\/baumwollboerse.de\/2018\/07\/02\/lukaczik-neuer-praesident\/\" target=\"_blank\">neue Pr\u00e4sident der Baumwollb\u00f6rse<\/a> will aggressiver und geschlossener f\u00fcr die Baumwolle werben. Denn das sei von der Industrie verschlafen worden. Die Feier der Chemiefaser sei irgendwann sowieso zu Ende.<\/p>\n<p>Am liebsten m\u00f6chte Jens Lukaczik gar nicht gro\u00df im Mittelpunkt stehen. Eine Geschichte \u00fcber ihn und die Baumwollb\u00f6rse? Nun gut, er stehe als neuer Pr\u00e4sident vorn, das sei in Ordnung. Ablenken soll Pers\u00f6nliches aber nicht von seiner Mission: die Baumwolle nach vorne zu bringen. Lukaczik will \u201eklare Kante\u201c gegen den gr\u00f6\u00dften Konkurrenten der Naturfaser zeigen\u00a0\u2013 die Chemiefaser. Daf\u00fcr sieht er die Zeit gekommen.<\/p>\n<p>Denn es gebe eine Bewegung. Da sei die Diskussion um Mikroplastik in den Ozeanen und der Nahrung, Vorst\u00f6\u00dfe gegen Plastikt\u00fcten. Diesen \u201ePush\u201c gelte es zu nutzen. \u201eWir m\u00fcssen mehr f\u00fcr die Baumwolle sprechen. Das ist die nat\u00fcrliche Antwort. Die Baumwolle ist nachhaltig und w\u00e4chst wieder\u201c, sagt Pr\u00e4sident Lukaczik. Im Sommer ist er in eine zweite Amtszeit gestartet und hat also direkt eine Kampfansage. Der Unternehmer will den Konflikt mit den Herstellern von Synthetik nicht mehr scheuen.<\/p>\n<p>In diesem Moment holt er sie rhetorisch an den Verhandlungstisch: \u201eEure Feier ist irgendwann sowieso zu Ende.\u201c Der Wettbewerber m\u00fcsse sich Fragen gefallen lassen, ist\u00a0Lukaczik \u00fcberzeugt: \u201eWisst ihr eigentlich, wo ihr das ganze \u00d6l herkriegt? Was ihr da rodet, bohrt und frackt? Einen gr\u00fcnen Punkt kriegt ihr mit Sicherheit nicht\u00a0\u2013 im Gegenteil.\u201c<\/p>\n<p>Verbrauch an Faser weltweit um 30 Prozent gestiegen<br \/>\nF\u00fcr das Imageproblem der Baumwolle macht der Pr\u00e4sident aber vor allem die Branche selbst verantwortlich. In den vergangenen zehn Jahren sei der Verbrauch an Faser weltweit um 30 Prozent gestiegen. Doch der Anteil an Baumwolle stagnierte in dieser Zeit. \u201eDa wei\u00df ich, dass die Baumwollindustrie\u00a0\u2013 alle zusammen vom Farmer bis zur Spinnerei\u00a0\u2013 zehn Jahre lang komplett geschlafen hat.\u201c<\/p>\n<p>Immer wieder habe es Einzelaktionen gegeben: Die Amerikaner h\u00e4tten f\u00fcr ihre eigene Baumwolle geworben, dann eine Delegation aus Brasilien und Australien. \u201eDa gab es \u00fcberhaupt kein gemeinschaftliches Interesse.\u201c Die Branche habe sich zu wenig gewehrt gegen Angriffe, da seien ruckzuck Marktanteile an die Synthetik verloren gewesen. Dabei gebe es viele Vorteile der Baumwollpflanze. \u201eWir schaffen es immer noch nicht, das vern\u00fcnftig zu formulieren und zu transportieren. Das ist unser gro\u00dfer Fehler.\u201c<\/p>\n<p>Erst neulich habe es eine gro\u00dfe Konferenz gegeben, die \u201eInternational Cotton Promotion\u201c. Doch man sei am Ende nicht weitergekommen. Der Unternehmer will nun mehr Zusammenhalt auf internationaler Ebene forcieren. \u201eDas muss aber hier bei uns anfangen. Wir m\u00fcssen selbst eine Idee haben, wie wir rausgehen\u201c, sagt\u00a0Lukaczik. Denn auch die Baumwollb\u00f6rse sei teils etwas zu konservativ, \u00adzur\u00fcckhaltend hanseatisch, wo sie aggressiver und offensiver sein sollte f\u00fcr die weiche Faser.<\/p>\n<p>Vor einer Weile ist B\u00fcrgerschaftspr\u00e4sident Christian Weber da gewesen \u2013 quasi ein Nachbar. Doch auch er habe gro\u00dfe Augen gemacht, was in der Baumwollb\u00f6rse passiere, erz\u00e4hlt der Pr\u00e4sident. Weber sei viel l\u00e4nger als geplant geblieben. Sichtbarkeit in der Stadt. Damit geht es los. Am Revers seines Anzugs tr\u00e4gt Lukaczik den Anstecker der Baumwollb\u00f6rse.