{"id":58235,"date":"2018-11-12T07:35:12","date_gmt":"2018-11-12T06:35:12","guid":{"rendered":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/?p=58235"},"modified":"2018-11-07T15:27:15","modified_gmt":"2018-11-07T14:27:15","slug":"holz-am-bau-nachwachsende-neubauten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/renewable-carbon.eu\/news\/holz-am-bau-nachwachsende-neubauten\/","title":{"rendered":"Holz am Bau: Nachwachsende Neubauten"},"content":{"rendered":"<p>Frische Laubbl\u00e4tter rascheln auf dem B\u00fcrgersteig, die Sonne zeigt sich herbstlich wohlgesonnen. Wei\u00df leuchtet die Fassade in der Christburger Stra\u00dfe 13, im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, die durch ihre riesigen Fenstervorspr\u00fcnge auff\u00e4llt. Ein Haus, das mit moderner Architektur besticht und sich zugleich nahtlos in das von Altbauten gepr\u00e4gte Stra\u00dfenbild einf\u00fcgt. Von Holz keine Spur, obwohl die \u201eC13\u201c, wie das Bauobjekt hei\u00dft, den Deutschen und den Vorarlberger Holzbaupreis gewonnen hat.<\/p>\n<p>\u201eMan muss das Holz ja nicht unbedingt sehen\u201c, sagt Tom Kaden, der das 2014 fertiggestellte Haus in Massivholzkonstruktion entworfen hat. Ein Familienberatungszentrum, Praxen und Wohnungen sind dort untergebracht. \u201eWir wollten keine vergrauende Holzfassade in diesem Gr\u00fcnderzeitumfeld.\u201c Dennoch enth\u00e4lt die C13 \u2013 bis auf das offene Treppenhaus, das aus Rohbeton besteht \u2013 zu etwa 90 Prozent Holzanteile, sch\u00e4tzt Kaden, es ist mit Gipsfaserplatten verkleidet und wei\u00df verputzt. \u201eJe mehr Holzbau, desto besser\u201c, findet er, dennoch laute seine Devise: \u201eNicht so viel Holz wie m\u00f6glich, sondern so viel wie n\u00f6tig.\u201c<\/p>\n<p>Er ist also kein Holzpurist: Tom Kaden, 57, blanker Sch\u00e4del, dunkle runde Brille, ein diplomierter Designer, der heute an der TU Graz eine Professur f\u00fcr Architektur und Holzbau innehat. Au\u00dferdem ist Kaden Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Architekturb\u00fcros Kaden + Lager in Berlin, das Deutschlands erstes Holzhochhaus in Heilbronn plant. 2019 soll das zehnst\u00f6ckige \u201eSkaio\u201c fertig sein, 30 Meter hoch, von der Stadt als experimentelles Wohnmodell gew\u00fcnscht. Auch dieses Haus entsteht in Hybridbauweise, es erh\u00e4lt aus Brandschutzgr\u00fcnden einen Sockel und Kern aus Stahlbeton: die Aufz\u00fcge und das Treppenhaus; sp\u00e4ter werden dann die Holzau\u00dfenw\u00e4nde und Holz-Beton-Verbund-Decken eingebaut. \u201eWir betrachten Holz nicht ideologisch\u201c, sagt Kaden. \u201eWir mischen die Werkstoffe, mit ihren jeweiligen Vorteilen.\u201c<\/p>\n<p>Was sind die Vorteile von Holz? Kaden z\u00e4hlt auf: Es tr\u00e4gt gut, d\u00e4mmt nat\u00fcrlich, reguliert Feuchtigkeit. Und: Holz w\u00e4chst nach. Und zwar deutlich mehr, als verbraucht wird. W\u00e4hrend Sand, unverzichtbar zur Herstellung von Zement, weltweit rar wird, wachsen H\u00f6lzer nach, solange sie aus nachhaltig bewirtschafteten Forstbetrieben kommen. Das ist die Kurzfassung. \u201eHolz ist derzeit der innovativste Baustoff in der Forschung\u201c, schw\u00e4rmt Kaden, der seit mehr als 20 Jahren Holzbau betreibt.<\/p>\n<p>Der Wiener Wolkenkratzer<br \/>\nHolz liegt im Trend. In Paris, London und Chicago sind Holzhochh\u00e4user in Planung, echte Wolkenkratzer, k\u00fchne Entw\u00fcrfe. Dagegen nimmt sich das in Vancouver entstandene Studentenwohnheim mit seinen 18 Geschossen bescheiden aus. H\u00f6her hinaus zielt das \u201eHoHo Wien\u201c, das derzeit vor den Toren der Stadt in Seestadt Aspern entsteht. Es wird mit seinen 24 Geschossen das h\u00f6chste Holzhochhaus der Welt sein.<\/p>\n<p>\u201eWir d\u00fcrften einen Run ausgel\u00f6st haben\u201c, sagt Caroline Palfy, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin der cetus Baudevelopment und Projektentwicklerin des HoHo Wien. Die 39-J\u00e4hrige sitzt, mit Wiener Charme und l\u00e4ssigem Schick, an einem grauen Tag in einem Sessel in einer leeren Etage des Nebengeb\u00e4udes, dem HoHo Next, sechsgeschossig, fast fertig.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfen Fenster im Besprechungsraum geben den Blick frei auf den schmalen Betonkern, der vor Ort gegossen wird und noch nicht seine volle H\u00f6he von 84 Metern erreicht hat. F\u00fcr die gelernte Baumeisterin ist die Hybridbauweise mit Holz und Beton \u201edie ideale Kombination\u201c. Man m\u00fcsse die Materialien so einsetzen, wie sie am sinnvollsten ihre positiven Eigenschaften entfalten k\u00f6nnen. \u201eNachhaltigkeit hat auch mit Logik zu tun. Das Stiegenhaus\u201c, sagt sie \u00f6sterreichisch, \u201emuss nicht unbedingt aus Holz sein. Es sollte ja \u00f6konomisch bleiben.\u201c<\/p>\n<p>Viele H\u00e4user sind au\u00dfen durch Holz verkleidet, erkl\u00e4rt Palfy, blo\u00df um \u00ad\u00f6kologisch zu wirken. Mit dieser Art von Beplankung will sie nichts zu tun haben. Was wie Holz aussieht, da ist beim HoHo Wien auch Holz drin oder dahinter. Das gilt vor allem f\u00fcr den Innenausbau. \u201eWir sind ein Edelrohbau\u201c, sagt sie und weist mit einer Vierteldrehung ihres Stuhls auf den Raum.<\/p>\n<p>Rund um den Edelrohbau sind weitere Baustellen zu sehen. Seestadt Aspern ist ein noch in der Planung befindliches Viertel, rund um einen See mit Flanier- und Spielangeboten, die an diesem Tag wegen des leichten Nieselregens wenig Beachtung finden. Die U-Bahn-Linie 2 f\u00e4hrt bereits bis hier hinaus; anfangs als typisches Neubauviertel mit gef\u00f6rdertem Wohnungsbau und schlechtem Ruf, soll nun die Seestadt durch Baugruppen, Genossenschaften und mehr sozialem Mix als Quartier attraktiver werden.<\/p>\n<p>In einer Stunde 17 Minuten nachgewachsen<br \/>\nIn den zwei unteren Etagen wird das HoHo Wien eine Verkleidung aus L\u00e4rchenholz bekommen, die an Baumrinde erinnert, weiter oben wird es gegen die Witterung durch recycelbare Faserzementplatten gesch\u00fctzt sein. Das hat auch mit dem Brandschutz zu tun, der reine Holzfassaden untersagt. Innen sind Fu\u00dfboden, Decken und W\u00e4nde aus Holz, massive Balken st\u00fctzen an den Fensterseiten die Decken, die auf einem rundum verlaufenden Stahlbetonband ruhen. Das verarbeitete Holz stammt von Fichten und ist auch hier schichtweise \u00fcber Kreuz verleimt, sogenanntes Brettsperrholz. Ein patentiertes Verfahren, das auch beim Skaio in Heilbronn zum Einsatz kommen wird.