<\/p>\n<p>Jens Lukaczik ist schon wegen seines Unternehmens Experte f\u00fcr Baumwolle. Sein Vater gr\u00fcndete 1970 die Cargo Control Group, einen internationalen Logistikdienstleister f\u00fcr die Industrie, dessen gesch\u00e4ftsf\u00fchrender Gesellschafter sein Sohn heute ist. Das Gesch\u00e4ft hat sich zwar seit der Gr\u00fcndung ver\u00e4ndert, immer noch geht es aber auch um die Einsch\u00e4tzung von Baumwolle. In den Laboren der Baumwollb\u00f6rse ist ebenfalls die Qualit\u00e4t der Ware gefragt, denn der Verband ist in Streitigkeiten verantwortlich. Werden sich K\u00e4ufer und Verk\u00e4ufer \u00fcber einen Handel nicht einig, schauen sich die Bremer die Baumwolle an und bewerten deren Rei\u00dffestigkeit, Dichte, Verschmutzung oder Farbe als Schiedsrichter.<\/p>\n<p>In seiner ersten Amtszeit vor knapp zehn Jahren fehlte der Baumwollb\u00f6rse diese internationale Ausrichtung. Doch dann entstand die Zusammenarbeit mit der International Cotton Association. Lukaczik ist stolz \u00fcber Bremens Position: \u201eDa noch mehr zu verlangen, w\u00e4re zu viel verlangt.\u201c Sogar aus China gebe es Anfragen, die Labore dort zu zertifizieren. Das hei\u00dfe schon was. Der Pr\u00e4sident ist zufrieden, die Baumwollb\u00f6rse habe heute ein \u201eMonsterstanding\u201c.<\/p>\n<p>Gr\u00f6\u00dfte Sammlung \u00fcberhaupt<br \/>\nDie Schatzkammer der Baumwollb\u00f6rse ist darum kein Tresor. Nicht Gold, Gem\u00e4lde oder Aktien sind hier der wertvollste Besitz, sondern die Referenzen f\u00fcr Baumwolle aus der ganzen Welt. Es ist die gr\u00f6\u00dfte Sammlung \u00fcberhaupt. In schwarzen Schatullen ruht die Auslese der Ernte. An diesem Tag wartet eine Probe amerikanischer Baumwolle auf ein Urteil. Spuren menschlicher Haare sollen sich in der Faser befinden. Die Fremdk\u00f6rper sind ein Problem f\u00fcr die Spinnerei. Die Untersuchung der feinen Faser erfordert h\u00f6chste Konzentration. Im Labor nebenan geht es um die Bestimmung der Qualit\u00e4t von Baumwolle. Gro\u00dfe Pakete aus Indien stapeln sich gleich am Eingang. \u201eDa muss es richtig \u00c4rger gegeben haben, wenn man so viele Proben verschickt\u201c, sagt Jens Lukaczik beim Blick auf die Sendung.<\/p>\n<p>Gefragt ist die Baumwollb\u00f6rse auch im Textilb\u00fcndnis. Direktorin Elke Hortmeyer vertritt den Verband dort. \u201eWir sind eingetreten, weil wir der einzige Ansprechpartner in Deutschland sind, der was zum Thema Baumwolle sagen kann\u201c, erkl\u00e4rt sie. Am Tisch im Turmsaal, mit Blick \u00fcber Bremen, dort hat man jedoch lange \u00fcberlegt, ob der Schritt sinnvoll ist.<\/p>\n<p>Die Sorge: Der Zusammenschluss f\u00fcr mehr Nachhaltigkeit k\u00f6nnte die falschen Schritte nehmen. Am Ende sei es aber wichtig gewesen, mitzuverhandeln und Fachwissen einzubringen, sagt Hortmeyer. Im B\u00fcndnis forderten einige etwa mehr Biobaumwolle ein, ohne zu wissen, was der Anbau f\u00fcr einen Landwirt bedeute. \u201eWir vertreten im Prinzip die Farmer \u2013 das ist auch eine interessante Rolle.<\/p>\n<p>Vor Kurzem hat sich das Textilb\u00fcndnis, zu dem Unternehmen, Organisationen, Gewerkschaften, Verb\u00e4nde und die Bundesregierung geh\u00f6ren, vier Jahre nach seiner Gr\u00fcndung zu 1300 konkreten Ma\u00dfnahmen verpflichtet. Es geht um \u00f6kologische Mindeststandards, menschenw\u00fcrdige Arbeitsbedingungen, darum, Kinderarbeit zu stoppen. \u201eIch denke, dass wir schon relativ weit gekommen sind\u201c, sagt Hortmeyer. Das Textilb\u00fcndnis habe das Augenmerk auf wenig bekannte Probleme gerichtet. Die Baumwollb\u00f6rse m\u00fcsse aber manchmal ein bisschen als \u201eAdvokat des Teufels\u201c den Zeigefinger heben und bremsen. \u201eWenn wir Schritte gehen, m\u00fcssen sie klein bleiben, sonst gef\u00e4hrden wir Arbeitspl\u00e4tze oder Branchen.