<\/p>\n<p>Ingesamt 3.600 Kubikmeter zertifiziertes Holz aus \u00f6sterreichischen W\u00e4ldern werden im HoHo Wien verbaut. Holz, das dort innerhalb einer Stunde und 17 Minuten wieder nachwachse, rechnet Palfy vor. Balken, unten 96 cm dick, die sich nach oben verj\u00fcngen, tragen das gesamte Haus, erkl\u00e4rt die gelernte Baumeisterin, die fr\u00fcher einmal auf die Restaurierung von Altbauten spezialisiert war. \u201eWir brauchen nichts zu erfinden, wir interpretieren nur am Markt befindliche Bauweisen neu\u201c, sagt sie. \u201eHolz ist ein sch\u00f6ner Werkstoff, wenn auch bis dato nicht unbedingt ein Hochhaus-Werkstoff.\u201c Als besondere Herausforderung nennt Palfy neben dem Brandschutz den Schallschutz, da Holz zwar leicht sei, aber eine geringere Dichte habe. Die Brandschutzpr\u00fcfung mussten sie zweimal machen, Beh\u00f6rdenauflage.<\/p>\n<p>Von Anfang an hat Palfy den Architekten R\u00fcdiger Lainer eingebunden, der zwar kein Spezialist im Holzbau ist, wohl aber \u201eErfahrung mit Hochh\u00e4usern\u201c hatte. \u201eIch habe mir viele Planungen angeschaut und mich gefragt, warum bleibt dies alles nur Papier\u201c, sagt der Wiener Architekt. \u201eDie meisten Entw\u00fcrfe sind viel zu kompliziert und viel zu teuer. Und damit nicht konkurrenzf\u00e4hig.\u201c Lainer wollte ein Konzept, \u201edas einfach zu vermitteln und einfach zu bauen ist.\u201c Wenige serielle Elemente \u2013 Decken, St\u00fctzen, Au\u00dfenw\u00e4nde aus Holz \u2013 werden gereiht und gestapelt. \u201eDas ist wie das Aufeinandersetzen von Kapla-Steinen, dem Konstruktionsspiel aus Holzpl\u00e4ttchen\u201c, sagt Lainer.<\/p>\n<p>Anders als Stahl l\u00e4sst sich Holz nicht schwei\u00dfen, aber schichten, leimen, stecken, verschrauben. Wird geschichtet, bedarf es Leim, wenn auch nicht viel. Wird schichtweise \u00fcber Kreuz geleimt, kann sich das Holz nicht verziehen. Wird gesteckt, braucht es nicht viele Schrauben. Der Wiener Architekt glaubt nicht, dass Holz in Zukunft vor allem in Hochh\u00e4usern zum Einsatz kommen sollte. \u201eAber wenn wir es schaffen, eines zu bauen, dann k\u00f6nnte das beispielhaft sein, um Holz auch bei sechs- bis achtgeschossigen Bauten unverkleidet und einfach umsetzen zu k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Lainer hofft, mit seiner Arbeit anregend zu wirken, er setzt auf innovative Impulse, einen Wettbewerb, der, einmal in Gang gesetzt, die gesamte Branche erfasst. Im Moment sieht es ganz danach aus. So ist an der TU M\u00fcnchen mit \u201etum.wood\u201c ein interdisziplin\u00e4res Cluster entstanden, wo rund ums Holz geforscht und gelehrt wird. Von der Waldwirtschaft \u00fcber Holzverarbeitung hin zu Architektur und Recycling. Pl\u00f6tzlich wird Holz als nachhaltiges, umweltfreundliches Baumaterial interessant.<\/p>\n<p>N\u00e4sse ist der gr\u00f6\u00dfte Feind von Holz<br \/>\nBesser: wieder interessant. Denn der Holzbau hat Tradition. In China stehen Tempel, die Jahrhunderte \u00fcberdauert haben, aus Holz konstruiert. Und auch im Alpenraum gibt es Fachwerkh\u00e4user, die 400 bis 500 Jahre alt sind. Holz ist also best\u00e4ndig. Und was ist mit der Witterung \u2013 Wind, Wetter, Feuchtigkeit? Holz muss trocknen k\u00f6nnen, sagen die Fachleute, darauf kommt es an. Nicht Feuer, sondern Feuchtigkeit gilt als gr\u00f6\u00dfter Feind des Holzes. Das ist zwar entz\u00fcndlicher als Stahl und Beton, brennt aber letztlich langsam und berechenbar ab. Der erste Abbrand legt eine sch\u00fctzende Kohleschicht um das innere Holz, w\u00e4hrend Stahltr\u00e4ger in Hitze schmelzen k\u00f6nnen. Am Stadtrand von Berlin hat Tom Kaden der Feuerwehr ein Spritzenhaus aus Holz gebaut.<\/p>\n<p>Das HoHo Wien, das Skaio in Heilbronn, noch sind es Rohbauten, die aber in rasantem Tempo in die H\u00f6he schie\u00dfen. Denn wesentliche Bauelemente werden vorgefertigt. Unabh\u00e4ngig von der Witterung, die Bauarbeiten bei Schnee und K\u00e4lte lahmlegen kann, werden sie in den Holzverarbeitungsbetrieben im Trockenen und Warmen zugeschnitten und in Teilen bereits montiert. Dass es insgesamt schneller geht, gleicht wiederum die teureren Materialkosten aus, sagt Tom Kaden. Mit etwa f\u00fcnf Prozent mehr m\u00fcsse man rechnen. \u201eAber die holt man so wieder rein.\u201c<\/p>\n<p>Quereinsteiger Kaden sitzt in seinem B\u00fcro im zw\u00f6lften Stock des denkmalgesch\u00fctzten \u201eHaus des Reisens\u201c am Berliner Alexanderplatz. Einst der Stolz der Ostberliner, die hier ihre kosmopolitische Version einer Gro\u00dfstadt mit Weltzeituhr, Fernsehturm, Interhotel samt Haus des Reisens realisierten. Der Architekt Hans Kollhoff legte in den 1990er Jahren einen Masterplan vor, der den Platz in ein Mini-Manhattan verwandeln sollte. Bis heute ist nichts davon umgesetzt.<\/p>\n<p>Kaden erz\u00e4hlt von dem Entwurf des Architekten Frank Gehry f\u00fcr ein Hochhaus, das wegen des heiklen Baugrunds neben einem U-Bahn-Tunnel bisher nicht realisiert werden durfte. Was lie\u00dfe sich da mit leichteren Materialien machen? Seine Studierenden haben Ideen f\u00fcr den Alexanderplatz entwickelt. Einige Entw\u00fcrfe h\u00e4ngen in den B\u00fcros von Kaden + Lager an der Wand. Kann sich Tom Kaden vorstellen, hier am Alexanderplatz ein Holzhochhaus zu bauen? \u201eAuf jeden Fall\u201c sagt er. \u201eAber was f\u00fcr eins?\u201c<\/p>\n<p>130 Meter hohe Holzh\u00e4user? Warum nicht<br \/>\nHochh\u00e4user aus Holz zwischen 100 und 130 Metern h\u00e4lt Kaden f\u00fcr realistisch. \u201eWir freuen uns \u00fcber jeden Leuchtturm\u201c, sagt er, \u201eaber eigentlich wollen wir lieber sechs- bis zw\u00f6lfgeschossig bauen.\u201c Verdichtung, Aufstockungen im urbanen Raum, daf\u00fcr sei die Holzbauweise besonders geeignet. Denn Holz ist stabil und leichter als Beton oder Stein, die Geb\u00e4ude werden schlanker. So lassen sich Baul\u00fccken f\u00fcllen, Wohnh\u00e4user aufstocken, schnell zu realisierende Projekte, die bei dem akuten Wohnraummangel dringend erforderlich sind. Und sie lassen dem Einfallsreichtum der Architekten viel Spiel.<\/p>\n<p>Tom Kaden hat zun\u00e4chst Design studiert, bevor er zur Architektur kam. Er stammt aus dem Erzgebirge, seine Vorfahren haben das f\u00fcr die Region typische Holzspielzeug hergestellt, die Werkstatt des Vaters hat er nicht \u00fcbernommen. Da liegt die Vertrautheit, das Experimentieren mit dem Material nahe. Vielleicht hat ja auch R\u00fcdiger Lainer in Wien fr\u00fcher gern mit Kapla-Steinen gespielt.