\u201c<\/p>\n<p>Lukaczik gef\u00e4llt der Begriff Teufel nicht ganz. Anwalt f\u00fcr die Baumwolle, das passe doch besser. Ansonsten ist er ebenfalls deutlich in seiner Wortwahl. Es ist sein Sound \u2013 norddeutsch, klar, souver\u00e4n \u2013 der seinen Aussagen Nachdruck verleiht. Nur kurz sinnt er viel mehr \u00fcber eine Frage nach, weniger, weil er tats\u00e4chlich \u00fcberlegen muss. Wenn er etwas nicht wei\u00df, fragt er einfach seine Kollegen. Was seien denn noch genau die Bedingungen f\u00fcr Biobaumwolle?<\/p>\n<p>Gef\u00e4lschte Zertifikate<br \/>\nOb das Ziel des B\u00fcndnisses realistisch ist, dass bis 2020 der Anteile an Biobaumwolle auf 35 Prozent steigt, in diesem Punkt hat Lukaczik schnell wieder eine Antwort: Was im Ministerium in Berlin und im Textilb\u00fcndnis unterwegs sei, \u201edas sind Zahlen\u201c, die seien \u201emit den heutigen Sachverhalten nicht darzustellen\u201c. Schwierig seien zudem die vielen Zertifikate, die im Umlauf seien. \u201eDie sind einfach nur gef\u00e4lscht.\u201c Einige L\u00e4nder gingen \u201eden einfachen Weg\u201c, weil es f\u00fcr die Biobaumwolle mehr Geld gebe. Derzeit betr\u00e4gt deren Anteil laut Hortmeyer 108\u2009000 Tonnen im Jahr \u2013 von insgesamt 25 Millionen Tonnen geernteter Baumwolle. \u201eWir finden jede Baumwolle gut. Nur der Farmer muss etwas davon haben.\u201c<\/p>\n<p>Kritisch sieht der Pr\u00e4sident zudem, dass die Modeketten alle eigene Programme h\u00e4tten: Ikea, H&amp;M oder Otto mit Cotton made in Africa. Diese Initiativen seien positiv, \u201edie Umsetzung war aber eine Katastrophe\u201c. F\u00fcr den Verbraucher sei es verwirrend, immer wieder von anderen Labeln auf den Etiketten zu lesen. Das lasse sich nicht vermitteln. Ebenso habe es keine vereinte Reaktion f\u00fcr bessere Arbeitsbedingungen nach dem Brand einer Textilfabrik in Bangladesch gegeben. \u201eJeder macht seine eigene Geschichte. Da ist dann wieder ganz klar der Wettbewerb. Ich finde es entt\u00e4uschend.<\/p>\n<p>Die Baumwollb\u00f6rse sei dagegen nur der Faser selbst verpflichtet. \u201eWir sind von einer Interessenvertretung zu einem unabh\u00e4ngigen Fachverband geworden. Darum wird unsere Stimme auch geh\u00f6rt\u201c, sagt Lukaczik. Von den Beitr\u00e4gen der 140 Mitglieder sei man nicht abh\u00e4ngig. \u201eDie Quelle unseres Tuns sind die Mieteink\u00fcnfte.\u201c Derzeit gibt es mehr als 60 Mieter im Geb\u00e4ude.<\/p>\n<p>Man \u00a0k\u00f6nnte den Rundgang durch das Haus noch einen Moment fortsetzen, um noch mehr \u00fcber die Baumwolle und die Mission zu sprechen. Moment\u00a0\u2013 da fehlt noch was. Das geht f\u00fcr Lukaczik, Anwalt f\u00fcr die Baumwolle, nun gar nicht. \u201eIch habe Ihnen nicht mal meine Karte gegeben! Das kommt so nicht infrage!\u201c Schnell macht er sich auf den Weg in sein B\u00fcro. Das ist in jedem Fall nicht weit. Lukaczik vermietet an sich selbst. Die Cargo Control Group hat ihren Sitz in der Baumwollb\u00f6rse.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der neue Pr\u00e4sident der Baumwollb\u00f6rse will aggressiver und geschlossener f\u00fcr die Baumwolle werben. Denn das sei von der Industrie verschlafen worden. 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