<\/p>\n<p>Tom Kaden ist optimistisch, was die Zukunft des Holzbaus angeht. Dass die Bauverordnungen der L\u00e4nder gelockert werden, in Berlin gerade erst in diesem Fr\u00fchjahr, begr\u00fc\u00dft er. Dennoch: Nur Hamburg, Berlin und Baden-W\u00fcrttemberg erlauben Holzh\u00e4user, die eine H\u00f6he von 13 Metern \u00fcbertreffen. \u201eDie Gesetzeslage entspricht nicht den technischen M\u00f6glichkeiten des modernen Holzbaus\u201c, sagt Kaden.<\/p>\n<p>Holzbau k\u00f6nnte in Serie gehen. \u201eMan sollte eine Industrialisierung des Holzbaus mit Vorsicht betreiben\u201c, warnt Kaden, \u201ebei aller Notwendigkeit muss die Baukultur erhalten bleiben.\u201c Aber nicht nur das deutsche Baurecht tut sich schwer, auch die sehr kleinteilig organisierte, mittelst\u00e4ndisch gepr\u00e4gte Branche. Der Holzbau habe schlie\u00dflich seinen Ursprung im Handwerk, erkl\u00e4rt Kaden, und nicht in der industriellen Fertigung. Mit dem Fachwerkbau, der aus ganzen St\u00e4mmen geschnitten wurde, hat der moderne Holzbau nichts mehr zu tun. \u201eUnsere Holze sind alle durch Verarbeitungsprozesse gelaufen\u201c, sagt Tom Kaden, um den technischen Anforderungen gerecht zu werden.<\/p>\n<p>Das Material mit den vielen Verbindungen<br \/>\nHolz und Stahl, Holz und Glas, Holz und Beton \u2013 der Baustoff Holz kann viele Verbindungen eingehen. An der TU Berlin forscht Volker Schmid, 54, Professor f\u00fcr Bauingenieurwesen, speziell zu Verbundstrukturen. Auch Schmid, eine schlanke elegante Erscheinung in anthrazitfarbenem Anzug, ist ein Holzfan, kein Holzideologe. Er hat lange bei internationalen Projekten als Tragwerksplaner gearbeitet und die Praxis in die Forschung und Lehre getragen. \u201eGibt es was Sch\u00f6neres?\u201c An der Wand in seinem B\u00fcro der TU-Au\u00dfenstelle auf dem ehemaligen AEG-Werksgel\u00e4nde im Bezirk Wedding h\u00e4ngt die Zeichnung des Metropol Parasol in Sevilla, das er mit gebaut hat, eine riesige und dennoch elegant geschwungene, waben\u00e4hnliche Konstruktion, die den Platz \u00fcberspannt. Sechs explodierende Pilze aus Holz.<\/p>\n<p>Schmid wirkt wie elektrisiert von der Aufbruchstimmung in seiner Branche. \u201ePl\u00f6tzlich gehen Dinge, die vorher nicht gingen. Jetzt stecken wir nicht mehr M\u00f6bel, sondern H\u00e4user zusammen.\u201c Sogar Hochh\u00e4user. Er wirft den Beamer an und ruft den Vortrag auf, den er f\u00fcr die Nacht der Wissenschaften vorbereitet hat. Auch das Wiener HoHo ist unter den Hochhausentw\u00fcrfen vertreten. \u201eDie Formel 1 des Holzbaus\u201c, schw\u00e4rmt er. \u201eSehr wichtig f\u00fcr uns als Leuchtturmprojekt.\u201c<\/p>\n<p>Schmid kommt aufs Autorennen. Was in der Formel 1 gezeigt werde, k\u00f6nne dann in der normalen Wagenklasse und Gr\u00f6\u00dfenordnung zum Einsatz kommen. Was im St\u00e4dtebau vier bis zehn Geschosse meint, und da ist Holz klar im Vorteil. Schneller, leiser, umweltfreundlicher. Je h\u00f6her ein Haus, desto gr\u00f6\u00dfer der Gewinn f\u00fcr die Umwelt, rechnet Schmid vor. Holz speichert und absorbiert CO2, ist recycelbar.<\/p>\n<p>Im unteren Stockwerk des roten Backsteingeb\u00e4udes, von dem bekannten Industriedesigner Peter Behrens Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut, befindet sich die ehemalige Werkshalle von AEG, in der Turbinen hergestellt wurden. 24 Meter hoch, 180 Meter lang, hohe durchbrochene Glasfenster, in die Herbstsonne f\u00e4llt. \u201eWir sind sehr gl\u00fccklich \u00fcber diese Wissenschafts-Kathedrale\u201c, sagt Schmid. \u00dcberall stehen kleine und gr\u00f6\u00dfere Versuchsanlagen aus seinem Fachbereich.<\/p>\n<p>Derzeit t\u00fcfteln sie an einer besseren Verbindung von Holz und Beton. Die Holz-Beton-Verbund-Decken, wie sie im HoHo Wien und im Skaio Heilbronn zum Einsatz kommen, werden bisher entweder durch Schrauben oder gefr\u00e4ste Kerven, kleine ausbetonierte Verzahnungen im Holz, zusammengehalten. Das ist aufw\u00e4ndig. Die Baustoffe einfach nur aufeinander zu legen reicht nicht, erkl\u00e4rt der Bauingenieur, die Beton- und Holzlagen k\u00f6nnten sich gegeneinander verschieben. Schmid hebt einen Holzklotz hoch, der eine wei\u00dfe Klebmasse und darauf ein zerborstenes Betonst\u00fcck tr\u00e4gt. Die Versuchsanordnung: Kann man auf feuchten Klebstoff betonieren? Man kann. Schmid strahlt. Die Klebefuge habe gehalten, erkl\u00e4rt er, nur der Beton sei an unwesentlicher Stelle geborsten. Noch ist alles in der Forschung. Wenn es funktionieren sollte, dann k\u00f6nnen Holz-Beton-Verbund-Decken in Zukunft deutlich preiswerter sein.<\/p>\n<p>\u201eWir m\u00fcssen mit Holz genauso leistungsf\u00e4hig sein wie mit Beton\u201c, sagt Schmid. \u201eSonst w\u00fcrde man uns nicht ernst nehmen.\u201c Und es muss nicht immer das Holz von Fichten sein, das bisher im Hausbau eingesetzt wird. Weil reine Nadelw\u00e4lder \u00f6kologisch problematisch sind, entstehen wieder mehr Mischw\u00e4lder, w\u00e4chst damit auch der Buchenbestand. Buche, bisher nur im Innenausbau angewendet, weil sie schnell quillt und schwindet, liefert eine viel versprechende neue Werkstoffkombination: Buchenfurnierschichtholz, sogenannte Baubuche. Schmid zeigt ein K\u00e4stchen mit zwei schichtweise verleimten Holzst\u00fcckchen. Zum Anfassen sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Bei zwei Projekten hat er mit dem Architekturb\u00fcro Kaden + Lager zusammengearbeitet. Er und Tom Kaden haben \u00fcber ein Holzhochhaus am Alexanderplatz gesprochen, gemeinsam getr\u00e4umt. \u201eWir sind zun\u00e4chst bescheiden\u201c, sagt Schmid, \u201emehr als 120 Meter m\u00fcssen es nicht sein.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frische Laubbl\u00e4tter rascheln auf dem B\u00fcrgersteig, die Sonne zeigt sich herbstlich wohlgesonnen. Wei\u00df leuchtet die Fassade in der Christburger Stra\u00dfe 13, im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, die durch ihre riesigen Fenstervorspr\u00fcnge auff\u00e4llt. Ein Haus, das mit moderner Architektur besticht und sich zugleich nahtlos in das von Altbauten gepr\u00e4gte Stra\u00dfenbild einf\u00fcgt. 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